Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 32 Ende dieses Jahres läuft der Termin ab, bis zu welchem diese Spottsumme gesammelt sein soll — und heute in der Mitte des Monats August fehlt gerade noch die Hälfte. . . . Es ist eine der peinlichsten publizistischen Pflichten und widerspricht unserem Empfinden, die Trommel fürs Geldersammeln zu rühren. Aber der Zweck ist heilig, Oppenheimer selbst drängt mit dankenswerter Ueberwindung seinen Widerwillen gegen diese Form der Agitation zurück und so rufen wir unsere opferfreudigen Juden zu einer kleinen Kraftanstrengung im Dienst ihres Volkes an. Jüdische Arbeiter, jüdische Frauen und Mädchen, jüdische StudentenlSeid diesem kostbaren Werke Pioniere und sorgt dafür, daß Oppenheimers Plan verwirklicht werden kann. Es handelt sich um dieSeßhaftmachung jüdischer Arbeiter auf der eigenen Scholle und es handelt sich um unsere Zukunft.*) Das Leichenbegängnis des R.-Abg. Dr. Gabel. (Von unserem galizischen Korrespondenten.) Der plötzliche Tod des Abg. Dr. Gabel rief in Galizien tiefempfundene Trauer hei vor, die sich in dem Leichenbegängnisse, welches Donnerstag, den 4. August stattfand, äußerte. Eine derartige Trauerkundgebung hat dr.s galizische Judentum noch nie gesehen. Aus allen Teilen des Landes waren Deputationen erschienen. In den me:stcn Städten wurden Parten ausgegeben. Kultusgemeinden, Vereine, Stadtgemeinden aus der ganzen Provinz schickten Kondolenzschreiben. Die Anzahl der auswärtigen Teilnehmer am Trauerkondukt betrug über 2000. Der Zug dauerte stundenlang; in den Gassen, durch welche sich der Leichenzug bewegte, waren alle Geschäfte geschlossen, der Verkehr war unterbrochen. Tausende nahmen am Zuge teil, Zehntausende bildeten Spalier. Nach übereinstimmenden Angaben der Lokalblätter waren über 20.000 Leidtragende anwesend. Es erschienen der Obmann des jüdischen Klubs Dr. S t r a u c h e r, namens der Ruthenen der Vizepräsident des Abgeordnetenhauses Abg. Romanczuk, der galizische Landesausschuß K i w e 1 u k und die Abg. M o g i 1 n i c k i und C i e g i e 1 s k i. Die Lemberger Kultusgemeinde *) Spenden nimmt die Sammelstelle für Oesterreich des jüdischen Nationalfonds (Wien, IX. Türkenstraße 9) entgegen. Sie werden fortlaufend in diesen Blättern ausgewiesen. Bis Jahresschluß sind noch 50.COO Francs aufzubringen. war durch die Herren S. de H o r o w i t z, Dr. Diamant und Natanson vertreten. Von den zionistischen Korporationen waren fast alle entweder vollzählig oder deputativ vertreten. Am offenen Grabe sprachen fürerst der orthodoxe Lemberger Rabbiner B r a u d e, welcher hervorhob, daß der Verstorbene schon als Jüngling sich der zionistischen’Idee ausgeschlossen habe und später durch rastlose Arbeit es soweit gebracht hatte, daß sein Name, das Symbol der stillen, ausdauernden Arbeit, in den breitesten jüdischen Massen bekannt und geliebt wurde. Nach dem Rabbiner Braude. sprach der Rabbiner. Dr. G u 11 m a n n. Er rühmte den Verstorbenen als treuen und aufopferungsvollen Kämpfer, der auf den Höhen verschieden sei, denn der Tod ereilte ihn im besten Mannesalter, inmitten seiner Arbeit, die ihn zur Stellung eines anerkannten Führers emporgehoben hatte. Als Dr. Gabel in den Reichsrat gelangte, .da fragte sich jeder zweifelnd, ob er imstande sein würde, seinen Platz auszufüllen. Dr. Gabel achtete weder auf Neider noch auf höhnische Gegner, er schritt seinen Weg und erwarb sich in kurzer Zeit allgemeine Achtung und Anerkennung. Als dritter kam der Przemysler Rabbiner Gg. Schmelkeszu Worte. „Das jüdische Volk“, sagte er, „begeht jetzt die Trauerwochen zwischen Schiwe-user betamus und Tischabeab. Wir waren einst nicht nur in den Augen der Fremden, sondern auch in unseren eigenen verachtet. Da kam Dr. Herzl und rüttelte unser Volk aus dem 2000 jährigen Schlummer auf. Auch der Verstoibene kämpfte sein Lebenlang für diese heilige Idee“. Zum Schlüsse sagte er: „Ruhm dem Volke, das seine Männer schätzt und so zahlreich erschienen