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Jüdische Zeitung · 1910-07-15 · 28 (15.7.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
28 (15.7.1910)
Date
1910-07-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 28 die Anklagebank. Unter den angeklagten 307 Juden sind die verschiedensten Berufe vertreten: Bankiers. Kaufleute, Aerzte, Ingenieure, Studentinnen, Handelsreisende, Schauspieler, Fabrikanten, Schriftsteller. Die Angeklagten nennen diese Gerichtssache einen Prozess um ihr Daseinsrecht. Sehen wir doch unter ihnen sogar Aerzte und Ingenieure, die nur deswegen das Wohnrecht nicht besitzen, weil sie ihre Diplome nicht in Russland, sondern im Auslande erworben haben. Es sind meist solche, die nach Absolvierung einer höheren Schule mit Rücksicht auf die Prozentnorm von den russischen Hochschulen zurückgewiesen wurden. Manche von diesen Geplagten haben dann nachträglich vom Unterrichtsminister die Erlaubnis zum Staatsexamen in Russland erlangt, andere aber sind willkürlich selbst dazu nicht zugelassen worden. Da haben auch einzelne aus der letztgenannten Kategorie zum Verzweiflungsmittel gegriffen und sich das Diplom eines Zahntechnikers verschafft, um wenigstens an ihren Plätzen ungestört wohnen zu dürfen. Vielleicht dient dieser Massenprozess, der voraussichtlich mit der Beratung des Gesetzentwurfes wegen Aufhebung des Ansiedlungsravons in der Duma zusammenfallen wird, als Illustration zu der unsinnigen Wohnrechtsbarbarei. Eine Theodor Herzl-Gasse. Der Gemeinderat der Stadt Monasterzyska in Galizien hat vor kurzem beschlossen, eine Gasse dieser Stadt nach Dr. Theodor Herz! zu benennen. Dies ist nach Gliniany der zweite Fall in Galizien, dass das Andenken Dr. Herzls auf diese Weise geehrt wird. Bekanntlich gibt es auch in Czemowitz, der Landeshauptstadt der Bukowina, eine Strasse, die den Namen des verstorbenen Führers der Zionisten trägt. Ausgewiesene russische Juden in Galizien. In Podwoloczyska an der russischen Grenze langen täglich viele jüdische Familien an, die aus Kiew und anderen Städten Russlands ausgewiesen worden sind. Manche der ausgewiesenen Juden wählen Krakau oder Lemberg zu ihrem Wohnorte. Die Wiener „Reichspost“ ist über die Immigration der russischen Juden nach Galizien höchst beunruhigt und fordert die Regierung auf, Massnahmen gegen die „Ueberflutung unserer östlichen Provinzen mit russischen Juden“ zu treffen. Die Affäre Fabiansky. Der Kunststreit [um das Fabianskysche Bild, das die Judenmetzeleien in Kiew darstellt, wird voraussichtlich den Rücktritt einiger Vorstandsmitglieder und einiger Mitglieder der Jury in der Münchner Ausstellung im Glaspalast zur Folge haben. Die Münchner Künstler sind über die Nachgiebigkeit gegenüber dem Terrorismus und der russischen Schnüffelei auf , deutschem Boden sehr erregt Die Jury' erklärte, sie habe in dem Bilde keine Beleidigung des Zaren erblickt, sondern ein vollkommenes Kunstwerk. Der Justizmord an Glusker. Vor kurzem wurde offiziell mitgeteilt, dass die im vorigen Jahre auf Grund eines Kriegsgerichtsurteiles erfolgte Hinrichtung des Juden Glusker, der angeklagt war, die Familie Bychowski ermordet zu haben, die Folge eines Irrtums gewesen sei. Die wirklichen Mörder wären nunmehr festgenommen. Zu dieser Mitteilung veröffentlicht jetzt der VerteidigerGluskers, Uspenski, ein Nichtjude, ein Schreiben, aus dem hervorgeht, dass das Urteil gegen Glusker erfolgt sei, trotzdem er seinerzeit durch zwei Zeugen sein Alibi nachgewiesen habe. Diese beiden Zeugen bekundeten damals, dass Glusker zur Zeit des Mordes in einer Entfernung von etwa hundert Werst vom Tatorte sich befunden habe. Das Gericht schenkte ihnen jedoch keinen. Glauben, nur deswegen, weil es Juden waren. Eine neue jüdische Kolonie in Texas. Einige in Texas ansässige reiche Juden, denen sich der bekannte Multimillionär Jakob Schiff zugesellt hat, haben zwischen Galveston und Houston 50.000 Acker Land gekauft, auf dem die aus Europa, namentlich aus Russland ausgewiesenen oder ausgewanderten Juden angesiedelt werden sollen. Nach den Plänen des Ausschusses, der sich mit der Ansiedlung befasst, soll jede jüdische Familie etwa 20 Acker Landes, ein auf Kosten der Gesellschaft erbautes Häuschen, ein Pferd, eine Kuh und das nötige Arbeitsgerät