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Jüdische Zeitung · 1910-07-29 · 30 (29.7.1910) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 30 bungen gedeckt werden. Zu diesen Spesen gehören vor allem die Arbeitslöhne. Die Arbeiter bekommen in guten und schlechten Jahren den vollen landesüblichen Lohn ausbezahlt. Der überschießende Betrag wird zwischen die Eigentümer des Bodens und des Inventars einerseits und die Arbeiter anderseits nach einer gleitenden Skala verteilt. Und zwar sollen die Arbeiter um so mehr Gewinnbeteiligung erhalten, je höher die dem Kapital zugewiesenen Interessen sind. Das letzte Ziel ist folgendes: es soll dem Nationalfonds, der kein Risiko läuft, 37° seiner Gesamtaufwendungen, dem Genossenschaftsfonds, der alles Risiko läuft, 47“ und außerdem noch ein Viertel des darnach verbleibenden eigentlichen Reinertrages zugewiesen werden. Die übrigen drei Viertel sollen die Arbeiter erhalten, und zwar pro rata ihrer Löhne. Das heißt: es wird der für den Gewinnanteil der gesamten Arbeiterschaft verfügbare Betrag in die Schlußsumme des Gehalt- und Lohnkontos dividiert — natürlich ist auch der Administrator am Gewinn beteiligt — und soviel Centimes wie auf jeden Franken erhaltenen Lohnes entfallen, erhält jeder Arbeiter bar ausbezahlt. Nehmen wir an, die gesamte Lohnsumme habe 20.000 Francs betragen und der Gesamtgewinn nach Verzinsung des Kapitals betrage S000 Frcs., dann erhält der Genossenschaftsfonds über seine4‘«hinaus 2000 Frcs. und die Arbeiterschaft 6000 Frcs.; und hier wird so geteilt, daß ein Arbeiter, der im Laufe des Jahres 500 Frcs. verdient hat. 150 Frcs., einer der 250 Frcs. verdient hat, etwa weil er später eingetreten oder als Rekrut auf einen niedrigeren Satz gestellt ist, 75 Frcs., ein Vorarbeiter, der 750 Frcs. verdient hat, 250 Frcs. und der Administrator, dessen Gehalt mit 3000 Frcs. angenommen sein mag, 1000 Frcs. Bonus. Durch diesen Verteilungsmodus wird ein Doppeltes erreicht: erstens wird die Sorgfalt und der Fleiß derjenigen Mitarbeiter am stärksten gestachelt, deren Arbeit für den Gesamterfolg die wichtigste ist; und zweitens läßt die Methode dem Administrator alle Freiheit, außer dem Taglohn auch noch alle Systeme der Entlohnung anzuwenden, die in Landwirtschaft üblich und erprobt sind: Stücklohn, Anteilslohn, Prämien, zum Beispiel für die Kuhmelker usw. Wenn die Arbeitergruppe, die im Akkord mäht, oder wenn der Schweizer, der Milchprämien erhält, weiß, daß seine Anstrengung nicht nur durch den Akkordlohn und die Prämie, sondern auch noch durch die darauf fallenden Gewinnanteile belohnt wird, dann wird er doppelt Fleiß und Sorgfalt anwenden, und das ist namentlich bei den im Akkord ausgeführten Arbeiten ungeheuer wichtig, weil der Akkord allein bekanntlich Quantität, aber keine Qualität der Arbeit erzielen kann. Die Bestimmung, daß der Gewinnanteil sofort ausbezahlt werden soll, ohne daß ein Teil füi die Zwecke der Arbeiter selbst zurückbehalten wird, entspricht den Erfahrungen der Wirtschaftsgeschichte und dem Charakter der jüdischen Arbeiter selbst. Es hat sich, was den ersten Punkt anlangt, herausgestellt, daß die Gewinnbeteiligung um so kräftiger auf den Gesamterfolg einwirkt, je verständlicher das System, je höher der Anteil der Arbeiter und je unmittelbarer er zur Auszahlung gelangt. Schon diese Erfahrung muß uns abhaiten, zu all den Mittelchen patriarchalischer Bevormundung zu greifen, etwa zur zwangsweisen Anhäufung der Gewinne in einer Sparkasse zugunsten der Beteiligten usw.; und vor allen Dingen verbietet es der Charakter und das sozialistische Klassenbewußtsein der jüdisch-palästinensischen Arbeiter, derartig vorzugehen. Sie sind freie Männer und wollen und solien als solche behandelt werden; niemand soll ihnen ihr Menschenrecht verkümmern dürfen, aus ihren eigenen Fehlern zu lernen, soweit nicht etwa das Interesse des Gesamtbetriebes dadurch geschädigt wird. Indessen ist zu hoffen und zu erwarten, daß die Genossenschaft der Arbeiter selbst aus freien Stücken beschließen wird, den ganzen Gewinn oder wenigstens einen sehr