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Jüdische Zeitung · 1910-09-02 · 35 (2.9.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 35 sondern nur neben der Erhebung der Umgangssprache jene der Nationalität treten soll. Eine Vermehrung der Erhebungen kann aber gewiß nicht unwissenschaftlich sein. Nach den Ausführungen des Herrn Rauchberg ist übrigens die Erhebung der Nationalität „zwecklos und irreführe nd“. Das muß angenagelt werden. Dieses Wort zeigt, wie weit es mit der voraussetzungslosen Wissenschaft bei uns steht Der Statistiker Rauchberg ist nämlich auch deutschnationaler Politiker und wo Nationalitätenfragen beginnen, hört seine Objektivität auf. Wir Zionisten haben ein dringendes Interesse daran, daß bei der Volkszählung das Bekenntnis zur jüdischen Nation ermöglicht werde. Ein diesbezüglicher Antrag wurde am letzten Wiener Zionistentag angenommen und unsere Abgeordneten haben einen Anteil daran, daß im Parlament jener Beschluß vom 23. Juni zustande kam. Wir hoffen, daß sie auch jetzt ein treibendes Element sein werden, die Mehrheit des Abgeordnetenhauses dazu zu bewegen, sich diese souveräne Mißachtung seiner Willenskundgebung durch die Regierung nicht gefallen zu lassen. Misrachi. In Ungarn marschiert der Zionismus nun glücklich in zwei getrennten Lagern. Die Misrachi-Gruppe hat sich von der ungarischen Landesföderation der Zionisten losgelöst und bildet jetzt eine selbständige Organisation, weil sie sich bei der, Wahl des Vorstandes wegen angeblich nicht genügender Anzahl von Mandaten zurückgesetzt fühlte. Gerade in Ungarn, dem Hort des Assimilantentums, wo sich der Zionismus nur schwer Bahn brechen .konnte und wo er noch heute nur durch einheitliches, geschlossenes Vorgehen den Anfeindungen des Gegners standhalten kann, hätte man einen Zwiespalt mit aller Gewalt vermeiden müssen. Die Ursache der Spaltung ist eine solch unbedeutende, daß es vielmehr den Anschein erweckt, als ob die Misrachisten nur einen Vorwand benützten und es mehr auf eine Kraftprobe abgesehen haben. Man glaubt offenbar die meisten Anhänger auf seiner Seite zu haben, aber der Misrachi dürfte sich doch täuschen. Man wird die Lostrennung des Misrachi im Interesse der Gesamtpärtei zwar bedauern^ doch darf . man. dem Vorgänge keine allzu große Bedeutung beimessen. Der Misrachi nennt sich stolz „Weltföderation“, hat aber unter den hunderttausenden Zionisten keine 3Ö00 Anhänger und ist daher nur ein ganz kleiner Bruchteil des gesamten Zionismus. Wenn man ferner bedenkt, daß die Misrachi-Vereinigimg fast genau so alt ist wie der Zionismus, so fällt einem die Tatsache auf, daß jene verglichen mit diesem, wenig, ja fast gar keinen Fortschritt macht. Woher kommt es nun, daß der Misrachi im Zionismus nur ein Scheindasein führt? Warum erweckt er unter unseren Volksgenossen so wenig Begeisterung? Weil zur Gründung des Misrachi überhaupt keine Veranlassung vorlag. Er ist das Produkt einzelner Personen, meist östlicher Rabbiner, die da vorgeben, das bedrohte religiöse Infpresse der Gesetzestreuen zu schützen, während der Misrachi in Wirklichkeit die Rolle des- Priestertums im künftigen Palästina übernehmen soll. Die große Masse des jüdischen Proletariats im Ausland und Galizien und natürlich auch der Westjude stehen einer religiösen Sondervereinigung herzlich gleichgültig gegenüber. Und es ist gut so. Eine wahre Volksbewegung muß freiheitlich sein, vor allem in religiösen Dingen. In dem Momente, wo im Zionismus eine konservative Sonderorganisation die Oberhand gewinnt, da tritt Unduldsamkeit gegen Andersdenkende ein, der Zionismus verliert dann seinen idealen Gehalt. In ihm müssen sich Konservative wie Liberale zusammenfinden, alle, die der nationale Gedanke eint. Der Zionismus wurde eine Weltbewegung, weil er seine Kraft stets für die nationale und soziale Hebung des jüdischen