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Jüdische Zeitung · 1910-08-12 · 32 (12.8.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und lnseratenaufnahme: IX., LiechtensteinstraBe 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11-12 Uhr vormittags und 4-5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Oauzjähr. K 10.—, halbjahr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganziähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige „ * *«* * *-* Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *■■»*«*•**•*****■*** Nr. 32. Wien, Freitag den \2. August 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Eine Ehrenpflicht. Der Tod des Abg. Dr. Gabel. Das Leichenbegängnis. Trauerkundgebungen. Palästinaarbeit einer israelitischen Kultusgemeinde. Meine Studienreise in Palästina. Von Dr. Franz O p p c n h e i in e r. Alljudentum. Von Heinrich Margulies. Parteinachrichten. Von der Woche. Aus dem jüdischen Leben. Vereinsnachrichten. An die P. T. Kultuswähler Wiens! Mit-'Rücksicht auf die Ende, dieses Jahres stattfindenden Wahlen in den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Wien wird aufmerksam gemacht, daß laut §§ 1 und 2 der Wahlordnung nur jene Steuerzahler wahlberechtigt sind, welche bis zum Ablauf der Reklamationsfrist, d. i. bis spätestens 26. September 1910, die Kultussteuer für die Jahre 1908, 1909 und 1910 voll entrichtet haben. Eine Ehrenpflicht. Ich will meinen ehrenhaften wissenschaftlichen Namen und meine freie unentgoltene Arbeit auf die eine Wagschale legen, legt jlhr eure Franken und Mark auf aie andere Wagschale! . . . Dr. Franz Oppenheimer. Mit diesen Worten schließt der Bericht unseres Dr. Franz Oppenheimer über seine Studienreise in Palästina, die er im Aufträge des zionistischen .Aktionskomitees unternommen hat. Der berühmte Gelehrte, der allen unfruchtbaren Schwärmereien abhold ist, mit eiserner Selbstzucht zurückweist, was sich nicht unter der strengen Lupe der Wissenschaft für echt und wahr erweist, kam aus dem heiligen Lande geradezu enthusiasmiert zurück. Von den jüdischen Kindern, die in Erez Israel aufwachsen, ruft er aus, daß sie „mit Herrenfüßen über ihren eigenen Grund und Boden schreiten“ und für die ausgezeichnete physische und psychische Eignung der jüdischen und palästinensischen Arbeiter findet Dr. Franz Oppenheimer, der sich ui.. der Nationalökonomie den Ehrentitel eTnlSf ffetren Marx erworben hat, nicht genug Worte des Lobes. Auch er hat nun mit eigenen Augen gesehen, wie Palästina nach jüdischen Menschen ruft, die Begeisterung für die Renaissance des Volkes in seiner Urheimat hat ihn in allen Fasern ergriffen und er wirbt nunmehr mit dem Einsätze seines guten Namens und seiner ganzen kostbaren Kraft für die vom Kongresse bereits beschlossene Gründung einer jüdischen Siedlungsgenossenschaft. Wir alle wissen: Palästina muß erarbeitet werden. Gebt dem Lande jüdische Arbeiter, jüdische Bauern, jüdische Unternehmer und ihrhabtdemjüdischenVolke sein Land gegeben. Unseren Lesern braucht nicht wieder dargelegt zu werden, von welch’ eminenter Bedeutung für das Palästinawerk der Plan der Oppenheimer’schen Siedlungsgenossenschaft ist. In seinem Berichte hat er trefflich dargelegt, was im gegenwärtigen Stadium das allerdringendste sei. Er sagt: „Was wir dringend brauchen, ist ein Betrieb, in dem physisch vollkräftige, aber landwirtschaftlichtechnisch ungeschulte Männer ihre Arbeitskraft ersetzen können, ohne daß sie gezwungen wären, selbständig zu disponieren, ein Betrieb, in dem sie in möglichst kurzer Zeit zuerst zu den technischprofessionellen Handgriffen ihres neuen Gewerbes und später zu dem nötigen Wissen um die Bedingungen der Tier- und Pflanzenzucht erzogen werden, kurz, eine Lehrschule. Diese Schule darf aber nichts kosten, sondern muß rentieren. Sie kamt daher nur ein Großbetrieb sein, der unter die Bedingungen gestellt wird, die die höchste Rentabilität gewährleisten.“ Ein solcher Betrieb ist nach Ueberzeugung des jüngsten Zionistenkongresses die Siedlungsgenossenschaft. Der IX. Kongreß nahm folgende Resolution an: „Der TX. Zionlstengongreß hält an den Beschlüssen der früheren Kongresse fest. Die genossenschaftliche Siedelungsmethode in den Tätigkeitsbereich der zionistischen Organisation aufzunehmen. Um die Durchführung dieses Beschlusses zu ermöglichen, überläßt der Nationalfond pachtweise der zu errichtenden genossenschaftlichen Kolonie den Boden. Um das Betriebskapital aufzubringen, wird durch eigene Sammlung ein Genossenschaftsfond gebildet, der an den Jüdischen Nationalfond angegliedert wird. Er wird verwaltet von einem Komitee, bestehend aus Vertretern des Direktoriums des Nationalfonds und der Arbeiterschaft.