Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1910-08-26 · 34 (26.8.1910) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2438141-2438273-2438307--2040-2441679
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

:•Nr. 34 Aus der russischen Hölle. Folgen der weisen Wohnrechtspölitik. Irkutsk. "Der eifrige1 Vaterländsretter General Seliwanow, der als Generalgouverneur zu Irkutsk es fertig gebracht hat, den Irkutsker Zionisten einen Hochverratsprozeß aufzubinden, hat zur Wahrung: der Reichseinheit iRußlands die weise Maßregel getroffen, kranken Juden den Aufenthalt im Badeorte Schiro, -Kreis Minussin, entgegen aller bisherigen Gepflogenheit zu untersagen. Die Folgen dieses Federzuges des wackeren Generals gegen kranke Juden war, daß der Besuch des Badeortes von der üblichen Zahl von 2000 Personen in dieser Saison auf ganze 200 gesunken ist. Infolgedessen stellte sich natürlich ein sehr beträchtliches Defizit ein, das dem’Staatssäckel zur Last fiel, da-der betreffende Badeort Fiskalgut ist. Staatlicher Liegenschaftsverwalter des Gouvernements Jenisseisk, Agronom Okulis, wandte sich nun an das zuständige Ministerium mit einer Eingabe, .in welcher er für die Zulassung von Juden in den betreffenden Badeort -plädierte. Das Gesuch wurde berücksichtigt, indes wurde die 'Bekanntgebung des günstigen Bescheides „aus unbekannten Gründen“ bis jetzt zurückgehalten, so daß inzwischen die Badesaison verstrichen ist. Prozentnorm an jüdischen Gymnasien. Nachdem der unermüdliche Minister für Volksaufklärung Schwarz vor kurzem mit einem Federstrich die berüchtigten Prozentnormen auf die allgemeine Privatgymnasien ausgedehnt hatte, durfte er nun dieser Tage seiner ruhmreichen Säuberungstätigkeit die Krone aufsetzen, in Konsequenz jener Anordnung verfügte nun der Herr Minister, daß die jüdischen Privatgymnasien —, 'die-in der Epoche der „Zugeständnisse an die öffentliche Meinung“ gegründet worden und die gleichen Rechte wie die staatlichen Gymnasien erhalten hatten —, nunmehr ihrer Rechte verloren gehen. Die liberale „Rjetsch“ führt den Nachweis, daß die Verfügung Schwarz bezüglich der Privatgymnasien den allerhöchst bestätigten Bestimmungen vom 22. August 1909 schnurstraks zuwiderlaufe, daß es daher nur der forniellen Reklamation des-Direktors irgend eines Privatgymnasiums bedürfe, um die ordnungsmäßige- Annullierung dieser Verfügung-‘zu ■ veranlassen. Es sei nur schade, daß sich wohl kaum ein Direktor finden dürfte, der bereit wäre, seine Karriere aufs Spiel zu setzen. Wie naiv! Als ob der regierende Senat, der bereits so viele glänzende Beweise seiner Wetterfahnennatur an den Tag gelegt hat, sich genötigt sehen müßte, formalrechtlichen Bedenken Rechnung zu tragen! •Wöhnrechtsbeschränkinigen gegenüber jüdischen Studenten. Entgegen der bisherigen Gepflogenheit, den Aufenthalt jüdischer Hochschüler außerhalb des Ansiedlungsrayons unbeanstandet zu -gewähren, verständigte dieser Tage das Departement für allgemeine Angelegenheit des Ministeriums des Innern den Smolensker Gouverneur, daß jüdischen Hochschülern der Aufenthalt außerhalb des Ansiedlungsrayons nur an Orten ihrer bezüglichen Hochschulen zu gestatten sei. Dieser neuen Gesetzesdeutung gemäß hat nun der Smolensker Gouverneur'die sofortige Ausweisung der jüdischen Studenten aus Smolensk verfügt. Unterdrückung jüdischer Wöhlfahrtsbestrebungen. Das Minsker gouvernemeritäle Vereinsamt , daß vor kurzem die Eröffnung eines jüdischen Literaturvereins als staatsgefährliche und den Nationalitätenfrieden. bedrohende Aktion dekretierte, setzt seine eifrigen Bemühungen im Interesse'des'Völkerfriedens weiter fort. Dieser Tage verfügte diese hochwohllöbliche Behörde die Auflösung der jüdischen wohltätigen Gesellschaft'„Ju'daica“ mit der Begründung, daß diese Gesellschaft zur nationalen Absonderung der Juden beitrage. Jüdische Deputationen bei Stolypin. Der Kownaer Korrespondent der . „N. J. R.