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Jüdische Zeitung · 1910-07-29 · 30 (29.7.1910) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 JÜDISCHE ZEITUNG. die Wege geleitet. Die Gouvernementsbehörde ist eifrig an der Arbeit, neue Proskriptionslisten aufzustelten. Mit dem Landflecken Popelnasty wurde bereits der Anfang gemacht, indem aus demselben elf Familien ausgewiesen wurden. — Eifrig wird das patriotische Reinigungswerk am Rigaer Strand betrieben. Aus Bilderlingshof wurden 60 jüdische Familien aiisgewiesen, denen zu Beginn der Saison ausdrücklich das Aufenthaltsrecht bewilligt worden war. Auf Grund dieser Bewilligung hatten sie die Miete, wie üblich, für die ganze Saison im voraus bezahlt. — Der Twerer Gouverneur hat vom Ministerium des Innern ein Rundschreiben erhalten, in welchem ihm vorgeschrieben wird, das Wohnrecht der Juden in seinem Gouvernement einer strengen Prüfung zu unterziehen und sämtliche wohnrechtslose Juden innerhalb eines Monats nach dem Ansiedlungsrayon abzuschieben. — Das Neueste auf dem Gebiete der Ausweisungspraxis ist die Leistung des berüchtigten Jaltaer Stadthauptmannes General Dumbadse. Dieser energische Machthaber hat es einfach fertig gebracht, die jüdischen — Soldaten des Jaltaer Garnisonregiments aus dem Kreise Jalta auszuweisen. Hierauf erklärte er stolz: „Nun gibt es keine Juden mehr in der Jaltaer Garnison!“ Das erste jüdische Museum. Zu den vielen Widersprüchen, welche die böhmische Hauptstadt in sich vereinigt, gehört auch der, daß Prag eine recht lebendige, zugleich aber auch eine tote Stadt ist. Von dem alten Prag mit seinen großen Schätzen einer reichen Vergangenheit führt nur die berühmte steinerne Brücke Karls IV. zu dem Prag von heute; keine lebendige Brücke verbindet hier Gegenwart und Vergangenheit, und das Alte fristet, wenig beachtet und gehütet, das Dasein einer'ehrwürdigen Rumpelkammer. Die Sorge um die historischen Denkmäler, denen man auf Schritt und Tritt begegnet, ist nicht allzu groß: die grauen Steine, die einst Zeugen größerer Tage waren, verwittern und zerfallen, ohne das schützende Hände sie vor der gänzlichen Vernichtung behüten. Nicht als ob es den Freunden dieser Stadt an historischem Sinne fehlte; die Tschechen haben ein sehr lebendiges historisches Bewußtsein, aber dieser Sinn ist politisch gefärbt und liebt den Schatten der Vergangenheit nur, soweit diese Vergangenheit tschechisch war. So kommt es, daß nicht nur die' Schätze der deutschen, sondern auch die der jüdischen Kultur mit wenig Pietät behandelt werden. Erst dieser Tage wurde im Stadtrat der Antrag gestellt, den weltberühmten alten Prager Judenfriedhof, der zu den melancholisch-schönsten Altertümern dieser Stadt gehört, zu kassieren, ein Begehren, das in keiner andern Stadt Europas möglich wäre 1 Angesichts dieses antihistorischen Radikalismus der Prager Stadtväter ist es doppelt begrüßenswert, daß der Verein zur Erhaltung der jüdischen Altertümer in Böhmen in aller Stille ein Werk geschaffen hat, das bestimmt ist, die vielen Reliquien und Antiquitäten aus der Geschichte der Prager Juden zu sammeln und vor dem Verfall zu retten: Es ist dies das jüdischen Museum in Prag, das erste jüdische Museum überhaupt. Daß dieses Institut gerade in der böhmischen Hauptstadt gegründet wurde, ist kein Zufall, denn Prag ist eine der wenigen Städte des Kontinents, in welchen seit dem frühen Mittelalter eine große Judengemeinde bestanden und sich in lebendiger Entwicklung bis auf unsere Tage erhalten hat. Bis vor wenigen Jahren noch bestand die alte Judenstadt in ihrem ganzen Umfang. Die krummen, engen Gassen des ehemaligen Ghettos waren im Laufe der Zeiten freilich sanitätswidrig geworden, so daß dieses Gebiet assaniert werden mußte. Die wertvollsten Objekte des Stadtteils, die Altneusynagoge, das schöne im Barockstil gehaltene jüdische Rathaus und der alte Judenfriedhof, sind indes erhalten geblieben. Nur haben leider die Prager Architekten nichts dazu getan, diese interessanten Bauten zur Geltung zu bringen. Sie stecken inmitten charakterloser Zinshäuser, von allen Seiten eingeengt und bedrückt. Zu diesen Ueberbleibseln der jüdischen Geschichte Prags gesellt sich nun das neue Museum, das vorläufig in den Räumen eines Privathauses in der Benediktgasse untergebracht ist. Es ist nicht groß, dieses jüdische