Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 30 JÜDISCHE. ZEITUNG. Seite 3 ein erwachendes nach moralischer Einheit strebendes Volk Anspruch darauf hat in diesem’ Sinne als Nation angesprochen zu -werden, so . sind es wir Juden, ja, man könnte behaupten, das sozialistische Bureau hatte da unbewußt.eine Definition gefunden, die keiner anderen Nation so auf den Leib geschnitten. ist wie der jüdischen. Nur wer die ganze jungjüdische Bewegung mit Absicht verkennen will, kann verkennen, daß hier ein machtvolles Streben nach Einheit vor sich geht, ein beispielloses Aufraffen eines allzulange in Fesseln geschlagenen Volkes. Gewiß, unsere Bewegung ist jung, aber sie wird unaufhaltsam vorwärtsströmen wie jede Volksbewegung, deren Inhalt innere Wahrheit und historische ' Notwendigkeit ist. Deshalb erscheint es mir als wäre der kluge Politiker Viktor Adler diesmal zu klug gewesen, indem er neuerdings versuchte, den Zeitpunkt der Anerkennung der jüdischen Nation, der unfehlbar kommen muß, möglichst hinauszuschieben. Wenn wir auch noch nicht die Gesamtheit unseres Volkesum unsere Fahnen zu scharen vermochten, die Besten, die Aufrechten und Kampfbereiten unseres Volkes haben wir geeint und es mag für die Sozialdemokratie nur von sehr zweifelhaftem Werte sein, denjenigen unter uns, die auf sozialistischem Boden stehen, durch eine derartige Politik die Betätigung als Sozialisten zu verleiden oder die Kräfte der jüdischen Sozialisten durch Kämpfe um die Anerkennung ihrer Nationalität zu absorbieren. Bis jetzt hat vielleicht die sozialistische Leitung noch das Argument für sich, daß map bisher innerhalb ihrer Partei von seiten der jüdischen Arbeiterpartei nicht ernstlich mit einer diesbezüglichen Forderung an sie herangetreten sei. Anin führt aus, daß die zionistisch-sozialistische Arbeiterpartei auf ihrer letzten Konferenz den Beschluß gefaßt habe, gemeinsam mit den anderen jüdischen sozialistischen Parteien mit der Forderung einer .'selbständigen jüdischen Sektion, vor die Internationale zu treten.1 Wenn die Internationale auch jetzt diese berechtigte Forderung abschlägt, dann treibt sieunverhüllte Gewaltpolitik, jene unrationelle und ungerechte Art von Politik, die vor allem von der Sozialdemokratie in Acht und Bann getan werden sollte. Damit wäre diese brennende Frage vielleicht für eine kurze Zeit vertagt — nichts mehr. Die jüdische Nation wird sich ihre Anerkennung erkämpfen, auch in der Sozialdemokratie! Der jüdische Nationalfond und die Zionisten Oesterreichs. Es scheint wahr zu sein, daß die Juden jedes Landes vom Charakter ihrer Umwohner abfärben. Nirgends zum Beispiel als in Oesterreich und zumal in Wien hört man unter den Zionisten nach der österreichischen Methode der Selbstverkleinerung so viel über den Verfall der zionistischen Partei und Idee greinen. Man mag solchen weinerlichen Käuzen noch so oft vordemonstrieren, wie unsere Idee die stolzesten Burgen der Assimilation schon so unterwühlt hat, daß die vormals deutschesten Israeliten sich als Palästinafreunde gehaben müssen, daß die Parlamentstribüne den jüdischnationalen Wortführern erobert, wurde, daß überall das Leben der Judengemeiden erstarkt, daß der Abfall vom Judentum ebenso ständig abnimmt, als die Rück- und Uebertritte -zum Judentum zunehmen, daß die Schekolim, daß die Eingänge für den Nationalfond und alle anderen zionistischen Institutionen speziell aus Oesterreich in ruhiger Progression wachsen — hilft nichts, jene Käuze fahren fort, mit ihren widerlichen Alarmrufen, unter den Parteigenossen Unbehagen, hie und da auch Mutlosigkeit zu verbreiten und unseren fliehenden Feinden frischen Mut zu machen. Wie grundlos und frivol jenes Geschrei ist, sei heute vorläufig an dem einen Beispiele des Eingangs an Nationalfonds- und Oelbaumspenden aus Oesterreich demonstriert, wobei die Daten des Kölner NF-Hauptbureaus benützt und in runden Kronen zum Ausdruck gebracht werden. So brachten einerseits Oesterreich, 1. Halbjahr 1908 26.964 2. w 32.066 1. 