bebeträchtlichen Teil für den nächsten und wichtigsten Zweck der Genossenschaft zu ersparen, nämlich für den Ankauf des Inventars, um sich zur echten Produktivgenossenschaft weiter zu entwickeln. Wenn dieser Beschluß, was zu erhoffen ist, gefaßt wird, so mag die Genossenschaft ihr Geld anlegen, wo es ihr behagt. Man wird aber daran denken können, ihr zu dem Zwecke nach üblicher Weise eine Gutssparkasse mit einer etwas höheren Verzinsung der Einlagen zur Verfügung zu stellen, als die Bank gewähren kann. Davon mögen sie Gebrauch machen oder nicht, ganz nach Belieben und Vertrauen, wie denn überhaupt der oberste Grundsatz des ganzen Zusammenarbeiten sein muß, in allen Dingen, die nicht das Lebensinteresse des Betriebes berühren, die Freiheit des Entschlusses der Arbeiter uneingeschränkt aufrecht zu erhalten. Uni namentlich im Anfang, wo man die Schwierigkeiten des lUnbekannten zu überwinden und die Arbeiter erst zum Teil technisch und namentlich organisatorisch an die neue Betriebsform gewöhnen muß, den Stachel des Selbstinteresses für den Betrieb anwenden zu können, sollen die Arbeiter aber auch schon dann einen, natürlich geringeren Gewinnanteil bekommen, wenn das Kapital nicht das Maximum seines Ertrages: 3°o für den Nationalfonds, 4°;o plus ein Viertel des Gewinnes für den Genossenschaftsfonds, erhalten kann. Man wird etwa folgende , „gleitende Skala“ vorschlagen dürfen: das Kapital . erhält entweder 4°o und 14 oder 3»jo und *>, oder 27® und 12 oder 1®'« und 13 oder 0°o und 3 4 des Gewinnes und teilt sich in diese Summe so, daß der Nationaltonds nicht über 3» ®, der Genossenschaftsfonds den Rest erhält: den Rest des Gewinnanteils, .also je nachdem 34, 3j3, S, 13 oder * 4 erhalten, die Arbeiter als Aufschlag auf ihren Lohn. Ueber die Einzelheiten dieser Skala kann man selbstverständlich verhandeln. (Fortsetzung folgt.) Parteinachrichten. Gedenkfeier für Theodor Herzl. Anläßlich der Wiederkehr des Todestages Theodor Herzls veranstalteten die Wiener zionistischen Organisationen Dienstag im Seitenstetter Tempel eine Gedenkfeier^, welche einen imposanten Besuch aufwies und einen würdigen Verlauf nahm. Herr Rabbiner Dr. Bach hielt eine meisterhafte Gedenkrede, Herr Oberkantor Fuchs versah in ausgezeichneter Weise die kantoralen Funktionen. *■ Das innerösterfeiehische Distriktskomitee gibt bekannt, daß ein offizieller Grabbesuch nicht stattfindet. Gesinnungsgenossen, welche das Grab Herzls besuchen wollen, treffen sich Sonntag den 31. Juli, 10 Uhr vormittags, am Döblinger Friedhofe. *, * Präsident David Wolffsohn. Uebertriebene Gerüchte über eine Erkrankung des Präsidenten des pAC., Herrn David Wolffsohn, haben eine Beunruhigung in zionistischen Kreisen hervorgerufen. Wir sind in der erfreulichen Lage, feststellen zu können, daß es sich lediglich um eine akute Halsentzündung^ gehandelt hat, die schon nach einigen Tagen als vollkommen behoben angesehen werden konnte. Leider ist aber das Allgemeinbefindes Herrn Wolffsohn weniger befriedigend. Herr Wolffsohn wird sich auf dringenden Rat der behandelnden Aerzte, einige Wochen absolute Schonung auferlegen müssen. ' * * * Delegiertentag der zionistischen Vereinigung für Deutschland. Wie verlautet, findet der Delegiertentag der reichsdeutschen Zionisten am 1 1. und 12. September 1910 in Frankfurt am Main statt. Auf der Tagesordnung steht eine Ansprache des Präsidenten David Wolffsohn und Referate der Gg. Dr. Otto Warburg, Di. Artur Ru pp in und Dr. Franz Oppenheimer. Sport. Jüdischer Sportklub „Makkabi“ in Krakau* Man schreibt uns aus Krakau: Aus eigener Kraft, von niemandem gefördert und auf sich selbst angewiesen, hat sich der jüdische Sportklub „Makkabi“ nach einem Jahre harter Arbeit prächtig entwickelt. Die Beweise der inneren Lebensfähigkeit und die sportlichen Siege lenkten die Aufmerksamkeit der hiesigen Judenschaft auf den Klub, die Jugend strömte herbei und gegenwärtig zählt der Klub zirka 70 aktive Mitglieder. — Neben dem Fußballspiel werden auch andere Sportzweige, so insbesondere die Leichtathletik betrieben. — Im heurigen Jahre wurden 8 Fußballmatchs