Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite /> JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 29 die Oesterreicher, ganz besonders aber die österreichischen Juden nichts erwarten. Es bleibt ihnen somit nur ein Weg übrig: die wirtschaftliche Selbsthilfe. Verus. Die Schänkerfrage in der Bukowina. (Eine Untat des Bukowiner Landesausschusses.) Der Bukowiner Landesausschuß hat kurz vor seiner bevorstehenden Auflösung in Sachen der Schänkerfrage eine Untat verbrochen, welche die Bukowiner Judenschaft aufs Schwerste schädigt. Er hat nämlich unter dem Vorsitze des Landeshauptmannes Baron Wassilko den Beschluß gefaßt, bei allen Bezirkshauptmannschaften um die Verleihung von Schankkonzessionen für das Land anzusuchen. Unser Bruderblatt, die Czernowitzer „Volkswehr“ schreibt über diesen brutalsten Akt der Ungerechtigkeit Nachstehendes: „Seit Monaten widerhallt das ganze von den erbittersten Klagen tausender jüdischer Familien über das namenlose Elend, welches über sie infolge der Aufhebung der Propinationen hereinbrach. Seit Monaten wird über dieses Elend gesprochen und geschrieben. Es wurden große Versammlungen abgehalten, in denen die triste Lage tausender jüdischer Familien in den beredsten Worten geschildert wurden. Petitionen wurden an alle maßgebenden Faktoren des Landes überreicht, in welchen' um möglichste Schonung der alten, armen und in Elend lebenden Schänker gebeten wurde. Deputationen sprachen bei der Landesregierung vor und eine gleiche Aktion wurde in der Zentralregierung eingeleitet. Der'Handelsminister Dr. Weiskirchner versprach einer Deputation unter Führung des Abgeordneten Dr. Strauche r, den berechtigten Wünschen der Schänker Rechnung zu tragen. In Galizien, wo die gleiche Angelegenheit die Oeffentlichkeit in großem Maße beschäftigt, gab der Statthalter eine öffentliche Erklärung ab, daß es ihm nicht einfällt, die Rechte der Schänker zu schmälern, ln vielen Gemeinden der Bukowina selbst wurden Beschlüssse gefaßt, welche sich gegen die Bewerbung um Schankkonzessionen aussprechen, um nicht arme Familien um die letzten Reste ihrer Existenz' zu bringen. Das alles ist ja dem Landesausschuß bekannt und man hätte nun füglich annehmen dürfen, daß dort alle diese Momente gewürdigt werden. Und nun kommt dieser unglückselige Beschluß des Landesausschusses, der wie ein Blitz vom heiteren Himmel wirkt, ln diesem Beschlüsse müssen wir den Ausdruck einer parteiischen, ja feindseligen Haltung gegen einen großen Teil der Judenschaft dieses Landes erblicken, gegen die wir nicht laut genug protestieren können. Denn er bietet allen unsern Widersachern, die wie Pilze aus dem Boden schießen, Ermutigung und Ansporn, in ihrer verwerflichen Agitation fortzuschreifen und Existenzen zu ruinieren. Wir hätten vom Landesausschusse, der vornehmsten autonomen Behörde des Landes haben, der israelitischen Konfession anzugehören, und aus Unkenntnis mit den polnischen und russischen Juden in einen Topf geworfen werden, müssen selbst durch diese, unter den polnischen und russischen Juden herrschende Unsittlichkeit, leiden — Sie verstehen — es ist eine sehr unangenehme Sache für uns Deutsche und Westeuropäer. Wir gedenken dem Zustand der Unsittlichkeit unter den polnischen und russischen Juden ein Ende zu machen, indem wir 1. einen guten polizeilichen Ueberwachungsdienst organisieren, 2. indem wir statistisches Material sammeln und 3. indem wir uns an die Behörden der russischen und rumänischen Regierungen wenden, mit dem Ersuchen, die Bewegungen ihrer Untertanen mosaischer Konfession so zu überwachen, daß die Unsittlichkeit überhaupt nicht aufkommen kann. Die Polizei, das ist das einzige Mittel — das muß helfen; denn wir können uns nicht noch mehr blamieren lassen.