Museum, und enthält nur einen Bruchteil alles dessen, was der Seite 5 Erhaltung wert gewesen wäre, aber immerhin bietet es für Forscher und Laien sehr viei Interessantes und Sehenswertes. Einzelne Gegenstände reichen bis an das Ende des 16. Jahrhunderts zurück; sie entrollen die eigenartige und wechselvolle Geschichte des Prager Ghettos, die mühevolle Entwicklung der Juden aus der Enge des Ghettos zur bürgerlichen Freiheit. Mit besonderer Sorgfalt wird hier eine Urkunde Kaiser Josephs II. aufbewahrt, die mit den strengen Ausnahmegesetzen brach und dem Michl Jeiteles die Errichtung einer Apotheke gestattete; es war dies wohl das erste Apothekerprivileg eines Juden in Oesterreich. Die Druckschriften und Schriftdenkmäler, unter denen sich viele interessante Flugschriften befinden, würden eine genaue Durchsicht lohnen . . . Mein Auge fällt da zum Beispiel auf eine Sammlung deutscher Psalmen aus dem Jahre 1757, die in der „Alt-Neuschul“ gebetet wurden, als Friedrich der Große Prag bedrohte. Sehr reich ist das Museum an Kunstschätzen, denn es vereinigt nicht nur die alten Tempelgeräte aus den aufgelassenen Synagogen des Ghettos, sondern auch viele wertvolle Objekte, die bisher in Privatbesitz sich befanden. Wundervoll dekorativ wirken die Paramente, von denen einzelne mehr als zweihundertfünfzig Jahre alt sind. Es sind Meisterwerke der Goldstickkunst, wie die schön gearbeiteten Schabbeslampen und -Leuchter beachtenswerte Stücke der Goldschmiedekunst darstellen. Historisch interessant ist die Riesenfahne der ehemaligen jüdischen Fleischerzunft, ein Koloß von einer Standarte, die von zwölf Männern getragen werden mußte und bei der Verteidigung der Prager Altstadt gegen die Schweden manche Wunde erhielt. Die Fahne zeigt auf der einen Seite den böhmischen Löwen, auf der andern das Prager Stadtwappen. Auch das Zunftzeichen der Fleischer istsehenswert:eingroßerhohlerZinnschlüssel mit Inschriften, der als Futteral fürdie silbernen Schlüsseln zu den Toren der Judenstadt diente. Dieses Stück stammt aus dem Jahre 1620. Auf die alten jüdischen vornehmen Geschlechter weisen ein Aufsatz der Bundeslade aus der Joachim Edler v. Popper-Synagoge, der mit dem Wappen dieser Familie geschmückt ist sowie die zahlreichen Porträts jüdischer Notabein, die die Wände des Museums schmücken. Italienische Arbeit sind einige künstlerisch ausgeführte Gebetrollen, die das Datum 1680 tragen. Auch eine Reihe prächtiger Estherrollen (Megilloth) ist hier zu sehen, u. a. auch ein auf Papierstreifen angefertigtes, mit Holzdruck geschmücktes Exemplar, das schon wegen seiner originalen, von aller Tradition abweichenden Form Interesse verdient. Einen ganz eigenen Reiz üben die in einer Vitrine verschlossenen stilvollen Gold- und Silbergeräte. Da sieht man Kidduschbecher in den verschiedensten Formen, Sammelbüchsen, Teller, Kannen, Becken, Thoradeuter, einen schweren silbernen Habdalahleuchter aus dem Besitz der ehemaligen „Zigeiner“-Synagoge und Gewürzbüchsen in den anmutigsten Formen. Unsere modernen Kunstgewerbler würden hier zweifellos manche Anregung empfangen . . . Auch schöne alte Geldstücke und Ringe findet man unter den Museumsobjekten; ein Goldring mit Onyxstein, offenbar italienische Arbeit, trägt die Inschrift „lehadük ner schel schabos“. So reich dieses Museum auch heute schon ist, so bildet es doch erst den Ansatz zu reiner vollständigen Sammlung der Prager jüdischen Altertümer. Es wäre nur zu wünschen, daß es dem Museum gelänge, auch die in den andern Prager Sammlungen und im Privatbesitz verstreuten Antiquitäten aus dem Prager Ghetto an sich zu bringen. („Frankfurter Zeitung“.) Meine Studienreise in Palästina. Von Dr. Franz Oppenheimer. In Nr. 27 der „J. Z.