erhalten. Im ersten Jahr erhalten die Ansiedler auch die nötigen Vorräte; die Abzahlung für den Wert des Gutes soll in 25 Jahresraten erfolgen. Das Palästinaamt in Jaffa. Bericht Dr. Ruppins, erstattet der zionistischen Jahreskonferenz. Als Leiter des Palästinaamtes, dem die praktische Arbeit in Palästina obliegt, möchte ich mir zunächst gestatten, einmal festzustellen, welche Stellung die sogenannte praktische Arbeit in dem zionistischen Programm überhaupt einnimmt. Es ist gestern von einigen Herren über diese praktische Arbeit ziemlich geringschätzig gesprochen worden. Ich kann es mir nicht anders erklären, als dass dies auf eine vollständige Verkennung der praktischen Arbeit zurückzuführen ist. Die praktische Arbeit ist ja nicht der Endzweck, — sie ist für uns ein Mittel, und zwar ein ausgezeichnetes politisches Mittel. Ich möchte Ihnen das Verhältnis von praktischer und politischer Arbeit durch einen Vergleich anschaulich machen, ln Palästina muss jeder junge Orangenbaum eine Stütze erhalten, damit er gerade aufwachsen kann. Diese Stütze und dieser Baum sind das, was politische und praktische Arbeit einander sein sollen. Die beiden Arbeiten sind Parallelaktionen. Wie der Orangenbaum ohne die Stütze nicht aufwachsen kann, so kann die praktische Arbeit in Palästina nicht gedeihen, wenn ihr nicht durch gleichzeitige politische Arbeit Licht und Luft geschaffen wird. Aber die politische Arbeit allein ist vollständig leer, wenn ihr nicht durch die praktische Arbeit ein Inhalt gegeben wird. Politische Arbeit ohne gleichzeitige praktische Arbeit ist dasselbe, als wenn man allein die Stütze ohne den Orangenbaum in die Erde stecken und davon Früchte erwarten wollte. Als ich vor ungefähr 21/.. Jahren hiervor Ihnen stand und Ihr Vertrauen mich zur Leitung des Palästinaamtes berief, habe ich Ihnen von vornherein gesagt, dass Sie von der Einrichtung des Palästinaamtes nicht den Anbruch eines goldenen Zeitalters erwarten dürfen, da dieses Amt sich erst langsam im Lande einleben müsse. Aber ich versprach Ihnen, meine besten Kräfte für die Arbeit einzusetzen, und dieses Versprechen glaube ich gehalten zu haben. Als das Palästinaamt begründet wurde, war noch absolut keine Uebereinstimmungüber die Zielpunkte der praktischen Tätigkeit. Der Nationalfonds hatte einige Stücke Landes. Es gab eine Meinung, dass der Nationalfonds nichts Besseres tun könne, als diese Landstücke sofort wieder zu verkaufen. Die anderen wieder glaubten, der Nationalfonds müsse auf diesen seinen Landstücken landwirtschaftliche Betriebe einrichten. Dagegen wurde wieder geltend gemacht, dass jede administrative Wirtschaft unrationell sei, viel Geld koste u. s. w. Wir haben diese Schwierigkeiten gelöst, indem wir auf dem Boden des Nationalfonds durch die P. L. D. C. und den Verein Oelbaumspende Wirtschaften eingerichtet haben. Es ist dadurch ein Weg gezeigt worden, wie der Nationalfonds Boden erwerben und für sich erhalten kann. Es ist in Palästina ferner durch die Hilfe des Nationalfonds ein' Stadtviertel gegründet worden, das zu dem Schönsten und Gelungensten gehört, was der Zionismus in Palästina geschaffen hat. Es war, als man mit diesem Vorschläge an den Nationalfonds herangetreten ist, ein lebhafter Widerstand dagegen. Man hatte dagegen Bedenken erhoben, ob sich der Nationalfonds an städtischen Unternehmungen beteiligen darf. Es hat sich' aber hier wie überall gezeigt, dass eine einzige Tat mehr wert ist als hundert prinzipielle Erwägungen. Man gibt heute überall zu, dass diese Sache das gehalten hat, wofür sie begründet wurde, nämlich die Position und das Prestige der Juden in Palästina zu erhöhen. Wenn Sie früher nach Palästina kamen, so fanden Sie das jüdische Leben atomisiert. Wollten Sie es auf einem Punkte sehen, so entglitt es Ihnen unter den Händen. Wenn Sie jetzt nach Jaffa kommen, so sehen Sie in dem neuen Stadtviertel jüdisches Leben pulsieren, wie vielleicht nirgends sonst in der Welt Das jüdische Viertel ist ein um so grösserer Erfolg, als der Nationalfonds sein Geld sicher angelegt hat. Ich glaube, das sollte den Nationalfonds ermutigen, einer anderen Gesellschaft ein Darlehen zu geben, die auf ähnlicher Basis arbeiten will und bezüglich welcher noch in der Generalversammlung des Nationalfonds