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Jüdische Zeitung · 1910-07-29 · 30 (29.7.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. wirtschaftlicher Beziehung entgegengeht. In der heutigen Besprechung soll alles, was an Politik streift, vollständig bei Seite gelassen werden. Die Besprechung hat den Zweck, die traurige Lage eines großen Teiles der jüdischen Bevölkerung der Buko Wfiiä"'Hier zur Sprache zii bringen und an Sie, meine Herren, den Appell zu richten, sich mit dieser außerordentlich wichtigen Frage zu befassen. Wir Juden sind schon von Haus aiis ein unglückliches Volk. So differenziert wie bei uns, ist in keinem Volke das Material. Wenn Sie um sich blicken, so finden Sie — ich nehme das Beispiel der Bukowina — daß von den Ruthenen, die nahezu 300.000 an der Zahl sindj. fast 99Vs Bauern.sind. Also, eine große feste Schichte Bauernl Alle Maßnahmen zur Verbesserung des wirtschaftlichen Loses der ruthenischen Bevölkerung zielen darauf ab, der Bauernschaft zu Hilfe zu kommen. Auch bei den Rumänen gehört der größte Teil des Volkes dem Bauernstände an. Zum großen Teil ist dies auch bei den Deutschen der Fall. Ganz anders aber ist die Schichtung bei der jüdischen Bevölkerung. Da haben Sie. zum .größten Teile Menschen, die gar keinen Beruf haben. Sie leben von der Hand in den Mund, sie sind Luftmenschen. Ein anderer Teil gehört dem ganz kleinen Geschäftsstande an, handelt mit allem möglichen und schlägt sehr traurig sein Brot heraus. Sie haben eine weitere Schichte eines gutsituierten Handel- und Gewerbestandes, ferner einen Teil der höheren Schichte, die Großindustriellen und Großkaufleute. Es ist auch eine dünne Schichte jüdischer Beamten, Lehrer und Professoren, also solcher, die sich dem Gelehrtenstande zugewendet haben. Die übrige Mehrheit aber, und zwar zum allergrößten Teile, hat keinen festen, bestimmten Beruf. Die statistischen Berechnungen haben ergeben, daß von den mehr als 100.000 Juden in der Bukowina nur 10.000 ein festes Einkommen haben. Die sich vollziehenden Zersetzungs¬ und Umbildungsprozesse werden voraussichtlich sehr betrübende Folgen zeitigen. Wohin bringen wir es in 10—20 Jahren? Dahin, daß der größte Teil der Judenschaft proletarisiert sein wird.“ Redner kommt nun auf die Notwendigkeit einer Sanierungsaktion zu sprechen und meint, man dürfe nicht warten, bis die Verelendung der Massen jenenGrad erreicht hat, bei dem eine Abhilfe schon nicht mehr möglich ist „Es ist Pflicht derjenigen, die in der Lage sind, für die Gesamtheit zu wirken, sich an einer allgemeinen Sanierungsaktion zu beteiligen. Wir sind hierzu um so mehr verpflichtet, als es unleugbar ist, daß die Situation der Juden im Lande sich in der letzten Zeit empfindlich verschlimmerte. Wir haben keine aufrichtigen Freunde, während unsere Widersacher immer an Zahl zunehmen.“ Redner habe im Landtage auf diesen Umstand hingewiesen und gesagt: „Man kümmert sich um die Bauern, man kümmert sich um die Lehrer, man erlangt Subventionen für die Pflege der Viehzucht, warum tut man aber gar nichts für eine Volksklasse, die ebenso im Elend lebt, wenn diese Volksklasse auch nur aus Juden besteht? Nur zu Zeiten der Wahlen kennt man uns, da sind wir die geehrten Mitbürger, geehrten Wähler. Sind aber die Wahlen vorüber, dann kennt man uns auch nicht mehr. Wir müssen nun endlich diesem Uebelstande abhelfen und eine wirtschaftliche Gesundung der jüdischen Massen herbeiführen. Nur ein wirtschaftlich gesundes Volk kann ein politisch gesundes Volk sein. Dazu ist aber nötig, daß die wirtschaftlich Starken den Schwachen zu Hilfe kommen. Wir haben wohl einige