Volkes verwendete. Hätte er sich darauf beschränkt, religiöse Interessen zu vertreten, er wäre längst gewesen. Im zukünftigen Palästina werden die ersten Kämpfe auch nur auf wirtschaftlichem Gebiete ausgetragen werden. Ob die orthodoxe oder liberale Richtung vorherschend sein soll, darüber wird das Volk erst in zweiter Linie entscheiden. Wir sehen also, daß der Misrachi überhaupt keine Existenzberechtigung hat und trotz seiner geringen Anhängerzahl mißt sich dieser eine Bedeutung-bei, die ihm nicht zukommt. Die .Herren werden nur zu bald einseben lernen, daß .ihr Grüppchen außerhalb des Zionismus jegliche Bedeutung verliert. Zwar will man dem offiziellen Zionismus die Vereine in Ungarn abspenstig machen und unter der Fahne des Misrachi sammeln.. Die meisten Organisationen scheinen jedoch Wert darauf , zu legen, wie bisher ' in der Landesföderation der Zionisten zu verbleiben, was sehr'erfreulich ist. M. R a u s n i t z (Berlin). Schlechtem ob ich es selbst weiß! Was habe ich in Berdytschew und in Lodz gesucht? Verflucht soll dieses Lodz werden. Nicht einen Sack habe ich dort kaufen können, habe umsonst Spesen gemacht und die ganze Welt schreit: „Lodz! Lodz! Pfui soll es werden!“ Aus Berdytschew habe ich doch einige hundert Säcke weggeführt, aber aus Lodz nicht einen. — Nun bin ich in Warschau. Weiß ich, was ich hier suche! Morgen werden wir sehen.“ „Du handelst also mit Getreide?“ fragte Feiwels. „Nein, mit Getreidesäcken. Bei uns sind jetzt neue Säcke nicht zu bezahlen und so fahre ich herum um alte, gebrauchte Säcke einzukaufen. Das führt mich auch nach Warschau. Man sagt, daß alte Säcke hier massenhaft zu haben sind — aber von Lodz hat man das auch behauptet — Morgen werde ich wissen, was für eine Stadt Warschau ist und warum die ganze Welt schreit: „Warschau! Warschau!“ „Trägt das Geschäft auch etwas?“ unterbrach ihn Feiwels. „Allen unseren Feinden gesagt! Man verdient kaum das trockene Stück Brot und manchmal auch das nicht Wer weiß, ob mir diese Reise etwas einbringen wird. Die Bahn will von nichts wissen. Für die Reise muß man zahlen und das Weib mit den fünf Kindern wollen essen.“ „Fünf Kinder hast du schon?“ fragte Feiwels verwundert „Mir scheint, wir sind im selben Alter - siebenundzwanzig Jahre, nicht?“ „Was wunderst du dich? Ich bin ja schon zehn Jahre verheiratet. Bald kommt das sechste Kind. - Gebe Gott, daß es ein Mädchen sein soll. Ein Bris *) fehlt mir noch bei diesen goldenen Geschäften.“ Jossel schwieg und aß weiter, nur von Zeit zu Zeit seufzte er tief. Feiwels betrachtete jetzt seinen Freund genauer. Jossel sah gealtert aus. Sein Gesicht war abgehärmt und eingefallen. Er schien ein geplagter, lebensmüder Mensch zu sein. Feiwels begann zwischen sich und seinem Freund Vergleiche anzustellen. Zwei Jugendfreunde waren sie, zwei Schüler in demselben Cheder, Simon Feiwels und Jossel Leibales und wie sehr haben sie sich im Laufe der Zeit verändert! Jossel war ein müder, halbkranker Mensch, der mit alten Säcken handelte und der ein Weib mit fünf kleinen Kindern ernähren mußte. Welch ein Leben stand ihm noch in diesem armen Städtchen Szticzin bevor! Und er — Simon? Siegmund Feiwels wohnte in der schönen Stadt Warschau und war ein talentierter, berühmter Schriftsteller. Er war gesund und sah jünger aus, als er in Wirklichkeit war. Die Zukunft sollte ihm aber erst das richtige Lebensglück bringen. Nach wenigen Jahren wird ein Werk von ihm Aufsehen erregen. Seit einem Jahre arbeitete er schon daran. „Jeder hat sein Schicksal“, dachte Feiwels und wenn er Jossel anblickte, war ihm traurig zu Mute. „Wenn wir uns nicht zufällig getroffen hätten, wüßtest du gar nicht, daß ich in Warschau wohne“, sagte Feiwels nach einer Weile. „Wer weiß nicht, daß du hier eine große Rolle spielst“, entgegnete Jossel. „In Szticzin spricht man *) Beschneidungsfest. Die