Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 27 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 27 Vor denen das gute Schicksal uns hüte: Hier „Aristokraten“ mit noblen Taillen, Dort „Männer des Volkes“ mit Borsten und Kanten, Im Herzen aber Golus-Kanaillen Und blau-weissgestrichene Assimi- 1 anten. Sie lassen sich gern von den „Polischen“ wählen, Um dann auf Galizien witzig zu schimpfen, . Sie hocken beisammen mit Ofner-Seelen, Um über uns „Bettler“ die Nase zu rümpfen; Die andern wieder sind bitter kritisch, Die„Nur-Zionisten“, die „ehrliche Sippe“- Mit einem Male sind sie „politisch“; Natürlich! Sie wittern den Platz an der Krippe! Und so verdecken sie ihre Geschäfte Mit unserem blanken Schild und Namen, Vergeuden unsere besten Kräfte Und säen der Zwietracht giftigen Samen! Traut nicht den Phrasen und biedern Gebärden,; Da ist eine gute Peitsche vonnöten — Cs muss einmal gründlich gereutet werden: Geheimtun ist Fluch! Hinaus mit den Kröten! Beda. Brief aus der Bukowina. Czernowitz, 4. Juli 1910. (Von unserem Korrespondenten.) Seit dem letzten Landesparteitage ist in der zionistisdien Bewegung der Bukowina ein grosser Fortschritt zu verzeichnen. Während in den letzten Jahren wohl durch die allzu starke und einseitige Verquickung mit der Lokalpolitik einerseits und durch die Untätigkeit des Landeskomitees andererseits der Zionismus hierzulande ganz verflacht wurde und im Abnehmen begriffen war, lässt sich erfreulicherweise in der letzten Zeit ein starkes Anschwellen der zionistischen Bewegung konstatieren. Der Grund hiefür liegt wohl in der durchgreifenden Reorganisation des Landeskomitees durch den letzten Landesparteitag, an dem Universitätsprofessor Dr. Kellner zum Obmanne des L.-K gewählt wurde. Der starke Einfluss ist auch trotz der kurzen Zeit schon überall im Lande zu bemerken. In vielen Orten entstehen Zionvereine, werden Nationalfondsgruppen gegründet und in Städten, in denen zionistische Vereine schon seit einigen Jahren eingegangen waren, konstituieren sich diese aufs neue. Es wird an einer planvollen Verteilung von N.-F-Büchsen gearbeitet und für den kommenden Kongress in der letzten Zeit eine eifrige Schekelagitation seitens des L.-K. entfaltet In dieser Sache wird auch in Kürze die Bukowina von den Nationalfondskommissären bereist werden. Was aber besonders hervorgehoben zu werden verdient, ist die Errichtung eines lnformatäonsbureaus für jüdische Angelegenheiten in Czemowitz, das sich schon während der kurzen Zeit seines Bestandes aufs beste bewährt. Die Gründung eines solchen Bureaus hat eben einem lange gehegten Bedürfnis abgeholfen;denndadie Bukowina als Grenzland an Russland und Rumänien von den meisten jüdischen Emigranten passiert wird, ist diesen durch das Bureau die Möglichkeit geboten, die nötigen Informationen, die sie für ihre weite Reise brauchen, einziehen zu können. Ebenso ist in nicht allzu langer Zeit die Errichtung eines Rechtsschutzbureaus geplant. . Zur Propagierung der zionistischen Idee, hauptsächlich aber zur Erinnerung an die Wiederkehr des 50. Geburtstages unseres verewigten Führers, sprach der Obmann des L.-K. Universit tsprofessor Dr. Leon Kellner in den meisten grösseren Städten der Bukowina, u. a. in Suczawa, Sereth, Gurahumora, Czernowitz, Radautz und Wiznitz über das Leben und Wirken Theodor Herzls. Die Vorträge hatten überall einen Massenbesuch zu verzeichnen und die Ausführungen Dr. Kellners fanden begeisterte Zuhörer. Der Vortragende verstand es aber auch in meisterhafter Weise, die Entwicklung Herzls zu schildern, die Jugend und das Milieu, in dem er aufwuchs, seine rapid aufsteigende Laufbahn als deutscher Schriftsteller, deren Glanz er trotzdem ohne Zögern von sich warf, um für seine Stammmesgenossen zu wirken, ln dem Gemälde, das uns der Vortragende aus köstlich schönen Zügen aus dem Leben unseres Führers zusammensetzte, sahen wir Herzl auf dem Höhepunkt seines Schaffens, als Jude für Juden kämpfend und fallend mit dem letzten Atemzuge noch ihrer gedenkend. Die überaus interessanten