Finanzinstitute und Eskompfeure, aber diese sind nicht dem allgemeinen Wohle zugänglich und es ist nicht gut, wenn sich das Kapital an einer Stelle häuft“ Redner denkt sich daher die Sanierung in der Weise, daß kleine Industrien gegründet ziehen heute noch, sonst gehe ich zurück, von wo ich gekommen und kehre tausend Jahre nicht wieder und vielleicht noch länger nicht Reb Jissroel, das Schicksal deines Volkes liegt nun in deinen Händen! Du hast zu entscheiden, ob das Golus zu Ende sein soll oder nicht Laß keinen Esel zwischen dem Golus und der Befreiung stehen! Entscheide Dich! Du hast fünf Minuten Zeit!“ Und Ihr meint, Reb Jissroel habe fünf Minuten ’ nachzudenken gebraucht? Unsinn! Reb Jissroel antwortete augenblicklich, ohne Zagen, ohne Zittern: „Herr! Entweder der Messias mit dem Esel oder kein Messias!“ Nun gut! Der Messias sah auf die Uhr, seine Zeit war um. In diesem Augenblicke wurde es finster im Zimmer, dunkel wie die Dunkelheit Aegyptens, und in dieser Dunkelheit verschwanden die Gestalten des Messias und seines Dieners, und Reb Jissroel blieb allein. Ja, Ja, Reb Jissroel Isserlheimer! Das ist ein Mann, dem ganz Israel zu ewigem Danke verpflichtet ist Denkt euch nur, Reb Jissroel Isserlheimer wäre weniger charaktervoll gewesen und hätte nicht darauf bestanden, daß die Tradition aufrecht erhalten bleibe — denkt Euch, er hätte nächgegeben, und das wäre doch kein Wunder gewesen, wenn man den Messias vor sich hat, den jeder fromme Jude täglich erwartet, täglich in heißen Gebeten herbeifleht — denkt Euch, Reb Jissroel Isserlheimer wäre einen Augenblick schwankend geworden — — was wäre geschehen? Der Messias wäre eingezogen, das ist richtig. Aber ohne Esel! Ohne Esel, denkt Euch nur! und andere Unternehmungen ins Leben gerufen werden, daß aber das Hauptaugenmerk der B odenkultur zugewendet werde. Dr. Straucher begegnet schließlich: noch den Einwendungen der antisemitischen Presse, die schon ein wahres Geheul -:efhob,' die Juden 'wollen * den ~ Bauern den Boden wegnehmen. Solche antisemitische Phrasen dürfen uns nicht abschrecken, denn für diese Axt von Leuten bietet jede Betätigung der Juden einen Dom im Auge. Redner appelliert an alle jüdischen Grundbesitzer, Pächter und Industriellen, sich an der Aktion zu beteiligen, die sicher zu einem Erfolge führen muß.“ i Die Debatte. i. Dr. Diamand führt aus: „Es gibt jüdische Bauern und in jedem Dorfe sind ein oder zwei Leute da, welche Hand an den Pflug legen. Es handelt sich nicht darum, ob die Juden Ackerbauer sein können, denn daß dies der Fall sei, zeigen unzählige Beweise in der Bukowina, sondern es geht darum, wie wir das ‘Kapital finden sollen.“ Nach Redners Ansicht wäre ein Projekt'' zu ‘ empfehlen, wonach eine kleine Probe mit 25 Gehöften zu machen sei. Redner macht sodann einige Anregungen über die Art, wie er sich diese Aktion denke. Es seien zunächst 25 Gehöfte anzukaufen. Ein solches Gehöft soll mindestens 5 Joch umfassen und dürfte 5000 K kosten. Dazü käme aber noch die Anschaffung von lebenden und totem Inventar im Betrage von ungefähr 600 K. Die Gesamtausgaben für diese 25 Gehöfte samt deren Ausgestaltung dürften insgesamt 173.000 dkbetragen. Diese-Gehöfte, die in der Nähe der Stadt anzukaufen wären, sollen dann an solche Familien abgetreten werden, von denen jede über ein nachweisbares Kapital von je 3000 K verfügt. Aufgabe der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit und insbesondere der einzelnen Gutsituierten ist es nun, dieses Kapital herbeizuscbaffen, um den bezeichneten Versuch machen zu können. Wir würden dadurch nicht' nur zahlreiche Existenzen