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Jüdische Zeitung · 1910-08-19 · 33 (19.8.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite r> 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 33 beiter fast ums Doppelte die Anzahl der Arbeiter im Warenhandel. Mangels einer vergleichenden Berufsstatistik fällt es schwer, die Progression des Anteiles der Juden'in der Industrie und'im Handwerk; zu beurteilen, aber die absoluten Zahlen weisen nach, daß dieser Anteil ein bedeutender ist. Neben 155.298 in der Industrie und im Handwerke beschäftigten Christen sind darin 73.206 Juden, (zu vergleichen mit den 81.617 im Handel beschäftigten) tätig, von der Industrie und vom Handwerke leben im Ganzen, d. h. Erwerbstätige und deren Familien, 232.917 Personen (vom Handel 279.571). Von allen, in der metallurgischen Industrie in Ostgalizien beschäftigten Personen, sowohl Juden als auch Christen — bilden die Juden 56.9°jo — in der chemischen Industrie 56.7% — in der Produktion der Lebensmittel-Artikel 53.8% — in der Papierbranche und in der Lederbranche 52.8°jo, in der Kleiderkonfektion 41.2°[o, in der Weberei 28.3* <> — usw. Dagegen ist in Westgalizien der perzentuelle Anteil der Juden in der Industrie ein bedeutend schwächerer (von 32°jo bis 20°jo). Aus den obigen Ziffern ergibt sich, daß die aus dem Handel und den ihm verwandten Berufen inimer mehr verdrängten Juden durchaus nicht gänzlich entgleisen, sondern sich selbst auf neue Berufe werfen, obwohl von denen im Allgemeinen angenommen wird, daß die Juden sich zu denselben nicht eignen. Aber dieser Kampf, den die Juden um die Eroberung neuer Erwerbsmöglichkeiten führen, wird ohne jedweden Plan, ohne vorhergehende Beratschlagung mit Fachkundigen, ohne irgendwelche Verbände und einzeln geführt. Wieviel Kräfte in diesem Kampfe vergeudet, wieviel Existenzen hiebei ruiniert werden, das ist leicht zu ermessen, wenn hiebei erwogen wird, daß von Seite der Behörde und der Gesellschaft, welche im allgemeinen jedem christlichen Geweibetreibenden oder Handwerker zu Hilfe kommen, der jüdische Gewerbetreibende oder Handwerker immer nur Chikanen, Schwierigkeiten, Unlust und Abwehr zu erwarten hat. Deshalb dürfte es wohl praktischer sein, an Stelle einer allgemein-jüdischen Landesenquete, eine Anzahl besonderer Spezialenqueten für jede Gruppe der verwandten Gewerbe einzuberufen, da es dann möglich wäre, bei solchen Spezialenqueten jeden einzelnen Beruf individuell zu besprechen sowie die Bedingungen seiner Entwicklungsmöglichkeit und der demselben zu gewährenden Hilfe ausfindig zu machen. Der Rettungsplan. Insoweit es sich nun darum handelt, einen allgemeinen Rettungsplan zu entwerfen, so glaube ich: Der Schwerpunkt liegt darin, daß die Juden vom Handelsberufe zur Industrie und zum Handwerke überführt und diese beiden Erwerbszweige gehoben werden müssen. Aber dieser Prozeß kann meines Erachtens aus allgemeinen und individuellen Gründen, nicht anders als nur durch eine starke und strikte Anlehnung ans Ausland vor sich gehen. Die allgemeinen Gründe liegen darin, daß im Lande selbst die Entwicklung einer selbständigen Industrie, für lange Zeit ganz unmöglich, oder zu mindestens sehr unwahrscheinlich ist. Die Bevölkerung in Galizien ist zumeist eine ackerbautreibende und die Landespolitik ist daher auf die Unterstützung der Landwirtschaft gerichtet, während die Industrie, dort wo sie mit der Landwirtschaft in Kollision gerät, was naturgemäß ziemlich häufig geschieht, unterdrückt und auch sonst stiefmütterlich behandelt wird. Judentum noch resistent machen, warum dann nicht im Gegenteil gerade darauf hinarbeiten, daß die judenheit möglichst schnell sich auflöse . . . „Aber der offizielle jüdische Nationalismus schöpft ja seine Berechtigung gerade aus dem Umstande, daß die jüdische Nation nicht sterben, d. h. sich nicht völlig assimilieren könne. Wie wir jedoch sehen werden, beruht dieser Gedankengang auf unrichtigen Voraussetzungen.