Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite o JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 31 Heinrich Gabel. Ein grausames Geschick rafft der jüdischen Moderne ihre besten Söhne weg und hat nun auch den Reichsratsabgeordneten Dr. Heinrich Gabel dem Volke jählings durch den Tod entrissen. In der Blüte seiner Jahre, keine 37 Jahre alt, mitten in hingebungsvollster, freudiger Arbeit ward er hingestreckt — er, der Unermüdlichsten, der Selbstlosesten, der Allertreuesten einer. Dr. Heinrich Gabel kam aus dem Lande der Not, aus Galizien. Selbst ein Ostjude, empfand er das ganze ungeheuerliche physische und moralische Martyrium seiner Brüder in tiefster Seele. Die Last der Verantwortung — die Wähler hatten ja ihn und seine Klubgenossen mit großen persönlichen Opfern, vielfach sogar unter Gefährdung ihrer Existenz ins Parlament entsendet — und die auserlesene Herzensreinheit dieses schlichten, durchaus gediegenen Mannes haben seinem Wirken den Stempel aufgedrückt. Er war ein bienenhafter Arbeiter, pflichtbewußt bis zur Selbstverleugnung, ein Werkzeug des Volkes im idealsten Sinne des Wortes. Selbst die erbittertsten Judenhasser konnten Dr. Heinrich Gabel ihre Hochachtung nicht versagen und es blieb nicht ohne nachhaltige Wirkung auf unsere Gegner, wenn er in den Ausschüssen denen er angehörte, das gewaltige Material — ein Produkt unglaublichen Fleißes — vorlegte, und die Judennot, die man in ihrer tausendfachen Gestalt ja doch nicht kennt, förmlich auf dem grünen Tisch ausbreitete. Noch sechs Stunden vor seinem Tode war er am Werke. Den letzten Tag seines Lebens verbrachte er vom frühen Morgen bis zum Sitzungsschluß, ohne eine Minute zu verlieren, bei den Beratungen des Sozialversicherungs ausschusses und arbeitete fieberhaft. In der Extraausgabe, in welcher wir unseren Lesern und Freunden die niederschmetternde Nachricht brachten, haben wir der Verdienste Dr. Heinrich Gabels gedacht, die er sich als Abgeordneter, als Präsident des jüdischen Nationalvereines für Oesterreich, als Einberufer und Leiter der Krakauer politischen Parteikonferenz, als Verfasser des Statutes der Reichspartei, als Publizist, insbesondere als Mitarbeiter dieses Blattes erworben hat. Den Aufsatz, den wir in dieser | Gabel. | Und wieder ist ein Mund verstummt, Der unserem Recht das Wort gesprochen. Die Knospe eben aufgebrochen Hat schwarz der Frost der Nacht vermummt. Wer über unsere Niederungen, Hoch über dem was platt und klein, Sein Haupt erhebt, der wird bezwungen Von seines Herzens heil’ger Pein. An deiner Sehnsucht heißer Flamme Verzehrte sich die junge Kraft. So dorrt das höchste Reis am Schaft, So stirbt ein Sohn aus Judas Stamme. Hugo Zuckermann. Gräber. Ein frisch geschaufeltes Grab . . Alan bleibt :in Gedanken versunken und fühlt sich einsam. Und doch hat sich so wenig verändert. Das Leben singt sein rasendes, stürmisches Lied. Die Sonne leuchtet mit unveränderter Pracht. Und der Sommer braust in kraftvollem Rythmus. Nichts hat sich verändert. Nur ein Herz hat zu schlagen aufgehört. Plötzlich, unerwartet Und da hielt das Leben für einen Augenblick in seinem Laufe inne und meinte, sich ver- Nummer veröffentlichen, hat er uns in den letzten Tagen persönlich eingesendet. Nun ist dieses teure Menschenleben geknickt und ein Stück stolze Hoffnung liegt unter Erdschollen verscharrt Die Trauerfeier am Zentralfriedhof. Montag nachmittags erwiesen die in Wien weilenden Freunde, Kollegen und Gesinnungsgenossen des jählings verstorbenen Dr. Heinrich Gabel, dem Entschlafenen die letzte Ehre. In der Zeremonienhalle des Zentralfriedhofes fanden sie sich ein, wo die Trauerfeier abgehalten wurde. Im Namen des Jüdischen Klubs war der Freund und Klubkollege des Verstorbenen R.