Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Seite 4 Allen anständigen Juden Triests, vor allem unseren dortigen Gesinnungsgenossen sei mitgeteilt, wie die entarteten jüdischen Renegaten von der Redaktion des „Piccolo“ in den Spalten dieses Blattes ihre Stammesgenossen beschmutzen. Bei Besprechung der Triester sanitären Uebelstände werden die „schmutzigen Zedernjuden“ erwähnt, die „Zedern und . . . andere Dinge in der Welt herumtragen“. Ein Freund unseres Blattes sendet uns einen Ausschnitt aus dem „Grazer Tagblatt“, aus welchem hervorgeht, daß selbst dieses antisemitische Organ über die Niedertracht der Mansche! vom „Piccolo“, die ihre eigenen Landsleute verleumden, verwundert ist. Der „Piccolo“ hat die Oeffentlichkeit gegen die Juden aufgehetzt. Sache aller anständigen Juden Triests ist es nun, gegen ihn Stellung zu nehmen, in öffentlicher Versammlung sein Vorgehen zu brandmarken und der verehrlichen Redaktion dieses Assimilantenblattes an den Leib zu rücken. Aber energisch und mit den Fäusten, sonst nützt es nichts! Parteinachrichten. Zionistischer Kreistag in Ungarisch- Hradisch. Lieber Einladung des Kreisobmannes Gg. Dr. Reach in Gaya traten über 20 Gg., Bürger, Studenten und Handelsangestellten, der südmährischen Ortsgruppen Mittwoch den 31. August zusammen. Das westösterreichische Zentralkomitee war durch Gg. Dr. Emil Stein vertreten, das inähr.-schles. D.-K. hatte zu dieser Tagung seinen Vizepräsidenten Gg. G. Finzi aus Troppau entsendet. Unter dem Vorsitze des Kreisobmannes wurden sowohl die dringenden Fragen, wie Schekel- und Parteisteuersammlung beraten, als auch die Fortsetzung der Organisation der Judenschaff dieses Kreises beschlossen. Mit Genugtuung wurde das Unternehmen der „Achiwah“ zur Kenntnis genommen, ' in vier Hauptorten dieses Kreises je einen Zyklus von drei Vorträgen abzuhalten. Es wurde konstatiert, daß die Zionisierung der Judenschaft dieses Kreises in stetem Fortschritt begriffen sei und daß zwischen den einzelnen Organisationen, insbesondere den studentischen und dem Vorgesetzten D.-K. das beste Einvernehmen herrsche. Aus einer kurzen Diskussion, in der die Notwendigkeit der straffen Organisation, der Verbreitung der zionistischen Presse, insbesondere der Monatsschrift „Palästina“ und der Sammlungen für den Genossenschaftsfonds besprochen wurde, konnte man die Bereitwilligkeit der erschienenen Vertreter zur Inangriffnahme dieser Arbeiten ersehen. Um 4 Uhr nachmittags wurde diese wichtige Tagung vom Kreisobmanne Dr. Reach mit der Bemerkung geschlossen, der würdige Verlauf dieses ersten Kreistages ermutige ihn, solche Tagungen zu einer ständigen Institution dieses Kreises zu machen. Zum internationalen sozialdemokratischen Kongreß. Das jüdische Volk hat bereits 7Ü0 Jahre früher als Solon in Athen und 1Ü0 Jahre früher als Licinius in Rom sozialistischen Grundsätzen gehuldigt. Um so mehr muß es in der Gegenwart, wo sein größter Teil der nichtbesitzenden Klasse angehöit, und ferner die Judenfrage, soweit sie wirtschaftlicher Natur ist, mit dem sozialen Problem organisch zusammenhängt, die Entwicklung der modernen sozialistischen Bewegung aufmerksam verfolgen. Insbesondere der letzte internationale Kongreß der marxistischen Sozialdemokratie in Kopenhagen verdient darum eine besondere Würdigung, speziell von Seite der österreichischen Juden, weil eine intern-österreichische Angelegenheit, der G ewerkschaftskonflikt zwischen den deutschen und tschechischen Sozialdemokraten einen wesentlichen Bestandteil seiner Verhandlungen bildete. Mag man nun über die Zweckmäßigkeit eigener tschechischer Gewerkschaften welcher Meinung immer sein, so muß man zugestehen, daß der diesbezügliche Konflikt nur ein Symptom unter vielen ist, wie wenig Klarheit und Einheit im Punkte JÜDISCHE ZEITUNG. Nationalitätenfrage und in der österreichischen Sozialdemokratie besteht. Ein Beweis dafür ist ja auch die Mandatsniederlegung