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Jüdische Zeitung · 1910-07-29 · 30 (29.7.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. - - - : ■== .; : Nr. 30 nicht nur die Schekeleinnahmen zu erhöhen, sondern auch die Biireäuausgaben zu vermindern. Und mir scheint, das wird das Interesse äh dem Bau der Organisation ganz anders. heben und vertiefen als das Studium noch so vieler Organisationsstätutenentwürfe. Es weht eine frische Luft aus dieser Jahreskonferenz. Sie weht hinein in die verstecktesten Winkel der Organisation. Man beginnt wieder an die Macht der Organisation gegenüber ihrer Verwaltung zu glauben., Die Furcht vor der Bureaukratie, die uns — berechtigter oder unberechtigter Weise — so lange , in Schach hielt, wird verschwinden. . Man hat nicht mehr mit einem kleinen und ganz naturgemäß autokratischen Verwaltungskörper zu rechnen. Man ist in der Lage, sich alle paar Monate an das Große A. C. zu wenden, eine Körperschaft, groß genug, daß jede Meinung sich vor sie wagen darf. Aus der zionistischen Organisation wird wieder die zionistische Bewegung. Und daß damit die „Kulturfrage“ von selbst in Fluß kommen wird, liegt auf der Hand. Auch in dieser Hinsicht hat aber die Jahreskonferenz nicht versagt. Und ich denke, auch das Zentralorgan selbst wird sich diesem neuen Zuge nicht entziehen können und wird seinen Stolz darein setzen, nicht mehr „das offizielle Organ“, sondern das wirkliche .Zentralorgan der zionistischen Bewegung zu sein, der Brennspiegel, in dem alle ihre Richtungen und Strömungen zusammenlaufen werden. Wir haben so viele, viele intellektuelle Kräfte im Zionismus, und so erschreckend viele davon haben die letzten Jahre sich zurückgezogen und geschwiegen. Die Jahreskonferenz hat die Bahn frei gemacht, auf der sich alle wieder betätigen können. Das ist eine Folge, die viel mehr heißt, als „Einigung“. Das ist die Wiederbelebung der Bewegung, die sicher bald auch nach außen hin kräftig zum Ausdruck kommen wird. Eine Jahreskonferenz, die das erreicht hat, scheint mir, hat genug geleistet. Stellung der Sozialdemokratie zur Anerkennung der jüdischen Nationalität. (Von Max Wollner, Berlin). Im 14. Heft der „Sozialistischen Monatshefte“ behandelt Dr. Maxim A n i n „das Nationalitätsprinzip in der sozialistischen Internationale“. Es ist vom jüdischnationalen Standpunkte aus überaus interessant und für die Beziehungen zwischen Zionismus und Sozialismus außerordentlich wichtig, die Entwicklung zu verfolgen, die das Nationalitätsprinzip in der sozialistischen Organisation genommen hat, da die Richtung dieser Entwicklung die Sozialdemokratie notwendig und unaufhaltsam zur strikten Anerkennung der jüdischen Nationalität treibt. Die Bildung einer jüdischnationalen Gruppe in der sozialistischen Organisation wird aber gewiß' nicht ohne nachhaltige:! Einfluß auf die parlamentarische Stellung des Judentums bleiben. Wie Anin därlegt, war der Grundzug. der alten. internationalen Arbeiterassoziation die > feste Zusammenfassung der Sozialdemokraten aller Länder zu einer einheitlichen Organisation, zu einer Partei, in der für nationale Unterschiede kein Platz war. Dieses starre Band wurde durch die Macht der nationalen Unterschiede bald durchbrochen, zuerst durch die Polen, dann durch die Tschechen usw. Die alte Internationale mußte einer vollkommen anders gestalteten Organisation Platz machen, einer internationalen Zusammenfassung vollkommen selbständiger nationaler