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Jüdische Zeitung · 1910-08-19 · 33 (19.8.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NHTIDNnL -JÜDISCHES DRÖHN HggC ■■■■ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und lnseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Gahzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5—.Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige **■***#■»■»*•»«•*•»** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 33. Wien, Freitag den 19. August 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: [ Die Enquete des galizischen Landesausschusses: Zur Enquete. Von Dr. Heinrich Gabel. Der Fragebogen. .Ergänzungsfragen. Von Dr. Rüben B i e r e r. Kaiser Franz Josef 1. Feuilleton: Drei Bücher. Von Dr. H. Kadi sch. Von der Woche. Lebensversicherung und Nationalfonds. Von Max W o 11 n e r. Aus dem jüdischen Leben. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Die Enquete über die galizische Judennot. Vor mehr als Jahresfrist brachten wir die Nachricht von einer bevorstehenden Enquete über die Not der galizischen Judenheit. Gemäß einem Beschlüsse des galizischen Landtages, der im Jahre 1907 gefaßt wurde, hat nämlich der Landesausschuß die spezifisch-galizische Judenfrage ~ztrstudieren und konkrete Vorschläge zur Abhilfe zu unterbreiten. Eine Konferenz „kompetenter“ Faktoren soll den Landesausschuß für sein. Elaborat informieren. Diese Konferenz hätte nun im Vorjahre stattfinden sollen, wurde aber auf die lange Bank geschoben und ist nunmehr für den 12. September dieses Jahres festgesetzt worden. Ein Fragebogen, den wir tiefer wiedergeben, wurde bereits an die Experten versendet. Die „Jüdische Zeitung“ hat nun im Vorjahre an hervorragende, führende Juden und Nichtjuden eine Rundfrage versendet, die folgenden Wortlaut hatte: Drei Bücher. Von Dr. Hermann Kadisch. Der Satz des Philosophen Herakleitos: Panta rhei, alles fließt, bewahrheitet sich besonders im politischen und sozialen Leben der Völker. Hier gibt es keine für alle Zeiten richtigen Programme und Theorien. Darum muß jede moderne Bewegung immer von Neuem ihre theoretischen Grundlagen überprüfen; sie muß an der Hand der praktischen Erfahrungen alles Rückständige und Veraltete ausscheiden und durch Revision ihres Programmes Theorie und Praxis in Einklang bringen. Natürlich geht dies nirgends ohne Kampf ab. Die „Praktiker“, denen oft die organisatorischen Formen alles und der Inhalt nichts bedeuten, sind in allen Bewegungen entsetzt, sobald Zweifel von Seite der Theoretiker über die Richtigkeit eines Programmpunktes oder auch nur einer bestimmten Taktik geäußert werden. Sie befürchten stets eine „Lockerung“ oder „Sprengung“ der Organisation, zu deren Erschütterung gerade jene Dogmatiker am meisten beitragen, die sich immer einbilden Praktiker zu sein und das Leben der Völker mit ihren mannigfachen Bedürfnissen, ihrem entwicklungsfeindlichen, kleinlichen, parteitaktischen Getriebe subordinieren wollen. Eine solche Taktik rächt sich aber immer, sie verbindet wohl die Evolution in einer Bewegung, zeitigt jedoch eine Versumpfung, der früher oder später eine Katastrophe folgt. Eine rein agitatorische und or- 1. Welche Bedeutung ist der Aktion des galizischen Landtages überhaupt beizumessen? 2. Welcher Erfolg ist insbesondere von der Enquete zu erwarten? 3. Welche Mittel wären Ihres Erachtens die einzig geeigneten, um der galizischen Judennot entgegenzuwirken? Von den zahlreich eingelaufenen Antworten wählten wir die Aeußerungen folgender Persönlichkeiten: Maxim A n i n, Adolf Böhm, Dr. Nathan Birnbaum. Mathias A c h e r, Abg. Dr. Heinrich Gabel, Prof. Dr. Leon Kellner, Dr. Isaac K o h n, Dr. Alfred Lanzer, Abg. Dr. Eugen L ewicky und Abg. Dr. Arthur Mahler zur Veröffentlichung, die fortlaufend im Vorjahre in diesen Blättern erschienen. Die Fragen 1 und 2 wurden von sämtlichen Autoren durchaus skeptisch beantwortet. Nur Gg. Prof. Dr. K e 11 n e r äußerte sich über die Bedeutung der Aktion in sehr günstigem Sinne und war von besten Hoffnungen erfüllt. Möge er gegenüber den anderen Recht behalten. Bezüglich der dritten Trage — die natürlich nunmehr die wichtigsteist — wurde von den Genannten ein bedeutendes Material vorgelegt. Alle haben — jeder in seiner Art — den Kern herausgeschält und wir können den Interessenten nur anraten, die Elaborate nachzulesen.