“ haben wir den ersten Teil des hochinteressanten Berichtes unter „Zeitschriften und Bücherschau“ inhaltlich wiedergegeben. Wir lassen nunmehr den Teil der Oppenheimerschen Ausführungen, der sich mit dem Genossenschaftsproblem selbst beschäftigt, wörtlich folgen: Erstes Stadium: Die Gewinnbeteiligung. Die Arbeiterproduktivgenossenschaft legt das gesamte Risiko des Betriebes auf die Schultern der Genossen, und das können sie weder vor sich selbst, noch vor den Kapitalgebern tragen. Wenn sie das Unglück haben, in den ersten Jahren schlechte Ernten zu machen, so kommen sie entweder in die größten Schwierigkeiten, ja können zugrunde gehen, oder das unselige Almosenwesen muß einsetzer: und den wirtschaftlichen Aufschwung des Unternehmens zerstören. Auf der anderen Seite kann es keinem Kapitalgeber zugeinutet werden, Inventar im Werte von immerhin 120.000 Francs Minimum in die Hände einer Vereinigung von Arbeitern zu legen, die technisch den höchsten Grad der Leistungsfähigkeit besitzen mögen, die aber noch keinen Beweis dafür abgelegt haben, erstens daß sie unter sich Frieden und Ordnung aufrecht zu halten imstande sind, und zweitens, daß sie in der Lage sind, einen hochgestaffciten landwirtschaftlichen Betrieb zu dirigieren. Denn das ist ohne weiters klar: ist einmal die Produktivgenossenschaft fundiert, so ist der Leiter der Beamte seiner Arbeiter und hier sind Disziplinschwierigkeiten fast unvermeidlich, wenn das Verhältnis nicht auf alter Zusammenarbeit und der sicheren Erfahrung von Nützlichkeit der Organisation beruht. Gegen diese Erwägungen will es niciits besagen, daß in Um-Djumi, am linken Ufer des Jordan, die von der PLDC. eingerichtete kleine Produktivgenossenschaft prächtig zusammenarbeitet und auch gut zu florieren verspricht. Denn hier handelt cs sich vorläufig erstens nur um eine sehr kleine, aus sechs oder sieben alten Freunden zusammengesetzte Genossenschaft, zweitens um keinen Großbetrieb, sondern kaum mehr als um einen größeren Bauernbetrieb, drittens um keinen hochrntioneüen Betrieb und viertens um ein vorläufig kurz befristetes Pachtverhältnis; und schließlich gewährt die PLDC. dieser Genossenschaft beträchtliche Lohnvorschüsse auf ihren späteren Gewinnanteil. Eine solche Organisation ist noch nicht in streng wissenschaftlichem Sinne Arbeite!Produktivgenossenschaft zu nennen, womit übrigens gegen den Versuch und seine Ausführung nicht im mindesten irgend etwas eingewendet werden soll. Er ist den bestehenden Verhältnissen vortrefflich angepaßt und ein Experiment von der allerhöchsten praktischen und theoretischen Bedeutung für unsere Kolonisation in Palästina. Daraus ergibt sich zwingend folgender Plan: Es wird ein Großbetrieb eingerichtet, das heißt die nötigen Gebäude samt Brunnen usw. werden hergestellt, ausreichendes lebendes und totes Inventar beschafft, ein tüchtiger Administrator geworben und ein Stamm von Arbeitern eingestellt, die unter seiner Leitung den Betrieb führen. Sie stehen unter der üblichen Disziplin, das heißt der Leiter hat grundsätzlich das Straf- und Entlassungsrecht. Man wird jedoch von Anfang an versuchen, dem Geiste der ganzen Sache entsprechend, die Arbeiter zu ihren eigenen Richtern zu machen. Zunächst soll dem Administrator das Recht, nicht die Pflicht verliehen sein, Disziplinarschwierigkeiten vor ein von Arbeitern selbst in unbeeinflußter Abstimmung gewähltes Schiedsgericht zu bringen. Wenn sich die Einrichtung bewährt, wird man dieses Gericht mit immer steigenden Befugnissen ausstatten. Auf gleiche Weise soll langsam ein technischer Beirat der Arbeiter zu immer höherer Machtvollkommenheit entwickelt werden, das heißt der Administrator soll zuerst berechtigt, und, wenn die Einrichtung sich bewährt, später in immer steigendem Maße verpflichtet sein, mit dem Beirat die Dispositionen für die nächste Zeit zu beraten. Diesem wird namentlich die Zuteilung der einzelnen Arbeiten unter die Genossen und später vielleicht die Bestimmung der Lohnunterschiede zufallen. Die Gerechtigkeit und — die Rentabilität verlangen, daß Arbeiter von sehr verschiedener Qualifikation auch verschieden entlohnt werden; würde die Festsetzung dieser Stufen der Administration Vorbehalten, so wären Verbitterung und Streit die Folge. Es wird vielleicht möglich sein, die Angelegenheit so zu ordnen, daß man einen bestimmten landesüblichen Durchschnitt pro Kopf der Arbeiter an ihren Kassier auszahlt, und ihnen überläßt, sich nach Recht und Gerechtigkeit in den Betrag zu teilen. Aber auch das kann erst bei weiterer Entwicklung nach einiger Zeit tastend versucht werden. Ich denke hier namentlich an die Entlohnung neu angestellter Arbeitsrekruten, die unmöglich die gleiche Besoldung verlangen können, wie erprobte reife Arbeiter. Der Ertrag des Unternehmens soll während dieser Periode der Gewinnbeteiligung derart geteilt werden, daß zunächst alle Spesen samt Abschrei-

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