Sektionen in Form der internationalen Arbeiterkongresse und schließlich in dem ständigen internationalen sozialistischen Bureau, in dem jede Sektion durch eine entsprechende Anzahl von Delegierten vertreten ist. Jede Sektion umfaßt alle Organisationen einer Nation. Damit entstand aber für die Leitung die Aufgabe, den Begriff der Nation irgendwie klar und praktisch brauchbar zu umschreiben. Das erwähnte Bureau half sich in der Weise, daß es in seiner Märzsitzung des Jahres 1906 festsetzte: „Als Nation wird jede Gruppe von Individuen anerkannt, die' einer Regierung unterworfen sind. Doch kann das Bureau in Ausnahmefällen auch solche Gruppen von Individuen als Nationen anerkennen, bei denen das Streben nach Autonomie und nach moralischer Einheit als Resultat einer langen historischen Tradition noch fortlebt, ungeachtet ihrer Abhängigkeit von einer oder mehreren Regierungen“. Wie soll man aber diese Erklärung in Einklang bringen mit dem Verhalten der österreichischen Sozialdemokratie der jüdischen Nation gegenüber, wie mit der Resolution Adler? Man kann sich angesichts der Entwicklung, die das Nationalitätsprinzip in der Sozialdemokratie genommen hat, des Eindrucks nicht erwehren, daß die Leiter der Bewegung sich wohl der Einsicht nicht verschließen konnten, man müsse wohl oder übel den einzelnen Nationen auch innerhalb einer Organisation mit gemeinsamen Zielen und Zwecken genügend Spielraum zur Betätigung ihrer nationalen Interessen lassen, daß die Herren aber mit der Anerkennung jeder Nation so lange als möglich zögern. Nun, nachdem man einmal anerkannt hat, daß eine Nation einen lebendigen Organismus darstellt, dessen Lebensbedürfnisse verschieden sind, von denen eines anderen Organismus, einer anderen Nation, nachdem man einmal das Recht dieser oder jener, ja überhaupt einer einzigen Nation anerkannt hat, innerhalb der Gesamtorganisation als selbständige Gruppen zu leben, wäre es die Pflicht und Schuldigkeit der Sozialdemokratie gewesen, jeder Nation das gleiche Recht einzuräumen. Dies insbesondere bei dem den Sozialismus durchwehenden Hauch der Gleichberechtigung 1 — Oder sind wir nicht eine Nation im Sinne obiger Erklärung? Wenn, irgend langer der praktischen Arbeit sind. Die „praktische Arbeit“ war eben die Forderung der Massen und jenef, die den volkstümlichen Charakter der Organisation gewahrt wissen wollen, und auch in diesem Punkte hat der Herr Verfasser des zitierten Artikels Unrecht. Denn dadurch, daß sie den demokratischen Grundcharakter der zionistischen Organisation stabilisierte, hat die Jahreskonferenz zugleich endgiltig das Siegel auf jene Synthese praktischer und politischer Tätigkeit gedrückt, die schon der achte Kongreß proklamiert und der neunte endgiltig festgelegt hatte und die dem Gedächtnis des Herrn Autors ganz entschwunden zu sein scheint Denn es sollte doch wahrhaftig heute keine Rede mehr davon sein — und gewiß nicht in der „Welt“ — daß die praktische reale Arbeit in Palästina noch immer nicht zu den allem Streit entrückten Grundlagen für die Tätigkeit der Zionisten gehört“. Und man sollte sich hüten, ganz unnützerweise wieder eine Frage zu konstruieren, wo längst eine Antwort gefunden ist. Einerlei: Die Jahreskonferenz in Berlin bedeutet eine demokratische zionistische Bewegung. In jedem einzelnen ihrer Beschlüsse tritt dies zu Tage. Nicht nur in den Resolutionen, die von der Leitung handeln. Die Jahreskonferenz hat das Große A. C. wieder in seine