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Jüdische Zeitung · 1910-07-15 · 28 (15.7.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
28 (15.7.1910)
Date
1910-07-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28 JÜDISCHE. ZEITUNG. Seite 3 haupten. Es hätte dieses neuerlichen Beweises über die Feigheit und Heuchelei des «grossen Weltblattes» nicht bedurft, um uns wissen zu lassen, dass es sich den Teufel um' jüdische Interessen schert. Uns ist es seit jeher klar, dass die «Neue Freie Presse» nicht ein Blatt der armen Juden, sondern das Organ der israelitischen Kapitalisten ist * * * Baurat Wilhelm Stiassny gestorben. In Ischl starb am Montag, den 11. d. im Alter von 6S Jahren der Baurat Wilhelm Stiassny, Mitglied des Wiener Gemeinderates, Vorstand der israelitischen Kultuseemeinde, Präsident des Jüdischen Kolonisationsvereines und. Obmann des «Jüdischen Museums». Der Verstorbene hatte ein warmfühlendes Herz für seine jüdischen Brüder interessierte sich lebhaft für die Kolonisation in Palästina und tat bei jeder jüdischen Sache mit. Wenn er auch nicht eines Sinnes mit uns war und bis an sein Lebensende deutsch-freiheitlich blieb, so unterschied ihn doch sein warmes Interesse für alles Jüdische in vorteilhafter Weise von anderen assimilierten Israeliten, deren Ideen aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts stammen. Es wird ihm daher auch in unseren Kreisen ein gutes und ehrenvolles Angedenken gewahrt bleiben. « * * Erweiterung der Sonntagsruhe in Oesterreich? Nach dem Beschluss des Polenklubs im österreichischen Reichsrat, sich für die Ausdehnung der Sonntagsruhe auch auf das Schankgewerbe einzusetzen, brachten auch die sozialdemokratischen Beisitzer im österreichischen Arbeitsrat einen neuen Gesetzentwurf ein, der auf die Einführung der vollständigen Sonntagsruhe hinzielt. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, dass die Spitze dieser beiden Projekte gegen die Juden gerichtet ist, zumal da insbesondere das Schankgewerbe fast ganz in jüdischen Händen ruht. Namentlich würden dadurch die jüdischen Kaufleute Galiziens und der Bukowina, die noch fast ausnahmslos die religiösen Vorschriften streng beobachten, schwer geschädigt werden, da sie durch eine Ruhezeit von fast 2V« Tagen wöchentlich völlig konkurrenzunfähig gemacht würden. Dem Vernehmen nach rüstet sich die.jüdische Kaufmannschaft in Galizien zu einer Abwehraktion, der sich auch die jüdischen Angestellten energisch anschliessen werden. Dass dieses Projekt von sozialistischer Seite ausgeht, ist für die Judenfreundlichkeit und das Rechtsgefühl dieser Freiheitskämpfer bezeichnend. Assimilantendämmerung? i(Von unserem galizischen Korrespondenten.) Zwei wichtige Nachrichten sind zu vermelden: Eine Deputation galizischer Kultuspräsidenten, geführt vom Abg. Dr. Löwenstein, sprach vorige Woche beim galizischen Statthalter vor und bat um Berücksichtigung der jüdischen Petenten, die um Verleihung von Schankkonzessionen angesucht haben. Die Abgeordneten Dr. Gold, Dr. Kolischer und Dr. Löwenstein konferierten mit dem Ministerpräsidenten Bienerth, brachten mehrere dringende Beschwerden der galizischen Juden zur Sprache und verlangten eine gerechte Erledigung der jüdischen Wünsche. Beide Interventionen des galizisch-jüdischen Assimilantentums zugunsten der jüdischen Bevölkerung sind erfreuliche Tatsachen und jeder ehrliche Jude, dem es um das Wohl und nur um das Wohl der jüdischen Bevölkerung in Galizien geht, vernimmt diese Botschaft gerne. Aber kein mit den Verhältnissen Vertrauter wird ohneweiters annehmen, dass ehrliches Mitgefühl mit den jüdischen Stammesbrüdern und vollkommen selbstloses Interesse in den Kreisen der israelitisch-polnischen Politiker Einzug gehalten und ihnen die Wege gewiesen haben, die der jüdische Klub geht. Vielmehr wird er sich sagen müssen, dass sich die Aktion der galizischen Kahalleute unter dem Drucke der öffentlichen Meinung vollzogen, dass die Kahalgewaltigen durch den aufsteigenden Groll der jüdischen Massen zu diesem Schritte gezwungen wurden. Er wird nach unparteiischer Prüfung der politisch-jüdischen