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Jüdische Zeitung · 1910-08-26 · 34 (26.8.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 34 macht, den Garaus machen wird. Daß hiedurch die roten Mausche! als moralische Leichen auf der Strecke bleiben, soll die jüdische Arbeiterschaft nicht verhindern, ihre Forderung nachdrücklich und unentwegt bis zu deren Erfüllung zu vertreten. Weder die Lage des jüdischen Mittelstandes, noch die des jüdischen Proletariates würde sich in ökonomischer Richtung bessern, wenn die jüdische Rasse sich auflösL Die Assimilation, selbst wenn sie möglich wäre, wie Dr. Zollschan behauptet, ist ebenso wenig imstande der wirtschaftlichen Degeneration der Juden zu steuern, als die Verwirklichung der national-kulturellen Postulate des jüdischen Volkes durch die Realisierung der nationalen Autonomie, die auch in Mathias Acher einen so beredten Anwalt finden. Die soziale Verelendung der jüdischen Volksmassen ist begründet im heutigen Wirtschaftssystem und wird überdies noch gesteigert durch die abnormale soziale Struktur des jüdischen Volkes, sowie durch die von Dr. Zollschan treffend gekennzeichneten Deposedierungsprozesse, die in der ökonomischen Geschichte der Juden eine entscheidende und verhängnisvolle Rolle spielen. Diese soziale Verelendung wird aber so lange bestehen, als das kapitalistische Wirtschaftssystem und dessen Basis, das Bodenmonopol, nicht verschwunden ist, so lange nicht im Sinne Franz Oppenheimers sich die Evolution der Gesellschaft vollzogen hat und ein Gesellschaftszustand ohne Klassenherrschaft und Klassenausbeutung zum Durchbruche gelangt, der neben der politischen, auch die ökonomische Bewegungsfreiheit des Individuums gewährleistet Daß aber das Mittel zum sozialistischen Ziele der Klassenkampf im vulgären Sinne des Wortes ist, der ja doch nur eine Begleiterscheinung der kapitalistischen Ordnung bildet, wird gerade von den Den Juden bleibt nur ein Weg: Selbsthilfe und Koalition mit allen Oppositionellen, damit das herrschende System der nationalen Vergewaltigung und wirtschaftlichen sowie kulturellen Unterjochung zum Falle gebracht werde. * * * fortgeschritteneren Sozialisten sehr bezweifelt. Diese erblicken vielmehr in einer richtigen Kombination der Gewerkschaft, Genossenschaft und Bodenreform den Weg zum Sozialismus, der ihnen freilich keineswegs identisch ist mit dem marxistischen Staatskommunismus. Max Anin hat sich von dessen theoretischen Irrtümern bloß im Punkte Judenfrage vollständig emanzipiert, in ökonomischer Hinsicht trägt sein jüdischer Sozialismus noch den Stempel der marxistischen Orthodoxie. Statt den jüdischen Sozialismus der sozialen Struktur des jüdischen Volkes und speziell des jüdischen Proletariates anzupassen, wird immer von neuem von jüdischen Sozialisten der verschiedensten Schattierungen versucht, den Zionismus, respektive den Territorialismus durch den Marxismus zu begründen und durch eine solche unmögliche Synthese den jüdischen Sozialismus zu begründen. Gerade dadurch wird aber in der gesamten jüdisch-sozialistischen Bewegung ein Wirrwarr hervorgerufen, dem selbst ein so klarer Denker und gewandter Dialektiker wie Maxim A n i n nicht entrinnt. In seiner Broschüre: Der jüdische Sozialismus und seine Strömungen ruft er aus, Für das jüdische Volk müssen ja erst die normalen Bedingungen eines historisch erfolgreichen und sozial-schöpferischen Klassenkampfes geschaffen werden. Ist es nicht grenzenlos absurd, die territorialautonome Lösung der Judenfrage aus dem Grunde zu verwerfen, weil sie nicht auf dem Wege des Klassenkampfes erreicht werden kann? schuldeter Landjunker mißbraucht. Viel wichtiger als wirtschaftliche soziale Maßnahmen (Böhm hielt nicht nur Agrarisierung der Juden im Lande selbst, sondern auch Schaffung eines jüdischen Industriearbeiterstandes in Galizien für unmöglich) ist