Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 JÜDISCHE. ZEITUNG. Seite 3 Jahreskonferenz gewählt werden sollten, und ich hörte, daß man im Westen auch mich in diesen Ausschuß kandidierte, habe ich der Konferenz brieflich erklärt, daß ich in diesen Ausschuß nicht eintreten könne. Wie Sie wissen, ist dieser Vorschlag nicht akzeptiert worden, sondern man hat einen „Beirat“ gewählt, der dazu berufen sein sollte, dem EAC. durch seinen Rat in wichtigeren, allgemein-zionistischen Angelegenheiten zur Seite zu stehen. Selbstverständlich wäre die Hinzuziehung dieses Beirates und die Beachtung seiner Ratschläge gänzlich in das Belieben des EAC. gestellt. Inwieweit dieses davon Gebrauch gemacht hätte, kann ich nicht sagen; ich habe es jedesfalls als meine Pflicht betrachtet, dem EAC. mein Einverständnis mitzuteilen, ihm mit Rat und Tat zur Verfügung zu stehen Die anderen zwei Mitglieder haben aber die Wahl abgelehnt und deshalb ist der Beirat ein totgeborenes Kind, nach dem man kein Kadisch sagen muß. — Wie ist es jetzt mit den Schwierigkeiten bestellt, die man der zionistischen Arbeit in Rußland bereitet? — In Rußland war unsere Arbeit niemals auf Rosen gebettet, vielleicht mit Ausnahme der ersten Jahre. Vorübergehend verschlechtert sich die Lage, aber das hält nie sehr lange an. Eine solche Verschärfung trat z. B. unter Plehwe ein. Sein Verdacht gegen unsere Arbeit war, wie sie wissen, einer der Gründe der Reise Herzls nach Petersburg. Nach Plehwe konnten wir wieder ganz ruhig arbeiten. Neuerdings, vielleicht im Zusammenhänge mit der allgemeinen Politik im Lande, machen wir wieder eine Verschärfungsperiode durch. Aus den Unterredungen, die Herr Wolfsohn und nach ihm ich selbst mit den leitenden Personen, hatte, haben wir aber den Schluß gezogen, daß man die rein zionistische Arbeit vollkommen toleriert. Zeitweise taucht aber der absurde Verdacht auf, daß unter der Flagge des Zionismus andere Zwecke verfolgt werden. — Leidet die zionistische Arbeit darunter nicht sehr schwer? — Durchaus nicht. Die Arbeit wird nicht unmöglich gemacht. Wer von der Idee durchdrungen ist und guten Wiilen hat, findet schon seinen Weg, wenn es auch manchmal schwer hält. Die Tätigkeit unserer Zentrale in Wilna und meine Arbeit für den Nationalfonds beweisen Ihnen, daß die Schwierigkeiten nicht zu groß sind und daß wir uns den gegebenen Verhältnissen anzupassen vers eh n. Allerdings muß ich sagen, daß ich mich eines gewissen Neides nicht erwehren konnte, als ich die Einrichtungen Ihres hiesigen Nationalfondsbureaus besichtigt habe. Dennoch erzielen wir, wie Sie wissen, angesichts der schwierigen Verhältnisse keine schlechten Ergebnisse. Damit war die interessante Unterredung zu Ende. Aus dem deutsch-jüdischen Blätterwalde. Jüngst hielt bekanntlich der deutsche Kronprinz in der Aula der Königsberger Universität eine Rede, in der er ein deutschnationales Bekenntnis ablegte. Er sagte: „Weisen sie uns die Wege - (die Rede richtete sich an die Universitätsprofessoren) — auf denen unser deutsches Volk wandeln soll, um die Stellung unter den Völkern einnehmen zu können, die ihm, seinen geistigen und physischen Kräften entsprechend, zu Recht zukommt! Dabei ist uns nicht allein gedient, die Schwächen und Mängel unseres Landes zu kennen, denn diese Erkenntnis führt leicht zu Verdrossenheit und unfruchtbarer Kritik. Vielmehr sehnen wir uns nach Betonung unseres deutsch-nationalen Volkstums im Gegensatz zu den internationalisierenden Bestrebungen, welche unsere gesunde völkische Eigenart zu verwischen drohen.