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Jüdische Zeitung · 1910-07-08 · 27 (8.7.1910) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
27 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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mr m JIBI5DC ZEITÜNE Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werdeii nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige *************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 27. AUS DEM INHALTE: Ruthenennot. Abg. Dr. Gabel vor seinen Wählern. Die Kultuswahlen in Bielitz. Brief aus der Bukowina. Liberale Luegeranbeter. ■* Ein Schlusswort zum Falle Leasing. Von der Woche. Pro domo! Gedicht von Beda. Aus dem jüdischen Leben. Bücher und Zeitschriften. Feuilleton: Der Wendepunkt. Von Dr. Emst Müller. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Ruthenennot. Der Dornenkranz, den man auf das Grab des unglücklichen ruthenisehen Jünglings legte, der den Lemberger Universitätsexzessen zum Opfer fiel, ist ein Symbol, das ausser dem ruthenischen Volke wohl nur seine jüdischen Leidensgenossen begreifen können. Die Bedrückerfaust hält-ja unser Volkstum gleich dem ihren nieder, raubt uns wie ihnen das Recht auf die eigene Nation, auf die wirtschaftliche Entwicklung und — was am härtesten empfunden wird — auf die kulturelle Entfaltung. Noch hat man die grausame Episode von den Czernichower Fischern, noch die Woche des Hungerstreiks nicht vergessen, und schon schreit eine neue blutige Stunde in die Welt hinaus, dass da ein ganzes Volk unerträglich unterdrückt wird. Wien, Freitag den 8. Juli 1910. Niemand wird es rechtfertigen wollen, wenn auf akademischem Boden Hirschfänger blitzen und Revolverkugeln pfeifen, jeder wird diese kulturwidrige Entartung des Nationalitätenhaders missbilligen. Aber begreifen musä man es — und wer begriffe es, wenn nicht wir Juden — wie tief unterjocht und gedemütigt ein Volk sein muss, bis seine Not solche Ereignisse zeitigt. Die breite Masse des polnisches Volkes, das dem ruthenischen so nahe verwandt ist, muss von aller Schuld freigesprochen werden. Sie wird von dem Häuflein Schlachzizen und ihren Schergen selbst geknechtet und ausgesaugt und hat keinen Anteil an all dem, was seit Jahrhunderten an dem Bauernvolke der Ruthenen in Galizien verbrochen wird. Sie ist verblendet und betrogen und wird es nie erfahren, dass ihre Adelsherren, denen von der ritterlichen Vergangenheit nichts geblieben ist, als die Sucht zu herrschen, zu rauben, zu prassen und sich über den Hausjuden zu amüsieren, allein Schuld tragen an diesem ersten Juli und all den unseligen Kalendertagen, die schon waren und leider noch kommen müssen, wenn den Ruthenen nicht ihr Recht wird. DieSchlachzizen sind die Scharfschützen, sie haben den Kulturkampf mit Totschlägern und Browningpistolen am Gewissen, und es ist darum müssig zu konstatieren, von welcher Partei die ersten Schüsse abgefeuert wurden. Tief bedauerlich, dass sich die Machthaber nach dem Unglückstage durch rohe Parteilichkeit ins Unrecht setzen, und noch bedauerlicher, dass fast die gesamte Presse IV. Jahrgang. — vor allem natürlich die jüdisch-assimilatorische — vom Geiste der polnischen Schlachta infiltriert ist, einseitig gefärbte Berichte bringt und die wahren Ursachen dieser traurigen Vorfälle der Oeffentlichkeit geflissentlich vorenthält. Die tonangebende „Neue Freie Presse“ wird von dem Hausjuden des Polenklubs, dem Trabanten der Gold und Löwenstein, Dr. Merwin (recte Menkes), informiert, der seinen von Glombinski diktierten Bericht von dem leidenschaftlichen Handgemenge, bei dem ein junges Menschenleben vernichtet wurde, echt schmockisch mit den Worten einleitet: „Durch die Fensterrahmen blickt ein verträumter Julitag in die vereinsamten Vortragssäle ... “ Das bewusste Judentum, geschult durch die unsäglich harte Vergangenheit, bringt dem überaus schwierigen Kampfe des ruthenischen Volkes in Galizien volles Verständnis entgegen und wünscht, dass