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Jüdische Zeitung · 1910-08-05 · 31 (5.8.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
31 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHE. ZEITUNG. Seite 3 Nr. 31 zerissen. Deine Frische und Tatkraft lähmte er nicht. Du bliebst ein Ganzer, ein Bejaher des Lebens und ein Bejaher des Judentums. So wurdest du Zionist. Nicht nur in deinem Gemüte, nicht nur mit deinem Verstände, mit deinem ganzen Sein und Wesen warst du einer jener wenigen neuen Juden, die schon hier in sich das Galath überwunden haben, vor der Rückkehr nach dem alten Heimatlande, das du mit heißem Sehnen geliebt. Diese Liebe wars, die dich zu rastloser, bewunderungswürdiger Arbeit für unsere große Sache anspornte. Mit selbstlosester Hingabe hast du ihr gedient. Ein Vorbild treuester Erfüllung selbstgewählter idealer Pflichten — so wirst du stets in unserer Erinnerung stehen. Heinrich Gabel! Du Treuester der Treuen! Lebe wohl! Damit war die Trauerfeier, welche die Wiene- Zionisten dem Toten bereiteten, zu Ende. Der Ernst der gesprochenen Worte, die Erinnerung an den lieben und guten Menschen Dr. Gabel, der •Schmerz über den Verlust des erprobten und unermüdlichen Genossen lösten eine wehmuts- und andachtsvolle Stimmung aus. Echte und herzliche Liebe für den Toten, ehrliche Trauer über dessen jähen Verlust — das war viel eindruckvoller und des Toten, der ein Arbeiter und Kämpfer war, viel würdiger als pomphafte Zeremonien und herkömmliche Redewendungen, die von Berufstotenpredigern gebraucht werden. Echte Freundschaft, und deren erfreute sich der Verstorbene in hohem Maße, lösten so tiefes Mitgefühl aus, daß es wohl keines Rabbiners und Predigers bedurfte. Nach der Trauerfeier luden die Studenten die Bahre auf die Schultern und trugen sie in die Leichenhalle zurück. Von dort aus werden die sterblichen Reste Dr. Heinrich G a b e 1 s die letzte Reise mach dem Geburtslande des Toten antreten, dem Lande, wo er sein ganzes Leben hindurch für seine unglücklichen Brüder gearbeitet hat und der Verkünder der Erlösungsideen gewesen ist. Die Schänkerfrage.*) Vom Abg. Dr. Heinrich Gabel. Je mehr die Schänkerfrage ihr furchtbares Antlitz enthüllt, umso geschäftiger bemühen sich diejenigen, die den gegenwärtigen Zustand verschuldet oder die zumindest damals, als es an der Zeit war, zu handeln, die Angelegenheit vernachlässigt haben, durch ihre angebliche Rührigkeit alle Schuld von sich abzuwäizen. Für jeden Unbefangenen steht es fest, daß die ganze Misere der Schänkerfrage ihren Ursprung im galizischen Landtage hat. Als vor 10 Jahren die Auf- *) Diesen Artikel übergab uns Abg. Dr. Gabel einige Tage vor seinem jähen Hinscheiden. —^^memm^—o—^» wiefern, inwieweit . . . Rechnungen anstellen, was sein Verlust bedeutet — und er bedeutet viel, sehr viel — das kann die Liebe nicht. Wir wissen jetzt nicht was und wieviel er uns gab, er uns gegeben hätte; wir fühlen bloß, daß er nicht mehr bei uns ist. Und die Welt scheint uns der Gräber voll. Dieser Tod traf uns tief. . . . Was weiter? Was weiter? . . . Wie heißt’s im Hohelied? „Denn stärker ist die Liebe als der Tod!