alten Rechte eingesetzt und Mittel und Wege gefunden, die die ständige und tätige und verantwortliche Mitarbeit des Großen A. C. an der Leitung der Organisation sichern. Durch die Einrichtung der besonderen Präsidentschaft des Großen A. C. ist eine schätzenswerte Neuerung getroffen oder doch zum Mindesten so gut wie getroffen, deren Wert nicht nur in der Koordination zum EAC. liegt, sondern die uns auch der Schwierigkeiten repräsentativer Natur entheben wird, die eintreten können, wenn die Notwendigkeit es einmal verlangen sollte, daß ein ausschließlich geschäftsführendes EAC. gewählt wird. Die Jahreskonferenz hat dann weiter ein Budget des EAC. beraten, und in diesem Punkte bin ich allerdings mit dem Verfasser des Artikels vollständig darin einig, daß dies einen großen organisatorischen Fortschritt bedeutet. Denn damit ist ein Präjudiz von der größten Tragweite geschaffen. Und wie zweifellos keine Jahreskonferenz mehr stattfinden kann, die — wie es diesmal geschah — des finanziellen Rechenschaftsberichtes über die verflossene Periode ermangelt, so wird nach dieser Konferenz auch kein Kongreß und keine Jahreskonferenz mehr ohne die Beratung des Budgets der kommenden Verwaltungsperiode vor sich gehen können. Und ganz von selbst werden wir dann dazu kommen, die viele, viele Zeit, die wir bisher für die Beratung der Paragraphen aller möglichen Institutionen und Statuten verwendet haben, für die Beratung des Budgets zu verwerten und z. B. einmal nicht nur die niedrigen Einnahmen, sondern auch die überaus hohen Ausgaben bei Licht zu besehen und zu beraten, wie es möglich ist, pelt im Golus! — Jene beiden Männer aber, die müde und staubbedeckt auf der Landstraße hinschlichen, verrieten schon durch ihr Aeußeres, daß sie Fremde waren. Der ältere von beiden war ein hagerer Mann mit einem strengen Gesicht, aus dem zwei große schwarze Augen befehlshaberisch in die Welt schauten. Der Mann ging straff und aufrecht wie ein Offizier, und man erkannte gleich, daß er, aus sehr gutem Hause, gewohnt war, zu kommandieren. Er hatte etwas sehr vornehmes an sich, ein altgediegenes Wesen, wie man es bei den Juden unserer vom Hasse verbitterten Zeiten gar nicht mehr zu sehen bekommt. Der andere, offenbar der Diener, war nicht so prächtig gekleidet wie sein Herr, der eine violette Schubeze trug, ein Purpurstramel auf dem Haupte und eine Goldschnur um die Mitte seines Leibes. Als die beiden zu der Straße kamen, die sich von der Stadtgrenze unübersehbar einwärts zieht, bemerkten sie gleich Reb Jissrae llsserlheimers Haus, und ihn selber sahen sie sich zum Fenster hinauslehnen, ein dickes Buch dreiviertel geöffnet im leicbtgekrümmten linken Arm, und in seinen nach rechts verzogenen Mundwinkeln war die Pfeife eingeklemmt, die mächtig lang zum Fenster hinaushieng. Der Mann unten auf der Straße hielt kurze Zwiesprache mit seinem Diener, dann machte er ein leichtverständliches ' Zeichen zu Reb Jissroel hinauf und Reb Jissroel verstand, daß dieser da ein Orach*) sei und ging eilends hinab, nachdem er die Pfeife ins Buch gelegt hatte, um die aufgeschlagene Stelle nicht zu verlieren. Dann führte er den Fremden in sein bestes Zimmer hinauf, hieß ihn sich setzen und fragte ihn mit der Neugier, die alle Menschen haben und manchmal auch Talmudisten, 4) Zugereister. um Namen, Stand, Herkunft und Reiseziel. Der Fremde ließ alle diese Fragen ruhig über sich ergehen und dann — dann ereignete sich etwas, was sich bis dahin niemals in der Welt ereignet hat und es erscholl eine Antwort, die noch keinem Juden auf seine Fragen zutei! geworden und Reb lssroel Isserlheimers Haus erlebte eine Ehre, wie noch kein jüdisches Haus bis auf jenen Tag. Denn der Fremde öffnete seinen Mund und sagte laut und deutlich: „Ich bin der Messias, Sohn Davids!