Führung einer richtigen Politik der Juden, die sich so eine bessere wirtschaftliche und soziale Position erringen können. Die nächsten politischen Ziele und das fernere Ziel, die nationale Autonomie, werden in dem Aufsatze des Näheren besprochen. Dr. Isaak Kohn (Advokat in Sereth.) Dieser Auior gibt eine eingehende Schilderung der galizischen Judennot nach allen Richtungen hin und führt den Nachweis, daß die Juden Galiziens Märtyrer ihres Judentumes sind und sich ihre unbeschreibliche Not nur aus diesem Gesichtswinkel erklären lasse. Die Enquete wurde nur einberufen „ut aliquid fecisse videatur“. Die geladenen Personen werden nur das sagen, was die polnischen Machthaber wollen. Alle Mittel, die man zur Sanierung vorschlagen wird, sind zwecklos, wenn sie nicht im Rahmen der Selbsthilfe auf Grundlage eines nationalen Judentumes zur Anwendung kommen. * * * Dr. Leon Kellner (o. ö. Universitätsprofessor, Czernowitz.) Schon die bloße Tatsache, daß die Enquete von der Landesbehörde einbeiufen wird, ist eine außerordentliche Ueberraschung und sehr zu begrüßen. Die beste Verwertung der Landesproduktion, die vorteilhafteste Versorgung mit den Produkten der Fremde — diese Aufgabe hat die geschichtliche Entwicklung den Juden in Galizien zugewiesen. Prof. Kellner belegt nun mit Exempeln, wie das christliche Volk von seinen geistlichen Politikern und politischen Geistlichen dazu erzogen wird, im Handel eine Ausbeutungsmaschine jüdischer Erfindung zu sehen. Er resümiert die von verschiedenen Seiten gemachten Vorschläge, denen er zustimmt und schließt: „Meine Vorredner bringen der Enquete geringe Hoffnungen und den Einberufern noch geringeres Vertrauen entgegen. Umso notwenaiger ist die Enquete. Wenn die Oeffentlichkeit einmal die Wahrheit über die Judennot in Galizien erfahren hat, wird die Öffentlichkeit dafür sorgen, daß die angeregte Aktion nicht im Sande verlaufe.“ * * * Dr. Alfred Lanzer, (Vizeobmann des „Jüdischen Nationalvereins für Oesterreich“.) Die Rundfrage kann nur beantwortet werden, wenn man ihr eine ideale Enquete zugrunde legt, denn es wäre unglaublich-naiv,'wollte man von den Veranstaltern der konkreten Enquete eine Förderung der Erkenntnis der wirklichen Ursachen de* Gewiß ist dies grenzenlos absurd! Aber es ist dies die logische Folge einer jener falscher Synthesen, unter denen sowohl die bourgeoisen wie die proletarischen Gruppen des jüdischen Volkes leiden. Hiermit haben wir unseren Standpunkt zu drei Vorkämpfern der jüdischen Moderne gekennzeichnet. ln dem engen mir zur Verfügung stehenden Raume kann natürlich nicht die ganze Weltanschaung Zollschans, Achers und Anins beleuchtet werden. Es war auch vollständig unmöglich, den gesamten Inhalt dieser drei, so verschiedene Materien der Judenfrage behandelnden Bücher in ihrem ganzen Umfange zu charakterisieren und entsprechend zu würdigen. Wenn man auch in verschiedenen Einzelheiten anderer oder gar entgegengesetzter Meinung ist als die Autoren der drei besprochenen Bücher, so muß doch jedes von ihnen als eine wertvolle Bereicherung des Materials zur Klärung einer der vielen umstrittenen Seiten der Judenfrage betrachtet werden. Dr. Zollschans Werk erfüllt diese Aufgabe speziell durch seine Behandlung und Auffassung der Rassenfrage, Mathias Acher in seinen Schriften kulturpolitischen Inhaltes und Anin durch Aufweisung der Zusammenhänge, die zwischen der Judenfrage sowie dem nationalen und sozialen Problem bestehen. Dr. Hermann K a d i s ch . Die Enquete. Die Enquete des galizischen Landesausschusses über die Not der galizischen Judenheit soll nun endlich zustande kommen. Es verlautet zwar, daß der Termin wieder verschoben wurde, aber die jüdische Oeffentlichkeit hat sich dieser Angelegenheit bemächtigt und die Herren werden wohl nicht mehr die Beratungen verzetteln können. ln der jüngsten Nummer unseres Blattes | haben