Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 34 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 34 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 galizischen Judennot und der Mittel zur Linderung erwarten. Eine solche objektive Enquete würde das Märchen von dem jüdischen Reichtum und der jüdischen Geldgier vernichten, ebenso die Legende von der Abneigung der Juden gegen manuelle Arbeit, vor allem würde sie aber die Eignerart des Judenlandcs erweisen und erhärten, daß die Judennot ihre spezifischen Züge durch Elemente unmaterieller Natur erhält. Aber selbst eine solche Idealenquete müßte die Unzulänglichkeit der Landesmittel klarlegen. Man muß den Mut besitzen, mit der Judenfrage als einer wirklichen und echten Reichsfrage an die Pforten des Zentralparlaments zu pochen. Nichts bleibt übrig als der Appell an die eigene Kraft, Dr. Lanzer weist den Weg der Hilfe an der Hand des wirtschaftlichen Programmes des .Jüdischen Nationatvereines“ (Gründung wirtschaftlicher Organisationen, auf genossenschaftlicher Basis, Förderung industrieller Unternehmungen, Beseitigung der gewerberechtlichen Hindernisse, - wie des Befähigungsnachweises, Konzessionszwanges usw.) betont aber, daß auch diese Maßnahmen nur eine Linderung der galizischen Judennot erwarten lassen. (Schluß folgt.) Verschärfung der Krise* Die Nachrichten aus Rußland lauten in jüngster Zeit immer ungünstiger. Die Ausweisungen häufen sich erschreckend, die Beschränkungen werden immer ärger. Durch eine neue Verfügung, wonach die Prozentnorm an den Hochschulen nicht von den Neuaufnahmen, sondern von der ganzen Schülerzahl zu rechnen ist, sind Neuaufnahmen von Juden für das beginnende Semester ausgeschlossen, da der Prozentsatz schon erreicht ist. Zudem wurde die Prozentnorm auch auf die Privatschulen, Gymnasien und Handelslehranstalten ausgedehnt, so daß auch diese den jüdischen Schülern verschlossen werden. Die neuesten Schikanen erstrecken sich auch schon auf jüdische Wohlfartsbestrebungen, es werden, wie in Minsk, jüdische Literaturvereine gesperrt oder wie in Wilna die Veranstaltung pädagogischer Fortbildungskurse . untersagt, es werden Emigrätionsgesellschaften gesperrt, wie in Jekaterinoslaw etc. Während so der Druck, welcher auf der sechs Millionen umfassenden jüdischen Bevölkerung Rußlands lastet immer ärger und damit der Antrieb zu Emigration, des letzten Zufluchtmittels, immer stärker wird, verringern sich gleichzeitig die Auswanderungsmöglichkeiten. Durch die noch immer anhaltende Industriekrise in Amerika und die seit zirka zwei Jahren dort bestehenden verschärften Einwanderungsgesetze ist die Fassungskraft Amerikas für jüdische Emigranten viel geringer geworden. Mit unheimlicher Deutlichkeit beleuchtet dies die Statistik. Sind im Fiskaljahr 1905/7 rund 150.000 Juden bloß nach New-York eingewandert, so gibt die amtliche Statistik für 1909/10 die Einwanderung nach ganz Amerika mit bloß 55.000 an. Berücksichtigt man, daß dies für das ganze Land gilt, daß ferner in den letzten zwei Jahren zahlreiche Rückwanderungen wegen Arbeitslosigkeit stattfanden, so ergibt sich gegen 1906/7 ein Minus von mindestens 110.000 jüdischen Einwanderen! Damit sind wir aber noch lange nicht am Ende der Rückstauungen. Zweifellos wird die amerikanische Regierung dem Drängen der Arbeiterföderation nachgeben und die Emigrationsgesetze noch weiter verschärfen. Diese Tendenz ist vorhanden, wie aus der jüngsten Beschränkung der jüdischen Einwanderung nach Galveston (Texas) hervorgeht, wo Zangwill und Jakob H. Schiff mit Müh’ und Not ein paar hundert Emigranten untergebracht haben und wohin sie einen Teil der weiteren Einwanderung zu lenken gedachten. Mit diesem Plan ist’s nun auch vorbei. Gleichzeitig kommen Nachrichten aus Kanada, daß die