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Jüdische Zeitung · 1910-08-26 · 34 (26.8.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite, 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 34 Noch einmal die „Arbeiter-Zeitung“. In jeder Nummer der „Arbeiter-Zeitung“ findet sich irgend ein boshaftes Wort an die Adresse der Zionisten. Offenbar, daß die Existenz dieser Bewegung den Mauscheln, welche die „Arbeiterzeitung“ machen, ewiges Unbehagen verursacht. Wir haben mit den Herren Großmann und Konsorten Mitleid, können aber ihnen zuliebe nicht aufhören zu existieren und für unsere Bewegung zu arbeiten. Im Gegenteil! So oft wir uns daran erinnern, daß solche Elemente jüdischem Stamme entsprossen sind, werden wir in der Ueberzeugung bestärkt, daß unsere Bewegung, selbst für den Fall, als sie nicht dem Judenelend, sondern nur der moralischen Depravation der Judenassimilation an den Leib rückt, notwendig und heilsam ist. Weder boshafte Bemerkungen des Herrn Großmann, unter dem Strich, noch anonyme Gemeinheiten über dem Strich werden unsere Ueberzeugung erschüttern. Wie sagt Martin Buber: „Es gilt hier nicht die Sache zwischen Nationalisten und Nichtnationalisten oder dergleichen; das ist alles Oberfläche und unwesentlich; es gilt hier die Sache zwischen Schaffenden und Zersetzenden, zwischen Wählenden und Geschehenlassenden, zwischen Zielmenschen und Zweckmenschen, zwischen Urjuden undGolusjuden“. * * * Ein Gespräch mit dem Abg. Stand. Die Warschauer Zeitung „Unser Leben“ veröffentlichte vor einigen Tagen ein Interwiev eines Mitarbeiters mit dem Abg. Stand, welcher sich über seine Pläne und über die gegenwärtige Lage im Zionismus äußerte. Abg. Stand beschäftigt sich jetzt angelegentlich mit der Organisation der Hebraisten. Außerdem ist er bemüht, eine interparlamentarische Vereinigung jüdischer Abgeordneter ins Leben zu rufen. Während des vor zwei Jahren stattgefundenen Friedenskongresses in Berlin trug er sich mit dem Gedanken der interparlamentarischen Vereinigung der jüdischen Deputierten; er hofft, ihn nun auf den nächsten Friedenskongreß in Brüssel, an welchem Abg. Dr. Mahler und Abg. Stand teilnehmen werden, zu verwirklichen. Die interparlamentarische Vereinigung hätte in erster Linie jüdisch-kulturelle Fragen zu regeln. Ueber die gegenwärtige Lage der zionistischen Bewegung äußerte sich Abg. Stand folgendermassen: „Ich freue mich sehr über den inneren Frieden, der in Berlin geschlossen wurde. Möge er wirklich ein innerer und kein Scheinfriede werden! Wir benötigen alle Kräfte zur Arbeit. Ich bin derselbe praktische Zionist, der ich auf dem Kongresse war. Unsere wirtschaftliche Lage ist schlecht. Die Emigration wird von Tag zu Tag größer. Die jetzigen Regierungsverhältnisse in der Türkei dürfen niemanden mutlos machen. Die ottomanische Regierung wird erkennen müssen, daß wir in ihrem Reiche als friedliche Bürger die Wohltaten die sie uns erwiesen, mit Treue belohnen werden“. * * * Galizisch-Polnisches. Für die Mehrzahl der polnischen Blätter bietet jede passende oder unpassende Gelegenheit willkommenen Anlaß, um gegen die Juden loszuziehen. Seit Jahren bemühen sich die Allpolen, den Boykott gegen reichsdeutsche Produkte in Galizien durchzuführen. Da wird jeder mit dem großen Bann bedroht, der es wagen wollte, preussische Waren feilzubieten. Merkwürdigerweise richtet sich der Bannstrahl fast nur gegen Juden. Das Hauptorgan der Allpolen, das berüchtigte „Slovo polskie“ fordert in jeder Nummer zum Boykott dieses oder jenes jüdischen Geschäftes auf. Selbst aber lebt es von Annoncen reichsdeutscher Firmen und hüllt sich in Stillschweigen, wenn polnische Kaufleute, Gemeinden oder Genossenschaften ihren Bedarf bei deutschen Firmen oder Unternehmungen decken. Dieses Doppelspiel beleuchtet in unzweideutiger Weise, um was es sich den polnischen Herren handelt. Sie schießen auf die Preußen und treffen die Juden. * * * Zur Charakteristik der Allpolen und ihres israelitischen Anhanges. ln der Wiener „Sonn- und Montags-Zeitung“ wird über die Allpolen und ihrer Stellung im Lande folgendermaßen geschrieben: „Sie stehen jetzt im