Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 27 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 dieses allpoluischen Regierungskommissärs, der in unserer Stadt speziell gegen die Juden Ausnahmsgesetze schafft und hunderte jüdischer Existenzen ruiniert, verdanken, das Misstrauensvotum ausgedrückt. Der Referent verlas im Laufe der Versammlung den in der Czernowitzer «Volkswehr' veröffentlichten Artikel über die Stellung des Abgeordneten Gail in der Angelegenheit der Errichtung eines Luegerdenkmales in Wien.*) Die tausendköpfige Versammlung gab ihrer Entrüstung und Empörung über dieses Vorgehen des Abgeordneten Gail in der betreffenden Resolution lebhaften Ausdruck. Die Juden in Finnland. Die freiheitsliebenden Finnen haben wieder einmal ihre nahe geistige Verwandtschaft mit — der russischen Regierung in punclo Judenfragc an den Tag gelegt. Vor kurzem wurde wieder einmal über 20 jüdische Familien in Helsingfors die Ausweisung verfügt. Die Betroffenen appellierten nun an den Senat. Dies verdross den Helsingforser Polizeichef, und er ordnete an, die 20 Familien, die schon seit vielen Jahren in Helsingfors wohnen, müssten sofort die Stadt verlassen, sonst würden sie mit Gewalt hinausgetrieben werden. -Die jüdische Frechheit übersteigt alle Grenzen.» schreibt der Polizeichef in seinem offenen Briefe .an die ausgewiesenen Juden. «Immerfort wenden die Juden alle ehrlichen und unehrlichen Mittel an, um gegen den Willen der hiesigen Bevölkerung am Platze zu bleiben. Allein auch die Polizei kann die jüdische Frechheit nicht mehr dulden.» Dass die finnländische Polizei an humaner Rücksichtnahme der russischen keineswegs nachsteht, beweist folgende Tatsache: Einer der Ausgewiesenen legte der Polizei ein ärztliches Zeugnis vor, dass seine Frau krank darniederliege. Er erhielt aber zur Antwort, dass er die Stadt schon früher hätte verlassen sollen und nicht so lange warten, bis seine Frau erkrankt wäre. Die Ausgewiesenen sandten eine Deputation an den Gouverneur, die aber nicht empfangen wurde. Zur Gesetzesvorlage wegen Aufhebung des Ansiedlungsrayons. Aus Petersburg wird berichtet: Die reaktionäre Presse Russlands schreit Zeter und Mordio anlässlich der von 166 Dumaabgeordneten eingebrachten Vorlage wegen Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons. Die «Russkoje Sn am ja» fordert das «Volk» auf, Massenpetitionen an den Zaren zu richten mit dem Ersuchen, gegen die 166 Verbrecher einen Prozess wegen Hochverrats anzuordnen. Die «Semschtschina» hingegen erklärt in aller Seelenruhe, nach der wiederholten entschiedenen Erklärung der Regierung, wonach an eine Besserung der Rechtslage der Juden nicht zu denken sei, brauche man sich über die Frechheit der 166 Dumaabgeordnetcn nicht weiter auf zu regen. Das russische Volk werde es sich nie gefallen lassen, dass man es mit Haut und Haar seinen Blutsaugern, den Juden, ausliefere. Das offizielle Organ der Oktobristenpnrtei - Golos Moskowy», das diese Gesetzesvorlage gerne als Verdienst der Oktobristen hinstelleu möchte, wiewohl von den 166 Unterschriften bloss 24 oktobristischen Abgeordneten angehören, begründet die Berechtigung dieser Vorlage damit, dass die Einschränkung der Juden in der Wahl ihres Aufenthaltsottes die russische Bevölkerung doch nicht vor Ausbeutung schütze, da die ökonomisch stärkeren und