Enquete. (Fortsetzung.) Wir haben in der jüngsten Nummer die Antworten zu rekapitulieren begonnen, die uns auf eine Rundfrage der Redaktion, dieEnquete des gal izisch en Landesausschusses über diegalizische Judennot betreffend, im Vorjahre von berufenen Persönlichkeiten zukamen. Im nachstehenden bringen wir noch die Ansichten zweier Autoren in Erinnerung. Dr. Nathan Birnbaum (Czernowitz). Der Enquete kann man höchstens den platonischen Wert zusprechen, daß das galizische Judenelend offiziell zugestanden wird. Die Sache geht von Leuten aus, die im besten Falle gar kein Verhältnis zu ihr haben. Es ist ganz unmöglich,'daß diese Herren, die ihre eigenen bäuerlichen Volksgenossen so arg vernachlässigen, sich gerade den Juden gegenüber zu einer Art tätiger Reue bekehren sollten. Das jüdische Elend Galiziens nährt sich von der Mißverwaltung, insbesondere von der völligen Unfähigkeit der Herrschenden. Von den jetzigen Herren ist mit und ohne Enquete nichts zu erwarten, ln dieser Erkenntnis liegt schon ein Stück wirtschaftlichen Programmes. Sie stärkt die Opposition und die Widerstandskraft der Juden. Unter den wirtschaftlichen Maßnahmen ist die wichtigste die Abziehung großer Teile der jüdischen Bevölkerung von der geschäftlichen Vermittlertätigkeit und ihre Zuführung zu unmittelbaren wirtschaftlichen Betätigungen. Die Bedingungen dieser Ueberführung zu studieren und sich selbst ans Werk zu machen, ist wichtiger, als sich von „Freunden“ mit Enqueten angeln zu lassen. * * * ■ -t. Dr. Maxim Anin. Dieser Autor behandelt die Frage, was die arbeitenden Klassen des galizischen Judentums von einer gewissenhaften Enquete zu erwarten hätten. Die jüdischen Handwerker und Kleinhändler Galiziens stehen vor dem äußerst akuten Problem der „Nichtproletarisierung“. Diese Anomalien können durch eine Industrialisierung Galziens nicht beseitigt werden, denn es ist eine leider feststehende Tatsache, daß der industrielle Aufschwung nur von einem Zufluß nicht jüdischer Elemente begleitet ist, während er auf den' professionellen Bestand . der _ jüdischen Bevölkerung keinen Einfluß ausübt. Die Schaffung eines territorial-autonomen jüdischen Gemeinwesens auf dem Wege der planmäßigen Or- , ganisierung und Konzentration der jüdischen Wanderung ist das' einzige Mittel zur- Sanierung.,-All “w—s*——— in einemfort von dir, und am Sabbat wird im Beth- Hamidrasch über deine Werke debattiert. An einem Freitagabend habe ich mit meinem Weib ein Buch von dir gelesen und wir haben sehr viel gelacht.“ Ein Lächeln spielte um seine Mundwinkel, das sich in seinem vertrockneten Gesicht sehr schlecht ausnahm. „Wir haben uns nur gefragt, woher du das hast“, fuhr er nach einer Weile fort. „Wenn du gewußt hast, daß ich in Warschau lebe, warum hast du mich nicht aufgesucht?“ fragte Feiwels. „Ich will dir die Wahrheit sagen. Ich habe mir gedacht, daß du dich mit mir schämen wirst. Wenn du wüßtest, was man in Szticzin von dir spricht! Aber wenn ich nach Hause komme, werde ich den Leuten schon erzählen, wie du bist . . .“ „Eine sehr schlechte Meinung habt ihr, wie es scheint, von mir in Szticzin“, unterbrach ihn Feiwels. „Im Gegenteil! Ich freue mich sehr, einen Freund aus dem Cheder wieder zu sehen.“ Jossel dachte an einen Szticziner Bankier, der auch sein Jugendfreund gewesen war und der sich jetzt schämte, mit ihm auf der Straße zu sprechen. Und Simon, von dem die ganze Welt spricht, behandelte ihn wie seinesgleichen. Ganz Szticzin soll erfahren, wie ihn Simon aufgenommen hat. IV. Am nächsten Tage mietete Feiwels eine Droschke und brachte seinen Freund zur Bahn. Jossel schimpfte auf dem ganzen Wege über Warschau. „Hat man so etwas gehört“, rief er ein um das andere Mal. „Für geflickte, alte Säcke verlangt man hier denselben Preis, wie bei uns in Szticzin

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