sein heisses Ringen um die Scholle, um die nackte Existenz, aber auch um die Volksehre und das heilige Gut der Volkskultur von Erfolg gekrönt werde, und dass es ihm gegönnt sei, seine kostbaren Kräfte in friedlicher Evolution entfalten zu dürfen. * * (Von besonderer Seite.) Wieder einmal hat die in Oesterreich so beliebte Umsetzung kultureller Forderungen in blutige Kämpfe stattgefunden. In Lemberg gibt es einige Tote, viele Schwerverletzte und eine Unzahl von Häftlingen, alle Angehörige der gebildeten Klasse eines mächtig aufstrebenden österreichischen Volkes. Während Feuilleton. Der Wendepunkt. (Zum Todestage Theodor Herzls.) Von Dr. Ernst Müller. Es gibt Augenblicke im Leben der Grossen, die sich wohl wie Vorbilder und Symbole dessen ansehen, was in der ganzen Zeit, in dem ganzen Volkskreise sich vollzieht. Und solches individuelle Erlebnis mag es wohl sein, was diesen Menschen die grosse Kraft gibt, auf ihr Volk, auf ihre Zeit zu wirken, indem es sie mitten hinein verwebt in das verborgene Geschehen der Zeit, des Volkes. So wird es auch bei Theodor Herzl gewesen sein — in jenem rätselhaften, weder von ihm selbst noch von andern erhellten Augenblicke, da er plötzlich aus allgemeineuropäischer, journalistischer Lebenssphäre sich zurückwandte zu seinem Volke — mit einer geschichtlichen Mission, die ihm selbst anfänglich nicht bewusst war. Herzl hat selbst Dreyfus als Anlass bezeichnet, als eine Weckung zu den Gefühlen des verletzten, mitfühlenden Juden. Aber wäre wirklich der Zionismus, wäre das Erwachen Herzls nur von Dreyfus abhängig gewesen? Es war nur eine Auslösung, während die Ursachen uns verborgen bleiben. Und so geschah es, dass die Gedanken eines Hess, eines Pinsker, tiefer im Nationalen begründet, stärker und klarer, in Ungewissheit gerieten, während Herzls Wende mit der der Zeit selbst zusammenfloss. So haben alle Ernsten eine Wende durchgemacht, die irgendwie zu der Wende im Leben Herzls in Beziehung stand. Von dem Schriftsteller, der sich besann, dass er doch eigentlich in der Sphäre, in der er aufgewachsen, nicht einheimisch und in einem ihm fast schon entrückten Lebensreich zu Hause sei — bis er dem schlichten Volksmanne in Osteuropa, dem eine neue Zeit sich in einer Art Wunderglaubens ankündigte und der ein freies, lebendiges Judentum in dem Glanze einer Persönlichkeit vereinigt glaubte. Wahrlich nicht Herzl hat die geistigen Grundlagen und auch nicht die ersten Bausteine des Zukunftsgebäudes geschaffen — im Osten hat die Bewegung schon in doppelter Gestalt bestanden: als Kleinkolonisation in Palästina und als jüdische Renaissance. Und im Westen bestand ein kleiner mutiger Widerklang davon in den Vorläufern der Kadimah. Aber erst Herzl war es, der all dem Ungeformten, Unkräftigen erst die Form und die Kraft lieh, der wie aus einem unsichtbaren Quell her Macht und Liebe, Gehorsam und Stolz dem Judentum einflösste, der Menschen entlegensterOrte, Kulturgradeund Gedankenrichtungen einigend in eine Bahn zwang. Und er selbst wurde — auf Grund einer aus blossem Mitgefühl geschriebenen, praktisch anfechtbaren Broschüre — zum Führer einer Volksbewegung hinaufgeschwungen, der die Edlen der Zeit ihre Sympathie brachten, der der kleinste Mann aus dem Volke sein Herz und seine Mittel entgegentrug. Und was fast unglaublich erscheinen würde — das Volk machte ihn gleichsam zum Volksführer, indem er, ohne ihm zu entstammen, auf dasselbe wirkte, wie eine fremde Macht, in der eine neue Zeit sich ankündigte. Und er wirkte ein Doppeltes: Er gab dem westeuropäischen Juden — natürlich nur demjenigen, der dazu reif war — die Ehre seines Volkstums wieder, und er gab dem Ostjudentum einen Begriff von der einfachen Ganzheit eines zielsicheren Wollens. Herzl war Dichter und Politiker, Träumer und Tatenmensch zugleich. Solch eine Mischung engte schon manchem Dichter den Fernblick, trieb schon manche, die den Fragen des Lebens zugewandt

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