“ Der jüdische Nationalfonds hat sich nun bereit erklärt, die für den Betrieb des Bodens notwendigen Mittel beizustellen, wenn von privater Seite der Betrag von 100.000 Frcs. aufgebracht würde. Alljudentum. Was ist der Sinn des Judentums? Niemand hat bislang eine eindeutige, befriedigen Je und einigermaßen anerkannte Antwort gefunden. Unter den Thesea der Gegner jedoch spielte von jeher eine die wesentlichste, vielleicht grundlegendste Rolle, die These vom Materialismus der Juden, die Behauptung vom jüdisch-malerialistischen Geist. Man hat dies Jahrhunderte lang als Schmach als Schandfleck, als Inferiorität, ja selbst als Verbrechen zu betrachten gesucht — und dennoch was bedeutet denn dieser von den Gegnern stets und immer wieder erneute Vorwurf des Materialismus, sobald man ihn seiner schön klingenden Moralität entkleidet? Was anderes, als daß die Juden ein Element verkörpern, welches stets in der Natur, gemäß der Natur, den wirklichen Verhältnissen entsprechend, den allgemeinen Naturgesetzen angepaßt vegetierte; daß bei den Juden niemals ein transcedentaler Jenseitsglaube, eine metaphysische Wirklichkeitsfeindlichkeit triumphieren konnte, wie sie das Christentum mit sich brachte? Man braucht nicht darüber zu streiten, ob dieser Vorwurf, wenn er überhaupt berechtigt war, so ein ungeheuer schwerwiegender gewesen, ob nicht vielleicht gerade hierdurch die Zähigkeit und die geistige Ueberlegenheit des Judentums bedingt wurde; wie gesagt, es erübrigt sich hierüber zu streiten, denn es läßt sich wohl kaum feststellen ob diese Behauptung den Tatsachen entspricht und über eine größtenteils auf Empfindungen und subjektiven Anschauungen basierte und darob beschränkte Erkenntnis dürfte man in derlei Fragen kaum hinauikommen. Wenn wir jedoch uns hierauf beschränken wollen und uns dieser Einschränkung stets bewußt bleiben, so glaube ich doch eins im Judentum erkannt zu haben, daß nämlich selten wohl bei irgend einem Volke eine derartige Identität seiner Ideale und seiner historischen Notwendigkeiten, seiner Wünsche und Sehnsüchte einerseits und den Naturgesetzen anderseits existiert hat und existiert — als bei den Juden. Der Zionismus ist — man hört es oft — das logisch zu Ende gedachte Judentum; der Zionismus ist der einzige Weg, den der Jude heute beschreiten kann, sofern er als Jude nicht untergehen will. Die Realisierung des Zionismus muß kommen als historische Notwendigkeit und als einzig mögliche Lösung der Judenfrage — aber wenn sie da ist, wird nicht nur ein Problem gelöst, nicht nur ein Uebel aus der Welt geschafft sein; auch die Träume und Sehnsüchte eines Volkes, das was Generationen Jahrtausendlang als zitterndes Gebet traumverzückt auf den Lippen trugen, das wird Leben gewonnen, wird wirkliche Gestalt angenommen haben und ein müdes, altes Volk, ein unstät irrender Wanderer wird Ruhe gefunden haben und Erfüllung seiner Gebete. * * . Aber nicht vom Zionismus will ich heute reden der alles ist und alles umschließt, was jüdisch heißt. Nur von einer kleinen Erscheinung innerhalb dieses großen Phänomens möchte ich sprechen. Vor mir liegt eine winzig-dünne Broschüre, ein prächtiges Ding. Sie hat den Rabbiner J. J. Niemirower in Jassy zum Verfasser und ihr Titel ist: „Eine moderne Jabneh-Akademie“. Und alles was ich vorhin sagte, läßt sich auf sie übertragen und das macht sie so bemerkenswert, auch hier herrscht jene seltsame Parallelität, die Völkerpsychologen mit Erstaunen und Bewunderung, den Laien aber mit naiver Freude erfüllt, die Parallelität von Notwendigkeit und Träumerei. Träumerei? Liegt diese Jabneh-Akademie“ wirklich in der Richtung, die bisher alle Wünsche Israels einschlugen? Die Geschichte des jüdischen Volkes ist die Geschichte einer Versteigerung. Juda hat politisch nie eine Rolle gespielt noch spielen wollen; es hat nur den Ehrgeiz gehabt, als autonome Provinz eines starken und schützenden Staatsverbandes seinen Inwohnern den Frieden zu gewährleisten und die Möglichkeit, ausschließlich der Lehre, dem Geiste, der Kultur zu leben. Die eigene Staatsform wurde sogar geopfert und das rein Geistige zum Absoluten, zum Höchsten erhoben. — „An Stelle des

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