Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ORGAN SW« ■ ■ ■ ■ ■ 9 i 1 i ■ I HMJ NATIONAL ■ ■■■■■ ■■■»■■■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, vierteljähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.-, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige -5r *«•«•****•»#* Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. * * * * * * * * «• * * * Nr. 29.-' Wien, Freitag den 22. Juli 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Zur Hausiererfrage von Verus, Die Schänkerfrage in der Bukowina. „Judenrettung“. Deutsches Volkslied. Gedicht von Beda. Illoyale Gegner. Interviewed. Von Dr. S. Melamed: Von der Woche. Parteinachrichten. Aus dem jüdischen Leben. V ereinsnachrichten. Zum Hausierverbot. Die neueste „sozialpolitische“ Verordnung des österreichischen Handelsministers, durch welche vom Jänner 1911 der Hausierhandel „im Gemeindegebiete der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien“ mit gewissen Beschränkungen untersagt wird, muß unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten behandelt werden: unter dem der Kritik dieser Maßnahmen und unserer gesamten reaktionären, kapitalistischen Wirtschaftspolitik, aber auch unter dem der Fürsorge für die Opfer derselben. Der Zweck des Hausierverbotes ist ja ziemlich klar: Einerseits soll den von allen Parlamentsparteien seit Jahrzehnten genarrten österreichischen Gewerbetreibenden, die sich auf eigene Füße zu stellen drohen, Sand in die Augen gestreut werden, und anderseits will man gewissen Radauantisemiten eine antisemitisch schillernde Konzession machen. Allein die wirtschaftliche Not der Gewerbetreibenden ist zu groß und ihre Einsicht zu sehr im Wachsen begriffen, um mit der Brotlosmachung von j einigen hunderten Hausierern zur angeblichen Verbesserung ihrer Lage über die eigentlichen Ursachen ihres sozialen Elends hinweggetäuscht werden zu können. Was den Kleingewerbetreibenden Wiens und Gesamtösterreichs fehlt, ist in erster Linie die Assoziation zum Zwecke der Ausnutzung der Betriebsformen des modernen Großbetriebes, sowie die Zugänglichmachung billigen Kredites. Ueberdies wird der österreichische Gewerbestand durch eine irrationelle Steuergesetzgebung, sowie durch die Wohnungsnot, die teueren Lebensmittel und die Konsumunfähigkeit der großen arbeitenden Volksmassen in seinen Existenzbedingungen gefährdet. Die Genossenschaften sind aber ihrem Zwecke, ein starkes Bollwerk einer wirtschaftlichen Organisation im Dienste der Selbsthilfe und moderner Sozialpolitik zu bilden, nicht nachgekommen, sondern sie sind zum Tummelplatz reaktionärer Demagogen herabgesunken, die dem kranken Gewerbestande nebst anderen Quacksalbereien als Rezept zu seiner Gesundung die Abschaffung -«Le s Hausierhandels verschrieben. Nun ist diese — wenigstens in Wien — durchgeführt. Was soll nun mit den brotlosen jüdischen Hausierern geschehen? Es muß ihnen — wie in der jüngsten Nummer dieses Blattes an leitender Stelle betont wurde — zu einer neuen Existenz verholten werden, nach Tunlichkeit in derselben Branche, in der sie als Verkäufer bisher tätig waren, sie müssen die nötigen Geldmittel erhalten, um selbständig Kleingewerbetreibende, werden zu können. Die Zahl der durch die Verordnung des Handelsministers erwerbslos gewordenen Hausierer ist nicht so groß, ais da' nicht eine Remedur möglich wäre. Aber sie muß bald in Angriff genommen und durchgeführt werden. Denn derjenige Faktor, welcher die verfluchte Pflicht hätte, die im Verordnungswege brotlos gewordene Bevölkerungsschichte zu versorgen — wir meinen die Legislative — wird natürlich für jüdische Hausierer nichts unternehmen. Das ist ja das Traurige an den parlamentarischen Verhältnissen in Oesterreich, daß vor den Wahlen von den Kandidaten sämtlicher Parteien Sozialreformen immer versprochen werden und wenn die Wahlen vorüber sind, dann geschieht nichts und jede Partei schiebt die Schuld auf die übrigen Parteien. Wenn aber der öde und ziellose Nationalitätenhader einmal durch eine wirtschaftliche Maßnahme oder eine sozialreformatorische Tat abgelöst wird, dann ist sie Palliative oder trägt wie das Hausierverbot eine antisemitische Färbung. Wir verkennen gewiß nicht den Zug der Zeit, der auf die Erneuerung der jetzigen Wirtschaftsformen, auf die direkte Verbindung des Produzenten und Konsumenten mit Ausschluß jeden Zwischenhandels hinsteuert und sind uns auch klar, daß dieser Prozeß auf die Dauer nicht aufgehalten werden kann, aber Pflicht einer modernen Wirtschaftspolitik wäre es, geeignete