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Jüdische Zeitung · 1910-09-02 · 35 (2.9.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IDGCHE2BIUNG nfitignfil-jüdisches grgrn ■ ■■■■■■■■■ ■■ ■■■■■■■ ■ B B I Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Qanzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K . Für Deutschland: Gahzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige ************* *** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. **********■**■*#* Nr., 35. Wien, Freitag den 2. September 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Parteilose Wissenschaft. Die „Misrachl“. Die Enquete. Russische Kultur. Ein allpolnischer Antisemit. Die Jugendfreunde. Von M. Spektor. \ Aus dem jüdischen Leben. Vereinsnachrichien. Sport. Parteilose Wissenschaft. Der Angelpunkt der österreichischen Politik ist das Nationalitätenproblem. Der; Streit der Nationen ist in unserem gesegneten Lande sogar heftiger als der Klassenkampf. Das erhellt deutlich aus dem Hader der deutschen und tschechischen Sozial-: demokrätie, der schon so weit gediehen ist,, daß er intra murös nicht geschlichtet werden ‘ kann, sondern daß der. internationale Kon-; greß, der eben in:Kopenhagen tagt, .ange-i rufen werden muß'. iK Mari sollte meinen, daß jeder österreichische Politiker und Wissenschaftler das i Bedürfnis fühlen mußte,;sich überden „Be-: sitzstarid“ der Nationen in Oesterreich genauest zu informieren und dies aus unbedingt zuverlässiger Quelle. Es gibt aber; keinen besseren Weg, die reine Wahrheit' darüber zu. erfahren, als den, jeden Staatsbürger zu befragen, zu welcher Nation er „ .sich bekennt. Eine solche Gelegenheit bietet sich alle 10 Jahre: Bei der Volkszählung. Gerade jetzt naht der Termin, wo eine solche in Oesterreich wieder einmal vorge- Die Jugendfreunde. Erzählung von M. Spektor. Deutsch von Hermann Blumenthal. 1. Seit fünf Jahren wohnt er in der großen Stadt Warschau und jeden Abend spaziert er auf dem Marscharlkowski-Prospekt, denn er wohnt in der Nähe dieser verkehrsreichen Straße. Seine Bücher und Feuilletons bringen ihm so viel ein, daß er in der Großstadt sorgenlos leben kann. Die Zukunft erscheint ihm im rosigsten Lichte, denn er ist erst siebenundzwanzig Jahre alt und man erwartet noch viel von seinem Talent. Außerdem ist er ein schöner, gesunder, junger Mann. Kein Wunder also, daß er auf jedermann einen guten Eindruck macht. Wenn er am Abend durch die Straßen schlenderte, denkt er oft mit Stolz daran, daß er sein Glück nur sich selbst und seiner Begabung zu danken hat. Er ist in den fünf Jahren, seitdem er das Provinzstädtchen verlassen hat, ein Anderer geworden. Er ist fröhlicher und lebhafter und macht den Eindruck eines Menschen, der sich seinen Platz im Leben erobern wird. Sein Auftreten ist sicher und selbstbewußt und die ganze Welt kennt ihn als den berühmten, erfolgreichen Schriftsteller Sigmund Feiwels. il. Als Feiwels eines Abends auf der Marschalkowskigasse spazierte, bemerkte er inmitten der nommen werden soll.(31./X11.1910.)Nach dem bisherigen Usus wird aber bei diesem Anlaß nur nach der „Umgangssprache“ und nicht nach der Nationalität gefragt. Natürlich ist dies vollkommen irreführend, auch wenn wir von dem speziellen Fall der Juden ab^ sehen, so werden z. B. die 200.000 Tsd^CriW*' in Wien natürlich in der Mehrzahl angeben müssen, daß sie sich der deutschen Umgangssprache bedienen — wie sollte es anders sein, wenn sie sich in der deutschen Stadt fortbringen wollen. Und so ist es anderwärts auch, nicht zu sprechen von dem Terrorismus, den an manchen Orten die lokalen Machthabet bei der Volkszählung gerade so wie sonst bei politischen Wahlen ausüben werden. Daß daraus ein ganz falsches Bild der nationalen Heerscharen resultiert, ist eirtleuchtend. Das Abgeordnetenhaus hat in Erkenntnis dessen durch einen Beschluß vom 23. Juni d. J. die Regierung aufgefordert, bei der am 31- Dezember 1910 stattfindenden Volks-; . zählung neben der Umgangssprache auch j die Nationalität der Gezählten erheben zu; lassen. Die Regierung, welche darüber im' Verordnungswege verfügen, also aus eigener Machtvollkommenheit entscheiden kann, hat nicht etwa diesem Beschluß des von; ihr angeblich so hochgeachteten Volksparlamentes stattgegeben, sie hat nicht den Wunsch der Völker, wie sie gezählt werden wollen, erfüllt, sondern über diese Angelegenheit — ein Gutachten der Statistischen Zentralkommission eingeholt. Diese ist bekanntlich eine dem Kultusministerium unterstehende