Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 haupt mit Vermittlung und Austausch von Waren, Geld usw, befaßt. 10. Durch die allgemeine Verschlechterung der ökonomischen Lage im Lande. IV. ln welchen Richtungen soll sich die Sanierung der Erwerbsmöglichkeiten und der kulturellen Zustände der Juden bewegen? Wäre es_ nicht praktisch, 1. einzuführen und zu unterstützen in den Städten diejenigen Zweige der Hausindustrie, für welche sich die .-Juden am besten eignen (z. B. Schneiderei, Stickerei, Spitzenarbeiten, Modistenarbeiten usw.), und wenn ja, soll sich die Hilfsaktion des Landes hierbei auf die bereits bestehenden selbständigen Organisationen (Hilfsvereine) stützen, oder soll die Landeshilfsaktion eine selbständige sein? 2. zu erleichtern die Erlangung von Kredit an jüdische Handwerker und kleine Kaufleute, um ihnen das nötige Betriebskapital zu verschaffen, wenn ja, inwiefern wäre es dann nötig, die Kapitalien, die in kleinen jüdischen Kreditvereinen und Kultusgemeinden für solche Zwecke zersplittert vorhanden sind, in ein Zentralinstitut für das ganze Land zu vereinigen? Im letzteren Falle, in welchem Verhältnis soll diese Institution zum Lande und zur Zentralregierung stehen, oder soll sie an die Landesorganisation der Kultusgemeinden angelehnt werden? 3. Den Arbeitermassen die Erlangung von Arbeitsgelegenheit zu erleichtern und wäre in diesem Falle die Schaffung jüdischer Arbeitsvermittlungsbureaus, wie sie bereits in anderen Ländern in einzelnen Kultusgemeinden bestehen, erwünscht oder könnten die bereits bestehenden Landes- und Bezirks- Arbeitsvermittlungsbureaus diese Aufgabe erfüllen? 4. Zu stützen die Verbreitung der Aufklärung im Wege der Baron Hirsch’schen Schulen, Fröbelschulen und Kindergärten, wenn ja, in welcher Form wäre die moralische und materielle Unterstützung seitens des Landes und der Regierung erwünscht? 5. Zu fördern die Vermehrung und Vermannigfaltigung der Erwerbsquellen der galizischen Juden im Handel und vielleicht gar in der Landwirtschaft? Im letzteren Falle, in welchen landwirtschaftlichen Produktionszweigen? V. Ueben etwa einen ungünstigen Einfluß auf die ökonomische Lage der galizischen Juden 1. das Hausiergesetz? 2. das Gesetz über die Sonntagsruhe? 3. die 'Aenderung des Propinationsrechtes? und welche Mittel sind erforderlich, um die Uebelstände in dieser Richtung zu beseitigen? VI. Ist die Gewährung rascher Hilfe an die in Notlage befindliche jüdische Bevölkerung empfehlenswert? Wenn ja, in welcher Richtung und in welcher Form soll dies durch das Land, beziehungsweise durch den Staat geschehen? VII. Rechnend mit der Tatsache der jüdischen Emigration aus Galizien soll diese nicht auf rationelle Wege geleitet werden? Wenn ja, in welcher Form und welcher Richtung soll das Land oder der Staat dabei mithelfen? VIII. Gibt es noch andere Hilfsmittel und welche? IX. Ob und in welcher Richtung beeinflußt die einseitige ökonomische Lage der galizischen Juden die allgemeinen ökonomischen Verhältnisse im Lande? In dem Rundschreiben wird ferner gefragt, ob eine spezielle Landes- oder Staatshilfsaktion für die Juden in Galizien mit Rücksicht auf den ausgesprochenen konfessionellen Charakter einer solchen Aktion erwünscht ist oder ob nicht die Hilfsaktion auf alle Bevölkerungsschichten in den kleinen Städten und Dörfern sich erstrecken soll. Dem Fragebogen ist ein Motivenbericht beigegeben. Zur Enquete. (Der Fragebogen.) Die Frucht der L’öwensteinschen Interpellation im galizischen Landtage liegt nun in 10 Fragen vor uns und wir können nunmehr das Arbeitsterrain überblicken, welches umzupflügen sein wird. Jedem Kenner wird beim Studium dieses Quästionärs ein Doppeltes bewußt werden. Einerseits ist eine Fülle von Fragen nicht aufgeworfen worden, deren Lösung dem krassen galizischen Judenelend abhelfen könnte — vorausgesetzt, daß die kompetenten Landes- und Reichsbehörden die