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Jüdische Zeitung · 1910-07-08 · 27 (8.7.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
27 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 27 das so enthusiastisch begrüsste Reichsparlament, einstens der Hort der überschwenglichsten Hoffnungen, seine Kräfte in kleinlichster Couloirpolitik und Klubmogeleien erschöpft, geht im Osten ein lustiges Schlachten an. Wohl hebt die öffentliche Meinung im Westen ein arges Gezeter an, in langen Leitartikeln werden die guten Geister der Zivilisation und Kultur angerufen, nach acht Tagen aber wird das blutige Drama eine abgespielte Sache von gestern, ein Spektakel ohne Zugkraft sein. Es wird vom Repertoire verschwinden, bis man wieder einige Ruthenen oder einen polnischen Statthalter abmurkst Eine „Ehrenaffäre“, eine Duellkomödie, welche zwei versoffene Parlamentsbrüder aufspielen, wird eingehender gewürdigt, als der Kampf, welcher zwischen grossen Völkern tobt. Mit der grössten Oberflächlichkeit schildern die grossen Wiener Blätter die Vorfälle. Typisch ist das Verhalten der „Neuen Freien Presse“, dieses „bestinformierten“ Blattes, das über ein Blumenkorso in Baden oder Ischl spaltenlange Berichte sachkundiger Spezialberichterstatter zu bringen pflegt Die „Neue Freie“ tut diesmal das grosse Erreignis mit dem parteiischen Gewäsch eines gewissen Dr. Merwin (recte Menkes) ab. Das Weltblatt erteilt in der grossen Sache einem kleinen, den Schlachzizen des Polenklubs gefügigen Journalisten das Wort und der nutzt es weidlich im Dienste seines Herrn. Die schwach verhüllte Tendenz des Artikels geht dahin, dass die Polen hochkultiviert und gerecht, die Ruthenen aber das rauflustige Barbarenvolk sind. Was dieses Vorgehen bezweckt, ist unerfindlich. Hält die „Neue Freie Presse“ ihre Leser für völlig taub und blind und bar jeder Urteilskraft? Ob die Ruthenen gut daran taten, den verzweifelten Ausfall zu vollführen, darüber können die Ansichten wechseln. Aber fest steht, dass diesem Volke durch Jahrzehnte sein Recht vorenthalten wurde, dass heute das verübte Unrecht noch nicht gutgemacht ist. Ein B j ö r n s o n hat seine Stimme für dieses Volk erhoben, ein Doktor Merwin kommt und verkläfft es und wir sollen ihm Gehör schenken? Die Polen wahren ihren Besitzstand. Gut, das sei ihnen nicht verargt. Aber die Mittel, die sie anwenden, müssen einwandsfreie sein. Darauf zu dringen ist die Pflicht jedes Oesterreichers! Nach den Meldungen waren, zur Phantastik. Herzl — obwohl er den Mut des Phantasten und die strenge Unermüdlichkeit des gewissenhaftesten Arbeiters hatte — vereinigte beides, ohne Fern- und Nahblick zu verlieren. Er war Dichter seiner Idee — nicht deren Denker — und dem mag es zugeschrieben werden, dass er doch manchmal die Dimensionen der Entwicklung verkannte — und er hatte den Mut, seine Dichtung in Tat umzuwandeln, nicht in einer phantastischen, erträumten Gestalt, sondern im Spiel der realen Kräfte des Lebens. Aber er schränkte wieder diese nicht in jene engen Grenzen ein, die aller kleinmütige, egoistische Verstand der Welt der Taten setzt, er hatte den Mut, zuerst die Ziele und dann die Wege zu wählen. Darum musste er sein ganzes Wesen, sein Leben selbst darein setzen. Seit der Zeit der Makkabäer haben wir in der Welt der Taten nichts Aehnliches in unserem Volke gesehen. Das stolze, reine Judentum konnte wieder einmal die Verehrung lernen. Noch ist es aber nicht Zeit, mit lautem Prang uns in ihm zu feiern. Können wir auch dem Führer nicht gleichen, hat denn ein jeder in seinen engeren Kräften ihn schon erreicht, soweit er ihn erreichen kann? Noch sind wir an das von ihm gesteckte Ziel nicht gekommen, hat jeder von uns jenen seinen