erhalten, sondern auch unsere eigene Position stärken. KR. G o I d n e r begrüßt die Idee des Doktor Straucher und meint, in Bezug auf die Ausführungen des Vorredners, daß 5 Joch für ein Gehöft nicht hinreichend seien; man müsse mindestens 10 Joch haben. Dazu kämen noch Kühe, Stallungen und andere Nebengebäude. Die betreffenden Interessenten müßten ein Kapital von 8000 K aufweisen. Redner ist auch der Ansicht, daß diese Gehöfte in der Nähe der Bahnstation anzulegen seien, da hierdurch der Betrieb von Industrien begünstigt wird. ) Dr. Straucher tritt hierauf einigen mißverständlichen Auffassungen der Idee entgegen und möchte sie zunächst yor einer einer einseitigen Interpretierung schützen!. Er mein nicht, daß man gleich große Wirtschaften anlegen müsse, man solle auch den kleineren Industrien ein Augenmerk widmen. Er wolle nicht gleich Großbauern schaffen, sondern kleine arbeitsfreudige Bauern, die sich mit kleineren Grundstücken begnügen. Was die Frage der Kapitalsbeschaffung betrifft, so seien von verschiedenen Seiten Anregungen gemacht worden. So teilte ein jüdischer Mann aus dem Volke seine Ansicht dahin mit, daß eine Subskription eröffnet werden möge. Ein anderer Jude vom Lande meinte, daß, wenn von den 200.000 Juden in der Bukowina jeder nur 2 K hergäbe, schon eine erkleckliche Summe zu erzielen wäre. Das sei gewiß beherzigenswert. Aber auch die großen reichen Juden, die von uns die Erlangung öffentlicher Stellen fordern, mögen ein Opfer bringen und in die Tasche greifen. Und es werden sich auch solche finden. Kultusrat Dr. Ausländer habe'die Idee mit Freuden begrüßt und sich bereit erklärt, 5000 K sofort für die gute Sache zu opfern. Diesem Beispiele mögen auch andere folgen. Im übrigen sei es ja nicht möglich, alle Details dieser Fragen in einer so großen Versammlung zu erörtern.' Dazu werden engere Kommissionen und Komitees eingesetzt werden. Aber es müsse dafür gesorgt werden, daß diese Bewegung in die weitesten Kreise der Judenheit dringe und ein lebhaftes Echo finde. S t o r f e r (Kimpolung) regt die Gründung einer Agrarbank an. Ferner sei das Augenmerk auch darauf zu lenken, daß die Jugend zum Ackerbau erzogen werde. Harnik (Sadagora) verweist darauf, daß daß Gut von Horowitz in Oberscheroutz zu verkaufen ist Dr. Diamand beantragt unter Zugrundelegung der Anträge ■ des Dr. Bierer, daß in das zu wählende Komitee folgende Herren kooptiert werden: Dr. Straucher, Dr. Ausländer, Josef Blum, Dr. Diamand, Simon Fliegler, Goldner, Michael Kunstadt, Direktor Kindler, Dr. Lupul, Horowitz, Sokol, Weißglas, Goldenberg, Niederhofer, Dr. Bierer, Hellmann. Dieses Komitee soll auch berechtigt sein, sämtliche Kulti svorsteher zu kooptieren. Dr. Weber (Radautz) stellt in Ergänzung der bisherigen Anträge den weiteren Antrag, daß das gewählte Komitee ermächtigt wird, eine Bank zu gründen, welche Aktien herausgegeben soll und uns das nötige Kapital beschaffen, wird, mit dem' wir beginnen werden. (Ang.) Hierauf wurde die Versammlung mit einer Kundgebung fürAbg.Dr. Straucher geschlossen. Nr. 30 Von der Woche. Entpuppung.' Vor einigen'Monaten erblickte “,in Krakau ein in jüdischer Sprache erscheinendes Blatt, das sich „der Tag“ nennt, das Licht der Welt. Herausgeber und Redakteur, welche der zionistischen Partei angehörten, kündigten an, daß sie zu allen Fragen des jüdischen Lebens unparteiische Stellung nehmen, nie aber den Boden der jüdisch-nationalen Idee verlassen werden. Schon am Anfang machten sich Zweifel an der Aufrichtigkeit des „unparteiischen“ Tag geltend, doch hielten wir solange mit unserem Urteil über den „Tag“ zurück, als