* *) Da aber die Konferenz in unmittelbare Nähe gerückt ist und wir der Meinung sind, die Angelegenheit müsse in der jüdischen Oeffentlichkeit mit Ernst und größter Intensität behandelt werden, damit die Enquete zu einer Sache der gesamten jüdi- *) Eine zusammenfassende Rekapitulation der Antworten behält sich die Redaktion vor. ganisatorische Tätigkeit nach außen ohne Innenarbeit kann auf die Dauer in keiner Bewegung genügen. Daß ohne Verinnerlichung sowie Schulung der Mitglieder und ohne Ausbau der Theorie sowie aller Teile des Programmes — entsprechend den wechselnden Bedürfnissen — keine Organisation auf die Dauer lebensfähig ist, beweist auch die Geschichte der österreichischen Parteien aller Nationen. Aus dieser muß auch die jüdische „Moderne“, deren Ziel janichtallein die Verwirklichungeiniger Programmpunkte, sondern die Renaissance des jüdischen Volkes ist, die richtige Konsequenz ziehen. Sie muß daher begrüßen, was diese fördert, alles aber verwerfen, was ihr hinderlich ist. Unter diesem Gesichtspunkte allein können von ihr die verschiedenen Zeit- und Streitfragen im Judentum und die sie behandelnden Schriften kritisch beurteilt werden. * * * In der jüngsten Zeit ist die die Judenfrage behandelnde jüdische Literatur durch: Dr. Zolisch ans „Rassenproblem“, Maxim Anins „Nationalitätenprobleme“ der Gegenwart und Matthias Achers „Ausgewählte Schriften zur Jüdischen Frage“ (wovon die beiden ersteren Schriften teilweise bereits in diesem Blatte besprochen wurden) bereichert worden. Dr. Z o 11 s c h a n geht von der richtigen Anschauung aus, daß die Theorie der Judenfrage die doppelte Aufgabe hat, einerseits die Argumente des Antisemitismus zu analysieren und anderseits durch Vertiefung in sehen Oeffentlichkeit wird und gleichsam das ganze jüdische Volk im Lemberger Beratungssaale steht — nicht nur die designierten Herren, denen man leider kein Vertrauen schenken darf — wollen wir aus der Fülle des in unserem Blatte niedergelegten Stoffes vorläufig die grundlegende Arbeit Dr. Gabels zum Teile nochmals reproduzieren. Damit entreißen wir die Anregungen dieses ernsten, fleißigen Führers, der so früh verstorben ist, der Vergessenheit und spornen zur weiteren Diskussion an. Wirwerden allen ernstgemeinten Aeußerungen nach wie vor unsere Spalten öffnen. Abg. Dr. Gabel gibt zunächst die Vorgeschichte der Enquete, erinnert an die Konferenz des Jahres 1890, die einen kläglichen Verlauf nahm, beurteilt die Faktoren, die die jetzige Enquete angeregt haben (urteilt sie vielmehr ab), bespricht hierauf ausführlich die heutige Lage des politischen Judentums und fährt fort: Der Kampf um neue Erwerbsmöglichkelten. „Dieser fortwährende, ökonomische Niedergang, welcher auch die immer mehr zunehmde Emigration der Juden aus Galizien zur Folge hat, würde für die . Zukunft der Juden ein . ungünstiges Horoskop steifen, wen ft eine gewisse, dem Judentume innewohnende Abwehrkraft sowie die Fähigkeit des Judentums, sich den geänderten Erwerbsbedingungen jeweils anzupassen, dem nicht entgegenwirken würden. Wir behaupten das auf Grund der einschlägigen statistischen Daten. Es würde niemand daran glauben, daß beim Ackerbau zirka 50.000 Juden beschäftigt sind, welche fast 120.000 Menschen ernähren. Bloß an landwirtschaftlichen Arbeitern gibt es in Westgalizien 5243 und in Ostgalizien 27.452, und zwar: in Westgalizien ist die Anzahl der landwirtschaftlichen Arbeiter nicht kleiner als die Anzahl der im Warenhandel (also der eigentlichen Domäne des jüdischen Erwerbs) beschäftigten, jüdischen Arbeiter, und in Ostgaiizien übersteigt die Anzahl der landwirtschaftlichen Ardie Wissenschaft aus derselben die Kriterien zu holen, die den Wert oder Unwert von Rassensonderung und besonderer Nationalkultur, den Wert oder Unwert der Weiterexistenz oder des Unterganges des jüdischen Stammes für die Juden selbst und für die Gesamtkultur dartun“. Diese seine Aufgabe hat Dr. Z o 11 s c h a n insoferne erfüllt, als er treffend die wichtigsten antisemitischen Argumente widerlegte. Die schöpferischen Leistungen der Juden auf dem Gebiete der materiellen und geistigen Kultur sehr gründlich beleuchtete und hiermit auch den Wert der Weiterexistenz der jüdischen Rasse zeigte, — obwohl das Recht auf Existenz kein Volk nachzuweisen braucht . . . Allein die Konklusionen, zu denen Dr. Zolls c h a n kommt „Auflösung der jüdischen Rasse oder physische Degeneration“ („da alle bisherigen Repatrierungsversuche nur wenig Erfolg versprechen“) sind ebenso unrichtig, wie die diesbezügliche Beweisführung. Dr. Z o 11 s c h a n begründet seinen Standpunkt — den man fast einen assimilatorischen nennen könnte, folgendermaßen: Wenn ich nicht religiös bin, wenn der Verbleib im Judentum nur durch Opfer erkauft werden kann, wenn eine Lösung der Jugenfrage im nationalen Sinne nicht möglich scheint, wozu dann überhaupt im Judentum verbleiben, wozu dann Aktionen billigen und Institutionen fördern, die das

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