Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1910-07-22 · 29 (22.7.1910) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
29 (22.7.1910)
Date
1910-07-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438273-2438302--1983-2441617
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 29 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite -3 ter geworden, der Gedanke der „Selbsthilfe“ hat Wurzeln geschlagen, die jüdische Intelligenz ist zum Volke zurückgekehrt, die Jugendverspricht einstmals wacker und treu im Dienste des Volkes zu arbeiten, Lesehallen sind entstanden,Turnvereine, Kreditgesellschaften wurden ins Leben gerufen. Die Gegenüberstellung lehrt, daß von den Assimilänten persönliche und Mandats-, von den Jüdisch-Nationalen Volkspolitik getrieben wird. Es war uns angenehm, daß der Abgeordnete Löwenstein und seine Kollegen, wenn auch unter dem Zwang unserer seit Jahren geübten Kritik, etwas zu tun versucht haben. Wir können es aber nicht ruhig hinnehmen, wenn Löwenstein in verhüllter Form verlangt, daß das Schicksal der galizischen Juden dem Polenklub überantwortet werde. Seinen Versicherungen, daß die „maßgebenden Faktoren im Lande vom ernsten Willen beseelt sind, den Juden zu helfen“, daß der „Polenklub die Forderungen der jüdischen Schanker unterstütze“, können wir leider keinen Glauben schenken. Die „maßgebenden Faktoren“ treiben seit Jahren durch ihre vom „besten Willen“ beseelten Maßnahmen die Juden zur Verzweiflung. Den Salzverschleiß, der früher einen wichtigen. Erwerbszweig der Juden bildete, hat der galizische Landesausschuß monopolisiert und polnischen Handelstreibenden übergeben. In galizischen Landesdiensten werden keine Juden angestellt. Die galizischen Banken leihen den Juden kein Geld. Die galizischen Behörden schikanieren die Juden auf Schritt und Tritt. Nirgends hat der „Geist des Antisemitismus“ solch ekelhafte Blüten getrieben wie gerade in Galizien. Der Obmann der nationaldemokratischen Partei fraternisiert mit dem Pater Slojalowski, der Vizeobmann des Polenklubs, Herr Stapinski, veröffentlicht in seinem Leiborgane Hetzartikel gegen die „jüdischen Blutsauger“, das „Slowo polskie“, das Organ des Polenklubobmanns Glombinski schürt seit Jahren den Judenhaß. Auf Grund dieser bitterbösen Erfahrungen müssen wir laut und vernehmlich erklären: Ist die Aktion der Polenklubjuden im Interesse, aber nur im Interesse der jüdischen Bevölkerung erfolgt, dann ist sie zu begrüßen; ist sie aber ein politischer Schachzug, die Juden weiter in Botmäßigkeit des Polenklubs und seiner Hausisraeliten zu erhalten, dann wäre es besser gewesen, sie wäre unterblieben. Denn nochmals sei es wiederholt: „Fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke machen!“ Deutsches Volkslied! (Zur Wiedereroberung Wiens.) Neiistadell, der edle Ritter, Wullt dem Freysinn wiederum kriegen, Was man wiederum kriegen kann. Ueber alle Donaubrucken Täten sie hinüberrucken, An die fünf et zwanzig Mann._ sind sie fromm, gottgläubig, zufrieden und tugendhaft — aber kaum . . . Sie verstehen . . . Wenn man diese bescheidenen Mädchen zu Atheistinnen macht und gegen ihren Herrn und Brotgeber aufhetzt — dann hört es auch mit der Sittlichkeit auf. Sie sehen, ich habe die Frage gründlich studiert und will meine Studien und Erfahrungen in den Dienst des Kongresses und der Sittlichkeit stellen“. Seine Bauchigkeit lächelte wohlwollend, trotzdem ich nur ein einfacher Zeitungsschreiber bin, verneigte sich mit einem herrenmäßigen Adieu und wackelte fort. Ich bewunderte zwar diese originelle Ansicht ließ es aber nicht dabei bewenden und machte noch einem bekannten Philantropenpaar, das auf dem Kongreß durch seine Mundfertigkeit und Diamantenschmuck glänzte, meine Aufwartung. Ein Philantropenpaar. Der Herr empfing mich menschlich-philantropisch, bot mir selbst eine Zigarette