“ Dafür ist Dr. Zollschan den Beweis schuldig geblieben. Dagegen bestätigen Max A n i n und Matth i a s A c h e r, die doch keineswegs zu den Vertretern des „offiziellen jüdischen Nationalismus“ gehören, die Richtigkeit des Argumentes betreffs der Unmöglichkeit der Assimilation. Maxim A n i n hält, abgesehen von „ihrer“ inneren moralischen Verwerflichkeit, die Assimilation der Juden mit ihrer Umgebung aus rein praktischen Gründen für eine Unmöglichkeit Es sind dies die sozialökonomische und kulturelle Abgesondertheit der osteuropäischen Juden, die keine Tendenz zeigt, mit der weiteren kulturellen und sozialen Entwicklung der osteuropäischen Staaten abzunehmen, sondern eher sich zu verschärfen.“ Mathias Acher aber meint, „daß einzelne, aber nicht Massen in unserem Zeitalter sich assi- Gleichzeitig aber! entwickelt sie Industrie außerhalb des Landes, die Produkte derselben gelangen in die entferntesten Winkel des Landes und erschweren so jedwede inländische Gewerbeproduktion schon iri ihren Uranfängen. — Sie schaden aber auch dem inländischen Handwerke. — Denn gegenwärtig kann sich der Handwerker nicht darauf beschränken, seine Erzeugnisse nur auf Bedeckung und nur für den Lokalbedarf herzustellen, sondern um existieren zu können, muß er auf Vorrat und für den Außenmarkt arbeiten. — Auf diesem Gebiete begegnet er jedoch auf Schritt und Tritt dem billigeren und für das konsumierende Publikum leichter zugänglichen, weil ja in Betreff der Verkaufsmöglichkeit besser organisierten ausländischen Fabrikanten. Der Handwerker ist solch einer Konkurrenz ni cht gewachsen und muß ihr unterliegen. Sein Ruin ist somit unabwendbar. Dem allem nach könnten somit die Gewerbe zumal das Kleingewerbe und das Handwerk, nur dann bestehen, wenn sie diesen Zuständen auf halbem Wege entgegengehen und sich ihnen anpassen werden, wenn sie sich also entweder zu solch mächtigen Verbänden zusammenschließen, daß sie im Stande wären, mit den außerhalb des Landes fabriksmäßighergestelltenErzeugnissen zu konkurrieren und die letzteren zu verdrängen, woran aber zu glauben mir sehr schwer fällt (wenn man die sehr triste Lage des galizischen Gewerbes und die niedrige Bildungsstufe unsererer Handwerker kennt) oder aber, wenn sie ihre Produktion mit jener der großen Fabrikanten und Gewerbetreibenden in Verbindung bringen. Dieser letztere Weg wäre durchaus kein neuer und beruht er darauf, daß der Kleingewerbetreibende oder der Handwerker oder auch ganze Gruppen derselben Halbfabrikate erzeugen, welche dann in die Fabriken gelangen und dort ihre fabriksmäßige Ausfertigung und Fertigstellung erhalten oder auch so, daß die Gewerbetreibenden und Handwe;kervon den Fabriken selbst schon fertige Halbfabrikate bekommen, welche sie dann ausfertigen, indemsie denselben den Stempel einer individuellen Arbeit verleihen. Eine derartige Anpassung an den fabriksmäßigen Großbetrieb finden wir in Böhmen, in der Schweiz und in Süd- und