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Jüdische Zeitung · 1910-08-12 · 32 (12.8.1910) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite £> Wenn aber — und das halte ich bis zur Entscheidung für das weitaus wahrscheinlichere — es sich herausstellen sollte, daß der ausgeschiedene Genosse trotz härterer Arbeit beträchtlich weniger hat als die in der Genossenschaft verbliebenen Kameraden, so wird die Mehrzahl sich schwer hüten, ihm nachzuahmen. Es sei noch bemerkt, daß für die Formen 1 und 2 keine jüdische Bäuerin erforderlich ist, daß dagegen die Form 3 kaum zu irgendwelchem Gedeihen kommen kann, wenn der Mann nicht eine Bäuerin von echtem Schrot- und Korn zur Frau hat. Und solches Material ist vorläufig, wie gesagt, in Palästina zu finden. Nur einige Frauen der Gerim, der judaisierten Russen, bringen die Qualifikation aus der Heimat mit; zwei solcher Wirtschaften, die ich sah, standen denn auch hoch über denen der jüdischen Bauern. Schon aus diesen Grunde werden die meisten Arbeiter oder Genossen verhindert sein, die dritte Form zu wählen; meine Hoffnung ist, daß diezweite Form die herrschende werde, schon aus dem Grunde, weil sie eine viel dichtere Besiedelung gestattet als die dritte. Hierbei soll bemerkt werden, daß es eine der wichtigsten Aufgaben der zionistischen Zukunftsarbeit ist, jüdische Mädchen zu tüchtigen Bauersfrauen zu erziehen. Als ich in Jerusalem war, war von der Gründung einer derartigen Erziehungsanstalt die Rede, die hoffentlich bald in die Erscheinung treten wird. Eine solche Anstalt würde ihren besten Platz auf dem Lande einer Siedlungsgenossenschaft finden, zum Segen der Genossenschaft und Segen der Anstalt. Diese würde auf einem Boden, den sie nicht zu kaufen, sondern nur zu geringem Satz verzinsen brauchte, sich in voller hygienischer Breite aufbauen können und hätte sofort Anschluß an die gleichgesinnte Bevölkerung und die Gelegenheit, ihre Zöglinge mit landwirtschaftlichen Arbeiten vertraut zu machen. Die Genossenschaft aber hätte einen Nahemarkt für eine Anzahl ihrer Produkte, gratis Dünger, einige Hilfskräfte in drängender Zeit, eine Verstärkung ihrer Untergenossenschaften und nicht zuletzt in den Lehrern und Lehrerinnen einen Stamm geborener Führer und Erzieher der Gesamtheit. Aus allen diesen Gründen sollten nach Möglichkeit alle Wohltätigkeitsinstitute, die nicht unbebedingt, wie Schulen usw., in die Stadt gehören, auf dem Boden der Siedlungsgenossenschaften errichtet werden: Waisenhäuser, Blinden- und Krüppelanstalten usw. Sehr wichtig wird es auch sein, auf diesem billigen Grund und Boden und im genossenschaftlichen Gemeindeverbande sekundäre industrielle Genossenschaften oder auch kapitalistische Industriebetriebe anzusiedeln Die Arbeiter finden nirgends so unbedingt günstige Existenzbedingungen wie gerade hier auf billigem Boden bei billigen Nahrungsmittelpreisen und beim Anschluß an alle möglichen genossenschaftlichen Verbände, die den einzelnen in jeder Phase seiner wirtschaftlichen Existenz fördern und stützen. Nach Aussage von Herrn Professor Boris Schatz werden in etwa Jahresfrist etwa 50 jemenitische Silberfiligranarbeiter soweit herangebildet sein, daß sie nicht mehr in Jerusalem unter der Aufsicht des „BezaleP tätig zu sein brauchen. Ihnen steht, wenn sie es wünschen, und wenn die Siedlung geschaffen sein wird, Land für Haus und Garten zur Verfügung. Schon sie allein mit ihren Familien würden hinreichen, um die Siedlung sofortin ein stattliches Dorf, ja, für palästinische Verhältnisse schon zu einer kleinen Stadt auszugestalten. * * * Aber wird die Siedlung fertig sein? Die Geldsammlungen laufen betrübend und beschämend spärlich ein. Ich hege starke Zweifel, daß der Fond rechtzeitig, d. h. gegen Ende dieses Jahres, vollständig sein wird. Und ich muß sagen: das wäre eine nationale Schmachl Ich will nicht in die pessimistischen Anschauungen einiger meiner Freunde einstimmen, die sich auf den Standpunkt stellen, daß die zionistische Bewegung