Verhältnisse in Galizien zum Schlüsse gelangen: Durch die offiziellen jüdischen Vertreter ist die jüdische Bevölkerung immer tiefer in den Sumpf der Not und des Elends versunken; durch sie ist die Armut der jüdischen Masse gewachsen, hat der Gedanke der jüdischen Selbsthilfe keine Verbreitung finden können, haben die Kultusgemeinden anstatt segensreich korrumpierend gewirkt, ist die jüdische Bevölkerung in furchtbare Abhängigkeit von der Laune des herrschenden Volkes geraten, ist die Degradierung der Juden zu Bürgern zweiter Klasse stationär geblieben und ist das System von Unterdrückung, Bestechung, Erpressung und Schwindel im Lande heimisch geworden. Darum ist es die verdammte Pflicht und Schuldigkeit dieser Kreise, die so viel Uebel über das Haupt des galizischen Judentums gebracht, jetzt, da durch die Neuverteilung der Konzessionen tausende jüdische Familien an den Bettelstab gebracht werden, ihren Einfluss im Dienste dieser Leute geltend zu machen. Denn wenn die Herren Kultusgewaltigen zu Ansehen und Macht gekommen sind, so verdanken sie es gerade den armen Schenkern, die ihre Haut zu Markte tragen, um den Schlachzizen und den Propinator zu misten. Es bleibt nur noch die Frage offen, warum diese Interventionen so spät erfolgt sind. Bedurfte es erst der jahrelangen Agitation der zionistischen Partei, der Aktionen des „Jüdischen Klubs“, der zionistischen Presse, um die Herren an ihre Pflicht zu gemahnen? Freiwillig, aus eigenem Antriebe gingen weder die Kultuspräsidenten zu Bobrzyiiski noch die polnisch - mosaischen Doktoren Gold, Kolischer und Löwenstein zu Bienerth. Hinter ihnen stand drohend die zionistische Partei und trieb sie wie mit einer Peitsche. Angst um ihre Mandate, Angst um ihre Machtstellung beschleunigte die Schritte der Assimilanten. Besonders trifft das bei den Reichsratsabgeordneten zu. Das Parlament wurde vertagt, man spricht sogar von der Möglichkeit einer Auflösung. Womit wären die Herren nach dreijähriger Mandatsdauer vor ihre Wähler getreten? Es musste etwas unternommen werden und sie gingen zu Bienerth. Dass sie das getan, dass sie zur Erkenntnis ihrer Pflicht gelangt, das stellen wir mit Genugtuung fest, verhehlen uns aber nicht, dass diese Assimilantendämmerung nur insolange anhalten, als diesen pflichtvergessenen «Führern» der Ruf in den Ohren gellen wird: Sionismus ante portas. Parteinachrichten. Anlässlich der sechsten Wiederkehr des Todestages Dr. Theodor Herzls findet auf Veranlassung des i. ö. D. K. am Dienstag, 26. Juli 1910, V28 Uhrabds., ein Trauergottesdienst (Hesped) im Gemeindetempel, 1. Seitenstettengasse, statt. Sonntag, 31. Juli 1910, 10 Uhr. vorm., Besuch des Grabes auf dem Döblinger Friedhofe. Aus dem jüdischen Leben. Die Juden in Bagdad. Eine interessante Rolle im Bagdader Handel spielen die Juden. Sie monopolisieren sozusagen den Baumwollhandel, der einen jährlichen Wert von einer Million Pfund Sterling repräsentiert. Ueber zwanzig Bagdader Firmen haben Vertretungen in Manchester und London. Die politische Revolution hat in Bagdad noch wenig Veränderungen hervorgebracht. Die christlichen und jüdischen Gemeinden, denen die Konstitution viel Nutzen gebracht hat, zählen zu deren aufrichtigsten Verfechtern. Die religiöse Intoleranz hat in Bagdad niemals Wurzel fassen können, trotzdem schwebt die vorherrschende Stellung der Mohammedaner stets wie ein Damoklesschwert über den «Ungläubigen». Die freiheitliche Aera hat auf die Juden, deren Zahl auf 50.000 geschätzt wird, den günstigsten Einfluss geübt Die Bessersituierten vertauschen allmählich ihren Wohnsitz im alten Judenviertel mit vornehmen Häusern im Innern der Stadt, kleiden sich immer mehr europäisch, nehmen westeuropäische Sitten an und opfern sehr viel für die moderne Erziehung ihrer Jugend. In einer dieser jüdischen Schulen wird derselbe Lehrplan eingehalten, wie in den staatlichen Militär-Lehranstalten. Einer der Hauptzwecke dieser Schulen ist die Verbreitung der türkischen Sprache Die überwiegende Majorität der Bevölkerung von Bagdad ist jedoch die arabische, die von den politischen Aenderungen im Reiche und von der