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Jüdische Zeitung · 1910-09-09 · 36 (9.9.1910) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NFITIDNRL -JUDI5CHE5 Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnähme: IX., Liechtensteinstraue II, Telephon l2.2na. - bprecusiunueu wgiicn von 11-12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. - Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.-. Für Deutschland: GanzjÜhr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige *•**•»•»«• *«•*** *-**-» Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *****•»■!:-•*■*■**■).'■■*■** Nr. 36. Wien, Freitag den 9. September 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Offener Brief an Peter Rosegger. Die Lage im Zionismus. Harden und seine Schützlinge. Die Enquete. Die Schänke.rkonzessionen. Aus dem deutsch-jüdischen Blätterwalde. Aus dem jüdischen Leben. Vereinsnachrichten. Sport. Offener Brief an Herrn Peter Rosegger. ln einem Artikel, er wurde von der Berliner „Jüdischen Rundschau“ gebracht, habi ich die Juden Deutschlands davor gewarnt, die „Rosegger- Stiftung des österreichisch-deutschen Schulvereines“ zu unterstützen. Ich habe bezeichnende Vorkommnisse aus der jüngsten Vergangenheit des Schulvereines angeführt und nachgewiesen, daß diese Oiganisation heute von Antisemiten reaktionärsten Schlages geleitet wird und der Jude, welcher diesen Leuten hilfreich beispringt, seine ärgsten Hasser und Verächter stärkt, also unklug und unwürdig handelt. Diese Ausführungen haben, wie ich auch vorausgesehen habe, in den- Kreisen jüdischer Leisetreter unangenehmes Aufsehen erregt. Den „deutschen Staatsbürgern mosaischen Glaubens“ geht es eben immer stark an die Nerven, wenn ein „Jude“ aufbegehrt. Einer ihrer Führer, der Hofrat Geiger, hat Ihnen meinen Artikel vorgelegt. Sie, der große deutsche Dichter, sollten dem obskuren Juden schleunigst den frechen Mund stopfen. Sie sind ihm zu Willen gewesen, Sie haben ihm prompt einen Brief geliefert, den er nunmehr in allen „israelitischen“ und liberalen Blättern abdrucken läßt, als die „mannhafte Abwehr eines hinterlistigen Angriffes“. Ich habe in meinem Artikel Ihrer Person keine Erwähnung getan, aber Ihre Antwort zwingt mich, Ein wertvolles Buch.*) Um es gleich herauszusagen: Der jüdische Almanach, den die „Bar-Kochba“ herausgegeben hat, ist ein treffliches Buch, ein Werk, das man zu den Dokumenten der jüdischen Moderne zählen darf. Der stattliche Band erfreut vor allem durch die glänzende Ausstattung, an die man getrost den strengsten Maßstab anlegen kann. Die wunderschöne Einbanddecke, die der Bezalelschüler Jakob Stark gezeichnet hat,' die Auswahl, Ausführung und Anordnung der eingefügten Reproduktionen, der schlichte, vornehme Buchschmuck, das Arrangement des Satzspiegels stimmen prächtig zusammen und machen den feinsinnigen Editoren alle Ehre. Es ist unmöglich, dem gesamten Inhalt des Almanach, an welchem 77 Mitarbeiter beteiligt sind, in diesem Referate nur annähernd gerecht zu werden und so sei nur das Wertvollste kursorisch behandelt. Ein stimmungsvolles Blatt unseres so früh verblichenen Malers Hirszenberg (der edle Kopf eines jungen, sinnenden Rabbi) und eine bedeutsame Arbeit Martin B u b e r s „Der Jude und *) Jüdischer Almanach 5670, herausgegeben aus Anlaß des 25 semestrigen Jubiläums von der Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien Bar-Kochba in Wien. Wien, 1910, im Selbstverläge der Vereinigung, ln Kommission: „Jüdischer Verlag“, G. m. b. H., Köln a. Rh. das Wort an Sie zu richten. Sie, Herr Rosegger, haben gesprochen, wie ein aufrichtiger Mann nicht sprechen darf, geschweige denn ein großer stolzer Denker. Ihre Eiwiderung, dieser Schutzbrief für eine schlechte Gesellschaft und einen schlechten Zweck, geht den Tatsachen scheu aus dem Wege. Ich habe unter Anführung von Namen und Vorfällen jüngsten Datums die Behauptung aufgestellt, daß die Leitung des Deutschen Schulvereines, also auch die der „Rosegger-Stiftung“, unverhüllt antisemitisch ist. Die auch Ihnen so wohlbekannten Namen und Vorfälle scheinen Ihnen plötzlich entfallen zu sein und Sie finden für diesen gewiß sachlichen Teil meiner Ausführungen kein Wort der Kritik. Ich habe erzählt, daß die Leiter des Schulvereines im österreichischen Parlamente für die Austreibung der jüdischen Kinder aus österreichischen Schulen eingetreten sind. Ihnen, Herr Rosegger, scheint diese Episode gräßlich unbedeutend und langweilig, denn Sie würdigen Sie keiner Silbe. Ich habe erwähnt, daß die „freiheitlich“ sich nennenden Führer der Deutschen in Oesterreich, die mit den Leitern des Schulvereines identisch sind, für alle rückschrittlichen Maßnahmen rückhältslos eintreten und h'eü^>jeder-jreakiionäre Antrag, insbesondere wenn er gegen Juden gerichtet ist, im Parlamente eine geschlossene deutsche Majorität findet. Daß Sie darüber nicht zu sprechen belieben, erscheint nun schon selbstverständlich. Ich habe gefolgert: die Juden tun unklug daran, die Zwecke ihrer ärgsten Feinde zu fördern, für deutschnationale Schutz- und Trutzorganisationen Geld beizusteuern, sich im Dienste deutschnationaler Judenfresser-als Kanonenfutter im Kampfe gegen die nichtdeutschen Völker Oesterreichs mißbrauchen zu lassen. Das Vorgehen der Leiter des Schulvereines, die einerseits denjuden als ehrloses, schmutziges Subjekt werten und in rohester Weise bedrängen und anderseits mit dem Sammeibeutel freundlich grinsend, katzenbuckelnd über seine sein Werk“, ersetzen das Vorwort. Buber begründet! in seiner kostbaren Art das Problem des schöpferi- 1 sehen Juden aus dem Streben des Judentums nach der inneren Einheit. „Nach Einheit im einzelnen . Menschen. Nach Einheit zwischen den Teilen des Volkes, zwischen den Völkern, zwischen der Menschheit und allem Lebendigen. Nach Einheit zwischen Gott und der Welt.“ Dieser Aufsatz wird durch einen ausgezeichneten Essai Mathias Achers „Die Tragik des jüdischen Volkes“, in welchem unsere Tragik auf die „eigentümliche Oekonomie der Gegensätze“ innerhalb der jüdischen Einzelseele zurückgeführt wird, harmonisch ergänzt. An wissenschaftlichen Arbeiten enthält das Buch vor allem die grundlegende Abhandlung Pasmaniks über „DieJudenassimilation seit Mendelssohn.“ Pasmanik geht in seiner Untersuchung von dem Grundprinzip aus, daß die Assimilation eine Krankheit, nicht eine Schlechtigkeit des jüdischen Volkes sei und kommt zu dem Schlüsse, daß eine Bekämpfung dieser „normalen Abnormität vor allem und ausschließlich in der erzieherischen Arbeit durch die schöpferische Tat in Palästina“ liege. Sehr willkommen sind auch Maxim A n i n s erschöpfende Darlegungen über „den jüdischen Sozialismus und seine Strömungen“ und die Ausführungen Salomon Kaplanskys über die „Landarbeiterfrage in Palästina“. Mit dem Schöpfer