gesprochen werden wird. Der Bezalel, für den das Palästinaamt die administrative Arbeit leistet, ist in guter Entwicklung begriffen. Er beschäftigt heute die vierfache Zahl von Arbeitern, die er früher beschäftigt hat. Der Bezalel ist weiter entwicklungsfähig. Er ist dazu berufen, eine Kleinindustrie ins Leben zu rufen. Palästina ist heute für eine Grossindustrie im allgemeinen noch nicht reif. Es fehlt nicht nur an Eisen und Kohlen, es fehlt auch an guten und billigen Verkehrsmitteln, an durchgebildeten Werkmeistern u. s. w. Der Bezalel hingegen beschränkt sich auf die Hausindustrie und ist heute bereits seines Absatzes so sicher, dass er das Drei- oder Vierfache seiner jetzigen Produktion verkaufen könnte. Wir werden in der Sitzung des Nationalfonds mit einem Vorschläge hervortreten, auf dem Nationalfondsland Lydda einen Teil des Silberateliers des Bezalel unterzubringen. Das wird, ich glaube, der erste Versuch sein, um Hausindustrie auf das flache Land zu verpflanzen. Das wird eine wertvolle Unterstützung der Siedlungsgenossenschaft sein, wie schon Dr. Oppenheimer ausgeführt hat. Es ist sehr schwer, die Tätigkeitszweige des Palästinaamtes einzeln aufzuführen. Es ist sehr viel Verwaltungsarbeit dabei. Sie ist notwendig und muss getan werden. Wir haben die Aufgabe, die uns durch die Erziehung der Kischinewer Waisen übertragen war, erfolgreich zu Ende geführt und aus 20 oder 30 Kindern brave Handwerker zu machen gewusst, die sich jetzt in Palästina ernähren. Wir haben für die P. L. D. C. eine Wirtschaft in Kinereth errichtet, die nach modernen Grundsätzen geleitet wird, und der der Ruhm gebührt, dass sie ein Land, auf dem bis dahin kein Jude gearbeitet hatte, mit einem Schlage zu einem jüdischen gemacht hat. Dasselbe gilt von dem übrigen Nationalfondsland, wo früher keine jüdische Hand tätig war und wo jetzt jüdische Arbeiter beschäftigt sind, in Lydda und Hulda. Wir haben die sehr unsichern juristischen Verhältnisse in Palästina dadurch zu konsolidieren versucht, dass wir ein Schiedsgericht eingerichtet haben, das sich ein gewisses Ansehen zu erwerben verstanden hat. Wir haben die Viehversicherung in die Wege geleitet; Wir haben überall in der Welt auf Anfragen Informationen erteilt, gedruckte Informationen hergestellt und die wichtigsten Verhältnisse in Publikationen niedergelegt. Wir sind tätig als Sammelstelle des Nationalfonds, verschaffen armen Leuten Ermässigungen für Schiffskarten, unterrichten die Presse über palästinische Angelegenheiten u. s. w. u. s. w. Immerhin eine Verwaltungstätigkeit, die zwar im einzelnen klein ist, im ganzen aber eine grosse Masse von Arbeit erfordert. Und dann noch eins: Wir haben in diesen 21/., Jahren auch selbst etwas gelernt und hoffen, dass die gewonnene Erfahrung in Zukunft unserer Geschäftsführung zustatten kommen wird. Meine Herren! Ich habe die Ueberfahrt nach Europa benutzt, um das letzte Kongressprotokoll zu lesen. Ich habe dort mehrere Vorwürfe gegen das Palästinaamt gelesen. Ich will darauf in einigen Worten eingehen. Da ist gesagt worden, das Palästinaamt arbeite zu langsam, es habe für die Oelbaumspende noch immer keine Bäume gepflanzt, oder die Bäume seien noch zu klein. Nun, dagegen können wir nichts machen, denn bis die Bäume gross werden, vergehen einige Jahre, und die Pflanzung der Oelbäume ist auch von der Jahreszeit abhängig. Man sagt, die Beamten im Palästinaamt seien zu nüchtern. Nun muss ich gestehen, dass ich nicht zu den Leuten gehöre, die ihre Begeisterung fortgesetzt im Munde führen, sondern ich halte jene Begeisterung für die beste, die man im Herzen trägt und die sich in Taten umsetzt. Dann wird gesagt, dass wir nur 2—3 Stunden des Tages arbeiten. Dies entspricht durchaus nicht den Tatsachen. Die Bureaustunden beschränken wir allerdings auf das Notwendigste, denn wir wollen ja nicht nur Bureauarbeit leisten, aber in Wirklichkeit gehört unsere ganze Zeit unserer Arbeit, Ferner wurde gesagt, das Palästinaamt sei zu teuer. Nun beträgt der Gesamtetat jährlich 19.000 M. Wenn Sie bedenken, dass damit zwei akademisch gebildete Beamte und zwei Sekretäre besoldet werden, dass zur Beaufsichtigung unserer Arbeiten fortdauernd Reisen erforderlich sind, und dass der

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