“ Reb Jissroel erschrak tödlich. Vor vielen Jahren war er von seinen Eltern nach Preßburg geschickt worden. Er war damals ein kleiner Junge, schüchtern und zag und wie er an einem der ersten Tage seines Aufenthaltes unbekannt und verlassen durch die Straßen lief, sprach ihn ein alter Mann an und benahm sich so liebreich gegen ihn, daß der kleine Jissroel seine Scheu überwand und sich nach dem Namen seines Beschützers erkundigte. „Ich bin der Chasam Sofer“5) war damals die Antwort und auch damals erschrak Jissroel gewaltig. Was aber war der Chasam Sofer gegen den Messias, Sohn Davids? Der Chasam Sofer selber wäre erschrocken in der Situation, in der sich Reb Jissroel jetzt befand. Und wie groß mußte erst der Schrecken des Reb Jissroel Jsserlheimer sein, der doch schon vor dem Chasam Sofer erschrak? Er erstarrte förmlich. Seine Pfeife glitt zwischen den zitternden Lippen zu Boden und sein graues Haupt schien entwurzelt zu sein — so sehr wackelte es. ja, das ganze Zimmer (wahrhaftig, ich lüge nicht und übertreibe nur wenig) begann die Aufregung des armen Reb Jissroel zu teilen und alle seine Gegenstände bebten von ihrer Stelle auf, als wollten 5) Der Verfasser des gleichnamigen Werkes: R. Moses Sofer, Rabbiner in Preßburg (gest. 1839). sie sich losreißen und dem Messias zu Füßen legen Die Talmudbände selber (das ist nicht übertrieben, das war ganz deutlich zu sehen) neigten sich von ihrem Regale gegen den hohen Gast uud vor dem Hause erhob sich, obwohl es milde Jahreszeit war, ein gewaltiger Sturm, der die verklingenden Töne eines triumphierenden Liedes von einem unsichtbaren Orte in die Stube wehte. Inmitten dieses Aufruhr der belebten und unbelebten Natur saß der Gast ruhig, unheimlich ruhig und gelassen, seine Hände stützten sich, wie man es bei den Statuen von Herrschern und Dichter oft sieht, gewichtig auf die Armlehnen des Sessels und sein königliches Auge blickt unverwandt und durchdringend auf das aufgeregt-zerwühlte Antlitz seines Wirtes. Endlich faßte sich Reb Jissroel Jsserlheimer er stand auf und küßte ehrerbietig und wortlos den Kleidsaum des Messias. Als er aber sein Haupt wieder erhob, da strahlte sein Gesicht von unbändigem Stolze. Denn ihm kam der Gedanke, daß er, Reb Jissroel lsserlheimer, jetzt und an diesem Orte eigentlich der Vertreter von ganz Israel sei, durch Gottes Gnade vorherbestimmt, den Erlöser und Helfer Israels zu empfangen in seinem Hause, von dem aus der Messias seinen Triumphzug antreten werde. Und von diesem Stolze beseelt, der sein ganzes Gefühl ins tausendfache steigerte, stand Reb Jissroel vor dem Gaste und sagte: „Der Friede sei mit Dir, Messias! Ich danke Dir, daß Du bei mir abgestiegen bist. Mein Haus ist Dein eigen, so lange Du es dieser Erde würdigen willst, und alle Dienste die Du beanspruchst und wären sie noch so schwer, sollen geleistet werden. O Messias, das Golus ist hart und bitter und wir haben jahrhundertelang auf Dich gewartet. Gelobt sei der Herr, der Dich gesendet, gelobt Er und sein, heiliger Name, daß Er mich Deinen Anblick hat erleben lassen!“ Und

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