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Jüdische Zeitung · 1910-07-08 · 27 (8.7.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
27 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 27 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 die Bielitzer Kultusgemeinde in ganz Oesterreich als eine der angesehensten (sc. reichsten) gelte und natürlich erwartet werde, dass die Opposition nicht zuviel Lärm machen werde. Die Opposition wird einheitlich auftreten in der Kultusstube und bei den demnächst zu beratenden Statutenänderungen die Prinzipien des zionistischen Programmes durchsetzen, zumal sie es in der Hand hat, der Kahalpartei die Zweidrittelmajorität nicht zu bewilligen. Für die Bielitzer Zionisten kommt nun eine Zeit verantwortungsvoller Arbeit. Es gilt, die Wähler der Opposition zusammenzuhalten, ihnen die Wege zu weisen und sie allmählich zu überzeugten Anhängern des zionistischen Programmes zu machen. Raum muss auch der zionistischen Jugend gegeben werden und die «israelitische Kultusgemeinde Bielitz» wird unaufhörlich an die neuen Bedürfnisse der Jugend in geistiger, das heisst jüdisch-hebräischer, und in körperlicher, insbesondere sportlicher Beziehung erinnert werden. Die jungen Zionisten werden einen starken Rückhalt von der offiziellen Vertretung des Judentums verlangen. Das Wahlrecht wird von einem niederen Zensus abhängig gemacht und die reicheren Juden in erhöhtem Masse zur Kultussteuer herangezogen werden. Das Wichtigste ist aber die völlig veränderte politische Situation der Juden in Bielitz in Gemeinde, Land und Reichsrat. ln einer ganz beispiellosen Art haben die deutschen Kreise von Bielitz sich für die Kultuswahl interessiert. Es nützt nichts, dass die Offiziellen die Opposition als die orthodoxen polnischen Juden, als die «polnischen Parches» verschrien haben; die Deutschen haben mit geheimer Schadenfreude die Niederlage der bisherigen Vertreter des Judentums gesehen; auch sie wollen reinen Tisch und es ist die Zeit nicht fern, wo Männer der Opposition, Männer des starken, ehrlichen Judentums in die Gemeindestube eintreten werden und damit den Juden in Bielitz die ihnen nach Zahl und Gewicht gebührende Stellung gewährleisten werden. So manches Unrecht an Juden wird kräftiger und wirkungsvoller zurückgewiesen werden. Das sind Wirkungen, die kommen werden und die sich schon jetzt allmählich zeigen. Die Wahl in Bielitz zeigt, wie ehrliche Arbeit, wie die reinen Ideen Herzls sicher überall zum Siege geführt werden können. W. Liberale Luegeranbeter. Die widrige Kriecherei gewisser, „liberal“ sich nennender Elemente hat mit dem Tode und Begräbnis des „grossen Karl“ kein Ende gefunden, es wird weitergekrochen. Die Wiener liberalen Blätter — besonders tut sich das „Neue Wiener Tagblatt“ hervor — bringen spaltenlange Aufrufe, in welchen die Bevölkerung aufgefordert wird, Geld für ein Luegerdenkmal herzugeben. Da heisst’s: „Grosser, edler Bürgermeister“, „herrlicher Mensch“, „allzufrüh verblichener Unvergleichlicher“ etc. etc. Die Geduld der Juden ist unerschöpflich. Luegers Treiben bildete eine Kette von Gewalttaten wider die Juden und alle fortschrittlichen Elemente. Wir erinnern nur an die infame Beschuldigung, die der „Unvergessliche“ gegen die Juden geschleudert hat, indem er behauptete, sie hätten die Pest nach Wien -gebracht, an seine Pogromdrohungen. Und die Presse, welche vom Gelde jüdischer Abonnenten und Interessenten lebt, bittet um Gaben für die Verewigung dieses „unvergleichlichen“ Mannes. Der Gedankengang, den die jüdischen Schreiber und Leser dieser Blätter wandeln, ist unergründlich. * * * Als fanatischer Luegerverehrer hat sich auch jüngsthin der neugewählte Wiener Gemeinderat Max Frank präsentiert. In einer Versammlung, deren Gegenstand die bekannte Hraba-Affäre