Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 26 „Die ganze lussophile Bewegung war im Absterben und verlor mit jedem Tage an Boden. Erst die allpolnische Welle, welche im letzten Jahrzehnte Galizien überflutete, belebte und erneuerte die russophile Bewegung wieder. Die Allpolen verband mit den galizischen Russophilen nicht nur die Gemeinschaft der russischen Interessen, sondern auch die Ideenverwandtschaft __Die Heimat dieser beiden Richtungen ist Rußland. Indem den Allpolen die Idee des unabhängigen Polen vorschwebt, rechnen sie gleichzeitig mit den reellen Verhältnissen und halten ein K o m p r o m i ß mit Rußland im gegenwärtigen Momente für zulässig. Sie gehen auf eine unwiderrufliche Belassung der russisch-ukrainischen Territorien ein, möge nur Rußland einstweilen wenigstens die politische Autonomie an Russisch-Polen gewähren. Die Allpolen haben auch auf das Posener Gebiet verzichtet, dafür muß aber Galizien eine rein : polnische Provinz werden, vorläufig unter dem Scepter Oesterreichs und nachher Rußlands. Eine OkkupationGa 1 iziens durch Rußland halten die Allpolen für das Werk der nächsten Zukunft, welches auch in ihrem eigenen Interesse gelegen ist, damit alle Territorien des zukünftigen polnischen Staates vorläufig in ein und derselben Hand vereint seien“. Die so gekennzeichnete allpolnische Taktik ist sehr durchsichtig. Indem sie die galizischen Russophilen begünstigt, fördert sie auch die russische Irridenta in Galizien, welche in ihrem politischen Interesse liegt und welche sie. falls es keine Russophilen gäbe, selbst hervorrufen müßte. Indem sie also die Russophilen für sich arbeiten lassen, können sie weiterhin die Rolle österreichischer Patrioten spielen und von den Staatsmitteln für ihre politischen Ziele Nutzen ziehen. Gegen diese Gefahren sind aber vielfach nicht nur die maßgebenden Faktoren, sondern auch ein großer Teil der galizischen Juden blind. Ein Teil von ihnen fördert die allpolnische. Bewegung und damit auch die antiösterreichische und antisemitische Hetze in Galizien. Nichts ist charakteristischer für die Allpolen in dieser Hinsicht als das Bündnis, das sie mit dem Pater Stoja- 1 o w s k i und Genossen eingegangen sind. Trotzdem erfreuen sie sich noch immer des Wohlwollens einer Gruppe galizischer jüdischer Assimilanten! Deren Politik ist umso verhängnisvoller, wenn man die Beziehungen der Allpolen zu den russophilen Ruthenen in Betracht zieht, die sowohl Galizien als die Bukowina lieber heute als morgen im russischen Besitz sehen würden. Beide Länder sind jetzt bereits mit russischen Spionen überschwemmt, die gleichmäßig gegen die österreichische Staatsidee wie gegen die Juden minieren; deren berufene Anwälte mit verschränkten Armen dieser Minierarbeit Zusehen. Man gebe sich keiner Täuschung hin: Rußland lauert nur auf den Moment, um die Unzufriedenheit im Innern durch einen Eroberungszug nach Außen abzulenken und seine Blicke sind nicht nur auf den Balkan, sondern eben so sehr auf — Galizien, Bukowina und — Ungarn gerichtet. Die schändliche auf Polonisierung und Magyarisierung gerichtete Unterdrückungspolitik der polnischen und magyarischen Oligarchie erleichtert in diesen Ländern — dem Rubel seine Arbeit. Der unglückselige deutsch-tschechische Froschmäusekrieg macht aber leider die polnische und magyarische Oligarchie zu den eigentlichen Gebietern im Donaureiche, deren Politik Wasser auf die Mühle der Apostel der Knute treibt Nach den jüngsten Judenhetzen in Rußland, die an Barbarei und Unmenschlichkeit alles bisher Dagewesene übertreffen, kann es uns aber weniger als je gleichgiltig sein, wenn die Anwälte dieses „Systems“ ihre Fangarme nach Oesterreich ausstrecken und sich hier als „Befreier“ aufspielen wollen. Als Juden wie als Oesterreicher müssen wir uns dagegen zu Wehre setzen. Und der einzige Damm gegen die russische Gefahr bildet ein demokratischer gegen alle seine Völker dies- und jenseits der Leitha gerechtes und daher auch starkes Oesterreich. Die Politik, die wir Jung-Juden verfolgen und die bekanntlich in dem Streben nach Völkerautonomie gipfelt entspricht somit nicht nur den jüdischen Volksinteressen, sondern auch den österreichischen