1909 36.302 2. ft 43.210 1. 1910 48.934 anderseits alle übrigen Länder I. Halbjahr 1908 123.595 2. w 139.989 1. 1909 158.672 2. n 236.414 1. 1910 158.389 Also in Oesterreich ein selbst durch die Wirren des Kongreßkampfes unbeirrtes kräftiges Aufsteigen, kräftiger und vor allem stetiger als bei den anderen Ländern, welche nach einem hauptsächlich durch 2 außerordentliche Spenden von zusammen 63.180 Kronen im 2. Halbjahr 1909 bewirkten Aufflackern, im 1. Halbjahr 1910 auf den Stand des 1. Halbjahres 1909 zurücksanken. Daß dieses Aufsteigen Oesterreichs vom Beginn der NF-Sammlungen im Jahre 1902 an ohne Unterbrechung andauert, ist im Berichte des NF-Hauptbureaus, bezw. der Landessammelstelle Oesterreich an den letzten Kongreß des näheren dargelegt. plötzlich fiel es Reb Jissroel Isserlheimer ein, daß der feierliche Moment eine Brochoh' ) erfordere und er wußte nicht, welche! Am ehesten, meinte er, passe „Schehechejonu“. Aber er traute sich nicht, in diesem Falle für sich selber possek din zu sein.6 7) Der Messias aber stand auf, trat zürn Fenster, sah zum Himmel empor, drehte sich dann um, blickte auf die Pendeluhr im Zimmer, reckte sich mächtig in die Höhe und einen plötzlichen Entschluß fassend, trat er auf Reb Jissroel Isserlheimer zu. „Reb Jissroel“ sprach er, „versorge mir schnell einen Fiaker! Noch heute, binnen einer Stunde, muß ich einziehen!“ Reb Jissroel ging schnell auf die Türe und nahm sich vor, einen unnummerierten Gummiradler zu holen. Wenn der Messias kommt, läßt sich ein Reb Jissroel Isserlheimer nicht lumpen! Als er aber schon in der Türe stand, fiel ihm abermals etwas ein. Seine Augen wurden wieder starr, diesmal infolge eines Gefühls, das zwischen Staunen und Zweifel die Mitte hielt. Durch die unangenehme Sache mit der Brochoh war sein halachisches Gewissen, das in der Aufregung des ersten Momentes aufgehört hatte, so lebhaft wie gewöhnlich zu schlagen, wieder zu voller Regsamkeit erwacht und statt das Zimmer zu verlassen .und einen Wagen zu holen, drehte er sich wieder um und fragte den .Gast: „Messias! Du willst mich doch nicht versuchen? Meinst Du, ich weiß nicht was für einen Messias vorgeschrieben ist? Meinst Du, weil ich Talmudist bin, kann ich einen einfachen Possuk aus Thenach8) nicht?“ 6) Segenspruch. ') Die gesetzliche Entscheidung zu treffen. “) Vers aus der Bibel. „Welcher Possuk?“ fragte der Messias und auf seiner Stirne erschienen zwei mächtige Falten. „Welcher Possuk?“ erwiderte Reb Jissroel triumphierend. „Ich meine jenen Possuk, den ich aus Sanhedrin 99 und aus dem Sohar kenne, und in dem Possuk steht, daß der Messias kommen wird „oni werochew al assono“, arm und reitend auf einem Esel. Messias, Sohn Davids! Ich frage dich: Wo ist dein Esel?“ Schon wollte der Messias zornig auffahren. Aber die Zeit drängte und ihm war ein genauer Termin gestellt. Und so bezwang er sich und antwortete liebreich und überredend: „Reb Jissroel! Verzeih’ mir, du bist ein großer Gelehrter, das sehe ich, aber den Possuk hast du nicht verstanden. Der ist nur bildlich gemeint. So lange ich im Morgenlande reiste, hatte ich einen Reitesel, weil das in jenen Gegenden die gewöhnliche Beförderungsart ist. Aber in Europa benutze ich das Schiff, die Eisenbahn oder einen Wagen. Das ist doch selbstverständlich und ein so kluger Mann sollte darüber kein weiteres Wort verlieren. Geh’ und hole mir einen Wagen.!“ Nun meinte der Messias natürlich, daß er das Spiel gewonnen habe. Und vielleicht meint Ihr dasselbe. ja, freilich! Ich kenne Reb Jissroel Isserlheimer besser und ich hätte Euch und ich hätte dem Messias Voraussagen können, daß Reb Jissroel Isserlheimer sich durch gar nichts und durch gar keinen Menschen von dem richtigen Weg ablenken läßt!