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Jüdische Zeitung · 1910-09-09 · 36 (9.9.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 36 Gg. Robert Stricker hat in der Berliner zionistischen Zeitschrift „Die jüdischeRundschau“, einen Aufsatz veröffentlicht, in welchem die Juden vor der Beteiligung an der Rosegger-Stiftung gewarnt werden. Diesen Artikel hat der Herausgeber der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“. Herr Professor Geiger, an den Dichter P. K. Rosegger mit der Bitte um eine Gegenäußerung gesandt und darauf folgende Antwort erhalten: „Der Deutsche Schulverein in Oesterreich gehört als solcher keiner Partei an. Seine Aufgabe ist die Erhaltung der deutschen Sprache und Gesittung im Vaterlande, und jeder, der da mittun will, ist willkommen. Daß es in einem so großen Verein Leute aller politischen und sozialen Parteien gibt, ist ja natürlich, und wenn Klerikale, Sozialdemokraten, Antisemiten in dem Verein Plati haben, so gehört auch der Jude hinein, der deutsch gesinnt ist. An diese Gesinnung wenden wir uns vor allem. Ist sie echt, dann kommt der Geldsack gerne hei vor. Inwiefern die Angriffe des Herrn Stricker sich auf mich beziehen, genügt zur Antwort die Notiz in „Heimgärtners Tagebuch“, die ich im Aprilheft 1910 des „Heimgartens“ auf S. 536 veröffentlicht habe: In einer unserer Schutzvereins-Ortsgruppen — nicht des Deutschen Schulvereines — wollte man ein Mitglied ausschließen. Es war zwar ein geachteter Mann, gegen den nichts S.hlimmes vorlag, der ja seit vielen Jahren Mitglied des Vereines gewesen und denselben vielfach unterstützt hatte. Aber es war jetzt ausgekommen, daß er — Jude ist. In dieser Angelegenheit uni meine Meinung befragt, konnte ich nur folgendes antworten: Nach meiner Meinung entscheidet auch in der sittlichen Auffassung des Nationalen die Gesinnung und nicht die Rasse. Ein geborener Jude oder Slave, der für deutsche Art und Sitte fühlt und wirkt, ist ein besserer Deutscher als ein geborener Germane, der bei jedem kleinen nationalen Opfer, das von ihm verlangt wird, hinter die Büsche kriecht. - Im übrigen, wer ist bei der Völkermenge unserer Länder seines Blutes ganz sicher? Das, was wir meinen und wollen, liegt vor allem im Leben mit seiner Gesittung und Treue, in der deutschen Sprache mit ihrer Literatur. Jeder, der diese Güter hat und mit uns leben will, soll willkommen sein. Ich denke, geehrter Herr, daß das Ihrer freundlichen Anfrage genügt und bin Ihr hochachtungsvoll ergebener Peter Rosegger.“ Ein Gespräch mit Doktor Tschlenow. (Die Lage im Zionismus.) Dr. E. W. Tschlenow aus Moskau, der bekannte russische Zionistenführer, hielt sich dieser Tage kurze Zeit in Wien auf. Dr. Tschlenow ist nun schon durch fast 30 Jahre zionistisch tätig, stand immer in der ersten Linie und hat in letzter Zeit seine besondere Aufmerksamkeit der Reorganisation des jüdischen Nationalfonds, dessen Direktor er ist, zugewendet. Es geczewski begegnen. Artur Schnitzler veröffentlicht sehr interessante Paralipomena zum „Weg ins Freie“ und Leon Kellner fängt in zehn fein geschliffenen Aphorismen den ganzen Gegensatz zwischen jüdischem Großväter- und Epigonentum auf. Auch David Roth bl ums Novelle „Sein letzter Traum“ und die parabolistischen Dichtungen von Bernard Tag („Ahasvers Rast und Unrast“) und M. Waldm a n n („Die drei Pappeln“) sind hervorzuheben. Sehr reich — vielleicht allzu reich — ist der Aimanach an Gedichten. Auch hier vollwertige Schöpfungen aus dem Osten. Ch. N. B i a 1 i k s „Die Toten der Wüste“ (von Ernst Müller aus dem Hebräischen vollendet übertragen) ist eine Dichtung von klassischer Kraft. Eine Perle ist S. Sdineirs Poem „Kirschen“. Wer hätte es gedacht, daß im russischen Ghetto so heitere Erotik blühen kann! Das Gedicht ist von Hugo Zuckermann aufs Anmutigste in deutscher Sprache nachgebildet Wie wir