ausgetragen. Den Clou der Saison bildete ein Match des „Makkabi I“ mit der „Hasmonea I“ aus Lemberg. Mit ungewöhnlichem Interesse verfolgte eine große Zuschauermenee das neuartige Schauspiel, daß zwei bewußt-jüdische Mannschaften ihre Kräfte maßen. Die normale Spielzeit verfloß und gegen alle Erwartungen siegte der hiesige Sportklub Makkabi mit 1:0. In der Herbstsaison beabsichtigt der Klub tüchtig weiterzuarbeiten und die schon abgeschlossenen Matchsengagements mit dem Wiener und Budapester jüdischen Sportklubs auszutragen. Gegenwärtig zählt der Klub drei fleissig trainierte Mannschaften. Es wird auch beabsichtigt, in der Provinz das Interesse für die Regeneration des Judentums in den orthodoxen Kreisen zu wecken. Es sind bereits mehrere Matchsreisen projektiert. Traurig ist nur die Tatsache, daß die hiesigen jüdischen Akademiker für den Sport wenig Interesse zeigen, als Mitglieder überhaupt nicht fungieren und die Unterstützung versagen. Hoffentlich spornen die Erfolge des „Makkabi“ unsere Studenten zu tätiger Mitarbeit an. Es wäre auch wünschenswert, daß die leitenden jüdischen Kreise dem für die körperliche Regenerationen so bedeutsamen Wirken unseres Klubs Verständnis entgegenbringen und uns unter die Arme greifen. Aus dem jüdischen Leben. Die Juden und der Grundbesitz in Ungarn. Die ungarische Regierung hat das königlich ungarische statistische Zentralbureau beauftragt, eine Statistik des Grundbesitzverkehres in Ungarn seit dem Jahre 1880 auszuarbeiten. Das statistische Zentralbureau versendet nun Fragebögen, durch die ermittelt werden soll, wie viele Besitzungen in den letzten 30 Jahren ihren Eigentümer gewechselt haben und wer die neuen Grundbesitzer sind. Der betreffende Fragebogen enthält nun u. a. folgende Rubriken: Weicher Religion gehört der neue Besitzer an? — Welches ist seine Muttersprache? — Wo ist er geboren und wo heimatsberechtigt? — Der Beschluß, diese Statistik anzufertigen, ist die Folge einer Besprechung zwischen dem Handels- und dem Ackerbauministerium. Maßgebend für den Beschluß war, wie die Regierung sich vernehmen läßt, der Umstand, „daß manche Kreise es in ihrem Interesse gelegen finden, den Irrglauben zu verbreiten, in Ungarn werde sämtlicher Grundbesitz von eingewanderten galizischen Juden abgekauft“. V ereinsu .Versammlungs- Nachrichten. Voranzeigen. Prag. („Poale-Zion“.) Der jüdische Arbeiterverein „Poale-Zion“ veranstaltet am 14. August einen großen Ausflug nach Hodkovicka, Gartenrestauration Spacek. Kegel, Tanz und andere Ueberraschungen. Karten ä 22 h sind im Sekretariat zu haben. Wien. („N e ß - Z i o n a h“.) Dienstag den 2. August a. c., 8 Uhr abends, findet im Klublokal Cafe „Mocca“, I. Schottenring 12, ein Vortrag des Schriftstellers Friedrich Porges über „Zionismus und Religion“ statt. Die Gg. werden ersucht, zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Gäste — auch Damen — herzlich willkommen. Proßnitz. Der jüdische Turnverein veranstaltet am 31. Juli 1. J. ein Gartenfest mit Schauturnen und daranschließendem Tanzkränzchen. Die Vorarbeiten hierzu wurden bereits in vollem Umfange getroffen und das Interesse, das die hiesige Bevölkerung unseren Veranstaltungen stets entgegenbringt, läßt auf einen günsten Verlauf unseres Festes hoffen. Mitteilungen der NF-Landessammelstelle Oesterreich: Kupon Nr. 6 des JCT (Jüdische Kolonialbank) wird von uns zum vollen Wert von 60 h per Aktie eingelöst. Das Porto der Geldsendung ziehen wir natürlich ab. Ferner besorgen wir gegen Erlag von 50 h Portospesen für jeden Aktionär die rekommandierte Zusendung seiner JCT- Aktien an die Bank nach London und dann die unrekommandierte Rücksendung der Aktien mit den neuen Kuponbogen an die Aktionäre. Bei Sammelsendungen durch NF-Kommissäre an uns empfiehlt sich die Rekommandierung. Der 9. Kongreß hat beschlossen, bis Ende 1910 für die Si ed e lungsgenossenschaft nach Oppenheimers Plan 100.000 Fs. aufzubringen. Da hierauf noch 50.000 Fs. fehlen, sei jedem Zionisten eingeschärft, diesen Sammelzweck zunächst zu bedenken

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