Polenklub isoliert. Pater Stojalowski, dieser alte antisemitische Hetzer, der im Lande jeden Anhang verloren hat, mit seinen paar Bauern, ist der neueste und einzige Bundesgenosse der Allpolen. Daß sich die allpolnische Partei, wiewohl in ihrer Mitte zwei jüdische Abgeordnete sitzen — Gail und Dr. Gold — mit der christlichsozialen Bauerngruppe liiert hat, gehört wohl mit zu den politischen Absonderlichkeiten Galiziens. Das Allerwichtigste ist aber, daß die Allpolen keine bemerkenswerte Partei hinter sich haben. Ihre Stärke beruht in dem städtischen Anhänge, und den eigentlichen Bürgerstand bilden in Galizien hauptsächlich Juden und Beamte. Unter dem Drucke der Bezirkshauptleute haben sie beide die allpolnischen Kandidaten gewählt, nicht ohne daß der allpolnische Moniteur von Fall zu Fall, offen und versteckt den Juden mit Pogroms gedroht hätte. Gäbe es in Galizien freie Wahlen, so hätten sie von ihren fünfzehn Mandaten keine acht erobert. Battaglia (Tarnow), German (Neu - Sandec), Bezirksrichter Jabionski (Sanok), Dr. Gold (Zloczow), Gail (Tarnopol), Dr. Dietzius (Jaroslau), k.- k. Oberbergrat Zeranski (Landgemeinde Drohobycz) und andere haben auf keine Mandate mehr zu rechnen, sobald der Statthalter von ihnen seine Hand zurückzieht. Von den jüdischen Wählern, die in den galizischen Städten 35 bis 70 Prozent der Wähler bilden, erhalten die Allpolen keine einzige Stimme — wenns der Bezirkshauptmann nicht befiehlt. Allerdings bleiben den Allpolen noch die kleinen Beamten, die leider : Gottes unter der neuesten Führung durch ihr chauvinistisches Auftreten zu einem Schrecken ihrer Mitbürger geworden sind“. Und diese Partei, die ihren Einfluß den jüdischen Stimmen verdankt, ist die Führerin des galizischen Antisemitismus! Das kennzeichnet ihre eigentümliche Moral; verdammenswerter und verabscheuungswürdiger jedoch sind die jüdischen Polen, welche im allpolnischen Klub Lakaien- und Moschkodienste versehen. ♦ * * Den nach Rom pilgernden Israeliten zur Kenntnis! Der „Jewisch Chronicle“ meldete kürzlich, daß der römische Staatssekretär Merry del Val ein Rundschreiben an alle Bischöfe gerichtet habe, in dem sie aufgefordert-^wurden, keine Einführungsbriefe für Audienzen beim Papst an Juden zu geben, auch nicht an solche-von* Bedeutung. Der „Osservatore Romano“ hat die Nachricht in größter Eile dementiert. Juden „von Bedeutung“ werden wie bisher dem Heiligen Vater die Zeichen ihrer Verehrung zu Füßen legen und für katholische Kirchenbauten spenden dürfen. * * * Die Aufnahme von jüdischen Studierenden an russischen Hochschulen. Der Unterrichtsminister Schwarz verfügte, daß vom nächsten Jahre an die prozentuale Norm für die Aufnahme von Juden an allen Fakultäten mit Ausnahme der medizinischen nicht nach der Zahl der neu einbetenden, sondern nach der Gesamtzahl der Studierenden zu berechnen ist. In Petersburg und Moskau beträgt diese Norm drei Prozent, an den übrigen Universitäten fünf und nur innerhalb der Ansässigkeitszone zehn Prozent. Von 1912 an wird diese Verfügung auch auf die medizinischen Fakultäten und Spezialhochschulen ausgedehnt werden. Da gegenwärtig die Zahl der jüdischen Studenten die nun festgesetzte prozentuale Norm übersteigt, so bedeutet die Maßregel für die Juden eine neue Beschränkung ihrer Rechte. Dieser Erlaß beweist zur Genüge, nach welcher Richtung steh der Regierungskurs bewegt Es dürfte kaum jemanden geben, der sich der Hoffnung hingeben könnte, die Frage der russischen Juden sei in Rußland zu lösen. Vom Jüdischen Nationalfonds. Am 1. August fand eine Sitzung des Direktoriums des jüdischen Nationalfonds statt, bei welcher einige wichtige Beschlüsse bezüglich neuer Aktionen in Palästina gefaßt wurden. Ansiedlung von Bezalelarbeitern. Das Palästinaamt in Jaffa unterbreitete der Sitzung folgenden Vorschlag: ln der Filigranabteilung des Bezalel arbeiten etwa 50 jüdische Arbeiter — mit Ausnahme des Werkmeisters und seines Stellvertreters ausschließlich Jemeniten; weitaus die meisten — Familienväter. Dieses Atelier hat in kurzer Zeit einen ganz außerordentlichen Aufschwung genommen. Es ist dies hauptsächlich dem Umstande zu