Reichsinteressen. Ja noch mehr, ihr früher oder später uns ausbleiblichet Sieg wird nicht ohne weitgehende Konsequenzen für Rußland bleiben, sondern sehr bald zur Erschütterung des dortigen zentralistischen Absolutismus und zur Befreiung aller unterdrückten russischen Völker, somit auch der russischen Juden führen. Dr. K. Die zionistische Jahreskonferenz. Am 27. und 28. Juni d. J. fand in Berlin die Jahreskonferenz der zionistischen Organisationen statt. Die Zahl der zur Verhandlung gestandenen' Fragen war diesmal überaus groß. Wir werden über die Verhandlungen in der nächsten Nummer ausführlich berichten. Heute sei nur eine erfreuliche Tatsache konstatiert: Es gelang in den strittigen Fragen, welche die Ursache waren, daß der IX. Kongreß einen so bewegten Verlauf nahm, eine vollständige Einigung zu erzielen. Darüber wurde folgendes „Friedensprotokoll“ aufgenommen, welches einstimmige (en bloc) Annahme fand: Die Jahreskonferenz beschließt, daß der nächste Kongreß spätestens im Sommer 1911 stattfindet. Die Jahreskonferenz beauftragt das EAC., in wichtigen Fragen allgemeiner Natur einen aus drei Mitgliedern bestehenden Beirat zuzuziehen. Die Namen der Gewählten werden erst nach ihrer Zustimmung veröffentlicht werden. Die Jahreskonferenz beschließt, daß die Sitzungen des großen Aktionskomitees von jetzt bis zum nächsten Kongresse mindestens alle vier Monate einmal stattfinden. Die Jahreskonferenz beauftragt das AC., Maßnahmen im neuen Organisationsstatut zu treffen, die dem großen Aktionskomitee eine intensivere Mitarbeit an der Führung der Geschäfte ermöglichen. Insbesondere wird für das neue Organisationsstatut vorgeschlagen, daß neben dem EAC. auch das große Aktionskomitee aus seiner Mitte einen Vorsitzenden wählen soll, dem Sitz und Stimme im EAC. verliehen werden. Neben den EAC. soll auch der Vorsitzende des großen Aktionskomitees berechtigt sein, Sitzungen desselben einzuberufen. Das große Aktionskomitee soll nur bei Anwesenheit von mindestens 15 Mitgliedern beschlußfähig sein. Die Jahreskonferenz beschließt, dem nächsten Kongreß folgende Vorschläge zu unterbreiten: 1. den Sitz des Zentralbureaus nach einem größeren jüdischen Zentrum zu verlegen. 2. zu veranlassen, daß am Sitz des Zentralbureaus mindestens drei Mitglieder des EAC. ihren Wohnsitz haben, 3. daß der Präsident des Aufsichtsrates des ICT. (Jüdisehe Kolonialbank) vollberechtigtes Mitglied des EAC. ist, 4. daß das EAC. aus fünf bis sieben Mitgliedern besteht. Die Jahreskonferenz spricht die Meinung aus, daß eine gedeihliche Arbeit im EAC. nur möglich ist, wenn dessen Zusammensetzung den verschiedenen Strömungen in der Bewegung Rechnung trägt, 5. daß das EAC. den Vorsitzenden aus seiner Mitte wählt. (Einige Teilnehmer haben diesem Punkte (5) mit dem Vorbehalte zugestimmt, daß sie die Verpflichtung, nicht dagegen zu arbeiten und zu agitieren, nur bis zum 10. Kongreß, nicht aber für diesen gelten lassen). Die Jahreskonferenz erklärt alle Mißverständnisse, welche in der Bewegung in letzter Zeit sich bemerkbar gemacht haben, für geklärt und behoben. Die Jahreskonferenz macht es jedem Zionisten zur Pflicht, alle unliebsamen Vorkommnisse zu vergessen und mit erneuter Energie für die gemeinsamen Aufgaben des Zionismus zu wirken. Ganz besonders hofft die Jahreskonferenz, daß jene Mitglieder der Bewegung, welche glaubten, sich von der aktiven zionistischen Arbeit zurückziehen zu sollen, wieder zu derselben zurückkehren werden. Die Jahreskonferenz erwartet von der zionistischen Presse, daß sie durch ihren Ton und ihre Haltung zur Beruhigung der Gemüter beitragen wird. Die Mitglieder der Jahreskonferenz scheiden mit dem freudigen Bewußtsein, daß die zionistische Organisation geeint und gefestigt mit erneutem Kraftgefühl ihrem hohem Ziele entgegenschreitet. Die jüdischen Schanker. Von Dr. Max Diamant, Czernowitz. Abg. S t a n d hat beim galizischen Statthalter und beim Ministerpräsieenten zugunsten der jüdischen Schänker Galiziens interveniert. Abg. Dr. S t r a u c h e r ist mit einer Deputation der Bukowinischen Schänker nach Wien gefahren und dort von den Ministern empfangen worden. Wie der Strommeister in den Tagen der