schon eingangs erwähnten, ist der Bilderschmuck des Werkes erlesen. Durchwegs künstlerisch gearbeitete Voliblätier. Neben Hirszenberg, Lilien, Struck und Liebermann finden wir Markowicz, Neumann, Slipjan und Epstein reproduziert. Möge dieses schlicht-vornehme Buch hinausziehen und überall künden, wie viel glutvolle Sehnsucht, welch schäumende Kraft und welches Maß von hingebungsvoller Liebe das alte Volk neu beleben und in eine lichte Zukunft tragen! Dr. O. A. lang ihm in kurzer Zeit, die Eingänge aus Rußland derart zu steigern, daß dieses Land trotz der Schwierigkeiten, welche der Sammeltätigkeit von den Behörden gemacht werden, bezüglich der Eingänge an der Spitze steht. Wie erinnerlich, war Dr. Tschlenow am Hamburger Kongreß eine hervorragende Rolle bei der Reorganisation der Leitung zugedacht und auch die Jahreskonferenz hatte ihm eine solche einräumen wollen. Dr. Tschlenow besichtigte in Wien eingehend alle zionistischen Einrichtungen und konferierte mit den Mitgliedern der einzelnen leitenden Komitees über alle schwebenden Fragen. Wir nahmen Gelegenheit, die Ansichten Dr. Tschlenows über die Lage im Zionismus, welchen gewiß eine große Bedeutung beizulegen ist, einzuholen. Nachstehend reproduzieren wir wortgetreu das mit ihm geführte Gespräch: — Herr Doktor konnten an der Jahreskonferenz nicht persönlich teilnehmen. Wie denken Sie über die Resultate derselben? — Das Ergebnis ist, in seiner moralischen Bedeutung, gewiß befriedigend. Die Forderungen der russischen Zionisten, die sogenannten „Petersburger Beschlüsse“, die in Hamburg nicht durchdringen konnten, sind in Berlin von der ganzen Organisation akzeptiert worden. Wir waren übrigens überzeugt, daß unsere Gegner von Hamburg die Notwendigkeit unserer Forderungen begreifen werden. Nur dachten wir, daß das noch längere Zeit dauern würde. Es macht der sogenannten „Majorität“ Ehre, daß ein halbes Jahr genügte, um sie von der Richtigkeit unserer Forderungen zu überzeugen. - Warum sprechen Herr Doktor bloß von einem „moralischen“ Erfolg? > — Wegen der Schwierigkeit unserer Situation. Gewöhnlich strebt jede Opposition danach, die ganze Macht zu übernehmen. Bei uns aber können die Hauptvertreter der Opposition weder die Leitung in ihr Land (Rußland oder Oesterreich) übernehmen, noch genügend viele Kräfte stellen, die nach Berlin übersiedeln könnten. Darin lag auch die Komplikation in Hamburg. Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir am Kongreß die Reform der Leitung hätten durchführen können, wenn wir genügend Kräfte gehabt hätten, die nach Berlin übersiedeln könnten. Wir konnten nur eine, allerdings sehr wichtige Kraft (Sokolow) liefern, alle übrigen hätten nicht übersiedeln, sondern nur von Zeit zu Zeit zu den Sitzungen kommen können. Darum waren wir auf die Mithilfe der deutschen Landsmannschaft angewiesen. Diese hat uns aber gesagt: Übernehmen Sie, wir machen nicht mit. — Wird aber die deutsche Landsmannschaft jetzt gewillt sein, mitzutun? — Das ist eben der praktische Gewinn der Berliner Konferenz. Nach dem Verlauf derselben werden sich die deutschen Zionisten nicht mehr weigern können, an der Reorganisation der Leitung mitzuwirken. Ich hoffe, sie werden es auch nicht wollen. Denn schließlich ist ihnen die Bewegung ebenso teuer, als uns! Und daß es in der bisherigen Weise nicht mehr geht, haben auch sie jetzt anerkannt. — ln Berlin war aber doch noch ein Widerstand zu fühlen, u. zw. in der Frage, ob der Präsident vom Kongreß oder vom engeren Aktionskomitee gewählt werden i soll. Wie verhält sich die Opposition zu dieser Frage? — In diesem Punkte können wir ebenso wenig nachgeben, wie in den andern. Man muß sich Folgendes klar machen: Es wird behauptet, daß das Hauptmotiv unserer Forderungen die Bekämpfung des „absolutistischen Regimes“ Sri. Dies ist nur teilweise richtig. Gewiß sind wir gegen