-Abg. Adolf Stand aus Marienbad herbeigeeilt; als Vertreter der ruthenischen Abgeordneten erschien R.-Abg. Nikolai Ritter von Wass i 1 k o. Das westösterreichische Zentralkomitee delegierte die in Wien anwesenden Mitglieder mit dem Präsidenten Gg. Herrn Adolf Böhm an der Spitze. Vom Nationalverein erschien der gesamte Vorstand. Außerdem hatten das böhmische D. K. den Gg. Prof. W e r t h e i m e r, die Wiener Israel. Kultusgemeinde den Vorstand Herrn Dr. Spitzer und den Amtleiter Braun als Vertreter entsendet. Die Wiener zionistischen Korporationen waren vollzählig vertreten. Im Namen der jüdischen Presse erschienen Vertreter der „Welt“ in Köln, des „Tagblattes“ und des „Wschod“ in Lemberg sowie der „Jüdischen Zeitung“ in Wien. Außer den offiziellen Persönlichkeiten und den zionistischen Vereinen, die korporativ erschienen waren, fand sich eine große Zahl von Freunden des Verstorbenen ein. Von der Familie nahmen der Vater, der Schwiegervater und drei Brüder an der Trauerfeier teil. Die Gattin, Mutter und Schwiegermutterwaren vom Schmerze derart übermannt, daß ihre Teilnahme an der Trauerfeier in Wien entfallen mußte. Hingegen begibt sich die ganze' Familie zur feierlichen Beisetzung nach Lemberg. Nach drei Uhr trugen Studenten die Bahre aus der Leichenkammer in die Zeremonienhalle. Nach den üblichen Trauergesängen, trat R.-Abg. Nikolai von W a s s i 1 k o vor und hielt dem toten Kollegen folgenden Nachruf: „Grausum hat das Schicksal in deine Familie eingegriffen und dich aus ihrer Mitte und aus deinem Wirkungskreis gerissen, trotzdem du auf Grund deiner Arbeit und deiner aufopferungsvollen Hingabe an deinem Volke würdig warst noch viele, viele Jahre weiter zu seinem Wohle zu wirken. In dir schätzten wir den überzeugungstreuen, schlichten, fleissigen und ernsten Menschen. Ich bringe dir Grüße aus dem fernen Osten und danke dir im Namen meiner Nation, die in dir den ganzen, überzeugungstreuen Mann schätzte. Was du deinem wundert besinnend: „So hätte also der Allbezwinger Tod wieder einen aus meinen Armen gerissen.“ Und stürmte weiter und sang' sein rasendes Lied. Wir aber sind in Gedanken versunken. Der Hauch des Todes hat uns gestreift und uns ist's, als ob wir plötzlich verlassen, hilflos geworden wären. Tränen drängen sich zwischen unseren Blick und die Welt; verhindern uns das Nächste zu sehen, eröffnen uns aber den Rückblick auf Gewesenes. Und wir sehen Gräber, Gräber . . . Die Weit ist voll Gräber! Wir haben sonst keine Zeit zu träumen' und zu sinnen. Denn das wäre Untätigkeit. Nur wenn ein Arm für immer erschlafft und ein Herz zu pochen aufhört, da huldigen wir dem Tode, und sinnen und träumen — werden für einen Augenblick untätig. Wann war’s, daß wir ihn zum letztenmale . sahen? Ists nicht vor einigen Augenblicken gewesen? Da hörten wir ihn sprechen, dort ist er gestanden, drüben hat er gelacht und hier ist er traurig gewesen. Und nun, nun hat das alles aufgehört? Warum? Wie ging das vor sich? Und jetzt ist nichts mehr geblieben als ein frisch geschaufeltes Grab? Wie war er? Ein Dichterwort fällt mir ein: „Er war wie die Gesundheit, die man erst dann recht zu schätzen weiß, wenn sie verschwunden.“ Früher schiens uns so selbstverständlich, daß er j arbeitete, daß er rastlos werkte. Wir meinten, soj wäre es gerade recht. Und da er nicht viel Aufj hebens davon machte, sch%viegen auch wir, ließen Volke warst, mögen Berufenere sagen; im Namen meiner Kollegen nehme ich von dir Abschied, möge dir die Erdeileicht sein!