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Jüdische Zeitung · 1910-09-02 · 35 (2.9.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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dr, 35 Gegenwärtsakti'onen —= Anin zähltsie auf und nimmt; Stelliing; zu ihnen —' sind Palliative mit zweifelhaften Erfölgsmöglichkeiten. Insbesondere aber die idee der Fabrikation eines jüdischen Industrieproletariates aus den Cadres der „Luftmenschen* ist eine schädliche Utopie, die die jüdischen Volksmassen-von den währen historischen Ursachen ihrer Not ablenkt. ' Von der Woche. Russische Kultur. In der nächsten Zeit soll in Petersburg der V. internationale Rubinstein-Wettbewerb stattfinden. Zu dieser künstlerischen Veranstaltung, welche den Namen eines jüdischen Komponisten trägt, haben zahlreiche Pianisten und Komponisten, daruntej: auch einige Juden, ihre Beteiligung angemeldet. Die.-russische Regierung, für die jedwede wissenr schaftliche oder künstlerische Veranstaltung den Keim der Revolution in sich birgt, würde wahrscheinlich am liebsten die ganze Veranstaltung verbieten.. Da sie jedoch befürchtet, sich durch ein vollständiges Verbot dem Gelächter der ganzen Welt auszusetzen, beschränkt sie sich darauf, nur die Teilnahme jüdischer Komponisten und Pianisten an. dem Wettbewerb . zu verbieten. Dein Direktor der Veranstaltung ging nach einem Telegramm aus Petersburg vom Ministerium des Innern .der Bescheid zu. daß jüdischen Künstlern, die sich an dem..Wettbewerb zu beteiligen wünschen, der Aufenthalt in Petersburg nicht gestattet wird.. Diese Verfügung bezieht sich auch auf die russisch-jüdischen Künstler. Es ist für die russische Bureaukrätie jä auch viel leichter, ihren ffaß gegen die Juden zu betätigen, als wirksame Abw^hrmaßregeln gegen die furchtbaren Choleraverheerungen zu ergreifen. Zu welchen unsinnigen Maßnahmen sich die russische Regierung in ihrer blinden Wut gegen, die, Juden verleiten läßt, beleuchtet auch die Tatsache, daß auf einer unter Vorsitz des Professors Rein zum Schutze gegen die Cholera einberufenen Konferenz in Charkow erklärt wurde, daß ein . allgemeiner weitgehender Mangel an ärztlichem Personal vorhanden sei, der im wesentlichen darauf zurückzuführen ist, daß das Ministerium des Innern jüdischen Aerzten und Heilgehilfenden Sanitätsdienst im Choleragebiet nicht gestattet. * * * Ein allpolnischer Antisemit. Das Gejammer der Polen über ihre Unterdrückung in Preußen erfüllt die ganze Welt. Daß für neue, tadellose. Und nun kommt noch das Reisegeld hinzu. Die Bahn führt einem nicht umsonst. Diese Warschauer Ware und diese Warschauer Juden! Steins gesagt! Wer kann denn mit ihnen handeln. Von einem Lutwak*) würden sie die Haut herunterziehen. Als sie den Bahnhof erreichten, hörten sie schon das erste Läuten. Schnell lösten sie das Billet und eilten auf den Perron, denn das zweite Läuten ertönte! Jossel begann sich von seinem Freund zu verabschieden. Er dachte daran, wie gut und freundlich Simon zu ihm in dieser großen, fremden Stadt gewesen war. Eine Rührung überkam ihn und mit Tränen in den Augen rief er aus: „Sei gesund, Simon! Ich danke dir für die Aufnahme und für deine Freundlichkeit ... Es soll dir gut gehen und du sollst glücklich sein! Und Gott soll dir helfen, daß du diese Narrischkeiten**) aufgibst. Büchlech***) — das ist kein Geschäft! Gott soll dir einen besseren Beruf bescheeren!“ Schnell sprang er ins Kupee, denn es läutete zum dritten Male. Wie erstarrt blieb Siegmund Feiwels mit ausgestreckten Armen stehen. Er wollte Jossel festhalten, ihn fragen. „Narrischkeiten? Warum? Warum?