mit dem Erfolge der genossenschaftlichen Siedlung in Palästina steht und fällt; aber daran kann niemand zweifeln, der sehen will und kann, daß sie eine der wichtigsten Aktionen ist, die zu tun sind, um dem Zionismus neuen Wind in die Segel zu geben und das große Werk, daß er unternommen hat, zu fördern. Und ferner ist sicher, daß die palästinische Bevölkerung und namentlich die palästinische Arbeiterschaft, es durchaus nicht verstehen wird, wenn das Werk verzögert wird, weil die Opferwilligkeit des Volkes draußen zu gering ist. Darum heische ich wieder und wieder mit allen Ernst und allem Nachdruck, der mir möglich ist, um die werktätige Hilfe, die versprochen ward und die geleistet werden muß, wenn die, die sie versprochen haben, im Zionismus mehr suchen, als die Befriedigung philantropischer Träume oder persönlichen Ehrgeizes! Darum habe ich die Grundzüge des Planes mit solcher Ausführlichkeit noch einmal vor die jüdische Oeffentlichkeit gebracht. Sie mag prüfen und urteilen! Wenn der Plan nicht aufgebaut ist auf soliden wirtschaftlichen Rechnungen und auf die der Kenntnis der Psychologie des Menschen überhaupt und des jüdischen Arbeiters im besonderen so verdient er keine Förderung. Beruht er aber auf sichern Fundamenten, so kann das jüdische Volk fordern, daß die einzelnen Juden ihre Schuldigkeit tun. Wir verlangen keine Almosen, sondern wir fordern Kredit für ein Unternehmen, dessen Kreditbasis solide erscheint. Wird sind überzeugt davon, daß wir die uns zur Verfügung gestellten Mittel anständig verzinsen und schnell zurückgeben werden. Und darum wiederhole ich noch einmal, was ich auf dem Hamburger Kongreß gesagt habe: Wir pfeifen auf allen Zionismus, der sich mit großen Phrasen brüstet, der sich vermißt, „Gut und Blut“ für die Zukunft des Volkes zu opfern und der nicht einmal bis in den Vorhof des Portemonnais gelangt, wenn man etwa „Gut“, geschweige denn Blut von ihm verlangt. Man schreibt mir von allen Seiten, ich sei ein schlechter Schnorrer. Mag sein! Ich will auch gar kein Schnorrer sein. Ich will meinen ehrenhaften wissenschaftlichen Namen und meine freie unentgoliene Arbeit auf die eine Wagschale legen, legt ihr eure Franken und Mark 'auf die andere Wagschale! . . . Von der Woche. Tischa be-Ab. Vor achtzehnhundertvierzig Jahren wurde unser Staat zertümmert und der Tempel, das weithin sichtbare Zeichen unserer nationalen Selbständigkeit vernichtet. Bis zum heutigen Tage hat das jüdische Volk dieses Mißgeschick nicht verwunden, und Klage die über den Untergang Jerusalems dröhnt noch laut aus Millionen und aber Millionen Herzen. Ein Volkstum, das sein Unglück nach tausenden Jahren beweint, ist nicht tot, sondern birgt in sich unverwüstliche K.aft und brennende Sehnsucht nach Befreiung. Was wir erstreben, ist, daß sich diese unserem Volke zweifellos innewohnende Kraft in Taten umsetze, daß die nutzlosen Klagen verstummen und von zielbewußter Arbeit abgelöst werden, damit Tischa be-Ab den Charakter eines Trauertages verliere. Wohl wissen wir, daß Schwierigkeiten größter Art unserer endgiltigen Erlösung im Wege stehen; aber unsere Ueberzeugung, daß die Freiheit doch kommen muß, mildert die Trauer dieses Tages und läßt unsere Herzen hoffnungsvoll schwellen. So wird uns der Trauertag zum Ansporn, nicht zu erlahmen und nicht zu verzagen, wollen wir nicht, daß unser Volk weitere tausend Jahre im Golus schmachtet und sich in nutzlosen Klagen über den Untergang gewesener Herrlichkeit ergeht. * * * Hetzjagd auf jüdische Setzer in Kiew. Das in Kiew seit längerer Zeit üblich gewordene System polizeilicher Hetzjagd („Oblawa“) auf wohnrechtslose Juden wird gegenwärtig mit besonderer Vorliebe auf die jüdischen Setzer angewandt, die bekanntlich nach dem weisen russischen Gesetz, da sie ein viel zu aufgeklärtes Proletariervolk sind, nicht als Handwerker betrachtet werden und demgemäß das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons nicht besitzen. Dieser Tage fanden regelrechte „Oblawas“ in den