des modernen Zionismus, mit T h e o d o r H e r z I, beschäftigt sich der Alma- Schwelle schleichen, ist verächtlich. Noch verächtlicher aber handelt der Jude, welcher diesem Gesellen nicht die Türe weist. Sie, Herr Rosegger, ziehen es vor, a 11 diese Behauptungen zu ignorieren, keiner meiner Folgerungen entgegen zu treten. Den nackten Tatsachen stellen sie lediglich eine verhüllte, gewundene Phrase von „Zwecken, welche Antisemiten, Sozialisten, Klerikale und Juden einigen“ gegenüber, konstruieren in der Eile eine Theorie, nach welcher jeder Tscheche, Jude und Chinese zum Deutschen wird, wenn es ihm gefällt und er für den Schulverein Geld gibt. Dafür aber wehren Sie Angriffe ab, die nie unternommen wurden. Diesen abgebrauchten Trick hätten Sie unfähigen Soldschreibern überlassen sollen. Sie sprechen von „Anwürfen des Herrn Stricker, die sich auf meine Person beziehen“ und wehren diese fingierten Anwürfe lang und breit ab. Ich konstatiere nochmals, daß in meinem Artikel auch nicht e i n Wort steht, das auf Ihre Person bezogen werden könnte! So „hinterlistig“ hat der obskure Jude angegriffen, so „mannhaft“ hat der große deutsche Dichter Rosegger abgewehrt! Ich habe nur noch zu bemerken: Wenn Sie, der große Dichter, dessen Werke durch und durch, freiheitlich sind, für Zwecke Ihres Volkes, sei es auch gemeinsam mit Finsterlingen, arbeiten wollen, so ist das Ihr gutes Recht. Ich habe darüber kein Wort verloren. Wenn Sie aber mit Ihrem guten großen Namen die verächtliche Sippe der Antisemiten, welche zum Juden betteln gehen und die Juden, welche sich dem Antisemiten anbiedern schützen, jadiesesunappetitlicheTreiben noch fördern, so kann und darf ich an Ihrem Tun Kritik üben. Dafür, daß diese Kritik für Sie nicht schmeichelhaft ausgefallen ist, sind Sie allein verantwortlich zu machen. Ing. Robert Stricker, Wien. ♦ * Zum Verständnisse des vorstehenden offenen Briefes sei folgendes hinzugefflgt: Unser Mitarbeiter nach wiederholt. Seine Jugendjahre und sein Wesen werden durch einen interessanten Brief Artur Schnitzlers an Herzl, der sehr häufig zitiert werden wird, ins helle Licht gerückt. Wer den Initiator des ersten Zionistenkongresses an der Arbeit sehen will, muß seine Briefe an Adolf Stand lesen. Der Aufsatz des jüdischen Denkers und Kulturzionisten Achad Haam, „Nach dem Tode Theodor Herzls“, den er unmittelbar nach dem Ableben des Führers schrieb, ist in deutscher Uebertragung dem Bande eingefügt. Eine tiefinnige und geistvolle Abhandlung. Schließlich spricht noch Edmund Wengrat in gewandten Versen von Herzl. Einige Zeilen, die sich auf sein zweifaches Wirken beziehen, seien hier zitiert: Hier Ironie und dort das schwere Pathos, Hier Raffinement, dort Arbeit und Gebet, Hier Spiele des Horaz, dort Ingrimm Catos, Hier Feuilletonist, dort König und Phrophet. Den weitesten Raum des Almanachs nimmt natürlich die Belletristik ein. Die ostjüdische moderne Kunst ist aufe Glücklichste vertreten. Unser J. L. P e r e z, der noch immer wächst, hat eine ausgezeichnete Novelle „Des Baßgeigers Sch’ma Isroel“ beigestellt, die wohl zu dem Besten gehört, was er je geschaffen hat. Die Beiträge von Schalom Asch, J. Eliaschoff, A. S. Rabin o w i t z und N. S o k o 1 o w sind durchaus bedeutend. Schade, daß wir nicht auch David Pinski, Abraham Reisen, S. Frag, Scholem Alechem und Berdy-

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