Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1910-08-26 · 34 (26.8.1910) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438273-2438307--2036-2441675
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3888S NnTjML JJdgchg nsm ggg JUffHE ZBTUHG Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. - Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.— , Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige * ** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *- -s- -* * •«• *• -x- -a- * * * Np. 34. Wien, Freitag den 26. August 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Sozialdemokratie und jüdische Nationalität. Die Enquete. Verschärfung der Krise. Vom jüdischen Nationalfonds. Abermals der rote Schmock. Gedicht von Beda. Feuilleton: Drei Bücher. Von Dr. H. Kadi sch. Von der Woche. Parteinachrichten. Aus dem jüdischen Leben. V ereinsnachrichten. Ueberläufer. Sozialdemokratie und jüdische Nationalität. Dein Leser der sozialdemokratischen Parteipresse muß folgende Erscheinung auffallen. Die reichsdeutschen, englischen und amerikanischen Parteiblätter stehen der jüdisch-nationalen Bewegung sympathisch gegenüber, während die österreichischdeutschen und polnischen Sozialdemokraten sich in der Verunglimpfung der jüdischnationalen Idee und in ihrer Verketzerung als schwärzeste Reaktion und mittelalterlichen Fanatismus nicht genug tun können. Schon dieses verschiedene Verhalten der Partei derselben Erscheinung gegenüber beweist, daß nicht prinzipielle Gründe gegen die jüdisch-nationale Bewegung die österreichischen und polnischen Genossen zur Gegnerschaft zwingen. Denn wäre das der Fall, so müßte der weit prinzipienfestere „Vorwärts“ in Berlin den gleichen Standpunkt einnehmen. Es sind ganz andere Motive, welche die Macher der österreichischen und polnischen Sozialdemokratie zu Gegnern des Zionismus machen. Weder Klasseninteresse noch der Wunsch der Arbeiterschaft gebieten, den Zionismus zu verketzern und den jüdisch-nationalen Sozialdemokraten cjie Anerkennung als besondere nationale Gruppe innerhalb der internationalen Sozialdemokratie zu versagen. Der böswillige Haß gegen den Zionismus — denn das Verhalten der Genossen ist mit dem Worte Gegnerschaft nicht genügend charakterisiert — entspringt einer anderen Quelle : der Tatsache, daß an der Spitze der österreichischen und polnischen Partei jüdische Renegaten stehen. Als echte Renegaten können sie sich gleich den ihnen wesensverwandten liberalen und deutsch- oder polnischtiimelnden bürgerlichen Assimilanten zu keiner objektiven Würdigung der Forderungen der jüdischnationalen Arbeiterschaft aufschwingen. Die persönliche Animosität einer Bewegung gegenüber, die ihre Armseligkeit und ihre innere Verlogenheit aufdeckt, versuchen sie in den Mantel irgendwelcher konfuser und bei den Haaren herbeigezogener Theorien zu hüllen, in denen sie den Zionismus verleumden und sein inneres Wesen entstellen. Für Sozialdemokraten, besonders für die, welche nicht von israelitischen Genossen irregeführt sind, oder welche nicht wie Daszynski in Galizien ohne die Juden Offiziere mit dezimierter Armee bleiben würden, besteht nicht die Notwendigkeit, der Wahrheit aus dem Wege zu gehen und die Forderungen der jüdischen Arbeiter schlankwegs abzulehnen. Daher kommt es, daß in den reichsdeutschen „Sozialistischen Monatsheften“ des öfteren die Frage der jüdischen Sozialdemokratie behandelt, in einer der letzten Nummern sogar von Maxim Anin die Forderung nach Anerkennung der jüdisch-sozialistischen Parteien als besondere nationale Gruppe erhoben werden konnte. Maxim Anin verstand es in geistreicher Weise diese Forderung zu begründen und ihre Berechtigung jedem objektiv Denkenden zu beweisen. Doch hat er die Rechnung ohne die roten Mauschel und ohne die österreichische „Arbeiter-Zeitung“ gemacht. Es fand sich nämlich sofort ein russischer Bundist, der in der „Neuen Zeit“ die Anin’sche Forderung als unberechtigt verdammte. Das tat er etwa nicht aus prinzipiellen Gründen, sondern mit der Motivierung, eine Anerkennung der besonderen jüdisch-nationalen Arbeitergruppe wäre eine Konzession I an den Zionismus. Und dem Zionismus darf unter keiner Bedingung Recht gegeben werden, auch wenn die Tatsachen für ihn sprechen und die Wahrheit auf seiner Seite ist! So will es der Bundist, so wollen es die Mauschel sozialdemokratischer Kouleur. Diese sonderbare Moral, die in der „Arbeiter-Zeitung“ längst heimisch ist, bewog dieses Blatt, das sich Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie nennt, die Auslassungen der „Neuen Zeit“ flugs nachzudrucken und sie mit