Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 26 sich die jüdischen Führer der Wiener Sozialdemokratie ganz im Sinne der Altliberalen und Deutschnationalen gegen die Komensky-Schulen in einem Maße, das seltsam absticht von ihrer Gleichgültigkeit gegenüber allen berechtigten nationalen Forderungen der jüdischen Proletarier. Es konnte leicht passieren, daß diese deutschtümelnde Politik im tschechischen Proletariate einen antisemitischen Niederschlag zeitigt und das auf das Kerbholz des jüdischen Volkes geschrieben wird, was das Werk einzelner Assimilanten ist. Gerade diese letzten Vorgänge beweisen, wie notwendig die Existenz einer selbständigen jüdisch-sozialistischen Partei innerhalb des jüdischen Proletariates ist. * * * Wirtschaftliche Tätigkeit in der Bukowina. Unsere Gesinnungsgenossen in der Bukowina entfalteten auf nationalen, politischen und wirtschaftlichen Gebieten eine intensive Tätigkeit. Schon m Vorjahre hat der Abgeordnete Gg. Dr. St rau eher bei der Beratung der Wahlreformvorlage die Gelegenheit wahrgenommen, auf die unsäglich traurige wirtschaftliche Lage eines Teiles der Bukowinaer Juden hinzuweisen und die maßgebenden Kreise zur Abhilfe aufzufordern. Die gerade gegenwärtig aktuell gewordene Frage der Verleihung von Gasthaus- und Schankkonzessionen an bisherige jüdische Schenken aus Anlaß des mit Ende diesen Jahres erlöschenden Propinationsrechtes zeigt, wie groß die wirtschaftliche Bedrängnis der Bukowinaer Juden ist Die national-jüdische Partei unter Führung des Abg. Straucher befaßt sich nun seit geraume-i Zeit eingehend mit dieser Frage und hat eine große Sanierungsaktion eingeleitet. Insbesondere ist die Erwerbung von Grund und Boden für jüdische Landwirte das nächste Ziel. Die jüdisch-nationale Partei projektiert den Ankauf und die Parzellierung großer Güter und die käufliche Ueberlassung derselben an jüdische Landwirte, selbstredend unter Einräumung bedeutender Erleichterungen bei der Gründererwerbung und Abstattung des Kaufpreises. Zur Durchführung der hiezu nötigen Aktionen hat Abg. Dr. Straucher namens der jüdisch-nationalen Partei der Bukowina für den 18. Juli eine Versammlung der Interessenten nach Czemowitz einberufen. Wir werden über das Resultat der erfreulichen Aktionen berichten. Aus dem jüdischen Leben. Der 60. Geburtstag Ignaz Goldzihers. Am 22. Juni feierte der berühmte Orientalist Prof. Dr. Ignaz Goldziher seinen 60. Geburtstag. Goldziher ist einer der hervorragendsten Arabisten unserer Zeit und hat sich insbesondere um die Erforschung der Religions- und Rechtsgeschichte des Islam unvergängliche Verdienste erworben. „Seine MohammedanischeStudien“, „Beiträge zur Literaturgeschichte der Schia“, „Die Zahiriten“, „Abhandlungen zur arabischen Philologie“ gehören zu den klassischen Werken auf dem Gebiete der arabischen Literatur- und Kulturgeschichte. Goldziher ist auch ein ausgezeichneter Kenner des jüdisch-arabischen Schrifttums und der jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalters. Seit dem Tode David Kaufmanns lehrt er am Budapester Rabbinerseminar jüdische Religionsphilosophie. Vor Jahren bekleidete er auch das Amt eines Generalsekretärs der Budapester jüdischen -Gemeinde. Bezeichnend ist, daß Goldziher jahrzentelang, während er sich durch seine zahlreichen Schriften Weltruf erwarb und als einer der bedeutendsten Orientalisten Europas allgemein anerkannt wurde, wegen seines Judentums keine ordentliche Professur an der Budapester Universität erlangen konnte und vom Jahre 1872 bis zum Jahre 1904 Privatdozent blieb. Goldziher war anläßlich seines 80. Geburtstags der Gegenstand mannigfacher Ehrungen seitens seiner Verehrer und zahlreichen Schüler. Diese geben aus Anlaß des festlichen Tages eine Gedenkschrift heraus, die Abhandlungen aus dem Gebiete der semitischen Philologie enthält Die Bukowinaer Schanker beim Handelsminister. Unter der Führung der Abgeordneten Dr. Mahler, Stand und Dr. Straucher begab sich am 25. Juni eine Deputation der Bukowinaer