daher für die Russen im Konkurrenzkampf gefährlicheren jüdischen Elemente schliesslich doch Mittel und Wege fänden, um jenseits des Ansiedlnngsbezirkes einzudringen, die Einschränkung also nur die arme jüdische Masse treffe. Eine Emigrationskonferenz in Libau. Aus Kowno wird geschrieben: Der Minister des Innern hat die Einberufung einer jüdischen Emigrationskonferenz nach Libau genehmigt. Die Konferenz soll entweder Anfang dieses Monats oder gegen Ende des Sommers stattfinden. Den Vorsitz wird Baron D. Günzburg führen. Die Konferenz soll vier Tage dauern. Nur die Vertreter des Emigrationskomitees in Petersburg und seine Vertrauensmänner in der Provinz werden an den Beratungen teilnehmen; Vertreter der Presse sind nicht zugelassen. Alle Referate und Debatten müssen ausschliesslich in russischer Sprache geführt werden. Auf der *) Wir haben in der letzten Nummer darüber berichtet. D. R. Tagesordnung steht: 1. Die Regelung der Arbeit der Rayonskomitees und Organisation der Rayone; 2. Versorgung der Emigranten mit Schiffskarten; 3. Hilfeleistung und Auskunft an Emigranten bei Besorgung von Auslandspässen; 4 ärztliche Hilfe für die Emigranten; 5. Informationsliteratur; 6. die Tätigkeit des Libauer Komitees und der Grenzkomitees überhaupt; 7. verschiedene Fragen. Die Konferenz hätte sich auch mit der Ausarbeitung von Direktiven an alle Vertrauensmänner in der Provinz befassen sollen; dieser Punkt wurde aber vom Minister des Innern gestrichen. Verbot des Sommeraufenthaltes. Aus Petersburg wird geschrieben: Das Ministerium des Innern hat sich bekanntlich vor kurzem redlich bemüht, im Senat ein generelles Verbot des Sommeraufenthaltes der Juden auf dem Lande durchzusetzen. Das war nicht gelungen. Der Senat wies die Zumutung ab, weil das Gesetz ein solches Verbot nicht enthält. Damit sollte die Sache als erledigt gelten: was nicht verboten ist, muss natürlich als erlaubt betrachtet werden. Dieser logische Schluss wird jedoch von der russischen Administrativbehörde und namentlich in bezug auf Juden nicht anerkannt. Die Ausweisungen aus den Erholungsstätten, wo Juden jahrzehntelang den Sommer verbrachten, werden mit ungeahnter Grausamkeit fortgesetzt; sogar Kranke und Bettlägerige werden nicht verschont. So schreibt man z. B. aus dem Dorfe Orlowtzina (Gouv. Jekaterinoslaw): Hierher pflegten seit Jahren Juden aus Jekaterinoslaw und Umgebung, die lungenkrank sind, jeden Sommer zu kommen. Es war ein naher, billiger und bequemer Kurort. Die Ortsbauern errichteten speziell für die Sommergäste eine Reihe Landhäuser und legten darin einen erheblichen Teil ihres Vermögens an. Auch dieses Jahr wurde den Juden, die ärztliche Zeugnisse besassen, vom Gouverneur erlaubt, in Orlowtzina zu wohnen. Am 16. Juni erschien aber der Urjadnik und erklärte, er müsse über Verfügung der Behörden sämtliche Juden aus Orlowtzina ausweisen. Deputationen und Depeschen seitens der Juden und der Bauern wurden nach Jekaterinoslaw sowie nach Petersburg entsandt. Es half aber nichts: gerade am IS. Juni wurden die Juden samt ihren Habseligkeiten von Polizisten expediert und mussten den Weg bis zur benachbarten Stadt Nowomoskowsk zu Fuss machen. Aehnliches wird auch aus Kiew, Smolensk, Schitomir, Poltawa, vom Rigaer Strand u. s. w. gemeldet. Hierzu wird noch aus Kiew vom 1. Juli depeschiert: Die