keine unzweideutigen Beweise vorlagen, wes Geisteskind die neue Schöpfung war. Nun haben sich die Zweifel zur Gewißheit verdichtet: der „Tag“ ist vorerst ein Wolf im Schafpelz gewesen, nun .hat er auch diese Hülle abgestreift und betreibt offenen Verrat an der jüdischnationalen Idee, der treu zu bleiben er in tönenden Worten versprochen. Darum ist es an der Zeit, alle Rücksichten fallen zu lassen. Solange der „Tag“ an manchem Uebelstande der Gesamtpartei und der zionistischen Landesbewegung Kritik, meist ungerechte, übte, konnte man es dahingehen lassen. Wenn er aber unter dem Mantel der Unparteilichkeit und strengen jüdischnationalen Gesinnung den Verteidiger und Lobhudler der assmilatorischen Politik eines Löwenstein und Kolischer abgibt, so ist man verpflichtet, seinen Machern die Maske vom Gesicht zu reißen und laut zu erklären, daß es Feinde und Verräter des jüdischen Volkes sind. Daraus ergeben sich auch die Maßregeln, wie man sich als anständiger Jude und Parteigenosse diesem Organe gegenüber zu verhalten hat: man stelle es in eine Linie mit der „Jednosc“ und behandle deren Redakteure wie den famosen Herrn Dr. Merwin, den Schreibkuli des galizischen Moschkotums. Ob Herr K r e p e 1, der Chefredakteur des „Tag“ sich als Jüdisch-Nationalen ausgibt oder nicht, ganz einerlei, seine letzten Taten lehren, was er ist: ein Schädling schlimmster Sorte, der seitens keines selbstbewußten, ehrlichen jüdi- Politikers Schonung verdient. — * *. * Wenn alle Stricke reißen. Der christlich-sozialen Partei geht’s übel. Nicht weil die „Freiheitlichen“ Granitsch, Neustadtl und Schwarzhiller gegen sie Sturm laufen oder weil das Weltblatt, die „Neue Freie Presse“ sie jeden Tag spaltenlang zu Tode kritisiert, sondern weil in ihrem eigenen Lager Abfall und Zersetzung überhandnehmen. Und das ist schließlich die sicherste Methode, wie sie zu Grunde gerichtet werden 'kann. Was alle „freiheitlichen" Elemente nicht zustande zu bringen vermögen, werden Nagler, Hraba, Geßmann und Vergani gründlicher besorgen. Freilch werden von den leitenden Personen alle Anstrengungen gemacht, um den drohenden Zerfall aufzuhalten. Man bringt Leben unter die christlich-sozialen Massen, läßt ihren Instinkten freien Spielraum, erinnert sich an die seligen Zeiten, da die stärksten Waffen der Partei Ochsenziemer und derbe Fäuste waren und greift schließlich zum Universalmittel, das seine Wirkung, die Einigkeit herzustellen, nie verfehlt hat, zum rohen, brutalen Judenhaß-Exzeß. Am letzten Freitag wurde diese alte-neue Phase des christlich-sozialen Parteilebens durch eine Rede des Abgeordneten Kunschak im XVII. Bezirke inauguriert. Seit den Tagen, da Schneidar und Gregoryi auf dem Gipfel ihrer Macht standen, haben die Juden solche Ausbrüche fanatischen, niederträchtigen Judenhasses nicht zu hören bekommen. Drohungen, Verleumdungen, Beschimpfungen und Schmähungen, das ganze Register antisemitisch-vertierterJGesinnungsbrutalität wurde heruntergeleiert. Die Mannen brüllten Beifall, bereiteten dem wackeren Volks- und Arbeitervertreter begeisterte Ovationen. Keine Stimme in der ganzen Versammlung fand sich, die an den Schweinereien der Führer Kritik geübt hätte. Im Judenhaß fanden sie sich, die Hraba-, Vergani- und Geßmann-Anhänger. Wer erinnert sich da nicht an den Heine’schen Vers: . . . Nur wenn sie im Kot sich fanden, so verstanden sie sich gleich! ... * * * Fortgesetzte Judenausweisungen in . Rußland. Aus Petersburg wird geschrieben: Im Gouvernement Jekaterinoslaw wurden in letzter Zeit wiederum neue Massenausweisungen in

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