“ „Messias, Sohn Davids“, sagte Reb Jissroel und seine Stimme bebte vor feierlicher Empörung, „gewiß, du willst mich versuchen. Ich aber weiß, was ich weiß: Gesetz bleibt Gesetz, Ueberiieferung I bleibt Ueberiieferung. Arm und reitend auf seinem; Esel, heißt es, das ist so klar wie der Himmel. Auf So hat Oesterreich seine Spendensumme von schätzungsweise K 5000 im 1. Halbjahr 1902, auf etwa K 40.000 im 1. Halbjahr 1910 erhöht, d. h. in 8 Jahren fast verzehnfacht, so hat ferner Oesterreich vom Gesamteingang des JNF statt ursprünglich kaum Vao, im letzten Halbjahr schon fast 'A aufgebracht und sich nach der absoluten Höhe der Leistung unter den wetteifernden Landsmannschaften vom 5. Platz nach Ueberflügelung von Rumänien, Nordamerika, England samt Südafrika, auf den 2. Platz emporgearbeitet und ist dem führenden Rußland, das im letzten Halbjahr K 58.493 aufbrachte, schon knapp auf den Leib gerückt. Schließlich sei jenen Zionisten, welche sich von der Scheinmacht unserer israelitischen Gegner blenden lassen, bedeutet, daß im Jahre 1909 den NF-Einnahmen der Sammelstelle für Oesterreich per K. 79.532 solche der „Iraelitischen Allianz zu Wien“ (It. ihrem 37. Jahresbericht!) trotz aller hohen Titulaturen ihrer Vorstandsmitglieder an Jahresbeiträgen und Spenden aus Oesterreich-Ungarn und Bosnien bloß K. 36.911 gegenüberstanden. Also, österreichische Zionisten, wenn Ihr wieder einen Kauz kreischen hört, verjagt ihn und setzet mit Eurer Partei frischen Mutes den Weg fort — rastlos nach vorwärts! Michael. Die Sanierungsaktioti in der Bukowina. Wir haben seinerseit von der Aktion der Jüdischen Nationalpartei in der Bukowina berichtet und den vom Obmann des reichsrätlichen Jüdischen Klub Abg. Dr. Straucher gezeichneten Aufruf publiziert. Es soll ein Teil der durch die Aufhebung der Propinationen hart betroffenen Judenschaft der Landwirtschaft zugeführt werden. Montag den 18. Juli fand nun die erste von Dr. Straucher einberufene Versammlung jüdischer Gutsbesitzer, Gutspächter und anderer Interessenten im Czernowitzer jüdischen Hauses statt. Es waren zahlreiche Teilnehmer aus allen Teilen des Landes anwesend. Die Versammlung nahm folgenden Verlauf: Abg. Straucher hielt eine längere Rede und führte aus: „Es ist für die einsichtsvollen und verständnisvollen Juden eine feststehende Tatsache, daß ein großer Teil, ja die größere Majorität der jüdischen Bevölkerung des Landes, einer düsteren Zukunft i„ einem Esel und dawko *), auf einem Esel mußt du reiten. Ein Messias im Fiaker, das ist unmöglich, das ist unerhört, und das wird nicht geschehen, so lange ich lebe! Ich stehe hier als Abgesandter der ganzen Gemeinde Israels und ich sage dir: Der Esel ist Bedingung, der Esel ist die Hauptbedingung!“ Jetzt aber wurde der Messias wirklich zornig. „Reb Jissroel,“ rief er, „Du bist (verzeih’ miYs tausendmal) ein Narr, ein gottgeschlagener Narr! Ich habe aber jetzt keine Zeit, mit Dir zu streiten. Schick meinen Diener in die Stadt, einen Esel kaufen!“ Merkt Ihr, wie der Messias nachgab? Und warum? Weil eben Gesetz — Gesetz bleibt, da nützt nichts. Der Diener wurde in die Stadt geschickt, aber nach geraumer Zeit kehrte er zurück, athemlos. Unglaublich, sagte er, in dieser Stadt gibt es keinen Esel. „Unglaublich,“ wiederholte der Messias, „wirklichunglaublich. Aber das macht nichts. Reb jissroel wird Vernunft annehmen.“ Und wieder wendete er sich an den Wirt. „Reb Jissroel“, sagte er, „ich muß mich kurz fassen, denn die Zeit drängt Du sagst selbst daß Ihr Juden jahrhundertelang auf mich gewartet habt Du weißt, welche .Leiden Deine Brüder, die auch die mehligen sind, in der ganzen Welt anszusiehen haben. Ich bin gesendet, Euch aus diesen Leiden zu retten. Denk’ Dir was das für einen Jubel geben wird! Wie die Völker alle staunen und Gottes Macht anerkennen werden, da dieses von keinem mehr geglaubte Wunder wirklich lebendig und wahr wird! Reb Jissroel Isserlheimer, aber heute muß ich ein- *) Hier etwa: justament.