“ Auch unsere Liebe ist es, muß es sein. Stärker als Todesnacht und stärker als Gräber. Ein treuer, gutherziger Kamerad ist nicht mehr, seine Liebe aber ließ er uns. Seine Liebe zu seinem Volk, zu seiner Lebensarbeit. Neigen wir demutsvoll die Häupter vor seinem Grabe und bewahren wir sein Erbe! Und nützen wir’s für das, dem er sein Leben geweiht . . . Schon dringt der Lärm des Tages zu uns. Das Sinnen und Träumen muß weichen. Herzlieber Kampfkamerad leb wohl; du fielst am Wege; wenn ein Volk nur durch seiner Führer Blut erlöst werden kann, so hast auch du einen großen Teil an unserer kommenden Befreiung. Auf dem Wege dahin aber werden wir oft zurückblicken und all’ derer gedenken, die mit uns ausgezogen und denen es nicht vergönnt war, das Ziel zu erreichen. Alle Gräber werden wir mit Blumen schmücken, deines aber mit roten, jungen Rosen, denn Blumen allein werden nicht genügen. Es müssen Blumen der Liebe sein! M. Waldmann. hebung der Propination im galizischen Landtage beschlossen wurde, war es die Pflicht der jüdischen Abgeordneten des damaligen Landtages sich der Schänker sofort anzunehmen und in Voraussicht des hereinbrechenden Elends Maßnahmen zu treffen, daß die Schänker nach Ablauf der gesetzlichen Frist nicht ohne Versorgung bleiben. Sonst ist es Usus, daßUebergangsbestimmungen getroffen werden, wonach diejenigen, welche bis jetzt ihren Unterhalt in dem betreffenden Gewerbe gefunden haben, dieses auch bis zu ihrem Lebensende betreiben können. Nur das berüchtigte Propinationsgesetz beinhaltet keine solche Uebergangsbestimmung. Und kein j üd is c h e r Ab ge o r d n e ter hat damals die Pflicht erfüllt, solche Uebergangbestimmungen zu beantragen. Im Gegenteil, es wurde in das Gesetz ein sogenannter Drossellungsparagraph aufgenommen, wonach die Zahl der Schänker entsprechend der Bevölkeiungszahl zu beschränken ist. Es muß damals jedem klar gewesen sein, daß dieser Paragraph gerade die vielen jüdischen Existenzen, welche das Schänkergewerbe betrieben haben, zu vernichten droht. Denn die Zahl der Schänker übersteigt bei weitem den vom Gesetz normierten Prozentsatz. Nun haben auch gegen diese Bestimmung die damaligen jüdischen Abgeordneten des galizischen Landtages keinen Protest erhoben und haben ruhigen Blutes diesen Drosselungsparagraphen beschließen lassen. Die Schuld dieser jüdischen Führer wird noch größer, wenn man bedenkt, daß sie, obwohl sie die Katastrophe wohl voraussahen, die ganzen 10 Jahre nichts unternommen haben, um die jüdischen Schänker für den Kampf um ihr Recht zu wappnen oder wenigstens Vorbereitungen zu treffen, damit die überzähligen jüdischen Schänker in einen anderen Beruf übergeführt werden. Die jüdischen Abgeordneten haben die jüdischen Schänker ruhig ihrem Schicksal überlassen, haben wohl nach Titeln und Stellungen gejagt, aber nicht im mindesten an die Pflicht gedacht, die einem Führer im Hinblick auf eine bevorstehende Gefahr der Massen erwächst. Erst jetzt fangen sie an, sich als Beschützer der bedrängten Schänkerfamilien aufzuspielen. Ihre Wirksamkeit besteht darin, daß sie Deputationen zum Statthalter und zu den Ministern entsenden. Auch diese Tätigkeit ist nur eine plumpe Nachahmung dessen, was der jüdische Klub geleistet hat. Schon im Vorjahre haben die Zionisten in Galizien eine Agitation unter den Schänkern entfaltet, in welcher diese auf die bevorstehende Katastrophe aufmerksam gemacht und zur Schaffung einer Organisation zur Wahrung ihrer Rechte aufgefordert wurden. Abgeordneter S t a n d, der Redakteur des „Lemberger Tagblatt“, und ich haben an den Schänkerkonferenzen wiederholt teilgenommen; wir haben beim Statthalter interveniert und standen ihnen mit Rat und Tat zur Seite, wo sie sich bedroht fühlten. Die Bedrängnis der Schänker bestand meist darin, daß die Gemeinde den Juden keine Moralitätszeugnisse oder Heimatsscheine ausstellen wollte, um ihnen die Bewerbung um Konzessionen unmöglich zu machen, oder darin, daß die Gemeinden falsche Gutachten über die Qualifikation der jüdischen Bewerber um die Konzessionen oder über die ungenügende Beschaffenheit des Schanklokales