ist, um-:.einem Abgeordneten die .letzte Ehre zu erweisen. Hier, an diesem Sarge, laßt uns einander die Hände reichen und geloben, für die Erlösung unseres Volkes zu arbeiten“. Im Namen des zionistischen Zentralkomitees für Galizien sprach hierauf dessen Vizepräsident Dr. Dawid Schreiber. Er erinnerte an die Paiteitreue, an das Pflichtbewußtsein ur.d den unermüdlichen Arbeitseifer des Verstorbenen, der in verschiedenen zionistischen Körperschaften Unvergängliches geleistet hat. Großen Eindruck rief die Ansprache des Obmannes des Jüdischen Klubs, des Dr. Benno' Straucher hervor. Dr. Straucher nahm in folgengen Worten von seinem toten Parlamentskoliegen Abschied: „Tiefergriffen stehen wir, deine brüderlichen; Gesinnungs- und Parteigenossen, deine unverdrossenen Mitkämpfer für die Rechte des jüdischen Volkes, an deinem; offenen Grabe, das bestimmt ist, das was an dir sterblich war, aufzunehmen. Heinrich Gabel! Ein unerbitterliches Geschick hat dich in der Blüte des Lebens, im schönsten Mannesalter, mitten in deinem rastlosen Schaffen und Arbeiten für dein, unser arg bedrücktes Volk, jäh hinweggerafft. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel hat dieser schwere Schicksalsschlag nicht nur deine greisen und trostlosen Eltern, deine nun verwitwete, gebeugte Gattin, sondern die gesamte nationale jüdische, zionistische Judensciiäft getroffen. Und so stehen wir tieflrauernd da und beklagen den Verlust eines der besten Söhne-des jüdischen Volkes, das du so heiß und innig geliebt, und für welches du dein Bestes hingegeben hast. Dein jäher Tod hat in unseren Reihen eine schwere unausfüllbare Lücke gerissen. Noch sehen wir dich in deiner ehrlichen, gerade schlichten Bescheidenheit, wie dein ganzes Sein und Trachten, dein ganzes Streben und Hoffen auf eine glückverheißende Zukunft des jüdischen Volkes gerichtet war. Dich zeichneten Gesinnungstüchtigkeit, Ueberzeugungstreue, Treue zu deinen würdigen Eltern, Treue zu 'deinem trefflichen Weibe, Treue zu deinen Freunden, Treue zu deiner Partei und .vornehmlich nimmer wankende Treue zum jüdischen Volke aus. Dein gerader Sinn haßte jeden Betrüger, alles Falsche, — lauter war dein Streben! Du warst in deinem Charakter ein lieber, verläßlicher, ein trefflicher Kollege! Und auch von dir kann man wie von jenen berühmten Waisen sagen: Auch du hast eine edle Seele rein ausgehaucht! Dein Programm und deine Ideale i waren die unsrigen, und deshalb empfinden wir so tief und schwer den herben Verlust, der uns alle betroffen. Wohl war es dir nicht beschieden, den Tiiumpf unserer Sache zu erleben — aber die edle Saat, die du ausgestreut, vyird zuversichtlich aufgehen, und möge dein segensreiches Wirken aneifernd auf die Angehörigen unseres Volkes sein und deine starke Zuversicht Alle beseelen. Möge es dir vergönnt sein, dereinst in jener heiligen Erde zu ruhen, auf welche unser brennendes Auge gerichtet ist, denn du warst ein wahrer, ein ganzer, ein starker Jude. Du warst ein zielbewußter Vorkämpfer der jüdischen Renaissance! Hier können wir dir nur eines bieten: ein wahrhaft jüdisches Begräbnis. Und so nehme ich schmeizerfüllt und tiefbewegt Abschied von dir: im Namen der jüdischnationalen Partei Oesterreichs und der Bukowina, im Namen unseres jüd. Klubs, im Namen unserer Kollegen, im eigenen Namen! Und indem ich dir die Worte unserer Schrift zurufe: ziehe mit Frieden, weihe ich dir geliebter-Stammesbruder jenes Gebet, welches der Genius unserer Schrift und Sprache geprägt: ElmuleRachmim! Dr. Heinrich Gabel! Ruhe sanft. Du Unvergeßlicher, Gott hat dich uns gegeben, er hat dich wieder genommen — die Erde sei dir leicht — dein Andenken möge . im ganzen jüdischen Volke ein gesegnetes sein! Und weil dein Geist mit dem ganzen Volke in Eines verschmolz, wird dein Geist ewig fortlebenl — Du hast an den Werken der kulturelle Einheit genommen werden, als ein Stamm, der seine eigene und eigenartige,‘ wenn auch vielfach variierende Kultur besitzt, die als besonderer