Beamten-Körperschaft. Dieser Vorgang ist eine Ungeheuerlichkeit. Es ist klar, daß die Nationalitätenfrage und alles was mit ihr zusammenhängt, ein Politikon ist Straße einen Juden, in einem langen, alten Winterpaletot, mit einem Sack unter dem Arm. Der Jude sah sich nach allen Seiten um, als suche er jemand. Ab und zu verließ er seinen Platz und machte einige Schritte, kehrte aber immer wieder unentschlossen zurück. Kein Kutscher ermahnte ihn, auf die Wagen acht zu geben. Er rannte bald rechts und bald links, bald lief er einem Tramway wagen nach und winkte dem Kondukteur, daß er halten lassen soll. Die Tramway fuhr weiter und der Jude blieb müde vom Laufen zurück, um auf den nächsten Wagen zu warfen. Feiwels erkannte, daß es ein Jude aus einer Kleinstadt war, der wohl zum ersten Male nach Warschau gekommen ist. Er näherte sich ihm und erklärte ihm, daß er bis zur Haltestelle gehen müsse. Sie sprachen ein paar Worte und Feiwels erfuhr, daß der Jude aus Szticzin gekommen sei. „Auch ich bin ein Szticziner und kenne jeden Menschen dort“, sagte Feiwels. Verwundert betrachteten sie einander und erkannten, daß sie Kameraden und Cheder in Szticzin gewesen sind. Sie waren auch entfernte Verwandte. Feiwels bat nun seinen Jugendfreund Jossel Leibalys, daß er bei ihm Wohnung nehmen soll. 111. „Du wohnst sehr schön, Simon“, sagte Jossel i als die Freunde in Feiwels Wohnung beim Abendessen saßen. Verwundert betrachtete er die schönen Wenn das Abgeordnetenhaus seinen Willen in dieser politischen Frage kundgetan hat, darf die Regierung nicht eine Beamten- Körperschaft über das Parlament stellen und von dieser die endgültige Entscheidung treffen lassen. Das ist direkter Absolutismus. Natürlich ist das nur ein Ausweg, um die Regierung von dem Vorwurf, einen Parlamentsbeschluß nicht ausgeführt zu haben, zu entlasten. Wir hoffen, daß das Abgeordnetenhaus sich eine derartige Behandlung nicht bieten und auf Durchführung seines Beschlusses bestehen wird. Wie entschied nun die Statistische Zentralkommission? Wenn sie auch eine Beamten-Körperschaft ist, so besteht sie aus Wissenschaftlern, und man könnte vielleicht aus diesem Grunde eine parteilose Entscheidung erwarten. Die Wissenschaft ist ja, wie das schöne Wort lautet, „voraussetzungslos“, sie will nur die Wahrheit erforschen. Die Statistische Zentralkommission will aber die Wahrheit über den Bestand der Nationalitäten gar nicht erfahren. Sie rät von deren Erhebung ab! Die Motive der Regierung liegen wenige stens klar zutage. Sie handeltim Interesse der Deutschen und Polen, welche Nationen bei Erhebung bloß der Umgangssprache künstlich in ihrer Zahl erhöht werden. Welche „wissenschaftlichen“ Gründe aberdieZentralkommission ins Treffen führt, ersieht man aus einem Artikel des berühmten Statistikers Professor Rauchberg, Prag, in der „Neuen Freien Presse“. All seine „Gründe“, mit denen er die Erhebung der Umgangssprache statt derjenigen der Nationalität verteidigt, fallen schon deshalb in nichts zusammen, weil niemand diese Ersetzung gefordert hat Möbel und die tapezierten Wände. — „Ich habe heute noch etwas zu besorgen“, fuhr er nach einer Weile fort und begann in seinen Taschen nach einer Adresse zu suchen. Jetzt, am Abend wirst du doch nichts mehr ausrichten. Laß es für morgen“, sagte Feiwels. „Es ist wahr, wichtige Geschäfte habe ich hier nicht“, antwortete Jossel. „Ich möchte aber alles erledigen, um morgen mit dem Mittagszug abreisen zu können. Es ist schon zehn Tage, daß ich von zu Hause fort bin und mein Weib und die Kinder allein zurückgelassen haben“. „Was hast du für ein Geschäft und wozu bist du nach Warschau gekommen?“ fragte Feiwels. „Die Besorgungen kannst du für morgen lassen“. „Vielleicht hast du Recht“, entgegnete Jossel. „Ich habe schon drei Nächte kein Auge geschlossen. Das heißt, eigentlich habe ich schon zehn Nächte nicht geschlafen seitdem ich auf der Reise bin. Kann man denn auf der Bahn schlafen? Man nickt höchstens ein wenig ein. . .. Gut, ich werde die Geschäfte für morgen lassen und mich diese Nacht ausschlafen. Wer kann denn auf der Reise die Zeit berechnen. Soll schon sein auf morgen! - Was hast du nur gefragt? Womit ich handle? Mit Leid undUnglück handle ich! Heutige jüdische Geschäfte! Steins gesagt! Die Bahn steckt meinen ganzen Verdienst ein und ich plage mich umsonst das ist mein Erwerb!“ „Aber was führt dich nach Warschau?“ „Was ich hier mache? Ich soll so wissen von

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