einigen Frechheiten und unverschämten Lügen einzubegleiten. Doch macht uns dieses Verhalten der Adler, Austerlitz, Diamant etc. nicht bange. Die Wahrheit muß doch siegen und der Tag ist nicht mehr fern, wo die internationale Sozialdemokratie von der Macht der Tatsachen bezwungen, die jüdische Nationalität anerkennen und der Assimilation, die sich im Mantel proletarischer und sozialdemokratischer Weltanschauung breit Drei Bücher. H Dieselbe Evolution aber, die in den zionistischen Reihen vor sich gegangen ist, vollzieht sich auch bei dem fortgeschrittenen Flügel der Territorialisten. Auch dort ringt sich die Erkenntnis von der Notwendigkeit praktischer Kolonisationsarbeit, Regelung der Emigration und zielbewußter, nationalkultureller, politischer, sowie ökonomischer Tätigkeit in der Diaspora allmählich durch. Maxim A n i n, ein Führer der sozialistischen Territorialisten, dokumentiert diese Entwicklung deutlich in nachfolgenden programmatischen Sätzen: „Durch Regulierung der jüdischen Wanderung zur planmäßigen Kolonisation eines geeigneten Territoriums. Durch diese Kolonisation zur Schaffung eines kompakten Kernes, mit gesunder, sozialökonomischer und national-kultureller Entwicklung. Durch die Schaffung dieses Zentrums materieller und geistiger Kultur zur verhältnismäßig freien national-kulturellen Entwicklung der jüdischen Minoritäten in der Diaspora.“ Die „Judenstaatlerei“ alten Stils mit dem Adnex der diplomatischen Aktionen, die Mathias A c h e r. bekämpft und die Dr. Z o 11 s c h a n aussichtslos erscheint, ist also auch für Maxim Anin genau so abgetan, wie für alle modern denkenden Zionisten. Maxim Anin genügt für den Zweck der ungestörten nationalen Entwicklung „ein gewisses Maß innerer national-politischer Autonomie, sei es in der Form eines Gliedstaates innerhalb eines Bundesstaates, sei es sogar einer autonomen Provinz oder Kolonie eines einheitlichen Staatswesens“. Was nun die politischen Tendenzen allerletzter Zeit betrifft, die auf die Nationalisierung der Juden hinarbeiten, so haben sie allerdings, wie Dr. Zollschan richtig bemerkt, noch nicht durchgegriffen, aber sie sind überall im Vormarsch begriffen. Ein großer Teil auch der österreichischen Juden, die sowohl den Zionismus, wie den Territorialismus ablehnen, bekennt sich schon zur jüdischen Nationalität und wünscht bereits eine jüdische Politik. Sympthomatisch ist es auch, daß sowohl Maxim Anin, der ein jüdisch-sozialistisches Programm vertritt, als auch Mathias Acher, welcher den jetzigen Kurs der jüdisch-nationalen Politik bekämpft, deren Hauptprogrammpunkt, die nationale Autonomie, als das Zentrum ihres eigenen, jüdisch-politischen Programmes betrachten und die Lösung des österreichischen Problems in Uebereinstimmung mit uns nur in der Schaffung eines national-föderativer. G r o ß - Österreich erblicken. Nach Maxim Anins Anschauung gehört sogar der Kampf für die bürgerlich-politische Voll- und Gleichberechtigung, sowie die Erlangung des Maximums, der in der Diaspora realisierbaren nationalautonomen Rechte zweifellos zu den „bedeutendsten I Aufgaben der jüdischen Demokratie“. Gerade in i Oesterreich aber eröffnen sich uns für eine nationale Politik in diesem Sinne die besten Aussichten. Schon jetzt, da noch die heftigsten Nationalitätenkämpfe in beiden Reichshälften toben, sind wir besser daran, als in einem nationalen Einheitsstaate, wo sich die nationalistische Brutalität mit voller ungeteilter Wucht auf uns werfen könnte. Hier können wir — meint auch Mathias Acher — „mit Erfolg für unsere nationale Selbstbehauptung und für den Durchbruch geläuterter Auffassung des Nationalismus wirken“. Die Aufgaben einer modern-nationalen Bewegung erschöpfen sich aber keineswegs in politischen Aktionen und Pflege der nationalen Kultur, sondern sie umfassen auch das gesamte Gebiet der Sozialpolitik. Die wirtschaftliche Judennot erheischt eine großzügige sozialreformatorische Arbeit. Die Wege hiezu hatuns FranzOppenheimer gewiesen, die Notwendigkeit, sie ungesäumt und mit aller Energie zu betreten, ergibt sich aus dem sozialen Elend der jüdischen Volksmassen von selbst, das uns Dr. Zollschan in seinem Werke so meisterhaft schildert. Sein Buch ist eine unerschöpfliche Quelle für die jüdische Sozialpolitik, die klarste Widerlegung aller jener, welche Judentum und Kapitalismus identifizieren. Den Weg zur Befreiung des jüdischen Volkes aus der Sklaverei des Kapitalismus zeigt uns aber Dr. Zollschan ebenso wenig, wie Mathias Acher und Maxim Anin, ein so warmes soziales Empfinden alle drei besitzen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.