“ murmelte er für sich und als der Zug davonfuhr, ging er verstimmt und traurig, mit gesenktem Kopf seiner Wohnung zu. *) Jude aus Litauen. **) Dummheiten. ***) Bücher. JÜDISCHE ZEITUNG. sie aber auch in Deutschland, wo sie sich selbst in der Lage eines unterdrückten -Volkes-befinden, Antisemiten sind, lehrt folgende Notiz aus dem Breslauer „Jüdischen Volksblatt“. - „Dem großpolnischen Reichs- und Landtagsabgeordneten Korfanty in Kattowitz scheint es an politischem Agitatioiisstoft zu mangeln, mit dem er die empörten polnischen Arbeiter über die Sünden seiner Partei hinwegtäuschen könnte. Und die Erbitterung unter ihnen wird zweifelsohne die Stimmenzahl der polnischen und deutschen Organisation der Sozialdemokratie beträchtlich erhöhen. So griff denn auch Herr Korfanty nach reaktionärem Muster zu dem bei ungebildeten, urteilslosen Massen recht wirkungsvollen Mittel des Antisemitismus; eine Probe hiervon hat man bereits in einem, gegen seinen sozialistischen Gegenkandidaten gerichteten Flugblatt kennen gelernt. Neuerdings begegnet er der bedrohlichen Konkurrenz der Sozialdemokratie u. a. in den Versammlungen speziell auch mit einem entsprechenden Hinweis auf die Vorkämpfer seiner Gegner: „Wer war denn der erste Hauptgründer? Der krätzige Jude Marx! Und der zweite Gründer? Der Judenjunge Ferdinand Lassale, ai wei, ai wei!“ Dabei erklärte dieser Pseudodemokrat noch kürzlich einem seiner zahlreichen jüdischen Interessenten, der ihn wegen des Antisemitismus interpellierte, daß die Juden seine besten persönlichen Freunde seien!“ Zur Tagesordnung übergegangen . . . Der internationale Kongreß der Sozialdemokratie ist über die Zuschrift der Arbeiterzionisten um Anerkennung als separate nationale Gruppe und um Zulassung zum Kongreß ohne Debatte zur Tagesordnung übergegangen. Dieses letzte Ergebnis der jahrelang währenden Bemühungen der Poale- Zion war vorauszusehen. Noch sind die Adler, Austerlitz, Diamant und Luxemburg zu mächtig, als daß man gegen ihr Machtwort die Anerkennung der jüdischen Nationalität durchsetzen könnte. Wenn auch diese Abweisung krasseste Ungerechtigkeit ist, was schiert das die rotgeschminkten Mauscheln? Sie schrecken auch vor Gewaltstreicheri nicht zurück, wenn es ihnen um den Platz am Futtertrog geht. Das ist kein objektives Recht und keine vorurteilslose Abschätzung von Gründen und Gegengründen gewesen, welche zur Tagesordnung übergehen hieß. Das war ein Gewaltstreich der sozialistischen Mauschel, welche nie davor zurückscheuten, die anderen, in dieser Frage neutralen Arbeitervertreter zu unbewußten Förderern ihrer Privatinteressen zu machen. So wird der jüdische Renegat zur Pestbeule, denn er beschmutzt mit seiner Unmoral die Gemeinschaft, in welche er sich unter falschem Decknamen eingeschmuggelt hat. Ein mannhaftes Wort. Der Einzug des Zaren Nikolaus in Friedberg, einem kleinen Städtchen Hessens, veranlaßte die „Frankfurter Zeitung“ zu folgenden Aeußerungen: „Der Zar ist der verantwortliche Träger des russischen Regierungssystems, das wir als eines der lasterhaftesten und verabscheuungswürdigsten nicht nur unserer Zeit, sondern aller Zeiten erkennen. Die Blutströme, die seit Jahren um der Freiheit willen im Reiche des Zaren fließen, haben jedes Zutrauen ausgelöscht, das ein Volk in die Leitung eines anderen Volkes setzen kann und es bleibt nur übrig ein tiefes und starkes Mitleid für geknechtete Brüder und die Hoffnung, daß auch ihnen bessere Tage kommen werden. Und ein Land, in dem der Gesandte der Vereinigten Staaten von Nordamerika, eines arbeitsamen und kulturfrohen Landes, weil er jüdischer Abkunft ist, einer besonderen Aufenthaltserlaubnis bedarf, kann nicht beanspruchen, von anderen Nationen, in denen barbarische Vorurteile längst gesetzlich beseitigt sind, als gleichwertig behandelt zu werden. Es ist deswegen einer westeuropäischen Nation unwürdig, einem Träger des russischen Regierungssystems die Honneurs der Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts zu erweisen. Es ist Sache der Geschichte, den persönlichen Anteil Nikolaus II. an der überaus traurigen Zeit seiner Regierung festzustellen. Für uns Zeitgenossen ist sein Name eine blutige Flamme, die wir auf weiten Leichenfeldern lasten sehen! belle 3 Die Staatskunst, oder was man'so nennt, läßt sich durch solche Urteile und Gefühle, die aus der Ethik geboren sind, nicht beeinflussen. Wir