“ berichtet: Trotz aller bisherigen Erfahrungen gibt es noch naive Menschen unter den russischen! Juden, die von Abordnungen und Bittgesuchenbei russischen Machthabern ihr Heil erwarten.-Und so haben denn die Juden von Köwno und Keidany anläßlich des Aufenthalts des Premierminister auf seinem Gute bei Keidany die Gelegenheit ergriffen, um Abordnungen an ihn zu entsenden.“ Von-der Kownaer Deputation wurde dem Premierminister eine Denkschrift überreicht, die er in Gegenwart der Abi JÖDlSGHE ZEiWNG. Ordnung durchblätterte und den Ueberreichem zurückgab, nachdem er sich ein paar kleine Notizen daraus gemacht hatte. Wohnrechtsschikanen. Das Gesuch des Direktors des Petersburger Konservatoriums, Herrn Glasunow, daß jüdischen Musikanten anläßlich der internationalen Klavierspielkonkurrenz zum Andenken von Anton Rubinstein der Aufenthalt in Petersburg gestattet sein möchte, wurde von Stolypin abschlägig beschießen. Noch mittelalterliche Art. Die sanitäre Exekutivkommission des Kreises Tiraspol faßte den Entschluß, ihre Vorgesetzte Behörde, den Cheisoner Gouverneur zu ersuchen, gegen den Redakteur der „Russkoje Snamja“ auf Strafverfahren wegen Diffamation zu beantragen. Diese Zeitung entblödete sich nämlich nicht,- einen Brief aus Tiraspol zu bringen, in welchem der jüdische Arzt Iger beschuldigt wird, daß er die Cholera-Epidemie unter der christlichen Bevölkerung verbreite, Die Kommission befürchtet nun, daß derartige Ausstreuungen die unwissende Bevölkerung in Aufregung bringen und die Tätigkeit der Kommission erschweren wird. Die Auswanderungsbewegung in Südrußland. Aus Kamenetz-Podolien wird der „N. J. K.“ geschrieben: Infolge der jüngsten Repressalien entstand unter der jüdischen-Bevölkerung im Süden Rußlands eine außerordentlich rege Auswanderungsbewegung. Besonders stark ist diese Bewegung im Gouvernement Podolien. Hier funktionieren in -verschiedenen Städten und Lahdflecken 36 Informationsbureaus für Emigranten. Im Laufe der letzten drei bis vier Monate sind aus Podolien zirka 6000 jüdische Familien ausgewandert. Aus dem jüdischen Leben. Zunahme der Mischehen in Deutschland. Das soeben erschienene „Statistische :Jährbuch für das deutsche Reich“ Jahrgang 1910 enthält u. a. wie alljährlich auch eine Uebersicht über das Religionsbekenntnis -der Eheschließenden, die sich diesmal auf das Jahr 1908 bezieht. Wir stellen das Ergebnis mit dem der vorhergehenden beiden Jahre in der folgenden Tabelle zusammen: 1. cC mit Frauen der folgenden Bekenntnisse Z — > •c H so E £3 < O 9) S | SC £C _•! p 5CQ c h t "ti o. s SZ s C Ul ~ £1 CJ 5 ca ““"Ho 1906 4520 4080 330 87 18 5 1937 4547 4052 389 84 21 1 1908 4423 3907 382 92 35 7 ~ ca _ ’ mit Männern der folgenden •3.y CJ _ U § |S Bekenntnisse: «— 'Ji o s > o *5 t/3 bi c - o 1 ’S t) s!»S tu ratz* •o 53 ca > Ci "ca MC!•= ca e.5 3 ta 1906 4495 4080 297 91 22 5 1907 4470 4052 305 96 19 5 1908 4330 3907 310 88 19 6 So kamen auf rein jüdische Ehen Mischehen 19C6 4080 845 1907 4052 914 1908 3907 926 Also: eine absolute Abnahme der rein jüdisehen Ehen und daneben eine von Jahr zu Jahr beträchtlich steigende Zahl der Mischehen! Ein neues Drama von Asch. Aus New York wird der „N. J. K.“ berichtet: Schalom Asch /erfaßte ein neues Drama , das im amerikanisch-jüdischen Ghetto spielt Die Erstaufführung des Dramas wird in dem neu errichteten jüdischen Theater in New York stattfinden. Ein jüdischer Adlatätus im Bukowinaer Landesschulrate. Einen bemerkenswerten Erfolg ’hat Abg. Dr. Straucher, in seiner auf die energische Vertretung der jüdischen Forderungen gerichteten Tätigkeit zu verzeichnen. Die jüdischen ■Abgelegenheiten waren bisher im Landesschulrat ' einem * nichtjüdisehen Referenten zugewiesen, der ihnen selbstverständlich äiich -bei“ ‘ dfer' größten Obektivität nicht das nötige'Verständnis entgegem- -bringen - konnte. Nunmehr ist -der Supplent am ‘grrechrsch-örieritälTschfen Gymnasium in :Sü«awa, Seite 5 Dr.- Heinrich' Teller, zum‘ jüdischen Adlatus für den Bukowinaer Landesschulrat ernannt und bereits zur Dienstleistung einberufen worden. Zangwiü in Unterhandlungen mit der westaustralischen Regierung. Der Londoner Korrespondent der „N. J. K.