Mittel- Deutschland, wo auch eine umfangreiche, gerade diesem Zweige der Nationalökonomie speziell gewidmete Literatur entstanden ist. Die Anlehnung des jüdischen Kleingewerbes und Handwerkes an große inländische Fabriken ist aber unmöglich, weil eben letztere im Lande nicht vorhanden sind und auch noch aus dem Grunde, weil die polnische Gesellschaft die Entwicklungsbestrebungen' unserer Gewerbetreibenden und Handwerker ungern sieht oder sie überhaupt werktägig nicht unterstützt — und das ist eben jener individuelle Grund, desssentwegen die galizische Judenschaft sich an die außenlädischen Produktionen stützen muß. Wenngleich die Verbindung der jüdischen Produktion in Galizien mit der Großproduktion außerhalb des Landes auf den ersten Blick als ein unmögliches Beginnen erscheinen dürfte, so sind dennoch kleine, wenn auch bescheidene Anfänge solch’ einer Verbindung hierlands schon vorhanden. Es befaßt sich damit der „Galizische Hilfsverein in Wien“, und dessen Aktion hat auch schon in vielen Fällen die Unterstützung der Fabrikanten und Gewerbetreibenden gefunden, zumal, insoweit die Letzteren — Juden waren. Es wäre also nur noch nötig, diese Aktionen zu vertiefen, zu verbreiten und zu verallgemeinern, sowie dieselben aufeineumfangreicheßasiszustellen. Daß.dem jüdischen. Kleinhandel nur, durch die Gewährung eines billigen Kredites^ welcher naturgemäß nur vom Ausland kommen kann, aufzuhelfen möglich ist, das wurde schon öfters in diesem Blatte erörtert. Auch der landwirtschaftliche Erwerb, angenommen, daß früher entsprechende Landesverbände gebildet werden, kann nur durch einen gesicherten Absatz seiner Produkte im Auslande auf eine rationelle Basis gestellt werden. Die hiemit vorgeschlagenen Wege sind zweifellos beschwerlicher Natur, und oft werden sie nicht denjenigen Erfolg und Wohlstand nach sich ziehen, den wir der jüdischen Bevölkerung in Galizien gern wünschen möchten, aber von den vielen Mitteln, dem jüdischen Elende zu steuern, ist dieser Weg meines Erachtens der vielleicht noch am ehesten gangbare und erreichbare. Hiebei zählen wir selbstverständlich auf die werktätige Beihilfe und auf denguten Willen unsererGlaubensgenossen außerhalb des Landes, unserer Fabrikanten, Gewerbetreibenden und überhaupt der sozial geschulten und von den sozialen Aufgaben durchdrungenen Männer, und diese Hilfe sollte umso früher geleistet werden, als ja die galizische Judenschaft trotz der in ihr schlummernden, tüchtigen Kräfte und trotz der ihr angeborenen Entwicklungsfähigkeit, — ohne diese Hilfe, — zweifellos in den Abgrund des Elendes stürzen und zum ökonomischen Untergange verurteilt sein w i r d.“ Der Fragebogen. Es liegen nunmehr die Fragen vor, die seitens der Enquete über die galizische Judennot. weiche am 12. September stattfindet, zu beantworten sein werden. Das Rundschreiben enthält folgende Punkte: I. Wie ist die ökonomische Lage der Juden in Galizien beschaffen und kann auf Grund dieser Lage festgestellt werden, daß die jüdische Bevölkerung in Galizien verarmt? II. Welche sind die Erscheinungen dieser Verarmung und erstrecken sie sich: 1. auf die ganze jüdische Bevölkerung oder bloß auf gewisse Teile, Kreise, Bezirke oder Ortschaften? 2. auf die ganze jüdische Bevölkerung oder bloß auf gewisse Berufs¬ oder soziale Kreise? .III.. Welche,,.sind die Ursachen dieser Verarmung und insbesondere wie weit wird diese Verarmung beeinflußt durch folgende ökonomische und soziale Erscheinungen im Lande: 1. Uebervölkerung im Allgemeinen und jüdische Uebervölkerung im Besonderen? 