Uebergänge zu schaffen und den Enterbten unter die Arme zu greifen, so wie seinerzeit das österreichische Parlament die „notleidenden“ Zuckerbarone und Schapsbrenner durch Prämien gefördert hat. Aber von einem Parlamente, das nicht einmal die I Sozialversicherung in Angriff nimmt, können Interviewed . . . Von Dr. S. M. Melamed-London. Vor einiger Zeit tagte in der englischen Metropolis ein Sittlichkeitskongreß unter dem Namen „White Slave Traffic“. Eine solche ehrwürdige Versammlung hat London noch nie zu begrüßen Gelegenheit gehabt; waren es doch ausschließlich israelitische Herren, Damen und Jungfrauen aller Nationalitäten, die über die Unsittlichkeit von Juden und Jüdinnen keiner Nationalität zu Gericht saßen. Dieser israelitische Sittiichkeitswelttag zählte eine Reihe markanter Köpfe und hervorragender Persönlichkeiten in seiner Mitte. Als pflichtbewußter Journalist konnte ich es mir nicht versagen, einige der hervorragendsten Führer dieser Versammlung zu interviewen. Ich setze das Interesse des Lesers für diese Interviews voraus und teile sie ihm daher mit: Der Reverend. Aus Ehrfurcht vor den Dienern Gottes sprach ich zuerst einen Reverend an, das heißt einen englischen Reverend jüdischer Konfession. Der Herr Reverend, kurz und knapp, in der üblichen Tracht der englischen Hochkirche, glattrasiertes Kinn, Schnurbartbürste, Kahlkopf, gepflegte Hände, gut einstudierte Haltung und salbungsvolles Dreinschauen — empfing mich mit priesterlichem Wohlwollen. Auf meine kurze Frage, wer, wo, warum, wozu, spitzte er den Mund und begann — andachtsvoll als gälte es eine Predigt zu halten: „Well, ich bin ein Reverend, wie Sie sehen, und als solcher liegt es mir ob, für Tugend und Sittlichkeit jederzeit einzutreten. Die Sittichkeit ist immer die Hauptsache, denn wer nicht sittlich ist, der ist auch nicht fromm und Unfrömmigkeit ist eine große Plage — wir haben da einen schweren Stand — und hier gilt es alle Kraft einzusetzen, um der in Israel herrschenden Unsitttichkeit ein Ende zu machen. Nun, Gott sei Lob und Dank, in meiner Gemeinde, sowie im ganzen Lande seiner gnädigen Majestät, kann man nicht über Unsittlichkeit klagen, der himmlische Vater belohnt auch die sittlichen; wie Sie sehen, herrscht, Gottlob, hier Wohlstand und ein Jeder freut sich seines Glückes. Aber da hinten bei den polnischen Juden sollen schreckliche Zustände herrschen, eine schreckliche Unsittlichkeit — und Sie sehen die Folgen! Die Juden dort sind arnv und abgerissen . . . und um jener Unsittlichkeit dort ein Ende zu machen, hat mich meine Gemeinde beauftragt, hierher zu kommen und in dieser erlauchten Versammlung gegen die Laster der polnischen Juden zu protestieren und für die verdorbenen Seelen zu beten. Ein schwerer Beruf, wie Sie sehen, aber, wie ich Ihnen gesagt habe, halte ich es für meine Pflicht, zu jeder Zeit und immerfort für die Tugend und Sittlichkeit einzutreten.“ Sprach’s halblaut — heilig, hörte siegesbewußt auf, schmunzelte mit seinen heiligen Lippen und sagte mir zum Zeichen des Abschiedes: „God bless you!“ („Gott segne Siel“) Eine jungfräuliche Dame. Als Verehrer des schönen und schwachen Geschlechtes wandte ich mich alsdann an eine der führenden Damen, mit der Bitte, mir über Ziele und Zwecke des Kongresses Auskunft zu geben. Die Dame, eine ältere Jungfrau und mehr als zweitausend Wochen alt, ein ehrwürdig schneeweißes Haupt in Barockfrisur, eine schwarze iange Schleppe, schneeweiße Handschuhe und Manschetten, schlank, elegant, die schwarzen unruhigen Augen golden bebrillt, und die erste israelitische Philantropin in Israel, ist als Sittlichkeitshyäne weit und breit bekannt. Diese Dame ist sehr sittlich, denn erstens hat sie sehr viel Geld, zweitens hat sie keinen Beruf und drittens sucht sie Beschäftigung. Der Beruf eines Sittlichkeitsapostels ist doppelt angenehm, er tötet die Langeweile, kostet nichts und verhilft einem zum Ruhm ... Ich stellte mich der ehrwürdigen Jungfrau als Zeitungsschreiber vor und bat höflichst, gnädigst, untertänigst, um eine Unterredung. Redegewandt, öffnete sie ihren sittlichen Leierkasten und sang vom Stegreif folgende Strafpredigt: „Ich sage Ihnen, was die russischen und polnischen und rumänischen Juden sich erlauben, ist unerhört; sie sind einfach verkommen, verkommen, unsittlich wie Zigeuner. Sie treiben es so weit, daß wir uns veranlaßt gesehen haben, uns hier zu versammeln, um zu beraten, wie diese umsichgreifende Unsittlichkeit aus der Welt zu schaffen ist. Sehen Sie, wir Westeuropäer, die das Unglück