Details der Vorträge Hessen die Zuhörer auch schon erkennen, welch hohe Bedeutung die demnächst von Prof. Kellner erscheinende «Herzl-Biographie» haben wird. Nach dem Vortrage fanden in allen Städten zu Ehren Dr. Kellners Kommerse statt, die überall glänzend verliefen. Alle Redner sprachen ihre Befriedigung über die bisherige Tätigkeit des zionistischen Landeskomitees aus und sahen in dem Obmanne desselben die sichere Gewähr dafür, dass der Aufschwung der zionistischen Idee in der Bukowina jetzt kein blosses Aufflammen bedeuten werde, sondern ein allmähliches, aber sicheres Gewinnen aller Volksschichten für unser Ideal. Ein Schlusswort zum Fall Lessing. Zu den seinerzeit auch von uns gebührend gekennzeichneten Ausführungen des Herrn Doktor Theodor L e s s i n g über galizisches Judentum in der «Allgemeinen Zeitung des Judentumsäussem sich nunmehr auch die jüdischen Frauen Galiziens durch den folgenden Protest, dem sie die Form eines Rundschreibens gegeben haben: Der Verband jüdischer Frauen in Galizien und der Bukowina sieht sich veranlasst. Sie ergebenst zu bitten, nachfolgenden Protest entgegennehmen zu wollen gegen die ungeheuerliche und schamlose Verunglimpfung der jüdischen Frauen im allgemeinen und der galizischen insbesondere, die in dfer zu Berlin erscheinenden «Allgemeinen Zeitung des Judentums» veröffentlicht worden ist. Seit Jahrzehnten schon ist man gewöhnt, dass von Berlin aus die heftigsten Schmähungen gegen den jüdischen Stamm, die jüdische Religion, das jüdische Schrifttum geschleudert werden. Die in Berlin geprägten gehässigen und verlogenen Schlagworte haben in der ganzen Welt Verbreitung gefunden und haben ausserhalb Deutschlands zu blutigen und grausamen Verfolgungen Anlass gegeben. Nachdem man in Berlin alles Jüdische verleumdet und gelästert hatte, nahm man sich heraus, das jüdische Familienleben und die jüdische Frau, deren Ehre jahrhundertelang unsere schlimmsten Feinde nicht anzutasten gewagt hatten, zu besudeln und in den Kot zu zerren. Allein das taten bisher nur die offenen und eingestandenen Judenfeinde, denen kein Mittel zu gemein dünkte, wenn es galt, ihren Hass zu befriedigen. Nun aber ist es, dass ein angeblich jüdisches Blatt, welches von dem Sohne eines Rabbiners und jüdischen Gelehrten redigiert wird, der noch dazu Vorstandsmitglied der Berliner jüdischen Gemeinde ist und verschiedene Ehrenämter bekleidet, sich dazu hergibt, zur grossen Freude der Antisemiten aller Länder und Zungen die jüdischen Frauen auf die unflätigste Art zu beschimpfen. Einer solchen Missetat gegenüber geht es nicht an, das Stillschweigen der Verachtung zu bewahren. Wir meinen, dass die jüdischen Frauen in Deutschland es sich selbst schuldig sind, hier nicht schweigend zu verharren, sondern auf die unerhörte Beschimpfung die gebührende Antwort zu erteilen. Man soll nicht in der Welt sagen dürfen, es sei in Deutschland gestattet, die Gesamtheit der jüdischen Frauen, ja die ganze jüdische Rasse aufs gröblichste zu beleidigen und die deutschen Jüdinnen lassen dies ungezüchtigt über sich ergehen. Tatsache ist es, dass dies in einem jüdischen Blatte geschah, welches zu den ältesten in Deutschland gehört, durch den Namen seines Begründers und seines früheren Redakteurs sich bisher eines guten Rufes erfreute, gewissermassen als offizielles Organ der Berliner Gemeinde gilt und dessen jetziger Redakteur im Vorstand der Gemeinde Sitz und Stimme und über manch religiöse und kulturelle Institutionen zu verfügen hat. Es wäre unter unserer Würde und hiesse die jüdischen Frauen beleidigen, wenn wir auf den Inhalt jener Beschimpfungen auch nur mit einem Worte eingehen wollten. Sie kennzeichnen sich für jeden unbefangenen Leser von selber als eine Ausgeburt niedriger gehässiger Verleumdungssucht und roher Gesinnung. Aber im Namen aller jüdischen Frauen in Galizien und der Bukowina erheben wir nachdrücklichsten Protest gegen die Ruchlosigkeit, die darin liegt, _ dass ein jüdisches Blatt die giftigsten antisemitischen Verleumdungen aufgreift und verbreitet. Wir fordern