an, und setzte kurz seinen Standpunkt auseinander: „Seit dem Programm von 1905 geht es unsereinem schlecht. Damals waren für uns gute Zeiten. Wir hatten große Aufgaben zu lösen, Geld für die Witwen und Waisen zu sammeln, Komiteesitzungen beizuwohnen, stille Protestversammlungen zu organisieren, kurz wir philantropierten, daß es eine Freude war. Alle Glaubensgenossen, selbst die Vermittler russischer Anleihen, gaben Geld und wir verteilten es. Seitdem ist aber eine ruhigere Zeit eingetreten. Wir haben Granitsch, der erprobte Degen, Schwur die Schwarzen wegzufegen, Dessentgleich der wilde Stein, Melchior vom Alsergrunde Kam mit Stadler wohl im Bunde, Rabbi Bloch ritt hinterdrein. Benedikt, der deutsche Recke Half, daß man die Freiheit wecke, Durch drey Spalten wöchentlich; Nur Kuranda wollt nichts wissen, Vorher war er schon-beflissen, Daß er wohl erhalte sich. Aber als es kam zum Schlagen, Wurden sie hinausgetragen, Ehe noch der Kampf begann. Ueber alle Donaubrucken, Täten wieder heim sie rucken, An die fünf et zwanzig Mann! Beda. „Illoyale Gegner.“ Unter diesem Titel sprachen wir in der Nummer vom 1. Juli 1910 von den erbitterten Angriffen seitens einiger Organe und Gruppen in Galizien und in der Bukowina auf die in Krakau geschaffene jüdischnationale Reichsorganisation und von der Hetzkampagne gegen den „Jüdischen Klub“ und dessen sehr verdienten Obmann Dr. Straucher, der mit den unflätigsten Beschimpfungen überhäuft wird. Der Artikel schloß mit den Worten: „Wir sind nicht seine blinden Nachbeter. Wir leihen jeder sachlichen Kritik, sie sei auch gegen ihn gerichtet, unser Ohr und prüfen sie. Wer aber glaubt, durch persönliche Hetzereien und Verleumdungen diesen Mann in unseren Augen herabsetzen zu können, müht sich vergeblich. Für uns ist Dr. Straucher der wackerste Mitarbeiter am nationalen Werke, der hochgeschätzte Führer unserer parlamentarischen Vertretung. Niedrige Schmähungen und böswillige Verleumdung werden unser Urteil über ihn nie und nimmer beeinflußen.“ Dr. Nathan Birnbaum — der in dem streng sachlichen Artikel nicht genannt war — hat sich mit gutem Grund getroffen gefühlt und einen hysterischen Anfall bekommen. Er nennt uns in seinem Organe „Das Volk“, „Hochnäsige Habenichtse“, „Westjüdische Dünkeljuden“ usw. Er zwingt uns also, ihm ein wenig auf die Kappe zu gehen: Herr Dr.Birnbaum, derWestjude ausWien, begnügt sich nicht damit, den Ostjuden „unerbetene Ejzes zu geben“, wie er uns in die Schuhe schiebt. Er will unbedingt ihr Führer sein. Er hat sich in Amerika lächerlich gemacht, hat einige Wochen in Czernowitz ein Jargonblatt herausgegeben, das unsere guten Oestier für eine chinesische Zeitung hielten und will den Juden der Bukowina einreden, daß sie sich von ihm, dem aus Wien frisch impornichts mehr zu tun, mindestens nicht viel. . . Und da bin ich zu diesem Kongreß geeilt, obgleich ich mich für spezielle moralische Fragen nicht interessiere, in der Hoffnung, ich könnte meine philantropischen Kräfte in den Dienst einer guten Sache stellen. Schließlich gehört auch die Hebung der Sittlichkeit indirekt zur Philantropie. Ich werde nichts Vorschlägen, sondern andere Vorschläge anhören und wenn sie philantropischen Charakters sind, ihnen meine Sanktion erteilen“. Des Philantropen Dame aber lächelte vergnügt, antwortete auf meine Frage nach dem Ziele und den Aussichten des Kongresses. „London ist eine sehr interessante Stadt, die Parks sind herrlich, die Museen, sagt man, ebenso. — Und dann habe ich hier so viele alte Bekannte getroffen. Herrlich, herrlich, eine wunderbare Abwechslung. Heute abends gibt Lord Rothschild ein Diner zu unseren Ehren, das heißt dem Kongreß. Ich bin schon jetzt gespannt. Bei Rothschild, bei Lord Rothschild — denken Sie“. Diese und andere kommerzien- und geheimrätliche Wortführer des Kongresses schlugen der Versammlung