2. Durch Verarmung der ganzen Landbevölkerung? 3. Durch Mangel an Kultur und Aufklärung bei der jüdischen Masse (Cheder-System usw.)? 4. Durch die Verschuldung des tabularischen Grundbesitzes? 5. Durch überspanntes Parzellierungsverfahren? 6. Durch Zerstückelung des Rustikal- Grundeigentums? 7. Durch die große Entwicklung der Selbsthilfe bei den Bauern, besonders durch Gründung von Kreditorganisationen (Raiffeisen- Kassen usw.) und Handelsorganisationen (bäuerliche Konsumgenossenschaften)? 8. Durch den Niedergang des Handwerks und den Mangel an Industrie? 9. Durch die Einseitigkeit des jüdisch-ökonomischen Lebens, das sich hauptsächlich mit Handel und übermilieren können, denn jene absolute Passivität und Abwesenheit jedes nationalen Empfindens und Bewußtseins, welches die Assimilation voraussetzt, waren bei einzelnen Individuen gegeben, niemals bei den breiten Massen des jüdischen Volkes“. Er verweist auf die letzte große von Frankreich und Deutschland ausgehende Assimilationsbewegung des 19. Jahrhundert und meint, daß das Wenige, was erreicht wurde gar nicht Assimilation im üblichen von ihren Anhängern soverstandenenSinne einernationalenAnpassungist, sondern dem Gebiete einer wesens verschiedenen Assimilation angehört. Wir finden nämlich, wenn wir die sozusagen assimilirtesten Juden mit ihrer Umgebung vergleichen, daß sich Aehnlichkeit der Anschauung und des Gemütslebens nur in jenem Kreise von Ideen und Empfindungen zeigt, die'allen europäischen Kulturvölkern gemeinsam ist, daß sie aber fast ganz dort mangelt, wo es sich um nationale Specifica der einzelnen Nationen handelt Was aber das Verhältnis der jüdischen Religion zur jüdischen Nation betrifft, meint Mathias Acher: Es ist gar nicht wahr, daß sich die jüdische Nationalität vorzüglich durch die Religion erhalten habe, wie es überhaupt unrichtig und ein ideologischer Irrtum ist, die jüdische Religion als Primäre und die jüdische Nationalität | als das Sekundäre anzusehen. Der Mensch schafft sich seine Götter, das Volk in seiner natürlichen Eigenart gibt sich seine Religion. Die feste Grundlage der Nationalität ist aber nach Mathias Achers Ansicht wohl immer und überall die Rasse, eine einheitliche oder Mischrasse. Dadurch aber, daß sich die Rasse auf ihrem Entwicklungswege veredelt, daß sie durch die Rassenkultur geht, wird sie Nationalität. Die Nationalität hat an sich aber nichts mit dem Staate und nichts mit der Sprache zu tun. Gehören aber Staat und Sprache nicht zum eisernen Bestände der Nationalität, dann gibt es keinen Zweifel an dem gegenwärtigen Bestände der jüdischen Nationalität. Uebrigens erklärt auch Dr. Zollschan: Die Rasse und die Sprache sind zwei verschiedene Welten. Eine und dieselbe Rasse kann sich vieler Sprachen bedienen, wie ein und dieselbe Sprache das Eigentum verschiedener Rassengruppen sein kann. Dagegen lesen wir auf Seite 34: Als Volk, als Nation im ethnographischen Sinne haben die Juden vor etwa 2000 Jahren aufgehört zu bestehen. Heutzutage sind die westeuropäischen Juden keine vollen Juden mehr, sondern Deutsche, Franzosen, Engländer oder Portugiesen mosaischer Konfession. Dieser Satz zeigt nicht nur den scharfen Gegensatz zwischen Dr. Zollschan einerseits und Mathias Acher, sowie Max Anin anderseits, er steht auch im Widerspruche zur früher zitierten Anschauung

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