“ berichtet: Mr. Zangwill steht jetzt in Unterhandlung mit der westaustraliscben Regierung wegen eines Territoriums von über eine Million Acres. Die Lokalität des Territoriums ist einstweilen noch unbekannt, es soll aber groß undgnt genug sein, um eine Million russischer Juden aufnehmen zu können. Sir H. Newton Moore, der Premier der australischen Regierung, soll dem Plane sehr geneigt sein, den er als einen ernsten Geschäftsvorschlag betrachte. Die'Angelegenheit soll demnächst im westaustralischen Parlament behandelt werden. Mr. Zangwill scheint jeden Gedanken von Autonomie und dergleichen aufgegeben zu haben. Das Unternehmen soll einen rein philantropischen Charakter tragen. Mr. Zangwill erklärt daher, daß es nur ein Teil seines Landsuchens sei und daß er zu gleicher Zeit noch andere Territorien im Auge habe. — Es bleibt abzuwarten, welchen Verlauf die neueste Aktion des Mr. Zangwill nehmen wird, dann erst wird man über ihre Bedeutung reden können. Rttualmordbescbuldigung in Bosnien. Die in Essek erscheinende zionistische Halbmonatsschrift „Zidovska smotra“ erhält folgende Nachricht aus Dervent, einem größem Orte Bosnien: Am 12. August stand die Frau des Kaufmannes Moritz Stern vor ihrem Laden, als auf sie plötzlich der Kaufmann und Großgrundbesitzer Marko Petric, einSerbe, zueilte und die aufs höchste erschrockene Frau in erregtem Tone beschuldigte, sie hätte sein Kind versteckt und abgeschlachtet. Essei ihm ja bekannt, daß die: Juden Christenblut benötigen . . . Der Kaufmann Stern war zufällig nicht zu Hause, als sich dieser bedauerliche Vorfall ereignete. Frau Stern begab sich sofort'zum Bezirksvorstände, um ihm die Sache vorzutragen und machte gleichzeitig Strafanzeige wegen Verleumdung. Die Verhandlung wurde auch bereits für den 19. September 1. J. angeordnet. — Vom Hause Stern begab sich Petric in die Gendarmeriekaserne, wo er die Mitteilung machte, daß sein Kind von den Eheleuten Stern zu rituellen Zwecken abgeschlachtet worden ist. Der Zufall wollte es jedoch, daß Petric, als er von der Gendarmeriekaserne heimwärtsging, sein Kind aus dem Hause seiner Wäscherin, namens Eva Situm, herauskommen sah. . . Dort hatte es mii andern Kindern gespielt! Frau Stern, sobald sie von diesem Umstande erfuhr, stellte Herrn Petric zu Rede und befragte ihn, ob er sich der begangenen Verleumdung bewußt sei, worauf dieser einfach erwiderte: „Ich weiß, wss ich gesagt habe!“ In Derventer jüdischen Kreisen herrscht ob dieses Vorfalls große Beunruhigung, da sich bisher die bosnischen Juden über keine Anfeindungen zu beklagen hatten. Erst jetzt, nach der Annexion, wo die Serben in Bosnien ■ immer stärker werden und sich besser organisieren, beobachtet man öfter antisemitische Ausfälle. Die bosnische Judenschaft fordert eine exemplarische Bestrafung des Verleumders. Parteinachrichten. Kongreß der Akademiker aus den südslavischen Ländern. Die jüdischen akademischen Vereine „Bar Giora“, „Esperanza“ (Wien) und „Judea“ (Agram), veranstalteten am 21. und 22. August d. J. den IV. zionistischen “ Kongreß der Akademiker und Abi- ' turienten aus den südslawischen Ländern. Auf diesem •Kongresse wurden Vorträge über Zionismus, Sefar-? den, Palästina, die physische Renaissanceder Juden und über die allgemeine Lage der Juden gehalten. Anschließend an diesen Kongreß veranstalteten die jüdischen Bürger der Stadt Sarajevo am Samstag den 20. August d. j. eine-große'Bürgerversammlung mit nachstehender Tagesordnung: 1. Dr. M. Ehrenpreis (Grandrabbin Bulgariens): Die jüdischnationale Bewegung. 2. Dr. Hugo Spitzer (Vorstand derEssegger Kultusgemeinde): Zionistische Bewegung. 3. Dr. Moritz Levy (Sekretär der Sarajevoer sephard. Kultusgemeinde): Die allgemeine Lage der Juden in Bosnien. Anschließend" are diese beiden Veranstaltungen “'fand-1 huch eine Ausstellung1 der iir Jerusalem* in der ’Bezalel-Schule angefertigten Arbeiten statt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.