“ Nach dem Abg. W a s s i 1 k p sprach R;-Abg. Adolf Stand. Er sagte: „Als ich vor acht Monaten mit dir nach Berlin zu deinem Freudenfeste fuhr, da konnte niemand ahnen, daß ich heute von dir Abschied für immer nehmen muß. Du bist wie ein Soldat auf dem Schlachtfelde gefallen. Bis zum letzten Augenblick hast du zum Wohle derjenigen gewirkt, die dich ins Parlament entsendet habeji. Vor wenigen Wochen fuhrest du nach Lemberg, um im Kultuswahlkampfe mitzuarbeiten, dann eiltest du zu deinen Wählern, um ihnen Rechenschaft abzulegen und ihre Wünsche entgegenzunehmen, dann kehrtest du nach Wien zurück und gönntest dir nicht einmal Ferien. In den letzten Tagen noch wahrtest du im Sozialversicherungsausscbuß die Interessen deiner Wähler und deines Volkes. Ich nehme von dir Abschied als Freund, Gesinnungsgenosse und Parlamentskollege. Ueber drei Jahrzehnte standen wir Schulter an Schulter. Am Anfänge wurden wir verhöhnt und als Utopisten verlacht. Langsam setzten sich aber unsere Ideen durch und du schrittest immer als einer der ersten voran. Deine Ueberzeugungstreue, deine Entschiedenheit und dein ernster Wille waren für ieden, der dich kannte, bewundernswert. Im Reichsrate warst du unermüdlich. In zäher, nie erlahmender Arbeit setztest du dich jederzeit und bei jeder Gelegenheit für dein Volk ein. Du wurdest nicht nur deiner Familie, sondern deinem ganzen Volke entrissen und an deinem Grabe klagt deine ganze Partei und die ganze selbstbewußte Judenschaft der Landes. Welchen Trost soll ich der Familie, soll ich deinem Volke sagen. Ich weiß keinen. Ich bleibe allein, toter Kollege und verspreche dir für diese Ideen zu wirken, denen du deine ganze Arbeiten, dein Herz gewidmet hast. Dein Name aber wird fortleben, Generationen hindurch, im Schoße deines armen, unglücklichen Volkes!“ Im Namen der zionistischen Partei nahm als letzter Gg. Adolf Böhm in folgenden bewegten Worten vom Toten Abschied: Heinrich Gabel! Im Namen der zionistischen Organisation und ihres Präsidenten, im Namen deiner Wiener Freunde nehme ich Abschied von dir. Als du vor drei Jahren zu uns kamst, da kannten wir nur deinen Namen, wußten, daß du einer der treuesten Söhne unseres Volkes seiest — dich selbst kannten wir nicht. Du kamst und wir gewannen an dir nicht nur einen Waffengefährten, sondern einen Freund. In dir offenbarte sich unsein liebenswürdiges .gütiges Herz, ein gerader, offener Sinn, ein goldenes, treues Gemüt, eine felsenfeste Ueberzeugung. Dich liebten wir, dich schätzten wir, dir vertrauten wir! Denn du warst ein Unbedingter. Der tausendjährige Judenschmerz ist auch durch deine Seele gegangen, aber in dir hat er nichts gespalten und ihn für uns rackern und meinten, es genüge, daß wir nie „Nein“ zu ihm sagten. In unserem Unbewußten aber lag etwas für ihn bereit, wovon wir nie sprachen, das wir nie ans Tageslicht zogen. Nun wissen wir’s: es war Liebe. Warum gerade Liebe, das beste, das ,wir zu vergeben haben? Weil er einer aus unserer Mitte war; ein echter, rechter Weggefährte. Der seine , Pflicht tat und schwieg. Fleisch von unserem Fleische; denn er stand’mit uns in Reih und Glied . , . Dem Range nach Führer, der Arbeit nach Meister, der Treue nach der Beste, dem Ernste nach der Erste; der Entschiedenheit, dem Fleiße, der Gläubigkeit und inneren Geschlossenheit : nach der Beispielgebende — und stand doch wie ein einfacher Soldat Schulter an Schulter mit uns. Die anderen ^Führer schätzen wir, folgen ihnen; ihn aber liebten wir, ■denn er war mehr als die anderen — er war nicht nur Kampfgenosse, er war Kampfkamerad. Wir vertrauten ihm mehr als anderen: Denn ihm konnten wir auch von unseren kleinen Schmerzen und Leiden berichten. Und wir tatens, weil wir seine Vornehmheit kannten. Denn „vornehm sein, heißt von sich das Höchste verlangen, ohne es die anderen merken zu lassen“. Er hatte die Gabe der Vornehmheit, deren Lohn in ihr selbst liegt. Er schwieg, verschmähte Herolde und Fanfarenbläser, weil er die anderen nichts merken lassen wollte. - Das ahnten, wir;.nun wissen wir es, Pppn „erwar wie die Gesundheit“ ... Darum trifft uns sein Verlust so schwer, In-