des italienischen sozialdemokratischen Abgeordneten A v a n c i n i, der diese damit begründete, daß innerhalb der südtirolisch-italienischen Gewerkschaftsbewegung also innerhalb seiner Wählerschaft nationalistische sowie anarchistische Strömungen zu Tage treten. Die tschechischen Seperatisten sind also keineswegs eine vollständig vereinzelte Erscheinung innerhalb der Internationale. Ihre Niederlage beim Kongresse soll vielmehr ein Memento bilden für alle die verschiedenen nationalen Unte: Strömungen in der sozialdemokratischen Bewegung, die bei den einzelnen Volksstämmen mehr oder minder stark zu Tage treten. Charakteristisch aber ist es, daß trotz eingehender Beschäftigung mit dem Nationalitätenproblem, der Kopenhagener Kongreß gerade über die Judenfrage zur Tagesordnung überging und die oft erhobene Forderung nach einer jüdischen Sektion auch diesmal nicht einmal einer Erörterung würdigte. Allein man darf sich über diese traurige Tatsache keineswegs wundern, sie findet ihre einfache Erklärung darin, daß einerseits ein ansehnlicher Bruchteil der jüdischen Proletarier assimilatorischen Tendenzen huldigt und daß anderseits in den Reihen der volkstreuen jüdischen Sozialisten nichts weniger als Einigkeit herrscht. Nur dann, wenn das Einigungswerk innerhalb des jüdischen Proletariates mit Beseitigung der ihm entgegenstehenden Hindernisse vollbracht sein wird und nach dem tschechischen Muster eine starke jüdisch-proletarische Organisation ersteht, werden ihre Forderungen bei der „lnternationale“Gehörfinden. Allerdings kann dies erst dann der Fall sein, bis die Revisionsbestrebungen innerhalb des Sozialismus ' die mit Bernstein begonnen haben, aber bei ihm nicht enden — den orthodoxen Marxismus, für dessen Anhänger die Judenfrage nur eine ökonomische ist, überwunden haben werden. Der jüdische Proletarier, der nicht nur einer unterdrückten Klasse, sondern auch einer unterdrückten Nation angehört, muß wie jeder andere Proletarier das Recht haben, seine soziale Lage durch eine soziale Betätigung zu verbessern, u nbeschädigt seiner nationalen Individualität. Verus. Der Poale Zion und der Sozialistenkongreß. In der letzten Nummer brachten wir die Nachricht, daß der Kopenhagener internationale Sozialistenkongreß über einen Antrag der Poale Zion auf Anerkennung einer selbständigen jüdischen Sektion und Zulassung zum Kongreß zur Tagesordnung übergegangen sei. Nun wird uns von poale-zionistischer Seite mitgeteilt, daß diese Nachricht unrichtig ist. Die Poale Zion haben einen solchen Antrag zum Kopenhagener Kongreß nicht eingebracht. In einem an den Kongreß gerichteten Begrüßungsschreiben haben sie die Gründe dieses Verhaltens angegeben. Da neben den Poale Zion noch zwei selbständige jüdisch-nationale Arbeiterorganisationen, die „Sozialisten-Territorialisten“ und die „Schejmisten“ bestehen, sollte vermieden werden, daß jede dieser Organisationen einen eigenen Antrag auf Anerkennung einbringe. Es wurden Verhandlungen zu einem gemeinsamen .Vorgehen angebahnt. Diese konnten jedoch nicht rechtzeitig zum Abschlüsse gebracht werden. Es wurde daher diesmal von der Einbringung des Antrages abgesehen. Mitbestimmend war auch der Umstand, daß weder die jüdischen, noch auch die andersnationalen Arbeiter über die Berechtigung dieser Forderung genügend aufgeklärt waren. Dies solle nun bis zum nächsten Sozialistenkongresse geschehen. Aus dem jüdischen Leben. Eine Brüskierung des Botschafters Strauß durch die russische' Regierung. Die russischen Amtsblätter enthalten folgende Bekanntmachung: „Dem amerikanischen Botschafter in Konstantinopel Oskar Strauß ist samt seiner Familie die Erlaubnis zum Besuche Petersburgs erteilt worden. Der Minister des Innern.