bildete, hat er die christlichen Wähler beschworen, sich von Schwindlern und Gaunern freizumachen, gerecht zu sein und das zu tun, was Lueger getan hatte, dieser «Mann mit den hervorragendsten Eigenschaften und den reinen Händen». Lueger als Symbol der Gerechtigkeitsliebe! Bravo! Herr Max Frank ist Wiener Kultusrat, hervorragendes Mitglied der grossen jüdischen Vereinigung der «Bnei Brith», stand auch lange Zeit im Gerüche, Zionist und Nationaljude zu sein, hat Schekel gezahlt und war in diversen Ehrenkomitees drin, wurde als jüdischer Trutzkandidat gegen die Getauften gewählt u. dergl. m. Also: jüdischer man kann nicht! Und dieser «Volljude» benützt die erste Gelegenheit, um dem grimmigsten Feinde seines Volkes, dem rücksichtslosesten Unterdrücker aller freiheitlichen Regungen sein untertänigstes Kompliment zu machen, den klassischen Repräsentanten der Parteiwillkür, die vor dem Kleinsten und Aermsten nicht Halt macht, als Symbol der Gerechtigkeitsliebe hinzustellen. Will sich Herr Frank auf diese Weise bei Christen beliebt machen? Wir halten die christlichen Wähler nicht für so dumm, wir glauben nicht, dass sie sich mit so ranzigem Speck werden fangen lassen. Aber eines wissen wir bestimmt: Falls Herr Frank wieder mal Gelüste haben sollte, in «Judentum» oder gar in -Zionismus» zu machen, wird ihm zu rechter Zeit die rechte Antwort erteilt werden. Von der Woche. Die Lemberger Kultusratswahlen. Mit den am Donnerstag, den 30. Juni stattgefundenen Wahlen aus dem ersten Wahlkörper wurden die diesjährigen Lemberger Kultusratswahlen geschlossen. Die Zionisten nahmen am Wahlkampfe im dritten und ersten Wahlkörper teil. Es gelang ihnen jedoch nicht, auch nur ein einziges Mandat zu erobern. Die öffentliche Meinung, die gutgesinnten und ehrlichen Elemente stehen wohl auf seiten der zionistischen Partei, aber die rücksichtslosen Schikanen und unverschämten Schwindeleien der Lemberger Kultusclique, an deren Spitze Schmelke v. Horow i t z und Dr. Schaff stehen, verschafften der offiziellen Liste die Majorität. Alle möglichen Pressionen, Beeinflussung durch Vorgesetzte, Drohungen, Bestechung — all das wurde von Horowitz ins Treffen geführt Und die Verhältnisse sind unter der jüdischen Bevölkerung leider so düster, dass der kapitalgewaltige und bei den herrschenden Schlachzizen einflussreiche Schmelke Horowitz bei dem bestehenden Wahlrechte die Wählerschaft einzuschüchtern und gefügig zu machen vermag. Die Tatsache, dass die Zionisten vorläufig kein Wahlrecht haben, ist bei weitem nicht so betrübend wie die, dass die Korrumpierung im Lande so weit gediehen ist, dass Leute ä la Horowitz noch immer als die «berufenen» und «gewählten» Vertreter des galizischen Judentums gelten. * « * Der „einzige“ Pole. Im Budgetausschuss waris. Während der Niederringung der slovenischen Obstruktion. Die «regierungstreuen» Polen waren verschnupft und beteiligten sich an der Arbeit der Niederringung nur sehr lau. Die «regierungsfeindlichen» Sozialdemokraten aber hielten wacker stand, schimpften wie die Rohrspatzen und stimmten — mit der Regierung. Unter den sozialdemokratischen Mitgliedern des Ausschusses war auch der Abgeordnete Dr. Diamant, der in einem jüdischen Wahlkreise nur von Juden gewählte Vertreter der polnischen Sozialdemokratie. Er stimmte natürlich für die Regierung wacker mit. Sei es jedoch, dass der Tag zu heiss war und ihm der Aufenthalt im Beratungssaale Beschwerden verursachte oder dass er des Widersinnigen, der gehassten Regierung Dienste zu leisten, inne ward — genug daran, ihn empörte es, dass er im Ausschuss sass und dass die Polen draussen waren. Zornbebend rief er daher: «Ich werde mich doch hier nicht als einziger Pole kompromittieren U ... Wer lacht da nicht? Der Schwiegersohn des Lazarus aus Lemberg, welcher durch die Gnade der Zionisten