Zug am Geistesbaum der Menschheit gelten kann“. Und „Kulturelle Juden sind alle diejenigen, deren Bewußtsein mehr oder weniger ein jüdisches ist und deren Unbewußtes von jüdischem Geist beherrscht wird“. — Die zu schaffende, alle einende, alle zu einer positiven, schöpferischen Einheit zusammenschweißende Zentralpunkt also, schält sich schließlich Nientirowers These heraus, ist eine moderne Jabneh-Akademie, „eine Geistesmacht, die sich auf der Grundlage des Alljudentumes erhebt“. Wie sich der rumänische Rabbi ' die Tätigkeit und das Wesen der Akademie im Einzelnen denkt — möge es jeder nachlesen! Manches ist nicht neu, manches bereits ausgeführt, manches unausführbar — aber das Büchlein enthält ungemein viel Wertvolles und wenn wir daneben auch' manch Utopistisches finden und wenn das ganze vorläufig nicht mehr ist als der bloße Traum eines Rabbiners — so freuen wir uns doch, daß das verträumte Judentum stets wieder Männer hervorbringt, die just'zur rechten Zeit das träumen, was uns not tut! Aber das jüdische Volk hat seinerzeit auch recht tüchtige Traumdeuter gehabt — hoffen wir, daß auch diese noch nicht ausgestorben sind- Heinrich Margulies, Tempels kam das Lehrhaus, die Akademie; an Stelle Jerusalems Jabneh; an Stelle der Könige und Priester Mitglieder des Synhedriums und Gelehrte“. — (Es dürfte bekannt sein, daß nach der Zerstörung des Tempels Rabbi Jochanan ben Sakkai die Lehranstalt und Akademie zu Jabneh „zum Zentrum des jüdischen Stammes“ erhoben hat und somit „in erster Reihe im Kulturellen die Rettung der Juden suchte.) Es war die Kunst und das Verdienst der Gelehiten, der Rabbinen, daß sie, die jahrhundertelang verborgen, aber nichtsdestoweniger mit unfehlbarer Sicherheit wirkenden, mehr oder minder unbewußten Wünsche der Juden materialisierend, das wesentlichste, tiefinnerste Jüdische mit scharfer Urteilskraft herausgreifend, den Juden einen Zentralpunkt gaben, um den sie sich scharten, an den sie sich klammerten. So blieben sie vor dem Untergange und der raschen Auflösung bewahrt und fanden gleichzeitig ihre Befriedigung. Heute aber hat der alte Zentralpunkt seine Anziehungskraft verloren und vermag nicht mehr die Juden zusammenzuhalten. Noch nie im langen Laufe ihrer Leidensgeschichte waren die Juden in dem Grade zersplittert, in Sektionen und Gruppen zerfallen wie heute. „Niemals war unser Stamm so zerklüftet wie jetzt“. — „Verschiedene Parteien hat es immer gegeben, aber niemals soviel Gruppen wie in der Gegenwart.“ Im Konfessionsjudentum unterscheidet N. 8 Haupt- und zahlreiche Neben- | j richtungen und selbst die Nationaljuden ihrerseits I zerfallen in mindestens 6 grundverschiedene Gruppen -- und immer rascher, immer intensiver schreitet I diese Zerklüftung vor. Die Differenzierung unseres Stammes in religiöser, kultureller und sozialpolitischer Beziehung zwingt uns, einen E i n i g u n g sp unkt zu finden und die Basis zu schaffen, auf der sich alle Juden zu einem positiv jüdischen Arbeiten zusammen finden können“. Wie aber steht es mit dieser Basis? Der Zionismus, der wohl am ehesten hiefür in Betracht käme, scheint N. nicht ausreichend. Einerseits hat er durch seine Nationaltheorie viel Widerspruch , unter den Juden selbst gefunden, anderseits beschränkt er sich und will er sich ja nur auf die jenigen Juden beschränken, die sich noch zum jüdischen Volke rechnen und die sich in ihren jeweiligen Wohnländern nicht assimilieren wollen oder können. Die Basis muß eine viel neutralere, viel umfassendere sein, sie muß ein Mittelpunkt sein für alle Juden und hierin liegt das Wort, das N. nunmehr aufgreift und predigt: Alljudentum! Das allen Juden Gemeinsame, das was alle Juden, Nationalisten, Orthodoxen, Zentralvereinsjuden etc. eint, eben das „Jüdische“, das Judentum, ist etwas rein Geistiges, rein Kulturelles. „Wenn sich nicht alle, die jüdischer Abstammung sind, zur jüdischen Konfession zählen können, als politische Nation betrachten wollen — fast alle können als