verstehen dies aus der geschichtlichen Entwicklung der Beziehungen zwischen den Völkern, die ehedem nur die Beziehungen zwischen Kabinetten und Dynastien waren. Diese alten Vorstellungen leben noch' in unsere Zeit hinein, wo die Völkersympathien nicht mehr aus den Berechnungen der Diplomatie völlig ausgeschaltet werden können. Die politischen Beziehungen des Deutschen Reiches zu Rußland stehen noch unter dem Einfluß der preußischen Tradition und des Verhältnisses der Hohenzollern zu den Romanows, das in den Zeiten der heiligen Allianz fast den Charakter preußischen Vasallentums getragen hatte. Diese Zeiten sind vorbei, und außer dem Bestreben, mit Rußland in den Formen eines friedlichen und ungestörten Handels und Wandels zu leben, liegt für den Deutschen und für Deutschland kein Grund vor, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen!“ Der Kongreß zionistischer Hochschüler in Sarajevo. (Spezialbericht der „Jüdischen Zeitung“.) Agram, 30. August 1910, Der IV. zionistische Kongreß der jüdischen Hochschüler und Abiturienten aus den südslavischen Ländern tagte am. 21. und 22. August in Sarajevo. Bekanntlich veranstaltete die ersten drei Kongresse der akademische Verein Bar Giora in Wien und zwar die ersten zwei in Osijek (Essek) und den dritten in Zemun (Semlin). Nach dem zweiten Kongresse wurde in Osijek der zionistische Bürgerverein Theodor Herzl gegründet, der bisher in den südslavischen Ländern eine rege Tätigkeit entfaltete; nach dem dritten wieder der akademische Verein- Judäa in Zagreb (Agram), der an der Veranstaltung dieses Kongresses bereits teilnahm. Das erste Mal gingen somit die Zionisten mit einer Agitation größeren Stiles unter die Sepharden der südslavischen Länder, obzwar dieser sehr fruchtbare Boden schon lange einer Bearbeitung bedürftig war. Das nationale Bewußtsein, das in den Herzen der Sepharden immer lebte, brauchte nur einen Weckruf, um zu erwachen. Der letzte Kongreß erfüllte diese Aufgabe vollkommen. Unter großer Beteiligung der jüdischen Studentenschaft und Bürgerschaft nahnt der Kongreß folgenden Verlauf. Sonntag den 21. eröffnete cand. med. Isak Isachar im Namen der veranstaltenden Vereine Bar Giora (Wien), Esperanza (Wien), Judäa (Zagreb), mit einer schwungvollen Rede unter großer Begeisterung der Anwesenden den Kongreß und begrüßte die erschienenen Vertreter der Vereine und die Gäste. Hierauf wurde folgendes Bureau gewählt: cand. med. David Albala (Bar Giora), Präses; cand. iur. Israel Baruch (Esperanza); cand. iur. Filif Bruck (Judäa) und Isak Samakovlija (Abiturient), Vizepräsidenten; cand. med. Vilim Schmuckler (Bar Giora), stud. iur. Aladar Pollak (Judäa), cand. iur. Samuel Atias (Esperanza). Schriftführer; cand. iur. Adolf Wiesler (Bar Giora), cand. iur. Felix Kohn (Judäa), cand. med. Nissim Testa (Esperanza), Beisitzer. Präsident David Albala dankte für die Wahl und schilderte in warm empfundenen Worten die Tätigkeit der bisher veranstalteten Kongresse. Hierauf sandte der Kongreß folgende Depeschen ab. Herrn David WoI fssoh n, Köln. Die am vierten zionistischen Hochschüler- und Abiturienten-Kongresse in Sarajevo Versammelten, sprechen ihr vollstes Vertrauen der Leitung der Weltorganisation in der Hoffnung aus, daß sie auch weiterhin am Ausbaue des zionistischen Ideals tatkräftig arbeiten wird und hegen den innigsten Wunsch nach baldiger Genesung des geliebten Führers. Herrn Reichsratsabgeordneten Strauch er C z e r n o w i t z. Die am vierten zionistischen Kongresse in Sarajevo versammelten Hochschüler und Abiturienten sprechen dem jüdisshen Reichsratsklub ihr innigstes Beileid anläßlich des allzufrühen Ablebens des tapferen Streiters und Kämpfers für die jüdische Sache, Dr. Heinrich Gabel, in der Ueberzeugung aus, daß der jüdische Klub auch fernerhin voll und ganz die an ihn gestellten Aufgaben erfüllen und auch weiterhin mit aller Energie die jüdisch-natio- 1 nalen Forderungen vertreten werde.

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