in den Reichsrat gelangte, der nur darum im III. jüdischen Wahlkreis in Lemberg kandidieren konnte, weil er Jude ist, entpuppt sich auf einmal als Pol e, als Pole schlankweg! Ist das nicht abscheuliche und flagrante Falschmeldung? Wir könnten noch zur Not begreifen, dass sich Dr. Diamant als internationaler Sozialist von allem Jüdisch-Nationalen und Nationalen femhält; das aber ist unbegreiflich, wie er sich als Pole bezeichnen kann. Das heisst: nur insofern unbegreiflich, als man an des Abg. Diamant inneren Willen zur Wahrheit den Masstab anlegt, welchen man bei ehrlichen und innerlich aufrechten Menschen anwendet. Es scheint jedoch, dass man den Abg. Diamant mit einem anderen Masse messen muss! Dann aber bleibt nichts zu sagen übrig als: Er steht auf derselben Stufe wie Kuranda, Löwenstein und Gail und ist gleich ihnen ein Mauschel, wenn auch roter Couleur! « * Ein Nachspiel zu den galizischen Reichsratswahlen. Im Kreisgerichte Brzezany in Galizien fand am 22. und 23. Juni 1. J. eine Gerichtsverhandlung gegen 10 Juden und 1 Christen wegen angeblicher Gewalttätigkeiten, begangen von denselben während der Ergänzungswahlen zum Reichsrat im Wahlkreise Böbrka, Bolszowce, Bursztyn, welche im Juni vorigen Jahres stattfanden. Wie erinnerlich, ist damals der zionistische Kandidat Dr. Z i p p e r aus Lemberg gegen den konservativ polnischen Kandidaten Biesiadecki unterlegen. Während dieser Wahl haben die Angeklagten einen polnischen Agitator namens Baginski dabei überrascht, wie er, mit fremden Legitimationen versehen, durch aufgestellte Personen für den polnischen Kandidaten abgestimmt hat. Die falschen Legitimationen hat man ihm damals herausgerissen und dem dort anwesenden Abgeordneten Herrn Dr. Gabel zur Verwahrung übergeben. Auch nach den Wahlen hat sich die Erregung bei den jüdischen Wählern nicht gelegt. Es fanden öfters Zusammenkünfte derselben statt, in welchen man die Situation besprach. Merkwürdigerweise hat die Gendarmerie immer von diesen Zusammenkünften Nachricht bekommen und ist immer am Platze erschienen, wobei es einigemale zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Juden und Gendarmen kam. Alle diese Vorfälle führten dazu, dass die Juden wegen verschiedener Gewalttätigkeiten angeklagt wurden. Bei der Verhandlung intervenierten für die Juden die zionistischen Advokaten Dr. Nagler und Halpern und der ruthenische Advokat Dr. Czaikowski. Abgeordneter Dr. Gabel, als Zeuge verhört, gab an, dass die Erregung bei den Juden künstlich von einigen Provokateuren hervorgerufen wurde, indem man harmlose Zusammenkünfte dazu benützte, um möglichst viele, ganz ungerechtfertigte Arretierungen vorzunehmen, während man die Agitatoren der Gegenseite ungestört liess. Nach zweitägiger Verhandlung hat das Gericht zwei Angeklagte gänzlich freigesprochen und die übrigen nur für Uebertretungen zu Freiheitsstrafen von 2 bis 7 Tagen verurteilt. Pro domo! Sie sind nicht die Aergsten, ganz ehrlich gesprochen, Die weissbebarteten Kille-Monarchen, Die Zähne sind stumpf und morsch sind die Knochen, Was wollt Ihr? Lasst sie nur schnudern und schnarchen Und träumen von schwarz-rot-goldnen Bändern, Solange der Freisinn und Stuhlgang so spärlich! Was wollt Ihr an Pyramiden ändern? Und eins vor allem: Die Leute sind ehrlich! Und manchmal hab’ ich sogar das Empfinden, Dass uns diese Alten durchaus nicht hassen, Sie können sich nur in das Neue nicht finden Und die modernen Ideen nicht erfassen. Sie werden mitunter nervös und empfindlich, Wenn unsere Hitzen zu sehr sich entluden, Doch sie sind gutherzig, naiv und schon kindlich, Und alles in allem: Ganz brave Juden! Doch blick’ ich umher in unserem Lager, Ergreifet gar oft die Angst mein Gemüte, Da sind so verdächtige Frager und Zager,

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