ein: solches Regime, wir haben es sogar bei; Herzl bekämpft. Man vergißt aber dabei, daß es Niemanden von uns (von einigen, wenigen Ausnahmen abgesehen) eingefallen ' wäre, Herzl die Führerschaft zu bestreiten. Dies war nicht einmal beim Streit um Uganda der Fall. Er war der Focus, um welchen sich ganz naturgemäß alles konzentrierte, die Quelle der Initiative, Energie und Arbeit. Obwohl er kein „Präsident“, sondern bloß Vorsitzender des E. A. C., vom letzteren gewählt, war, haben ihn. seine Eigenschaften und Verdienste zum Führer gemacht. Selbstverständlich haben diejenigen, welche die Mitverantwortung trugen, auch ihre Meinung zur Geltung bringen wollen, aber jedem war es klar, daß in erster Reihe seine volle Kraft der Bewegung erhalten werden müsse, alles andere stand in zweiter Linie. Heute sind die Verhältnisse ganz andere. Wir haben in unseren Reihen keine Kraft, die von Natur aus über alle anderen hervorragen würde, die eine alleinführende Bedeutung besitzen könnte. Wir haben aber eine ganze Reihe guter, geschulter, arbeitsfreudiger Kräfte, die zusammen eine gute Leitung bilden könnten. Bei den jetzigen Verhältnissen, wo eine Person an die Spitze gestellt wird, wo sie sich mehr als alle anderen verantwortlich und befugt fühlt, leitet nur diese Person; alle anderen Kräfte liegen brach, werden nicht genutzt. Das ist eine so große Vergeudung, daß unsere Partei sich sie in keinem Falle gestatten kann, denn sie würde von keiner Person, auf die wir als Präsidenten rechnen könnten, durch übergroße Leistungen aufgewogen. Und diese anderen Kräfte werden, müssen unausgenutzt.bleiben, so lange es einen vom Kongreß gewählten Präsidenten oder „Führer“ geben wird. Das ist der Grund, warum wir das kollegiale Prinzip vertreten, welches das Leben selbst uns zu verteidigen zwingt. Dazu kommt noch ein zweites, wenn auch weniger wichtiges Moment. Auch in Zukunft, solange uns nicht ein Führer von Natur aus erwächst, ein Mann, „der mit seinen Schultern höher als alle steht“, müssen wir dafür sorgen, daß der Wechsel eines Obmannes des A. C. nicht einen „Sturz des Führers“ bedeute und nicht solche schädliche Reibereien und unnütze Kämpfe hervorrufe. Wen das E. A. C. zu seinem Obmann, zum primus inter pares wählt, ist für die Organisation und die Sache gar nicht so wichtig; das E. A. C. muß nur kollegial arbeiten, und ein solches kollegiales, produktiv arbeitendes Komitee können wir jetzt haben, wenn wir nur unsere guten Kräfte zur Geltung bringen. — Und glauben Sie, daß am Kongreß Ihre Forderung durchgehen wird? — Ich denke, ja. Auf der Jahreskonferenz hat sie eine große Majorität gehabt. Jedesfalls muß darüber Klarheit herrschen, daß im Falle der Kongreß wieder einen „Führer“ wählen und die anderen Kräfte lahmlegen sollte, diese letzteren, oder wenigstens ein Teil von ihnen, weder die Mitverantwortung neuerdings übernehmen, noch aber die Mitarbeit in den zentralen Körperschaften fortsetzen würden, da es ihre aus Erfahrung gewonnene Ueberzeugung ist, daß bei solchen Verhältnissen die Mitarbeit illusorisch wäre. — In Berlin ist doch ein „Beirat“ gewählt worden und, wie man sagt, sind Sie einer der Gewählten. Ist dieser Beirat zustande gekommen und welche Rolle ist ihm zugewiesen? — Die Namen der drei in Berlin Gewählten wurden nicht veröffentlicht. Ich glaube aber, daß ich kein Geheimnis verrate, wenn ich bestätige, daß ich einer der drei war. Ich habe diesem „Beirat“ keine große Bedeutung beigelegt. Denn wie ich schon früher erklärte, sehe ich die Möglichkeit produktiver Arbeit nur bei einem Kollegium gegeben, dessen Mitglieder auf gleiche Art gewählt, die gleich verantwortlich und gleich berechtigt sind. Als vor der Berliner Konferenz der Vorschlag auftauchte, einen Ausschuß des Großen AC. zu schaffen, dessen Mitglieder von der

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