Schänker zum Handelsminister Dr. Weiskirchner. Dr. Straucher schilderte dem Minister die prekäre Lage, in der sich die jüdischen Schänker der Bukowina befinden. Er verlangte, daß die Vergebung der Konzessionen in erster Linie an die bisherigen Inhaber erfolgen müsse, wenn nicht hunderte jüdische Familien dem Hunger preisgegeben werden sollen. Dr. Weiskirchner ließ sich eingehend informieren und versprach Berücksichtigung der vorgetragenen Wünsche. Die Wahl des Waad Hair in Haifa. Aus Haifa wird berichtet: Vor kurzem fand in Haifa die Jahresversammlung der Mitglieder des aschkenasischen Gemeinde statt. Nach einer schwachen Verteidigung seitens der Anhänger des frühem Waad (Vorstands) wurden fast einstimmig die Kandidaten der Opposition gewählt, u. zw.: Dr. Auerbach, Kaisermann, Twersky, Lifschitz, Kaminitz. Als Stellvertreter wurden die Herren Hermann, Lewin und Zolotorow, als Kontrolleure die Herren Pewsner und Kiol gewählt. Antisemitisches yon der Budapester Universität Lebhaftes Aufsehen erregt hier die Ernennung des außerordentlichen Professors Ludwig Nekäm zum ordentlichen Professor der Dermatologie an der Budapester Universität. Der „Pester Lloyd“ bemerkt hierzu; daß man von langer Hand darauf hingearbeitet habe, dem einzig hierfür geeigneten Mann, dem ordentlichen Professor Dr. Ludwig Török den Weg zu dieser Lehrkanzel zu verlegen. Obwohl Professor Török vom Referenten der medizinischen Fakultät für den zur Ernennung Berufenen erklärt wurde, schlug die Fakultät, weil Professor Török Jude ist, Professor Marschalko vor. Allein auch dieser sollte die Professur nicht erlangen, weil er Freimaurer ist und der Klausenburger Bischof Majläth, ein Intimus des Thronfolgers Franz Ferdinand, für den klerikalen Bewerber Ludwig Nekäm seinen ganzen Einfluß aufbot. So kam es, daß der Universitätssenat unter jVorsitz des klerikalen Rektors Professor Säghi die Ernennung Nekäms vorschlug und durchsetzte. Hierzu ist noch folgendes zu bemerken: Das Gutachten der medizinischen Fakultät enthält tatsächlich den Hinweis auf Török als den einzig wirklich Berufenen. Török ist auch unter den Bewerbern der einzige,. der in der wissenschaftlichen Welt Europas einen Namen hati wo man'ihn und Philippson in Palermo als den Begründer einer neuen dermatologischen Methode kennt. Aber der Umstand, daß er Jude ist, macht seine Ernennung auch unter dem neuen „liberalen“ Regime unmöglich. Parteinachrichten. Mährisch-schlesischer Siudententag. Der diesjährige,' vierte Studententag der mährisch-schlesischen zionistischen Studentenschaft, findet am 8. September 1910 in Friedek statt. Tagesordnung: 1. Bericht des Arbeitsausschusses; 2. Die zionistische Studentenschaft und die innerpolitische Bewegung; 3. Praktische Arbeit und Kulturarbeit in Palästina; 4. Das Verhältnis der zionistischen Studentenschaft zu den allgemeinen Forderungen der Moderne. 5. Eventualia. Die p. t. Ferialverbindungen werden dringenst ersucht, ihre Delegierten der jüd.-akad. Ferialverbindung „Hasmonaea“, Friedek, rechtzeitig bekanntzugeben. Für den Arbeitsauschuß der jüd.-akad. Ferialverbindungen aus Mähren und Schlesien. J. H. C. Heinrich Mandl. Prerau, Mähren. Zeitschriften und Bücherschau. Die Enquete des galizischen Landesausschusses über die Notlage der galizischen Juden. Von Dr. W. Nußbrecher. (Polnisch.) Herausgegeben von der jüdisch-sozialdemokratischen Partei in Galizien. Dr. Nußbrecher entdeckt in dieser Broschüre Amerika zum zweiten Male. Nachdem er über die „bürgerlichen“ Zionisten geschimpft, geht er über die Assimilanten mit ein paar gelinden Worten hinweg und kündet dann mit der Miene eines großen Wissenschaftlers, daß man die Statistik zu Hilfe nehmen müsse, um die Frage kennen zu lernen. Das nimmt sich so aus, als ob die „bürgerlichen“ Zionisten das Hilfsmaterial zum Studium dieser Frage aus der Astronomie hätten nehmen wollen! Selbstverständlich benützt Herr Dr. Nußbrecher alle Daten, die -seit Jahien in allen statistischen Büchern zu finden sind und bereits von Hunderten verwendet wurden. Dr. Korkis, Dr. Nossig, der Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien, die Zeitschrift für Demographie und Statistik des Judentums in Berlin haben viel genauer nnd eingehender die Verhältnisse untersucht als es der jüdisch-sozialdemokratische Herr Dr. Nußbrecher tut. Nach der Lektüre dieser Arbeit möchte man am liebsten ausrufen: „O, du liebe Statistik der galizischen Juden, du bist auf den Nußbrecher gekommen!