dortige Regierung, obzwar ihr im allgemeinen eine Emigration sehr erwünscht ist, es abgelehnt hat, das Gesuch einiger 1000 Juden aus Rußland wegen Einwanderung zu genehmigen! Die Frage: Wohin? die seit Jahren die Lebensfrage der jüdischen Massen ist, wird immer schwerer zu beantworten! Der unverbesserliche Optimist Zangwill, der nun auch seine allerletzten Projekte: Cyrineika, Galveston und Mesopotamien scheitern sieht, verhandelt jetzt angeblich mit der australischen Regierung. Wer nur einigermaßen über die Verhältnisse in Australien orientiert ist — und das soeben erschienene Werk Robert Schachners (Australien in Politik, Wirtschaft, Kultur, Jena 1909) gibt jedermann Gelegenheit, sich zu informieren — der weiß im vorhinein, daß auch dieses Projekt in den Papierkorb wandern muß. Zangwill will eine Million Juden in Australien ansiedeln. Abgesehen von der Frage, welche Summen dazu aufgebracht werden müßten und wie lange Zeit es brauchte, eine solche Massensiedlung ins Werk zu setzen, ist es klar, daß die australische Regierung den Plan rundweg ablehnen wird. Das ganze Commonwealth hat überhaupt nur 4'7«.» Millionen Einwohner. Daß diese die Einwanderung einer Million Juden zulassen würden, ist ganz aussichtslos. Aber abgesehen davon, wehrt sich die australische Arbeiterpartei, welche die Regierung beherrscht, gegen jede proletarische Einwanderung, um ihre äußerst günstige Position nicht durch das Entstehen einer Arbeiter-Reservearmee zu verschlechtern. Auch hier mögen Ziffern sprechen. Obzwar Australien die demokratischeste Regierung der Welt hat, und Dreiviertel des Landes unbesiedeltsind, also ein mächtiger Anreiz zur Immigration vorauszusetzen wäre, sind in den vier Jahren 1906—1909 nur 47.463 Einwanderer, also keine 12.000 pro Jahr, gezählt worden. Zangwills redlicher Eifer in allen Ehren aber seine geographische Phantasie ist die Ausgeburt eines Dichterhirns und läßt sich in der Praxis nicht realisieren. Die Welt ist weggegeben! Die furchtbare Krisis, welche durch das Steigen des Druckes im Osten bei fortwährend verringerter Auswanderungsmöglichkeit das jüdische Volk heimsucht, muß alle denkenden Volksgenossen anspornen, jene Arbeit zu unterstützen, durch welche die Grundlagen dazu gelegt werden, dereinst endgültig, wenn auch nicht so bald, der Judennot ein Ende zu bereiten, die Kolonisation Palästinas. Verdoppelt die Anstrengungen für den Nationalfonds, für Siedlungsgenossenschaft und Landentwicklungs- Gesellschaft! Das jüdische Volk kann nicht warten! A. B. Abermals der rote Schmock. Die Arbeiterzeitung bringt in ihrer Nummer vom Z3. d. M. bei Besprechung des Prozesses der Baukreditbank die unflätigsten Beschimpfungen gegen die Juden vor. Es gibt den Herren keine Ruh! Nur immerzu! Nur immerzu! Sie könnens nicht lassen, sie könnens nicht meiden, Den Juden irgend was anzukreiden, Und unter den aller entferntesten Titeln So ganz klein bischen zu antisemitein. „He, haltet den Dieb!“ Wie gut ist diese Alt hergebrachte, bewährte Devise Davongelaufener Freigesinnter Vom Schlage der Austerlitz, Engel und Winter! Du brauchst nur jemanden „S a u j u d“ zu nennen Und niemand wird dich als solchen erkennen, Man wird dir vertrauen mit deutscher Treue- Pardon, meine Herren, Sie sind sich toje! Genossen, die ihre Väter schänden, Ihr Volk beschmutzen mit klebrigen Händen, Mit Schmähartikeln die Nase verdecken, Als Männer die eigene Wiege bedrecken, Die wird selbst der stärkste Proletenmagen, Gewiß auf die Dauer nicht vertragen! Und eines Tages wird es geschehn, Daß sich die Segel anders drehn! Daß die entwurzelten Phrasendrechsler, Gesinnungs-, Glaubens-undSeelenwechsler, Des proletarischen Tempels Stiegen ln großem Bogen hinunterfliegen Und unten im Kote jammern und trauern Nur Jossl Redlich wird sie