Wassernot am Brückenpegel die Hektare des durch die Ueberschwemmung verwüsteten Landes ablesen kann, so wird der Kenner sozialer und politischer Verhältnisse der Juden Galiziens und der Bukowina an jenen Nachrichten die Verwüstung ablesen können, die die Aufhebung der Propinationsgerechtsame über; Tausende jüdischer Familien bringen wird. Was wird eigentlich geschehen? Bisher war das Gastwirtgewerbe in Galizien und der Bukowina für den zu haben, der dem Propinator dafür zahlte. Unternehmungslustige Leute, hier immer Juden, haben das Geschäft gemacht; das glänzende Geschäft, bei dem man sich eine kärgliche, elende verachtete Existenz sichert. Nun wird der Bezirkshauptmann - dieses Geschäft zu vergeben haben. Ein Europäer würde meinen, daß doch keine Behörde den Leuten diese Jammerexistenz, von der sie bisher lebten, streitig machen wird. Doch wir wohnen jenseits der mitteleuropäischen Wasserscheide. Hier hört jedes Verständnis für soziale Pflicht auf, wo Macht entscheiden kann. Die jüdischen Schänker üben dieses verrufene Gewerbe wohl seit Jahrhunderten aus. Sie haben all’ diese Zeit ein wertvolles Kulturferment in den Dörfern gebildet und dem Bauer manches Stück wirtschaftlicher und kultureller Schulung gegeben. Doch das wird heute gestrichen. Herr G e ß m a n n erlaubt solche Reden nicht und die Behörden müssen ihrem Herrn gehorchen. Aber sie leben von der Schänke, sie, d. h. tausende Familien mit den Großvätern und den zahlreichen Enkeln. Sie haben keinen anderen Beruf. Unser liebes Vaterland hat dafür gesorgt, daß sie nichts Nützlicheres haben erlernen können. Wer da vor einigen Tagen in Czernowitz bei der Schänker-Versammlung war und Greise und Mütter händeringend fragen gehört hätte: „Was sollen wir tun? was können wir heute beginnen?“ und sich die Gesichter dieser „Ausbeuter“ angesehen hätte, zerfressen vom Dunst des Raumes, wo sie leben, zerknüttert vom Elend, der hätte gefragt: „Wer peinigt denn diese Jnmmergastalten?“ Eine hohe Regierung“, wäre die Antwort, vor der wir als treugehorsame Untertanen den pflichtgemäßen Respekt haben“. Schnaps ist heute nämlich ein Politikum. Die „Ausbeutung und Vergiftung der Bauern“, die jetzt die Juden betreiben, wird künftig denen überlassen, die sich hei der Wahlagitation oder bei der Ausbildung von Rekruten um das Wohl des Staates verdient gemacht haben. Die jüdischen Schänker mögen untergehen, verhungern, Bettler werden, besten Falles nach Amerika auswandern. Andere werden an deren Stelle treten und man wird den Schnaps, der bis jetzt proletarisch war, zu Ehren und gesellschaftlichen Rang bringen. Es gilt als ungeheuer reaktionär, sich der hungernden Schänker anzunehmen, so daß Leute, die auf Reputation geben, nichts davon wissen wollen. Die Oeffentlichkeit ist also gut präpariert. Desto nachdenklicher muß man werden. Die Orientierung wird nicht ohne Wert sein. Ich bin, zu meinem Leidweren, staatswissenschaftlich geschult und halte mich in Stunden, wo mich des Gedankens Blässe ankränkelt, für berechtigt, mein Volk und mich als einen Teil der sozialen Interessengemeinschaft anzusehen, die wir Staat nennen. Verfliegen aber die theoretischen Gedanken und kehre ich aus meiner Selbstverlorenheit zu dem Leben zurück, dann beginne ich über meine modische Juristerei zu lachen und mich in die viel richtigere, den Tatsachen entsprechende, mittelalterliche Auffassung unserer Massen hineinzudenken. Sie empfinden und verstehen ohne alle Gelehrsamkeit und Juristerei ganz klar, wie der Staat zu ihnen und sie zum Staate stehen. Lebendiges Menschenfleisch, das mit Messingknöpfen beschlagen ist oder sich damit tapezieren kann, erscheint ihnen gefährlich. Es kommt wohl vor, daß auch diese unangenehmen Menschen einem von uns einmal entgegenkommen, das ist aber eine spezielle Gnade die man speziell vergelten muß. Wie man merkt, ungefähr so, wie der französische Bauer vor der Revolution zu seinen Behörden, zum Kaiser, stehen sie in einem rein persönlichen Treuverhältnisse, aus Dankbarkeit für viele unvergessene Gnadenakte. Alles patriarchalisch, mittelalterlich. Von einem Staatsbewußtsein keine Spür. Diese mittelalterliche Auffassung entspricht den Verhältnissen.