“ Die jungfräuliche Dame lächelte verbindlich und entließ mich in Gnade . . . Die südafrikanische Lady. Eine andere Lady, die ich interviewte, die ebenfalls zu den Sittlichkeitsbestien gehört, trug mir ihreAnsichtwie folgt vor: „Sehen Sie“, sprach ihre Moralität, „das ganze Uebel läßt sich auf eine Ursache zurückführen: auf die Unsauberkeit der polnischen und russischen Israeliten. In Deutschland und in Westeuropa überhaupt sind die Leute sauber daher sind sie auch moralisch . . . Wo Sauberkeit herrscht, kann keine Unsittlichkeit und kein Leichterwartet, daß sie die Interessen der jüdischen Bewohner des Landes mit eben demselben Rechte wahren wird, wie die Interessen der andern Nationalitäten, wir hätten erwartet, daß sie eine Kundgebung erlassen wird, in welcher sie die frivole und gewiß nicht ganz lautern Motiven entspringende Konkurrenz in der Bewerbung um Schankkonzessionen Stellung nehmen sollte. Zumindestens hätten wir mit gutem Glauben annehmen dürfen, daß der Landesausschuß, wenn schon nicht in diesem Sinne, von jeder Stellungnahme abstehen wird. Und nun diese bittere Enttäuschung. Zu der Schar von Konkurrenten, die den Schänkern in den hohen pensionierten Beamten und Gutspächtem erstehen, kommt auch noch das Land hinzu und fühlt sich veranlaßt, Schnapsbutiken, gegen die es stets so zetert, zu eröffnen und gegen die hilflosen Schänker den Kampf aufzunehmen. Haben jene Herren, die diesen Beschluß faßten, von den Resolutionen, die im Landtage gefaßt wurden und die sich für die weitgehendste Berücksichtigung der Interessen der Schänker aussprechen, keine Kenntnis? Wissen sie nicht, daß dieser Beschluß auch eineVerletzungdesGewerbegesetzes involviert, welches ja genau bestimmt, daß die Konzessionen nur von Personen ausgeübt werden dürfen, die unmittelbar sich darum bewerben? Nach welcher Richtung hin man diesen Beschluß beurteilt, muß man zum Schlüsse gelangen, daß er ein Monstrum darstellt, daß er Intentionen entspringt, die inhuman und in ihrer praktischen Verwertung äußerst verwerflich sind. Inhuman, weil sie zur Vernichtung von Existenzen tendieren und verwerflich, weil sie von einem Faktor ausgehen, dessen Pflicht es ist, daß über einen großen Teil der Bewohner des Landes hereingebrochene Elend zu lindern und nicht es noch zu vergrößern. Dieser Beschluß, des Landesausschusses läßt aber auch die Stimmung, die in dieser Körperschaft gegenwärtig herrscht, deutlich erkennen. Der Landesausschuß scheint ebenso, wie der seinem Ende zueilende Landtag, mit seiner Vergangenheit zu brechen. Man will offenbar gewissen Aspirationen Rechnung tragen, die sich . in der Strömung, die sich bei gewissen Parteien des alten Landtages geltend machten, anpassen. Man wollte mit diesem Beschlüsse offenbar den frivolen, volksfeindlichen Tendenzen dienen, die schon bei den letzten Beschlüssen des Landtages und während der abgeführten Debatten in so eklatanter Form zum Ausdruck kamen. Nun denn, es sei. Wir werden sehen, ob der Landesausschuß diesen prinzipiellen Beschluß bis zu seinen letzten Konsequenzen zu realisieren sich bestreben wird. Wie dem aber aucn sein mag: die Judenschaft des Landes wird aus diesem Vorgang die sich für sie ergebenden Lehren ziehen. Die Juden werden, gissen, daß .sie auf, ihre, eigene. Hilfe angewiesen sind und daß sie ihre Rechte selbst zu verteidigen haben. Und sie werden sich auch den merkwürdigen Umwandlungsprozeß merken, den der gegenwärtige Landesausschuß in der letzten Phase seines Bestandes durchmachte. Der gegenwärtige Landesausschuß geht, wie der Landtag, seinem Ende entgegen. Er dürfte nicht mehr oft in die Lage kommen, wichtige Beschlüsse zu fassen. Bezeichnend und charakteristisch für seine innere Beschaffenheit ist jedenfalls die Tatsache, daß einer seiner letzten Stoßseufzer in dem Ruf nach landesfürstlichen Schankkonzess i o n e n verhallte.“ sinn aufkommen. Ich werde daher vorschlagen, daß der Kongreß Mittel und Wege finden möge, die Sauberkeit in Rußland und Polen, das heißt unter den dortigen Juden zu heben.“ Auf meine Frage, wie sie sich die Hebung der Sauberkeitskultur unter den Glaubensgenossen in Rußland und Polen denke, antwortete mir ihre Moralität mit folgendem Histörchen: „Ich hatte lange Jahre eine jüdische Schneiderin aus Rußland. Sie arbeitete sehr gut und ich war mit ihr zufrieden. Als sie aber eines Tages zu mir in unordentlicher Toilette kam, machte ich mit ihr kurzen Prozeß; ich kündigte ihr meine Freundschaft und bestellte nichts mehr bei ihr. Sie entschuldigte sich zwar mit ihren sechs Kindern und damit, daß sie kein Dienstmädchen habe, aber ich ließ mich auf keine Diskussion ein... Das ist die richtige Strafe. Wenn alle Ladys so charakterfest wären, dann gäbe es keine Unsauberkeit mehr unter den russischen Juden und ergo auch keine Unsittlichkeit“. Diese originelle Erklärung imponierte mir. Auf die Frage, wer diese Lady eigentlich sei, antwortete mir ein allwissender Kollege: „Diese Lady ist sehr sittlich, denn sie besitzt zwei Automobile, eine Equipage und zwei Landhäuser. Da sie in Südafrika von holländisch-ungarischen Eltern geboren, in der Schreibkunst nicht geübt und wegen ihres niederen Adels . . . trotz ihres hohen Vermögens keine standesgemäße Gesellschaft hat, beschäftigt sie sich gerne mit Fragen der Hebung der Sittlichheit usw. Sie ist eine sehr interessante Person“. Ich kann es „Judenrettung.