Wendepunkt — mit seiner Ganzheit und Wahrheit — schon erreicht? hat ein Zusammenstoss zwischen ruthenischen und polnischen Studenten stattgefunden, aber kein Pole wurde verhaftet, dagegen 200 Ruthenen, und Zeugen vor dem Untersuchungsrichter sind die beteiligt gewesenen polnischen Studenten. Polnische Studenten haben einen ruthenischen Arbeiter, der sie an der Demolierung ruthenischen Eigentums hindern wollte, einfach erschlagen. Keiner wurde verhaftet. Das sind die krassesten, bisher unwiderlegten Meldungen. Bevor hier nicht Remedur geschaffen wird, muss jeder Zivilisierte darauf dringen, dass das Recht gewährt werde, trotz allen Gefasels offiziöser Pressmenschen. Unsagbar traurig ist es, dass sich wieder ein Jude — Dr. Merwin ist Jude — zu dem so zweifelhaften Geschäfte der Stimmungmacherei für den Polenklub hergegeben hat. Wir Nationaljuden können nicht nachdrücklich genug jede Gemeinschaft mit solchen Leuten unseres Stammes ablehnen: Wir stehen auf der Seite des Rechtes. Und verlangt der Ruthene Bildungsstätten für sein Volk, ein geordnetes gerichtliches Verfahren, so ist das Recht bei ihm! Abg. Dr. Gabel vor seinen Wählern. Ende vorigen Monats erstattete das Mitglied des Jüdischen Klubs, Dr. Gabel, in seinem Wahlkreise Podhajce seinen Rechenschaftsbericht vor einer überaus zahlreichen Wählerversammlung. Er erörterte insbesondere zwei brennende Fragen: Die bevorstehende Volkszählung sowie die Schenkerfrage. Bezüglich der Volkszählung wies er auf die bekannte Resolution Kramarsch hin, welche der Regierung anempfiehlt, bei der Volkszählung die Nationalität eines jeden Individuums mit Umgehung jedes Zwanges und jeder Beeinflussung festzustellen. Es sei zwar noch nicht sicher, ob die Regierung diese Resolution respektieren werde, die jüdische Bevölkerung habe aber mit der Annahme dieser Resolution eine Grundlage, die Anerkennung ihrer Nationalität von der Regierung zu fordern. Eine kräftige, zielbewusste Agitation müsse nunmehr einsetzen, um eine gemeinsame Kundgebung der ganzen jüdischen Bevölkerung zu bewirken. Bezüglich der Schenkerfrage wies Dr. Gabel nach, dass der Standpunkt der Statthalterei, betreffend die Verleihung der Schenken im Verhältnisse zur Bevölkerungszahl, unbegründet ist Er verwies auf die Bukowina, wo eine Organisation der jüdischen Schenker bereits in Entstehung begriffen sei, um die Rechte der Juden bei Verleihung der Konzessionen zu wahren. Eine solche Organisation wäre auch für Galizien dringend geboten. Dr. Gabel besprach weiters die Tätigkeit des „Jüdischen Klub“ in Gewerbeangelegenheiten. Er verwies auf die Rede des Abg. Dr. Mahler, betreffend die Sonntagsruhe, und referierte über seine persönliche Tätigkeit im Gewerbeausschusse in Sachen der Hausiererfrage. Schliesslich kündigte Dr. Gabel einen Antrag an, betreffend die Freilassung der Samstag-Abende von der eingeführten Acht-Uhr-Ladensperre, den er dem Gewerbeausschusse unterbreiten wird. Ueber Antrag des Gemeinderates Mordechai Schorr wurde dem Abg. Dr. Gabel Dank und Vertrauen votiert. Die Versammlung schloss mit einer begeisterten Kundgebung der Wählerschaft für ihren Abgeordneten. Nach der Versammlung wurde das Grundstück besichtigt, auf welchem sich das neue zionistische Nationalhaus erheben wird. Die Kultuswahlen in Bielitz.