“ Eine Woche später sagte Kaiser Wilhelm II. in Marienburg, daß Deutschtum und Christentum untrennbar von einander seien, was aber nicht hindere, daß die Konfessionen und Stämme in Liebe zusammen halten. Diese klare Ausdrucksweise von Vater und Sohn ist unseren reichsdeutschen Juden, die bekanntlich zum großen Teile urdeutsch bis in die Knochen sind, und sich nicht entblöden, an der Unterdrückung der reichsdeutschen Polen offiziell zu partizipieren (wir erinnern an die Beschlüsse des Breslauer Judentages, mit denen wir uns seinerzeit näher beschäftigt haben), stark in die Nase gestiegen und es ist ergötzlich, wie die einzelnen „israelitischen“ Organe zu diesen allerhöchsten Meinungsäußerungen Stellung nehmen. Das Kölner „Israelitische Gemeindeblatt“ legt in einen langen Leitartikel dar, daß der Kronprinz unmöglich rassenrein-deutschnational gesinnt sein könne, denn er lasse sich gerne von dem jüdischen Theatermanne Reinhardt amüsieren. Und wenn er auch mit Vorliebe in dem judenreinen „Verein deutscher Studenten“ verkehrt habe, so dürfe man daraus keine falschen Schlüsse ziehen, denn der weise Leitartikler habe in einer Broschüre, die sich mit dem Kronprinzen beschäftigt, gelesen: „Wer aus diesen Besuchen schließt, der Tronfolger sei Antisemit, begeht eine Torheit“. Der Berliner „Generalanzeiger für die gesamten Interessen des Judentums“ ist wieder durch die christlich-deutsche Identitätsrede des Kaisers verletzt und fühlt sich, trotzdem doch in dieser Rede auch der anderen „Konfessionen und Stämme“ gedacht wird, nachzuweisen bemüssigt, daß auch die anderen Konfessionen - natürlich auch die reichsdeutschen Juden — waschechte Nationaldeutsche sind, was doch für „die gesamten Interessen des Judentums“ von höchster Bedeutung ist. Ganz köstlich ist auch das Hamburger „Israe- 1 i t i s c h e F a m i 1 i e n b 1 a 11“. Es ist überzeugt davon, daß der Kronprinz mit seiner Universitätsrede nicht mehr meinte, als „die Pflege deutscher Kultur“, die ja Aufgabe jedes guten Deutschen und natürlich auch des „Israelitischen Gemeindeblattes“ ist. So gehts, wenn man sich in die deutsche Gemeinbürgschaft hineinschmuggeln will. Stünde man auf dem einzig natürlichen bewußtjüdischen Standpunkt, dann wäre es nicht nötig, in den Reden des Kaisers und des Kronprinzen Antisemitismus zu wittern. Von der Woche. Die Enquete. Interessante Aufklärungen, wie sich die polnischkonservativen Politiker, die im galizischen Landtag vorherrschen, zur Enquete verhalten, liefert ein Artikel in der „Gazetä Narodowa“, dem Organe der podolischen Stanczyken. Darin heißt es, daß die Enquete nur zwei Ziele haben könne, entweder die Gewinnung der jüdischen Wählermassen oder die Gewinnung der christlichen Wähler für antisemitische Schlagworte. Dies um so mehr, als in der nächsten Zeit infolge der Gerüchte über eine Auflösung des Parlaments Neuwahlen notwendig sind. Weiters wird mitgeteilt, daß der Fragebogen des Landesausschusses nicht von der Voraussetzung ausgehe, daß eine Judennot tatsächlich existiere. Das müsse erst durch statistische Zahlen erwiesen werden. Schließlich wird der Meinung Ausdruck gegeben, daß der Zeitpunkt der Abhaltung der Enquete unglücklich gewählt sei, da eine mündliche Behandlung dieserFrage vor den Re ich sratswahlen nicht zweckdienlich erscheine. Es wäre daher recht, wenn der Landesausschuß die mündliche Enquete in eine schriftliche verwandeln und ihren Termin um ein halbes Jahr verschieben würde. Also drei Sachen hätte man erfahren: die Enquete ist eine parteipolitische Komödie, die jüdischen Wähler zu kapern; den Polen sind die Juden noch nicht genug verarmt und notleidend; eine öffentliche Behandlung dieses Schandmales der polnischen Wirtschaft ist den Herren nicht angenehm. Nun Ihr Herren Assimilanten jüdisch-polnischer Couleur, was sagt Ihr dazu? Die Schänkerkonzessionen. Aus Galizien kommen trübe Nachrichten. Die Schänkerkonzessionen werden trotz Zusagen der „maßgebenden Faktoren“, trotz der Enquete, die bekanntlich in Angelegenheit der Judennot veranstaltet wird, in