“ IV. Stiftungsfest des „Bezalel“. Am 27. Mai a. c. feierte der Bezalel in Jerusalem sein IV. Stiftungsfest, welches in würdiger Weise begangen wurde. Aus diesem Anlasse fand eine Ausstellung statt, welche vom deutschen Konsul eröffnet wurde und zu deren Eröffnungsfeier der der Militärgouverneur und der Bürgermeister von Jerusalem, der Präsident des jungtürkischen Komitees und andere hervorragende Persönlichkeiten erschienen waren. Im Namen des Vorstandes des Bezalel-Verein in Berlin, begrüßte Herr Dr. Levy, Direktor der Anglo Palestine Company, die Erschienenen mit folgender Ansprache: „Exzellenz! Meine Damen und Herren! Im Namen des Bezalel-Komitees in Berlin, das ich hier vertrete, danke ich Ihnen herzlichst dafür, durch Ihre Anwesenheit zur Erhöhung des Glanzes dieser kleinen Veranstaltung beigetragen zu haben. Dieses Fest wird veranstaltet zur Erinnerung an die Gründung der Schule vor 4 Jahren. Durch eine kleine Ausstellung der im Bezalel hergestellten Erzeugnisse, wollte die Leitung der Schule ihren Freunden und Gönnern ein Bild der während dieser 4 Jahre erzielten Erfolge in der Schule vor Augen führen, dieselben sind in der Tat bedeutend. Diejenigen unter Ihnen, welche seit dem Beginn der Schule der Entwicklung derselben gefolgt sind, werden im stände sein zu heurteilen, welch aufsteigende Linie der Bezalel seit seiner Gründung genommen hat. Urteilen Sie selbst: Vor 4 Jahren mietete Herr Professor Schatz bei den Abessiniern einen kleinen Raum und eröffnete mit 45 Schülern, Schülerinnen, Arbeitern und Arbeiterinnen. Das einzige Atelier, welches damals existierte war dasjenige zur Herstellung von Teppichen. Meine Damen und Herren, heute hat der Bezalel sein eigenes Gebäude, das sechs Ateliers umfaßt und zwar: das Teppich-Atelier, das Filigran- Atelier, das Demaskusmetall-Atelier, das Atelier für Holzschnitzereien, das Atelier für Korbflechterei und die Lithographische Abteilung. Und jetzt welcher Unterschied in der Qualität der damals und heute erzeugten Gegenstände! Alle, die wie ich Gelegenheit habeu, die Teppiche, welcher vor vier Jahren hergestellten vergleichen zu können, werden das Empfinden haben, daß der Unterschied zwischen beiden so groß ist, wie derjenige zwischen dem Mittelalter und unserem modernen Zeitalter der Industrie. Diese verschiedenen Ateliere beschäftigen heute 207 Arbeiter und Arbeiterinnen, welche alle durch ihre Arbeit im Bezalel Lebensunterhalt finden. Der Bezalel nähert sich daher immer mehr dem mehr dem Ziele, welches er in intensiver Weise zu erreichen sucht: „Ein Wohltäter tausender von Arbeitern und Arbeiterinnen durch das Verschaffen von Arbeitsgelegenheit zu werden“, die sonst der Bettelei oder oder der Auswanderung anheimfallen würden. Der Verein in Berlin ist tatsächlich eine Wohlfahrtsgesellschaft, welche statt Almosen zu verteilen wie es viele andere Vereine tun, Almosen welcho unproduktiv verwendet und indirekterweise die Faulheit fördern würden, der Bevölkerung durch Arbeit im Kunstgewerbe helfen will. Der Urheber der humanen und schönen Idee, is) der hier anwesende Herr Professor Schatz, er ist es, der durch seine persönlichen Initiative und seinen unzerstörbaren Glauben an die Durchführbarkeit seiner Idee eine Anzahl von Männer in Berlin von der Zweckmäßigkeit des Bezalel überzeugt hat. Den vereinigten Anstrengungen des Komitees in Berlin und denjenigen des Herrn Professor Schatz ist es gelungen die währ nd der ersten Jahre des Bestehens der Schule vorgelegenen Hindernisse endgiltig aus dem Wege zu räumen.