“ Botschafter Strauß ist bekanntlich Jude und wollte, um die Frage der russischen Juden an Ort und Stelle zu studieren, den Ansiedlungsrayon besuchen. Diese Reise, die den Tschinowniks unangenehm werden konnte, will die russische Regierung vereiteln und sie erteilt dem Botschafter nur die Erlaubnis zum Besuche der Hauptstadt. Sie verbindet damit eine Beleidigung des diplomatischen Repräsentanten der Vereinigten Staaten, indem sie für die Reisebewilligung eine Form wählt, die im internationalen Verkehr zumindest ungebräuchlich ist. Denn die Aufenthaltsbewilligungen für Ausländer werden gewöhnlich nicht veröffentlicht. Die Publizierung der Verordnung in einem amtlichen Blatte stellt sich als eine Anprangerung des jüdischen Diplomaten dar und gibt ihn zugleich peinlichen Zwischenfällen preis. Wenn zum Beispiel Botschafter Strauß auch eine andere russi- Stadt besuchen wollte, so hätte jeder Gorodowi das Recht, ihn nach seinem Paß zu fragen. Man kann neugierig sein, was die Washingtoner Regierung zu dieser Brüskierung eines ihrer höchsten Beamten sagen wird. Tolstoi über' den Zionismus.' Aus Jekaterinoslaw wird der „N. J. K.“ berichtet: Einer der hiesigen Zionisten wandte sich an den Grafen Leo Tolstoi mit einem Schreiben, in welchem es unter anderem heißt:' „Ich bin Jude. Als solcher helfe ich die Last des zweitausendjährigen Goluth, die das jüdische Volk erdrückt, auf meinen Schultern mittragen. Sie kennen doch die unsäglichen Leiden dieses Volkes, die himmelschreiende Ungerechtigkeit seiner Lage, die es der elementarsten Menschenrechte beraubt. — Soll nun das jüdische Volk, das ganz unterzugehen droht, noch unendlich lange warten, bis die Wirtsvölker zur Einsicht gelangen werden? Findet der Zionismus als ein Bestreben, die Judenfrage auf friedlichem Wege sowohl für die Juden, wie auch für die Wirtsvölker zu lösen, Ihre Anerkennung?“ Dieses Schreiben wuide im Aufträge des Grafen Tolstoi durch folgenden Brief vonBulgakow beantwortet: „Sehr geehrter Herr! Lew Nikolajewitsch Tolstoj beauftragt mich, Ihnen in Beantwortung Ihres Schreibens .mitzuteilen, daß er mit der zionistischen Bewegung unter den Juden aus voller Seele sympathisiere.“ Die unwandelbare Treue Rumäniens. Das Pariser Blatt „Le Matin“ veröffentlicht in einer seiner letzten Nummern einen Artikel über Rumänien, der wörtlich wie folgt schließt: „Die friedliche Politik Rumäniens, die steigende Blüte seiner Industrie, die ausgezeichnete Leitung seiner Finanzverwaltung, seine unwandelbare Treue in der Einhaltung der eingegangenen Verpflichtungen, all dies stellt für uns und für alle übrigen Völker Europas Bürgschaften der Achtung und des Vertrauens diesen Lateinern gegenüber dar . . .“ Also auch das „große französische Weltblatt“ wagt es nicht; die ungeschminkte Wahrheit über Rumänien zu sagen und den rosigen Nebel von Reklame und Schönfärberei, der das wahre Bild des korrupten Bojarenstaates verhüllt, zu verscheuchen. Oder weiß der „Matin“ nicht, daß die rumänischen Machthaber die Bedingung, an welche der Berliner Kongreß die Unabhängigkeit Rumäniens knüpfte, bis heute noch nicht erfüllt haben? Weiß in der Redaktion des „Matin“ wirklich niemand was davon, daß die Behandlung der Juden in Rumänien — trotz der eingegangenen Verpflichtung im Berliner Vertrag — nichts als eine schamlose Verletzung von Recht und Menschlichkeit bedeutet? Kennt der „Matin“ nicht die „Rechtszustände“ in diesem „Kulturstaat“ an der unteren Donau, wo auf „gesetzlichem“ Wege tausend und tausend Eingeborene wegen ihrer Konfession ihrer Menschenrechte beraubt und durch eine Fiktion zu „Fremden" gestempelt werden!? Die lobhudelnde Schönfärberei sollte doch die Wahrheit nicht gar so frech ins Gesicht schlagen! Palästinanachrichten. Die Entwicklung von Haifa. Der längst projektierte Hafenbau von Haifa soll endlich Tatsache werden. Bekanntlich leidet die Küste des südlichen Teiles von Syrien an ihrem Mangel an Häfen. Dieser ganze Küstenstrich ist nämlich flach und sandig, so daß Schiffe einige Kilometer von der Küste entfernt ankern und Passagiere und Güter auf kleinen Leichterschiffen aus-