*) Es war das Ergebnis einer politischen Entwicklung, die unaufhaltsam kommen musste, und die ausserordentliche Agitation hat nur die Kräfte der in den jüdischen Wählerkreisen schlummernden zionistisch-oppositionellen Ideen in die richtige Bahn gelenkt. Seit Beginn des Herzischen Zionismus ward in Bielitz, zuerst nur von Studenten, dann auch vom Kleinbürgertum, eine rege zionistische Arbeit geleistet. Es ist die typische Entwicklung des Zionismus in allen seinen Phasen. So wurden allmählich die jungen Juden Zionisten, die proletarischen Juden, die Kleinbürger und endlich der Mittelstand Anhänger des Zionismus. Wie überall und insbesondere in einer ganzen Reihe westösterreichischer Städte waren und blieben die in der Kultusstube und von da aus auch in den Gemeinde-, Landes¬ und Reichsvertretungskörpern herrschenden sogenannten reichen Juden — beraten von ihrer intelligenzgruppe — die stärksten Gegner des Zionismus. Gegen dieses Bollwerk war schon in der ersten, in die zionistische Zeit fallenden Kultuswahl die Agitation von den Zionisten aufgenommen worden. Studenten, Mitglieder des jüdischen Turnvereines, intelligentere Kreise des jüdischen Mittelstandes standen in der ersten Reihe. Der Kampf führte nicht zum Siege, denn jahrzehntelange Vorurteile waren zu stürzen. Es fehlte die richtige Persönlichkeit, die imstande gewesen wäre, dem Kampfe, der bisnun ein gewöhnlicher Khillehkampf war, das Siegel der zionistischen Idee aufzudrücken. Ein Mann, der dies erkannte, Dr. P a d a w e r, war leider jung, von allen Zionisten tief betrauert, gestorben. Trotzdem gelang es drei Zionisten, schon vor drei Jahren in den Kultusvorstand einzudringen. Seit dieser Zeit ist vieles besser geworden. Es vereinigten sich die besten Kreise des jüdischen Mittelstandes im zionistischen Vereine «Haschahar* und diese bildeten den Grundstock der nun auftretenden Opposition. Geleitet von den Zionisten, wurden die Kleinbürger, die ländlichen Juden und ein Grossteil des Mittelstandes und der verständigen Intelligenz in einer grossangelegten Agitation zusammengefasst und dieser neuen Partei im zionistischen Kuitusgemeindeprogramme das Rückgrat gegeben. Es sind die Herzischen Ideen von der Rückkehr zum Judentum. DieKahalpartei wehrte sich energielos und mit den letzten Mitteln: Rückschritt und die Möglichkeit eines Unfriedens mit den Andersgläubigen war das Gespenst, das den Wählern drohend gezeigt wurde. Unbeirrt durch diese Verfälschung ging die zionistische Opposition in den Kampf. Und .es war ein Tag, der allen in Erinnerung bleiben wird, als es nach heisser Agitation hiess, dass 11 Männer der Opposition gewählt seien. Die Kahalpartei war konsterniert. Sie hatte eben nicht geahnt, welche Ideen die Wähler beherrschen, und fasste folgerichtig, da ihre Leute durchgängig mit weit geringerer Stimmenzahl als die Opposition gewählt wurden, den Entschluss, zu demissionieren, dies mit der geheimen Absicht, dadurch eine Neuwahl durchzusetzen. Ja, man intervenierte diesfalls bei der politischen Behörde, die selbstredend ein derartiges Verlangen als ganz widersinnig zurückwies. So heimgeleuchtet, vergassen die Offiziellen auf ihre Demission und zogen, im Vertrauen auf ihre 19 Mann, zur konstituierenden Sitzung. Die Opposition handelte politisch klug, dass sie dem Präsidenten und Vizepräsidenten ihre Stimmen gab; die anderen Mitglieder des Kultusvorstandes bekamen die Stimmen der Opposition nicht und so musste jeder zur heiteren Ergötzung sich selbst mit- . zählen. Politisch unklug und den einfachsten Regeln des politischen Kampfes zuwider, gestand die Kahalpartei mit ihren 19 Mandaten der Opposition mit ihren 11 Mandaten nur ein Mandat in den Kultusvorstand zu, während sie sich neun Männer, also sage die Hälfte ihrer ganzen Mandate, für den Vorstand reservierte. Dabei ward noch die Opposition von einem Kahalisten aufmerksam gemacht, dass *) Wir geben diesen Darlegungen der Ursachen, welche zum Siege der Bielitzer Zionisten führten, Raum, weil die Verhältnisse in Bielitz für die meisten Städte Westösterreichs typisch sind. Die Redaktion.

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