Resolutionen zur Bekämpfung der Unsittlichkeiten unter den russischen und polnischen Juden vor, die auch einstimmig angenommen worden sind. Der Kongreß arbeitete mit Erfolg und speiste gut bei Lord Rothschild. tierten Westler regieren lassen müssen, wollen sie selig werden. Wer anderer Meinung ist, ist ein Hohlkopf. So arg hat noch nie einer mit seinen eigenen Theorien Schindluder getrieben. Schade um diesen Mann! Er war uns als ausgezeichneter, um die jüdische Moderne sehr verdienter Schriftsteller geschätzt und wertvoll. Als politischer Gewaltmensch und König der Ostjuden von eigenen Gnaden ist er eine traurige Figur. Von der Woche. Golusblüte. Dr. S i e g h a r t recte Singer, der Gouverneur der Rothschildschen Kreditanstalt ist ein Mann von großem Einfluß. Aber, da er ein nobler Mann ist, wirkt er in der Stille. Erst in den Sitzungen der christlichsozialen Partei wird bekannt, was dieser Edle schon alles geleistet hat. In einer der jüngsten Besprechungen des reichsrätlichen Klubs sollen Geßmann und Prinz Liechtenstein ihren Parteigenossen nahegelegt haben, Herrn Dr. Sieghart, den seinerzeitigen Sektionschef, nicht zu heftig zu bekämpfen. Durch seine Mittlerdienste seien den Christlichsozialen für Wahlzwecke große Summen zugeführt worden. * * Die erste Tat eines neugewählten Lemberger Kultusrates. Es verlautet: Der vor zwei Wochen in den Lemberger Kultusrat gewählte Dr. Adolf Lilien hat vorigen Samstag zum erstenmal seit Jahren ein Gotteshaus aufgesucht. Freilich — obwohl man das von einem jüdischen K u 11 u s rat erwarten könnte — ging er nicht zum Tempel, sondern fuhr im offenen Wagen zur Trauung seiner Tochter mit einem christlichen Bräutigam in die Kirche. Es kümmert uns weiter nichts, ob Herr Dr. Lilien gläubig oder ungläubig ist, aber diese Unverfrorenheit, sich um ein jüdisches Kultusmandat zu bewerben und zwei Wochen später die Tochter zur Taufe zu führen, verdient derbe Zurückweisung. Ein derartiger Fall ist übrigens in Galizien noch nicht vorgekommen. Dr. Lilien hat sich wahrscheinlich manche Wiener Kultusräte zum Vorbild genommen. - * * # Herr Stapinski, der Judenfreund. Löwenstein erklärte im Krakauer „Tag“, daß er im Einvernehmen mit dem Polenklub bei der Regierung im Interesse der jüdischen Schänker interveniert habe. Es ist nun interessant zu erfahren, was der Vizeobmann des Polenklubs, Herr Jan " Stapinski, in seinem Leibblatte, dem „Przyjaciel ludu“, über die Schänkerfrage schreibt. Es heißt dort: „Das Bestreben, eine Schankkonzession zu bekommen, ist die Ursache eines heißen Kampfes geworden, an dem sich einerseits die Rädelsführer derjenigen, welche moralische Verderbtheit und Haß unter der Bevölkerung verbreiten, das sind die jüdischen Schänker, anderseits Bauern beteiligen, welche bereits reif geworden sind, das Schankgewerbe zu betreiben und auf diese Weise die jüdischen Vampyre zu beseitigen.“ Diesem vielversprechenden Anfang folgen ähnliche von „Wohlwollen getragene“, vom „besten Willen beseelte“ Ausführungen. Herr Löwenstein ist, wie man sieht, in guter Gesellschaft und seine Judenrettungspolitik verdient verherrlicht zu werden! » * * Vom allslavischen Kongreß in Sofia. Von dem hiesigen allslawischen Kongreß haben sich die fortschrittlichen Elemente des Slawentums aller Länder zum größten Teil ostentativ ferngehalten. Dafür nahmen jedoch die allerreaktionärsten Kreise, insbesondere aus Rußland, in großer Anzahl am Kongresse teil. Diese versuchten auch, den Verhandlungen ein antisemitisches Gepräge zu geben, was jedoch von den bulgarischen Teilnehmern entschieden zurückgewiesen wurde. Gleich nach Eröffnung des Kongresses, als Prof. Danailoff über die ökonomische Lage des bulgarischen Volkes referierte, unterbrach der russische Delegierte, General Kamilowaky aus Odessa, den Referenten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.