bezüglichen Beschlüsse auch gewissenhaft und ehrlich durchführen würden. Anderseits aber wurden in dem Fragebogen Jene Seiten der galizischen Judennot gänzlich vergessen, welche seit der Freiheitsära mit der Einsetzung des Landesausschusses entstanden sind und auf unsere jüdische Intelligenz katastrophal wirken. Demgemäß erscheint es uns als heilige Pflicht, noch folgende Fragen rechtzeitig aufzustellen und um deren Beantwortung zu bitten. L Weshalb soll die jüdische Intelligenz vor der nicht jüdischen in allen Stücken zurückgesetzt werden a) in der Landesverwaltung. Gibt es unter den galizischen Juden keine Intelligenz zur Besetzung der Posten in der Landesverwaltung? In welchem Staats¬ oder Landesgesetze ist die Begründung dafür zu suchen, daß jüdische Techniker, jüdische Buchhaltungs- und Rechnungsbeamte, jüdische Juristen vom Landesdienste so hartnäckig ferngehalten werden? Hat der Landesausschuß unter den galizischen Juden keine geeigneten jüdischen Kräfte für die Landesbank? b) Gibt es keine verläßliche ausgediente jüdische Unteroffiziere, welche die Stelle von Kanzleidienefn versehen könnten? II. Mit welchem Rechte nimmt der Lemberger Magistrat alle Posten für seine polnischen, christlich katholischen Glaubensgenossen in Anspruch? III. Wie kann es nur gerechtfertigt werden, daß die Verwaltung des Staatsdienstes die Juden von den Aemtern des Polizeiwesens, der Statthalterei, der Finanzwachmannschaft gänzlich ausschließt, daß ferner das Gerichtswesen so ängstlich vor jüdischen Richtern bewahrt wird? Hat etwa der Staat mit den jüdischen Elementen [ schlechte Erfahrungen gemacht? Dr. Zollschans über das Verhältnis der Rasse zur Sprache. Aber auch in einer Reihe von anderen Punkten stehen Zollschan und Dr. Birnbaum (Mathias Acher) auf einem diametralen Standpunkte. Zollschan stellt sehr stark generalisierend die Behauptung auf: „Wenn es den Juden der Diaspora nicht schlecht geht, führt sie die dann eintretende Assimilation über Taufe und Mischehe aus dem Judentum hinaus“ und „um die Juden dem Judentum zu erhalten“, nur zwei Mittel erblickt: äußeren Druck oder die Aufhebung der Diaspora (an die er nicht glaubt). Gegen diese ins Jüdische übertragene Katastrophentheorie ist es eine Art Reaktion, wenn Dr. Birnbaum ausruft: „Im übrigen ist dasGolus für die jüdische Renaissancebewegung nichts weniger als unentbehrlich. Sie wurzelt nicht in der Golusidee, sondern in der unverwüstlichen Triebkraft der jüdischen Volksseele. Der Typus „jüdischer Mensch“ will einfach nicht von der Weltbühne abtreten, sondern seine lange geschonten und gesammelten Kräfte zu neuer Ausgabe bringen. Weder die Assimiljerung noch das Ende des Golus im Golus können diesem großen neuen Triebleben etwas anhaben“. Mathias A c h er hält es für ebenso naheliegend als durch sich selbst gerechtfertigt, wenn jüdischerseits eine Konzentration in Palästina geplant wird, hält es aber für überflüssig, für die Wahl dieses Landes Beweise „aus einem angeblich ewigen und absoluten Golus und aus einem angeblichen Bedürfnis nach einem jüdischen Kulturzentrum“ abzuleiten“. Was trennt ihn also vom politischen Zionismus? „Der politische Zionismus drängt die Juden zu einer mehr oder weniger ablehnenden Stellungnahme gegenüber den großen allgemeinen Bewegungen der Zeit und macht sie blind dafür, daß sie mit dem Hauptteil ihres materiellen und nationalen Wohles auf jene angewiesen sind. Er erfüllt sie mit eben so unbegründeter Skepsis gegen die notwendigsten nationalen Wohlfahrts- und nationalen Kulturmaßnahmen in den Golusländern. Er wird der Palästinaarbeit selbst nicht gerecht, indem er aus seiner unbedingten Golusfeindlichkeit heraus nicht Zeit hat, an der Schaffung von Grundlagen für eine organische Lösung zu arbeiten.