Judenschikanierung beim Landaufenthalt hat auch bereits wirtschaftliche Folgen. So weigern sich in Anbetracht des Verbotes des Aufenthaltes von Juden auf dem J_ande die Versicherungsgesellschaften, die Villen zur Versicherung aufzunehmen, indem sie sich auf deren enorm gesunkenen Wert berufen. Die Entfernung eines Pogrombildes aus dem Münchener Glaspalast. Aus München schreibt man: Eine Massnahme der Direktion des Münchener Glaspalastes wird in hiesigen Künstlerkreisen lebhaft besprochen: Die Direktion des Glaspalastes liess nämlich am 27. v. M. dem polnischen Maler Fabjanski die Aufforderunng zugehen, er möchte sein grosses Gemälde „Aus dem Reiche des Zaren“, das bisher unbeanstandet in der Münchener Ausstellung hing, sofort entfernen, weil das Gemälde polnisch-tendenziösen Charakter trage. Diese Massnahme erfolgte auf Einsprache von russischer diplomatischer Seite. Das Gemälde stellt den Pogrom in Kiew aus dem Jahre 1905 dar. ln wirrem Durcheinander liegen vor einem Spital getötete Männer, Frauen und Kinder, mit grausen Wunden bedeckt. An der Wand eines Hauses sieht man ein Plakat, welches das eben erlassene Manifest des Zaren über die Konstitution enthält. Hierin, so heisst es, sahen russische Kreise die Tendenz, glauben zu machen, dass der Zar die Gemetzel billige und begünstige. Fabjanski beabsichtigt, gegen die Verfügung der Direktion des Glaspalastes Protest einzulegen, weil sich die Direktion von Erwägungen unkünstlerischer Natur habe leiten lassen. Fabjanski, der ein Jahr lang an dem Gemälde arbeitete, hat in den letzten Tagen bereits Kaufangebote auf das Bild erhalten. Zeitschriften und Bücherschau. Franz Oppenheimer über seine Studienreise in Palästina. Der bekannte Nationalökonom Gg. Dr. Franz Oppenheimer, dessen Plan zur Gründung einer jüdischen Siedlungsgenossenschaft in Palästina am letzten Kongresse genehmigt wurde, erstattete der zionistischen Jahreskonferenz einen überaus erfreulichen Bericht über seine Studienreise im heiligen Lande. Er konstatierte zunächst, dass er die beiden Vorfragen: 1. Eignet sich das Land technisch für intensive, rationelle Kultur? und 2. Eignet sich der jüdische Arbeiter, wie er sich jetzt in Palästina findet, physisch und vor allen Dingen psychisch für einen genossenschaftlichen Betrieb? unbedingt bejahend beantworten könne. Er ventiliert zunächst die landwirtschaftlich technische Frage und kommt zu dem Schlüsse: In Summa, und darin stimmen alle Fachmänner, mit denen ich gesprochen habe, ohne Ausnahme überein, ist eine bedeutende Intensivierung und Rationalisierung der Landwirtschaft in Palästina gerade so gut möglich wie überall anders. Mit Rentabilitätsschätzungen möchte ich vorsichtig sein dürfen. Immerhin darf ich sagen, dass nach einigen Stichproben, die ich anstellen konnte, und nach Erkundigungen. die ich bei Sachverständigen einzog, die Rentabilität der „araboiden Kultur“ der jüdischen Bauern mit etwa 6 Prozent des Gesamtwertes anzunchmen ist, nachdem man vom Ertrage ihren Lohn in der landesüblichen Meisthöhe bereits abgesetzt hat. Die Schätzungen gehen dahin, dass bei rationeller Kultur, auch ohneden genossenschaftlichen Betrieb, der noch einmal eine bedeutende Steigerung verspricht, die Rentabilität der Agrikultur doch nahe bis an diejenige der heutigen Pomikultur getrieben werden kann, und dass die Viehzucht