die jüdischen Frauen Deutschlands auf, dieses verächtliche Gebaren öffentlich energisch zu brandmarken. Das ist unbedingt notwendig, damit die Schandtat keine Wiederholung und Fortsetzung finde und damit die Gesinnung, der sie entspringt, im Keime erstickt werde. Wir bitten Sie, sehr verehrte gnädige Frau, ergebenst, dieses unser Schreiben den geehrten Mitgliedern Ihres Vereines auf geeignetem Wege zur Kenntnis bringen zu wollen, und erlauben uns zu betonen, dass es notwendig wäre, eine öffentliche Versammlung jüdischer Frauen einzuberufen, damit diese sich unserem Protest anschliessen und solchen zugleich in den Zeitungen zu veröffentlichen. Wir bitten Sie, unseren schwesterlichen Gruss und den Ausdruck unserer vorzüglichen Hochachtung entgegenzunehmen. Für den Verband jüdischer Frauen in Galizien und der Bukowina. Für den Verein «Solo kobiet zydowskich» in Lemberg: Frau Rosa Pomeranz-Melzer, Frau Gisela Schönfeld. Frau Dr. O. Buchstab, Frau Dr. Feuerstein, Frau Dr. M. Zipper, -Fr. Dr. Mieser, Frl. Amalie Back, Frl. L. Werberg, Frl. B. Brenner, Frl. Zofia Schönfeld, Frl Ernestine Landau. (Folgen zahlreiche weitere Unterschriften jüdischer Frauenvereine Galiziens und von Einzelpersonen.) Aus dem jüdischen Leben. Verfolgung der russischen Zionisten. Sozusagen zur Abwechslung erinnert sich die russische Regierung der Zionisten in ihrem Lande. Ministerpräsident Stolypin hat nämlich unlängst an die Gouverneure eine Weisung ergehen lassen, wonach sämtliche zionistischen Vereine zu schliessen und die zionistischen Bestrebungen zu unterdrücken seien. Die Judenausweisungen gehen fast immer Hand in Hand mit der Verfolgung der Zionisten. Erst vor wenigen Wochen wieder wurden in Irkutsk bei Zionisten Hausdurchsuchungen vorgenommen. Damals wurden Nationalfondsbüchsen und verschiedene zionistische Broschüren, Briefe und Aktien der Kolonialbank beschlagnahmt. Dieses Resultat genügte, um all die Irkutsker Zionisten vor Gericht zu stellen und gegen sie die Anklage zu erheben «wegen Zugehörigkeit zu einer Verschwörung, die den Namen «Irkutsker zionistische Organisation» trägt und sich zum nächsten Ziel den aktiven Kampf zur Verbesserung der ökonomischen und politischen Lage der Juden in Russland und die Bildung eines Judenstaates in Palästina stellt. Dadurch werden die jüdischen Massen in Russland isoliert und zum Hasse gegen die russische Bevölkerung aufgehetzt». «Aufhetzung» nennt die russische Regierung in ihrem blinden Wüten gegen die Juden die zionistischen Bestrebungen, weil sie sichden «KampfzurVerbesserung der ökonomischen und politischen Lage der russischen Juden und die Bildung eines Judenstaates in Palästina zum nächsten Ziele stellt». Höher geht’s nimmer! Aber von der russischen Regierung kann man nachgerade nur noch das Widersinnigste, das Niederträchtigste und das Abscheulichste erwarten. Wohin das System der brutalsten Grausamkeit und Verfolgungswut endlich führen wird, die Beantwortung dieser Frage kann man der Geschichte überlassen, die noch stets gelehrt hat, dass alles ausgeglichen wird. Auch für Russland wird der dies irae kommen. Den Zionismus, diesen grossen Befreiungskampf des Judenvolkes, wird aber keine Stolypinsche Verordnung ausrotten können. Der Wille Herzls lebt heute so stark im Osten wie im Westen, dass kein Bangemachen, keine momentane Schwierigkeit ihn hemmen oder lähmen könnte. Vielmehr spornt jedes Hindernis die Kräfte nur noch mehr an. Ein Misstrauensvotum für den Abg. Gail. Aus Tarnopol, 4. Juli, wird uns geschrieben: Samstag abends fand hier eine tausendköpfige Versammlung statt, bei der Gg. Dr. Philipp Korngrün über die Stellung der Juden zur kommenden Volkszählung und Gg. Dr. Israel Waldmann über die jetzt in unserer Stadt herrschenden, durch das Wüten des Regierungskommissärs hervorgerufenen Verhältnisse referierte. Zum ersten Punkt wurden die bekannten Resolutionen angenommen. Was den zweiten Punkt der Tagesordnung anbetrifft, wurde dem Abgeordneten Rudolf Gail, dessen Intrigen und judenfeindlicher Politik wir die Einführung