verdanken, daß die Jemeniten zumeist von büher her in der Silberbearbeitung bewandert sind und bei ihrer eminenten Anspruchslosigkeit mit den im Bezalel erzielten Löhnen höchst zufrieden sind und sich als zuverlässige und fleißige Arbeiter bewähren. Die Nachfrage nach, den Artikeln des Filigranateliers ist in fortgesetztem Steigenbegriffen und es ist hier die Möglichkeit gegeben, noch zahlreichen andern Familien einen Erwerb zu verschaffen. Anstatt nun neue Räume im Bezalelgebäude in Jerusalem anzubauen, haben wir den Beschluß gefaßt, mit der Verlegung einer Abteilung erprobter Arbeiter aus der Filigranwerkstatt nach den Besitzungen des Jüdischen Nationalfonds den Anfang mit der. Verpflanzung der Hausindustrie auf das flache Land zu machen. Als Ort wählten wir Ben- Schamen bei Lydda, weil derselbe -von Jaffa aus sehr .leicht zu. erreichen und es für uns deshalb leicht ist, die ersten Organisationsarbeiten zu leiten. Auch ist die Wirtschaft der Oelbaumspende dort bereits soweit fortgeschritten, daß sie eine gute Stütze für eine junge Ansiedlung bietet, und unser dortiger studierter Agronom wird gerne die Unterweisung der neuen Ansiedler auf landwirtschaftlichem Gebiet übernehmen. Der Anfang soll mit zehn Familien gemacht werden, die sich im Bezalel seit zwei Jahren aufs beste bewähren und jedes Vertrauen verdienen. Jede Familie soll neben ihrer eigenen Wohnung, bestehend aus zwei Räumen, ein kleines Grundstück von zwei Dunam in Pacht bekommen. Während nun der Familienvater als Arbeiter des Bezalel ein festes monatliches Einkommen haben wird, werden die übrigen Familienmitglieder in der Bearbeitung ihres Grundstücks durch Gemüsebau, Geflügelzucht u. dgl. oder als Saisonarbeiter in der Gutswirtschaft des N. F. oder schließlich in andern vom Bezalel einzuführenden Hausindustrien,wieTeppicHknüpferei,Spitzenklöppelei usw. ansehnliche Nebeneinnahmen erzielen. Auf diese Weise wird eine Jemenitenfamilie, die mit etwa 50 Frcs. monatlich in Jerusalem auskommt, hier ca. 80 Frcs. verdienen uüd da die Lebensweise hier bedeutend billiger ist und jede Familie ihr eigenes Gemüse, Geflügel und Milch haben wird, nicht nur besser und gesünder leben, sondern auch Kapital sparen können. Es ist daher sicher, daß diese Arbeiter sowohl das für die Errichtung ihrer Häuser investierte Kapital amortisieren, wie auch ihren Kindern ermöglichen werden, späterhin mit selbsterworbenem Geld eine gesicherte Existenz in Palästina zu begründen. Die Zahlungen der Arbeiter werden durch die Leitung des Bezalel durch Abzüge von ihren monatlichen Löhnen erfolgen. Darin liegt die beste Gewähr für die Rückzahlung, ohne daß man jemals zur Anwendung äußerer Gewalt wird greifen müssen. Wenn sich nämlich ein Arbeiter in irgendeiner Hinsicht als schädliches Mitglied der Genossenschaft erweist, braucht man ihm nur die Arbeit zu entziehen, um ihm den weiteren Aufenthalt in der Genossenschaft unmöglich zu machen oder ihn wieder zu Vernunft zu bringen. Wir haben alle Hoffnung, daß dieser neue Versuch gelingt, ln diesem Falle aber wird er von großer Tragweite für unsere kolonisatorische Arbeit sein. Wir hoffen nämlich, daß der Bezalel in kurzer Aufeinanderfolge aus verschiedenen Werkstätten ähnliche Gruppen, sei es auf N. F.-Besitzungen, sei es in den jüdischen Kolonien wird ansiedeln können. In dieser Industrie wird die landwirtschaftliche Ansiedlung eine wichtige Stütze finden, und kleine blühende Gartenstädte mit zufrieden, frei und gesund lebenden Menschen werden auf diesem Wege am leichtesten ins Leben gerufen werden. Unser Vorschlag geht demnach dahin: Der J. N. F. möge einen Kredit von 20.000 Frcs. für die Errichtung von Wohnungen und einer gemeinschaftlichen Werkstatt auf seinem Boden in Ben-Schamen für zehn Arbeiter aus dem Filigran-Atelier des Bezalel bewilligen. Dieser Vorschlag des Palästinaamtes wurde in der Direktoriumssitzung angenommen und damit wird ein erster Versuch mit Verbindung von Landarbeit und Hausindustrie, wie sie Prof. Schatz von Anfang an vorschwebten, in Kürze gemacht werden, dem voller Erfolg zu wünschen ist.

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