bedauern! Beda. Von der Woche. Kultusvorsteher kais. Rat Sachs — demissioniert! Gerüchtweise verlaut-1, daß das Vorstandsmitglied der Wiener Kuitusgemeinde, Herr kais. Rat Leopold Sachs, sein Mandat niedergelegt habe. Die Ursache, die Herrn Sachs zur Demission bewog, war das die Wiener Judenschaft schwer kompromittierende Kondolenzschreiben, welches der Kultusvorstand anläßlich des Todes Luegers der Wiener Antisemitenpartei sandte. Herr Sachs hatte in der Vorstandssitzung, die über das Kondolenzschreiben beschloß, der Absendung aufs heftigste opponiert, und da er die Majorität von der Würdelosigkeit dieser Handlung nicht zu überzeugen vermochte, hat er dieser Gesellschaft einfach den Rücken gekehrt. Der Kultusvorstand hat sich zwar bemüht, Herrn Sachs zur Zurücknahme seiner Demission zu bewegen, doch vergeblich. Wiewohl seither schon geraume Zeit verflossen ist, hat es der Kultusvorstand für gut befunden, die Demission zu verschweigen. Doch die Wähler haben ein Recht, zu wissen, ob der von ihnen gewählte Vertreter sein Mandat ausübt. ♦ * * Hofrat Professor Dr. Oser gestorben. Montag den 22. d. ist inGainfarn der Direktor des Rothschild-Spitales Hofrat Professor Dr. Leopold Oser gestorben. Hofrat Professor Dr. Leopold Oser ist am 27. Juni 1839 in Nikolsburg geboren. Er absolvierte die medizinischen Studien 1856 bis 1861 in Wien und wurde im Februar 1862 zum Doktor der Medizin und Chirurgie promoviert, ln den Jahren 1862 bis 1867 war er Sekundararzt im Allgemeinen Krankenhause, 1872 habilitierte sich Oser als Privatdozent für interne Medizin und wurde am 15. Oktober 1885 zum außerordentlichen Professor für interne Medizin ernannt. Oser wurde im Jahre 1872 Primararzt des Rothschild-Spitals sowie Abtheilungsvorstand der Allgemeinen Poliklinik, im folgenden Jahre wurde er ordentliches Mitglied des niederösterreichischen Landessanitätsrates, in dem er eine ungemein ersprießliche Tätigkeit entwickelt hat. Kurz darauf wurde er Direktor des Rothschild- Spitals. In dieser Eigenschaft erwarb sich der Verstorbene große Verdienste. Wenn auch von vielen Kranken, besonders aus dem Osten kommenden, gegen die Verwaltung des Spitals Klage geführt wird, so muß man feststellen, daß der verstorbene Prof. Oser von diesen Ausschreitungen untergeordneter Organe zumeist keine Kenntnis hatte. ♦ * * Der galizische Kanalbau und die Enquete. Der letzte Ministerrat hat beschlossen, mit dem Bau des galizischen Kanals zu beginnen und hat für diesen Zweck den Betrag von 120 Millionen präliminiert. Der größte Teil dieses Betrages wird galizischen Arbeitern, Handwerkern und Unternehmern zu gute kommen. Ob jedoch unter den beim Kanal Beschäftigten auch Juden sein werden, ist eine Frage, die man nicht ohneweiters bejahen kann, denn es heißt, daß der galizische Landesausschuß den Kanalbau ausführen wird. Vielleicht würde man als vorläufiges Mittel, den brotlos gewordenen Schänkern zu helfen, beschließen, daß diese Schänker bei Vergebung von Arbeiten. Lieferungen, Aufseherposten etc. in erster Linie zu berücksichtigen sind. Wenn es dem Landesausschuß mit der ganzen Enquete ernst ist, so bietet sich ihm im Hinblick auf den Kanalbau, günstige Gelegenheit, den Ernst seines Willens zu bekunden und werktätig einzugreifen. * * * Die Enquete — verschoben! Wie verlautet wurde die Abhaltung der vom galizischen Landesausschuß beschlossenen Enquete über die galizische Judennot vom 12. auf den 19. September verschoben. Als Grund wird die nicht rechtzeitige Herstellung der Drucksorten angegeben. Im Jahre 1907 wurde die Abhaltung der Enquete beschlossen, 3 Jahre sind somit vergangen, ohne daß der Landesausschuß rechtzeitig die Vorbereitung hiezu getroffen hätte. Soll man da noch an dem ernsten Willen der Machthaber, den Juden zu helfen, glauben?