vorläufig noch weit höhere Erträge in Aussicht stellt. Bei Besprechung der Arbeiterfrage schilderte Oppenheimer mit Begeisterung die ausgezeichnete physische und psychische Eignung des in Betracht kommenden palästinischen Menschenmaterials. Von den im Lande geborenen Kindern sagt er: Man sieht ihnen an, dass sie die Kinder der höchsten Rasse im Lande sind; sie „schreiten“, um einen Freytagschen Ausdruck zu gebrauchen, „mit Herrenfüssen über ihren eigenen Grund und Boden“; die klaren Augen blicken frei, offen und mutig drein, und die Körper sind ebenso zierlich wie kraftvoll. Ich sah einen kleinen Buben auf ungesatteltem Pferde durch die Strassen von Rechoboth jagen, der sich nur mit den nackten Beinen am Halse festklammerte, während die Arme in der Luft herumjubilierten; und ich sah einen Kolonistensohn in Pethach Tikwah, einen Jungmann von 22 Jahren, l'SS Meter gross, entsprechend breit und augenscheinlich riesenstark, einen echten Bauern, einen der schönsten Männer, die ich je gesehen habe. Nach einer Darlegung der gegenwärtigen Kolonisationsverhältnisse führt Oppenheimer in seiner prägnanten Art aus: Was wir dringend brauchen, ist danach ein Betrieb, in dem physisch vollkräftige, aber landwirtschaftlich-technisch ungeschulte Männer ihre Arbeitskraft einsetzen können, ohne dass sie gezwungen wären, selbständig zu disponieren, ein Betrieb, in dem sie in möglichst kurzer Zeit zuerst zu den technisch-professionellen Handgriffen ihres neuen Gewerbes und später zu dem nötigen Wissen um die Bedingungen der Tier- und Pflanzenzucht erzogen werden, kurz, eine Lehrschule. Diese Schule darf aber nichts kosten, sondern muss rentieren. Sie kann daher nur ein Grossbetrieb sein, der unter die Bedingungen gestellt wird, die die höchste Rentabilität gewährleisten. Die Bedingungen sind von zweierlei Art: Erstens: Es muss ein mit völlig ausreichendem Kapital ausgestatteter, ausreichend grosser, in nicht zu ungünstiger kommerzieller Lage belegcner Grossbetrieb sein, der von einem erprobten Fachmann mit allem Raffinement moderner landwirtschaftlicher und wissenschaftlicher Technik betrieben wird. Dass ein solcher Betrieb in absehbarer Zeit in Palästina zu hoher Rentabilität gebracht werden kann, habe ich bereits festgestellt. Zweitens: Das allein würde hier aber uich, genügen. Wir haben, zwar nicht im ersten Versuch, wo wir mit geschulten Arbeitern rechnen diirfent wohl aber in späteren Versuchen, wo immer ein Teil des Arbeiterstammes aus „Rekruten“ bestehen wird, die herangezogen werden sollen, mit einer minderwertigen Arbeiterschaft zu rechnen, die die Rentabilität herabdrücken wird, da ihre Entlohnung, und sei sie noch so mässig. zuerst den Wert ihrer Arbeit übersteigen wird. Wir brauchen aber eine Rentabilität, die die von voll ausgebildeten Bauern weit übertrifft, und das ist eine Bedingung, die in allen Kulturländern der normale Grossbetrieb selbst der höchsten technischen Vollendung nicht mehr erfüllt. Seine Arbeiter könnten zwar, wollen aber nicht die entsprechende Arbeitsleistung hergeben. Sie haben keine Veranlassung, im Interesse eines fremden Herrn das Letzte an Kraft und Aufmerksamkeit zu leisten, und so sinkt die Rentabilität der Grossbetriebe trotz ihres unermesslich technischwissenschaftlichen Vorsprunges vor den Bauern immer mehr unter deren Rentabilität herab.