“ (Von unserem galizischen Korrespondenten.) Das Ungewohnte, die jüdischen Mitglieder des Poleriklubs, in der'Rolle von Fürsprechern jüdischer Interessen zu sehen, hat in der jüdischen Presse Aufsehen erregt. Alle Zeitungen veröffentlichten lange Berichte über die Aktion der drei Abgeordneten Löwenstein, Kolischer und Gold und selbst die zionistischen Blätter nahmen mit Genugtuung davon Kenntnis. Auch wir stellten mit Befriedigung fest, daß die mosaisch-polnischen Deputierten doch aus ihrer Untätigkeit erwacht sind und sich zu einer Tat aufgerafft haben. Doch wäre es verfehlt die Bedeutung dieser Intervention der drei Abgeordneten zu überschätzen. Sie ist eine neben vielen Interventionen der jüdischnationalen Abgeordneten in diesen die Juden be-, rührenden Angelegenheiten und sie ist —man kann das nicht genug hervorheben — erstens ziemlich verspätet und zweitens im Hinblicke auf Stimmenfang und Mandatspolitik erfolgt. Ihr Wert ist weiters durch die Erklärungen, welche Abg. Löwenstein im Krakauer „Tag“ in Form eines Interviews abgab, noch bedeutend vermindert geworden. Abg. Löwenstein hat nämlich hervorgehoben, daß die Forderungen vom Polenklub unterstützt werden. Und da muß man sich sofort sagen: Timeo Danaos . . . Denn'die Judenpolitik des Polenklubs ist zur Genüge bekannt, sie bezweckt vollständige Unterjochung der Juden und deren Benützung als Puffer im Kampfe mit den Ruthenen. Wenn es uns auch schmeichelt, daß unsere Prinzipien, jüdische Interessen durchjuden vertreten zu sehen, auch von den Polenklubsjuden befolgt werden und wir in dieser Intervention eine Huldigung an die Grundsätze der jüdischen Selbständigkeits- und neutralen Politik erblicken, so müssen wir doch wachsames Auge behalten und nicht so sehr auf die Tatsache als solche, sondern auf den Geist sehen, aus dem sie fließt. Und der Geist von dem die Judenrettungsaktion der Polenklubsjuden getragen ist, muß von jedem, der das galizische Assimilantentum und seine Blüten Schmelke Horowitz und Natan Löwenstein kennt, als verderblich angesehen werden. Lieber 40 Jahre lag dieser Geist über dem jüdisch-politischen Leben in Oesterreich. Welche Segnungen er hervorgebracht, kann man an seinen Früchten erkennen. Abfall, Unterdrückung der großen Masse, Elend und Not im ganzen Lande — das ist das Fazit der im Geiste der Löwenstein’schen und Kolischer-Politik entwickelten Tätigkeit der assimilierten Führer der galizischen Judenheit. Anderseits hat die kaum fünfzehnjährige Arbeit der zionistischen Bewegung im Lande Erfolge aufzuweisen, über deren bedeutenden Wert auch der ärgste Gegner des Zionismus keinen Zweifel hegen kann. Die galizischen Juden sind selbstbewußbestätigen, sie ist sehr interessant, Mylady, zwei faustdicke Diamantohrringe .... Ein Fabrikant. Meine nächste Unterredung gewährte mir ein männlicher Sittlichkeitsapostel und Fabrikant seines Zeichens. Dieser streng und rund aussehende Herr, breitschultrig, bauchig, befrackt und selbstbewußt, gehört zu den Wortführern der erlauchten Versammlung. Er beschäftigt in seinen Fabriken im Osten von London 300 jüdische Mädchen aus Rußland. Er ist bei seinen Mädchen sehr populär — sie treten mit einem Taglohn von einem Schilling ihre Stellung an und bringen es in 2 bis 3 Jahren zu einem Schilling und eight Pence (ein Mark Mark fünfzig Pfennige) und nach fünf Jahren sind sie selbständig, das heißt sie |sind dann entweder schwindsüchtig oder „unsittlich“ . . . Auf meine Frage, was er vorzutragen oder vorzuschlagen gedenke, antwortete mir der humane Bauch: „Ich werde vorschlagen, daß die Versammlung sich zu einer antisozialistischen Partei konstituiere. Nach meiner Meinung und meiner Erfahrung, die Sie nicht gering einschätzen dürfen, kommt das ganze Uebel, die ganze Unsittlichkeit, von der Sozialdemokratie. An allem sind die gemeinen, aufwieglerischen Sozialdemokraten schuld. Die in meiner Fabrik arbeitenden Mädchen sind so lange bescheiden und sittlich, so lange sie von dem sozialdemokratischen Gesindel nicht verhetzt werden. Von jedem sozialistisch-anarchistischem Einfluß frei.