wir an die seinerzeit von unserer Redaktion versendete Rundfrage erinnert und eine diesbezügliche, grundlegende Aroeit des jüngst verstorbenen Abg. Dr. Heinrich Gabel im Auszuge reproduziert. Da seit der Veranstaltung unserer Rundfrage mehr als ein Jahr verstrichen ist — die Veranstalter der Enquete haben inzwischen für gut befunden, die Konferenz auf die lange Bank zu schieben — erscheint es geboten, auch die anderen seinerzeit in der Jüdischen Zeitung“ veröffentlichten Antworten hervorragender Autoren zu rekapitulieren. Es kann natürlich mit Rücksicht auf den gebotenen Raum nur das Alierwichtigste hervorgehoben werden. ♦ * * Dr. Eugen Lewickyi. Der ruthenische Reichsratsabgeordnete Dr. Lewickyi bringt die Enquete in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Kampfe zwischen modernem Judentume und Assimilation in Galizien. Die angebliche Sanierungsaktion soll die Stellung der Assimilanten unter der Judenheit stärken. Sie wird nach seiner Meinung keinen positiven Erfolg haben, schon deshalb nicht, weil eine Sanierung der Judennot durch den Landtag — insbesondere bei seiner gegenwärtigen Zusammensetzung — überhaupt unmöglich ist. Die Judennot steht mit der allgemeinen Notlage des Landes im Zusammenhänge. Solange die Bevölkerung auf dem jetzigen niedrigen Kulturniveau absichtlich von den Machthabern erhalten wird, ist an eine materielle Hebung der Judenmasse nicht zu denken. Die sogenannte „Industrialisierung“ wird höchstens einzelnen finanziell kräftigen Elementen zustatten kommen, nicht aber dem jüdischen Volke. Abg. Dr. Arthur Mahler. (Jüdischer Klub.) Die Enquete, der man außerdentlich skeptisch gegenüberstehen muß, kann immerhin als ein günstiges Zeichen begrüßt werden. Zu fürchten ist aber, daß bei dieser Beratung die Politik eine größere Rolle spielen werde, als es sich mit den Gesetzen der Nationalökonomie vertrage. Die einzige Möglichkeit zur Bekämpfung der Judennot ist natürlich das erfüllte zionistische Programm. Als Palliativmittelaber ist einzig und allein die Schaffung von Verhältnissen zu betrachten, die schon im Lande die möglichst soziale Ausgestaltung des jüdischen Volkes bezüglich seiner Schichtung bewirkt: Im galizischen Judentume fehlt der Bauernstand, der Industriearbeiter, der Beamte. Eine Agrarisierung hält Dr. Mahler mit Rücksicht auf die exorbitanten Bodenpreise für ausgeschlossen. Dagegen könnte die jüdische Industriearbeit unendlich gefördert werden, wenn die Enquete die gesetzliche Zulassung der Sabbatruhe an Stelle der Sonntagsruhe bewirken würde. Dr. Mahler macht ferner konkrete Vorschläge in Bezug auf das Kreditwesen und die Erschließung neuer Berufe. $ * * Adolf Böhm (Präsident des zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich). Die Enquete muß leider so beurteilt werden, wie es Abg. Dr. Lewickyi tut. 86"« der christlichen Bevölkerung Galiziens (gegenüber 50° <> in Mähren, 40" o in Böhmen und 25" o in Niederösterreich) sind in der Landwirtschaft tätig. Die Juden, die 12% der Bevölkerung im Lande ausmachen, sind auf Handel und Handwerk beschränkt und haben angesichts dieser Verhältnisse einen zu geringen Spielraum. Daher die Ab- und Auswanderung; daher die große Bedeutung der zionistischen Arbeit, wenn man die sukzessive Absperrung sämtlicher immigrationsländer in Erwägung zieht. Die Not der Zurückbleibenden kann nur durch allgemeine Hebung des Landes gemildert werden. Eine Industrialisierung ist ausgeschlossen, solange nicht das Grundübel, die tristen Agrarverhältnisse — ein Drittel der landwirtschaftlich genutzten Bodenfläche ist Großgrundbesitz, der Rest furchtbar zersplittert — durch planvolle innere Kolonisation saniert werden. Das im Jahre 1905 beschlossene Rentengütergesetz werde aber zu nationalen Kampfzwecken (Polonisierung Ostgaliziens) und Rangierung ver-

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