“ Diese hier von Mathias Acher gegen den politischen Zionismus erhobenen Einwürfe sind insoferne durch die Entwicklung gegenstandslos geworden, als die einsichtigen Elemente für kulturelle, politische und soziale Arbeit in ihrer Heimat und im Sinne der Oppenheimer’schen Siedlungsgenossenschaft für eine praktische Arbeit in Palästina eintreten. (Fortsetzung folgt.) In Anbetracht dessen, daß selbst die Wiener Zentralregierung in den Händen der galizischen Allpolen liegt — Wiener Antisemiten abgerechnet — trägt sichs überhaupt: Liegt ein Fünkchen Wahrhaftigkeit in dieser löblichen Enqueteabsicht? Will die polnische Herrschaft der galizischen Judenschaft helfen, weshalb jagte sie alle jüdischen Petenten fort, weshalb muß jeder Jude sein innerstes Gefühl verletzen, seine angestammte religiöse Ueberzeugung verleugnen (und infam verleugnen), um als charakterfester Christ zu einem Amte zu gelangen? Wir fragen: Wie lange noch wird der Klerikalismus das bessere und edlere Menschheitsgefühl in den allpolnischen Machthabern vernichten — und in ihnen jenen russisch-tyrannischen Zarismus großziehen, den sie selbst verdammen? Dr. Rüben Bierer. Von der Woche. Kaiser Franz Josef I. In voller Rüstigkeit begeht der Herrscher dieses Staates seinen achtzigsten Geburtstag. Zweiundsechzig Jahre schon steht er an der Spitze eines großen Reiches und hat in dieser langen Zeit viel erlebt und viel erlitten. Seine Erfahrungen reichen von der Mettemich’schen Reaktionszeit bis zum allgemeinen Wahlrecht. Manches hat sich im Laufe seines Lebens verändert. Im Geburtsjahre des Kaisers waren die Juden auch rechtlich Bürger letzter Klasse. Sie durften nicht überall wohnen und waren mannigfachen Beschränkungen unterworfen. Heute ist es — trotz Antisemitismus und Reaktion — dennoch besser geworden. Daß es so kam ist nicht zuletzt das Verdienst unseres Kaisers, dessen größtes Lob wohl darin besteht, daß er die Forderungen der Zeit zu würdigen verstand. Oft hat der Monarch seinem Gerechtigkeitssinn, der auch die Juden einschließt, in Tat und Wort Ausdruck gegeben. Darum vereinigen sich an seinem achtzigsten Geburtstage die Wünsche der Juden mit denen der anderen Völker, daß es dem Kaiser vergönnt sei, noch viele Jahre zum Wohle seines Reiches in ungeschwächter Kraft zu wirken. * * * Die Enquete. Zum zweitenmale wird am 12. September dieses Jahres in Lemberg eine Enquete über die Notlage der galizischen Juden und über die Maßnahmen, dieser Not zu steuern, abgehalten werden. Vor 18 Jahren fand eine ähnliche Enquete statt, die mit Annahme vieler Beschlüsse endigte, welche aber nie zur Durchführung gelangten. An der Enquete, heißt es, werden alle maßgebenden Faktoren, jüdische Politiker, hervorragende Kenner der Verhältnisse, Journalisten, Kultusvorsteher, Industrielle und andere teilnehmen. Die Beratung wird nur einen Tag in Anspruch nehmen. Die zur Verfügung stehende Zeit scheint in Anbetracht der wichtigen Frage lächerlich gering bemessen. Immerhin: Man kann auch an einem Tage viel Ersprießliches sagen und hören, wenn die Experten von ehrlichem Willen beseelt sind, der Sache und nur der Sache, um die es sich handelt, zu dienen und alle anderen Gesichtspunkte beseite schieben. Es ist daher im Interesse der Juden dringend geboten, daß keine einseitig-parteiischen Richtungen allein zu Worte kommen. Jeder, der im jüdischen Leben wirkt, hat das heilige Recht, seiner Meinung Ausdruck zu geben. Hoffentlich wird der Landesausschuß dieser Forderung genügen und unbekümmert darum, ob es Freisinnige, Orthodoxe, Zionisten oder Assimilanten sind, alle zur Teilnahme einladen, die das jüdische Leben im Lande aus eigener Anschauung kennen. Wir wünschen nur, daß geeignete Beschlüsse gefaßt werden und daß die Aktion nicht, wie die vom Jahre 1892 im Sande verlaufe. Unaufhörlich muß darauf gedrungen werden, daß die Enquete, vielleicht auch gegen den Willen der Einberufer, nicht nur Komödie bleibe, sondern daß sie tatsächlich dazu beitrage, die Lage unserer hungrigen und notleidenden Brüder in Galizien zu verbessern.