Druckereien der „Kiewskija Wjesti“ und der „Wetschernjaja Potschta“ statt. Nach mittelalterlichem Muster. Die in vielen Gegenden Rußlands zurzeit grassierende Cholera hat in den letzten Tagen auch Kischinew in den Bereich ihres Verheerungswerkes gezogen. Das vom berüchtigten Kruschewan traurigen Andenkens gegründete und in seinem Geiste weiter geleitete Hetzblatt „Drug“ benutzte nun dieses Verhängnis der russischen Barbarei in erprobter Weise, um den verhaßten Juden den Todesschrecken in den Leib zu jagen. Die Zeitung entblödete sich nämlich nicht, mit der unschuldigsten Miene von der Welt, ohne jeden Kommentar ihrerseits, das Volksgerücht wiederzugeben, wonach die Epidemie von den Juden durch Brunnenvergiftung hervorgerufen worden wäre. Die'Wahrheit erfordert festzustellen, daß die Zeitung ihrerseits sich mit keinem Worte für die Richtigkeit dieses Gerüchtes äußert, sie tritt ihm aber auch nicht entgegen, sie gibt es nur in einer „objektiven“ Weise wieder, die bei dem unwissenden Leser (und die Leser des „Drug“ können keineswegs mit ihrer Bildung prunken) den Eindruck erwecken muß, daß doch etwas daran sein müsse. Die vielgeprüfte jüdische Bevölkerung Kischinews hat nun wieder einmal Veranlassung, einige Zeit in lähmender Todesangst zu verleben. * * * Ein schönes Projekt. (Vom Bezalel.) Bekanntlich sind in den Werkstätten für Filigranarbeiten der jüdischen Kunstgewerbeschule „Bezalel“ in Jerusalem hauptsächlich yemenitische Juden beschäftigt. Diese Yemeniten sind in der Bearbeitung edler Metalle von altersher wohlbewandert und diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß der Bezalel gern und jfreudig die Gelegenheit benützt, ihren Kunstsinn zu veredeln und ihnen zugleich Arbeit und Lebensunterhalt zu gewähren. Hand in Hand damit wird nun auch der Versuch gemacht, durch die Ansiedlung der fleißigen und zuverlässigen Yemeniten, die man in der Judenschaft Palästinas allgemei.i sympathysch aufnimmt, im flachen Lande die Filigranindustrie heimisch zu machen. Der Anfang hierzu wird in dem Ort Ben Schämen gemacht. Die Kosten der Unternehmung trägt der Jüdische Nationalfonds, der jüngst beschlossen hat, auf dem ihm gehörigen Boden in Ben Schämen für die Errichtung von Wohnungen und einer gemeinschaftlichen Werkstatt für zehn yemenitische Arbeiter aus dem Filigranatelier des „Bezalel“ 20.000 Frcs. auszuwerfen. Da die Yemeniten verheiratet sind, so handelt es sich hier also zunächst um die Ansiedlung von zehn Familien, deren jede eine aus zwei Räumen bestehende Wohnung und ein Grundstück im Ausmaß von zwei Dunam in Pacht erhält. Während der Familienvater als Arbeiter des „Bezalel“ ein festes monatliches Einkommen haben wird, werden die übrigen Familienmitglieder durch landwirtschaftliche Arbeit, Geflügelzucht usw. auskömmlichen Erwerb finden. Wenn dieser Versuch glücken wird, so ist der „Bezalel“ gewillt, auch weiterhin mit der Verlegung von Werkstätten in die jüdischen Kolonien vorzugehen. * * * Zu den Wiener Kultuswahlen. Bei den im November d. J. in Wien stattfindenden Kultuswahlen gelangen in der allgemeinen Kurie, die uns allein interessiert, 9 Mandate zur Besetzung u. zw. 8 Mandate, welche nach dem Ablauf von 6 Jahren zum Turnus kommen, nämlich die Mandate der Herren Theodor Ritter von Goldschmidt, Emil Horner, Wilhelm Stiassny, Oskar Marmorek, Wilhelm Pollak, (1908 nachgewählt) Leopold Langer, (1906 nachgewählt) Siegmund Kauders und Dr. Markus Spitzer, sowie als 9. das im Turnus 1908 besetzte und seither durch den Tod des Herrn Karl Seligmann erledigte Mandat. Da auch die Herren Goldschmidt, Homer, Stiassny, Marmorek und Pollak verstorben sind, werden an zumindest 6 Stellen neue Männer einrücken. Palästinaarbeit einer israelitischen Kultusgemeinde. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, hat die israelitische KultusgemeindezuDessaumit Unterstützung der von ihr verwalteten Fonds der Baronin Cohn von Oppenheim-Stiftung der P, L.D.C.

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