widerrechtlicher Weise den seit Jahren im Schankberuf tätigen Juden entzogen und an christliche Bauern, Gutsbesitzer etc. verliehen. Die polnische Volkspartei hat in Westgalizien für viele ihrer Angehörigen Konzessionen erworben, ln vielen Dörfern und Städtchen wurden jüdische Petenten vollkommen übergangen. Die Volkspartei rühmt sich in ihren Organen ihrer Erfolge. „Bald“, heißt es in diesen Blättern, „werden die Juden vollständig aus den Dörfern verschwinden“. In Ostgalizien ist es nicht besser. Abgesehen davon, daß die Zahl der verliehenen Konzessionen stark reduziert wurde, wurden die Juden in entsetzlicher Weise übergangen. Aus einer Ortschaft, in welcher bis jetzt achtzehn jüdische Schänker lebten, wird uns berichtet, daß dort jetzt nur an sechs Petenten Konzessionen verliehen wurden. Unter den sechs Glücklichen ist nur ein einziger Jude. Die übrigen fünf sind Bauern, die niedenSchänkerberufausgeübthaben. Somit sind in dieser Ortschaft siebzehn jüdische Familien brotlos geworden. Und angesichts dieser empörenden antisemitischen Praxis gibt es Leute, die der am 19. d. stattfindenden Enquete Vertrauen entgegenbringen! Das ist mehr als naiv, das ist geradezu hirnverbrannt. * Rabbiner Dr. Elieser Dawid gestorben. Am 1. September starb in Wien an Gehirnblutung plötzlich der Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde und Inspektor des jüdischen Religionsunterrichtes Dr. Elieser Dawid im Alter von 53 Jahren. Der Verstorbene kam aus Deutschland nach Wien und brachte in die österreichische Metropole große Abneigung gegen das östliche Judentum mit. Allen ist noch der Skandal im Gedächnis. der durch eine Predigt des Rabbiners Dawid gegen die „Polnischen“ hervorgerufen wurde. Seit jener Zeit enthielt sich Rabbiner-Dawid jeder abfälligen Aeusserung über die östlichen Juden. Er scheint sich im Laufe der Jahre mit den bösen „Oestlern“ und ihrer nationalen Färbung abgefunden zu haben. — Sonst war der Verstorbene auf seinem Gebiete allgemein geschätzt. Es sei nicht unerwähnt, daß er anläßlich der von den Zionisten veranstalteten Herzlfeier Predigten hielt, in denen er dem Zionismus und dem toten Führer gerecht wurde. * * * Harden und seine Schützlinge. Die Affäre des Bibliothekars der Berliner jüdischen Kultusgemeinde, des Dr. Jakob Fromer, ist noch in aller Erinnerung. Der Herr Bibliothekar riet nämlich den Juden an, daß es am besten wäre, wenn sie sich taufen ließen und wurde deswegen entlassen. Er machte hierauf in Wissenschaft und schrieb ein Buch über die Organisation des Judentums, kündigte die Herausgabe einer Talmudübersetzung und -erklärung an, veröffentlichte sogar den Anfang dieses Werkes und geberdete sich als einer der „alles weiß und objektiv ist“. Fachgelehrte von Ruf wiesen nun nach, daß der famose Herr Fromer ein großer Ignorant vor Gott dem Herrn sei. Dieses Urteil blieb unwidersprochen. Dr. Fromer, welcher schon seinen ersten Artikel, der ihm den Posten bei der Gemeinde kostete, in Hardens „Zukunft“ veröffentlichte, wendet sich in der letzten Nummer der „Zukunft“ in einem Artikel „Moderne Fehme“ gegen seine Kritiker und gegen die Berliner Gemeinde, die er bezichtigt, daß sie ihn darum verfolgen, weil er angeblich getauft sei. In scharfen Ausfällen beklagt er sich über den Fanatismus und die Fehme, deren unschuldiges Opfer er darstelle. Charakteristisch ist, daß Harden dem sauberen Herrn Fromer, dessen Ignoranz nur seiner Arroganz vergleichbar ist, Unterstützung gewährt Sie halten eben zusammen: der Täufling und der Verleumder des Judentums. Nach außen aber heißt es, daß sie ohne Rücksicht auf Abstammung und Glauben objektiv sind. * * * Ein unerhörter Fall. Der in Triest erscheinende „Piccolo“ ist bekanntlich ein von eingewanderten Galizianem geschriebenes und von Juden erhaltenes Organ.