Gleichstellung aller Konfessionen nicht entzückt ist. Im Araber lebt fest der Glauben, dass Mekka mit den Vorgängen in Konstantinopel nicht einverstanden sein könne, und diesem fanatischreligiösen Panislamismus entspringen auch alle Unruhen unter den Arabern, alle Opposition gegen die Kulturbestrebungen der freiheitlichen Richtung, an deren Spitze die Juden marschieren. («Times.») Vom deutschen Hilfsverein. Am 22. Juni fand unter dem Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereines der deutschen Juden statt. Mit grosser Genugtuung nahm der Ausschuss von der Mitteilung des Vorsitzenden Kenntnis, dass dem Hilfsverein der deutschen Juden im Laufe der letzten neun Monate für die Hauptgebiete seiner Tätigkeit erhebliche Mittel zugeflossen seien. Jedoch reichen diese Mittel noch immer nicht für die grossen Aufgaben, die der Hilfsverein im Jahre 1910 zu erfüllen hat und die wiederum eine halbe Million Mark erfordern dürften. Zugunsten der russischen Juden, deren Lage immer trauriger wird, sind rund 120 000 Mark eingegangen. Ausserdem erhielt der Verein von vier hochherzigen Spendern 80.000 Mark, und zwar von den Erben der Frau Adelheid Bleichröder 30.000 Mark, aus dem Nachlasse der Frau Kommerzienrat Cäsar Wollheim 10.000 Mark. Herr Bezirksrabbiner Dr. Salvendi, Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereines, der unermüdliche tatkräftige Förderer seiner Bestrebungen, machte zum Andenken an seine verewigte Gattin eine Stiftung von 10.000 Mark zur Verwendung für arme russische Juden. Ein anderes Vorstandsmitglied stellte dem Vereine 30.000 Mark zum weiteren Ausbau seines Schul Werkes in Jerusalem zur Verfügung. Aus den Bewilligungen des Vereines sei hervorgehoben, dass für drei von Brandkatastrophen heimgesuchte russische Orte gemeinsam mit dem Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. 3750 Mark angewiesen wurden. Die Ausgaben für das Hilfswerk in Russland und die Tätigkeit auf dem Gebiete der Auswanderung betragen im ersten Halbjahre 1910 bereits über 130 000 Mark, die Ausgaben für das Schulwerk bisher über 100.000 Mark. Antisemitische Wühlereien in Prag. Der durch seine jüngste Pogromrede im Wiener Reichsrat bekannte tschechisch-klerikal-agrarische Abgeordnete M y s 1 i v e c setzt den Feldzug gegen den alten jüdischen Friedhof und die «Altneuschul > fort Sein Antrag auf Entfernung des Friedhofes, der die christliche Bevölkerung provoziere (bei den letzten Reichsratswahlen hat der Bezirk Josefstadt mit dem Vorort Lieben zusammen sozialistisch gewählt), ist vom Stadtverordnetenkollegium abgeiehnt worden. Nunmehr hat Myslivec die Beschwerde an den Landesausschuss ergriffen. Die Beschwerdeschrift; die Beleidigungen des Judentums enthält, liess der Antragsteller in den Strassen gedruckt verteilen. Trotzdem in Oesterreich jede Kolportage verboten ist, hat die Behörde nichts einzuwenden, wenn Juden geschmäht werden. Man muss unwillkürlich an die jüdische Krämerin in Krakau denken, die ein Stückchen Käse in ein katholisches Zeitungsblatt gewickelt verkaufte und deshalb vom Obersten Gerichtshof zu einer Kerkerstrafe verurteilt wurde. Ein Prozess gegen 307 Juden. Das Moskauer Kreisgericht wird im Herbst einen eigenartigen Monsterprozess gegen 307 Juden zu führen haben, die beschuldigt werden, sich gefälschter Diplome bedient zu haben, um das Wohnrecht ausserhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons zu geniessen. Es gibt nämlich ein Gesetz, wonach diejenigen Juden, die im Besitze eines zahnärztlichen Diploms sind, überall unbehelligt wohnen dürfen. Um ein solches Diplom zu erlangen, muss man drei Jahre als Gehilfe eines Zahnarztes fungieren. Nun gab es in Smolensk zwei christliche Zahnärzte, die dieses Gesetz zu ihrem Vorteil auszunützen verstanden, indem sie vielen Juden Zeugnisse ausstellten, dass sie drei Jahre bei ihnen praktiziert hatten, während viele von ihnen nicht einmal in Smolensk waren. Auch einige Staatsbeamte der Medizinalverwaltung (natürlich Nichtjuden) sind an der Affäre beteiligt und kommen ebenfalls wegen Amtsvergehens auf

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