bei den Bezirkshauptmannschaften abgaben. In allen diesen Fällen haben wir oft mit Erfolg interveniert — ich selbst habe mehr als 100 Beschwerd en im Namen von Schänkern bei den oberen Instanzen erhoben. Auch bei den Zentralbehörden haben die Zionisten im Vorjahre und noch öfter im laufenden Jahre zugunsten der Schänker vorgesprochen. In zahlreichen Besprechungen, die der Jüdische Klub“ mit dem Ministerpräsidenten hatte, wurde die Forderung erhoben, daß die bisherigen Schänker in erster Linie bei der Verleihung der Konzessionen berücksichtigt werden, sowie. daß keinem jüdischen Schänker das Schankgewerbe zu entziehen sei. Nicht unerwähnt soll die Deputation bleiben, die der Jüdische Klub“ zum Handelsminister geführt hat. Was taten aber während dieser Zeit die jüdischen Mitglieder des Polenklubs? Sie haben sich bis in die letzten Tage der Schänkerfrage gegenüber ganz teilnahmslos verhalten. Ja, dieses Nichtstun haben sie sogar zur Parole gemacht. Bei einer Sitzung nämlich, welche sie vor kurzer Zeit in Sachen der Propinationen abhielten und zu welcher sie vom Jüdischen Klub“ nur den Abgeordneten Stand einluden, haben sie erklärt, daß irgendwelche Diskussion dieser Frage „gefährlich“ werden könnte, daß die Intervention der Abgeordneten sich darauf beschränken müsse, im Stillen einen oder den anderen Schänker durchzusetzen. Eine öffentliche Aktion zugunsten der bedrohten Schänker sei zu perhorreszieren. Gegen diesen Standpunkt haben wir selbstverständlich Protest erhoben und ich habe bei der Zionistischen Landeskonferenz in Lemberg ausdrücklich auf die Schädlichkeit einer solchen Taktik hingewiesen, indem ich zeigte, wie die Volkspartei (Stapinski-Gruppe) sich mit großem Elan auf die Erwerbung von Konzessionen warf und die Juden verdrängt: daß also im Gegenteil eine öffentliche Aktion der jüdischen Schänker eine unbedingte Notwendigkeit sei. Als die Zionisten erklärten, daß sie das Vorgehen der Polenklubjuden für schädlich halten und eine öffentliche Aktion einleiteten, sind nun die jüdischen Polen aus der Reserve herausgetreten und „intervenieren“. Jedem Kenner der Verhältnisse ist es klar, daß diese Interventionen bei den Ministern zu keinem positiven Resultat führen können. Die Agitation der Stapinski- Gruppe ist soweit vorgeschritten, daß ihr die jüdischen Schänker zum Opfer fallen werden. Die einzige Rettung in dieser vorgerückten, verzweifelten Situation ist nur diese: Einerseits müssen sich die jüdischen Schänker — organisiert und mit ihren parlamentarischen Führern an der Spitze — zum Kampf für ihre Rechte erheben, anderseits aber müssen gleichzeitig Mittel und Wege gesucht und alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, die gescheiterten Existenzen neuen Erwerbszweigen zuzuführen. Aus der „Intervention“ der Löwenstein et consortes aber ersieht man keinen Kampfesmut. Während sie sich mit der Selbstprahlerei begnügen, schreitet Abgeordneten Dr. S t r a u c h e r in der Bukowina zur positiven Tat und entfaltet eine großzügige Sanierungsakiion. Dies zur Feststellung der wirklichen Taten des Abg. Dr. Löwenstein, die in seinen Leiborganen maßlos übertrieben werden. Kondolenzen. Niederschmetternd war der Eindruck, den die Nachricht vom Tode Dr. Gabels in ganz Österreich hervorrief. Alle Sympatien wenden sich der schwergeprüften Gattin zu, die der Geburt eines Kindes entgegensieht. Hunderte von Kondolenzen liefen teils beim Jüdischen Klub“, beim zionistischen Zentralkomitee und innerösterreichischen Distrikskomitee, teils beim Jüdischen Nationalverein“ und in unserer Redaktion ein.

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