Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 25 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5. gegenüber dem Vorjahre die beträchtliche Steigevon 7100 Mark auf. Bemerkenswert ist, daß von den einzelnen Sammelmitteln die allgemeinen Spenden, die Selbstbesteuerung und die Sammelbogen — wenn man von der außerordentlichen Spende absieht — gegenüber dem Vorjahre abgenommen haben. Die Gründe hierfür scheinen uns zufälliger Natur zu sein, so daß sich ein näheres Eingehen auf dieselben wohl erübrigt. Erfreulich ist hingegen, daß die übrigen Sammelmittel eine merkliche Zunahme aufweisen. Bezüglich der Büchsen unterliegt es keinem Zweifel, daß die, wenn auch nicht große Steigerung, vornehmlich auf die energischere Handhabung der Evidenzhaltung durch die Kartothek zurückzuführen ist. Wir glauben überhaupt, daß dieses Sammelmittel nunmehr fortgesetzt eine steigende Tendenz zeigen wird. Die Oelbaumspenden haben ebenfalls beträchtlich zugenommen, doch ist eine weitere außerordentliche Zunahme im Laufe der nächsten Zeit dank der Agitation anläßlich der Herzlfeiern sicher zu erwarten. Zum erstenmal erscheint in der vorliegenden Tabelle die neue Rubrik „Landspeude“. Bei dem Enthusiasmus, den diese neue Spendenart in den überseeischen Ländern gefunden hat,- darf man der Entwicklung derselben in den nächsten Monaten mit Spannung entgegensehen. Gerüchte über ein Landankaufsverbot in Palästina. Aus Berlin wird der Zeitung „Unser Leben“ in Warschau gemeldet, daß in der Türkei ein Landankaufsverbot fürPalästina erlassen worden sei. Das Verbot richte sich gegen Juden, unbekümmert darum, ob sie türkische Staatsbürger oder Ausländer sind, ln einer weiteren Notiz wird diese Meldung richtig gestellt und erklärt, daß das Verbot, Boden zu kaufen, alle Ausländer, Juden und Nichtjuden, treffe. Diese Nachricht kann mit der größten Reserve aufgenommen werden. Es ist zu bedenken, daß eine derartige Maßregel nur auf dem Wege eines Geseizes getroffen werden kann. Die Türkei ist ein konstitutioneller Staat und da ist es nicht möglich, daß derartige, allen Rechtsbegriffen hohnsprechenden Verbote im Verordnungswege erlassen werden. Ebenso ist es unmöglich, daß der Pascha von Jerusalem im eigenen Wirkungskreise ein derartiges Verbot hätte erlassen können. Die nächsten Tage werden zeigen, was an dieser Alarmnachricht wahr und was übertrieben ist. Das Judentum in Amerika. Dr. phil Emil G. Hirsch, Professor für orientalische Sprachen an der Universität fn Chicago, begann in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin seinen angekündigten Vortragszyklus über „Das Judentum in den Vereinigten Staaten“ mit einem Referat über die Einwanderung der Juden in Amerika, ihre staatliche und gesellschaftliche Stellung, welchem wir folgendes entnehmen: Für die Einwanderung der Juden unterschied der Redner drei Epochen. Die erste umfaßt die Zeit unmittelbar nachdem die ersten Ansiedlungen englisch sprechender Puritaner stattgefunden hatten, eine Einwanderung, die hauptsächlich von portugiesischen Juden ausging, und deren Spuren heute fast völlig verloren sind. Die zweite Einwanderungswelle folgte in den Jahren 1840 bis 1870; ihren Kern bildeten die deutschen Juden, die den nachhaltigsten Einfluß auf das jüdische Leben Amerikas gewannen. Die dritte Epoche setzte im Jahre 1880 ein, veranlaßt durch die Judenverfolgungen in Rußland und Rumänien; ihr ist das große Anschwellen der Zahl der Juden in Amerika zu verdanken. Während um das Jahr 1880 noch keine 200.000 Juden in Amerika wohnten, beträgt! deren Zahl jetzt mehr als 1‘25 Millionen, davon allein in New-York gegen eine Million, so daß New-Yorkbei weitem die größte jüdische Stadt darstellt. Infolge ihrer Zahl spielen die Juden in dem eigenartig gestalteten politischen Leben Amerikas eine ganz bedeutende Rolle. Verschiedene Nationalitäten, von denen keine die Mehrheit erlangen kann, stehen dort im politischen Kampfe, und die verschiedenen Parteien hüten sich davor, das Selbstbewußtsein der Juden zu verletzen, die beispielsweise im Staate New-York, wo jeder fünfte Wähler ein Jude ist, mit ihren Stimmen den Ausschlag geben. Der politische Antisemitismus ist daher in Amerika ganz unbekannt und wird dort auch von den Deutschen nicht gepflegt, die, da sie in Amerika gleichfalls eine Minderheit bilden, dasselbe Interesse haben, wie die Juden. Die Judenfrage sei eben im Grunde genommen eine Minoritätenfrage. ln Amerika gelangten Juden zu den höchsten Staatsämtern, die hohen Richterstellen seien vielfach mit Juden besetzt, und der Anteil der Juden am Offizieikoips übersteige ihren Prozentsatz bedeutend. Im Gegensatz zu dem politischen Antisemitismus ist der gesellschaftliche sehr verbreitet. Die Gründe hierfür sind teils in europäischen Vorbildern, die besonders auf die Universitäten stark eingewirkt haben, zu suchen, teils in dem Umstande, daß sich seit Alters infolge der Trennung von Kirche und Staat das gesellschaftliche Leben mit einer in Europa nicht bekannten Intensität um die Kirche entwickelt, Hierdurch wird der Jude mehr als jeder andere Einwohner als fremdnational vom Angloameriköner empfunden. Diese gesellschaftliche Abschließung hat indes das Gute im Gefolge, daß Mischehen fast gar nicht Vorkommen, und die Assimilationsgefahr trotz allen Einlebens der Juden in Amerika nicht zu fürchten ist. Den Gesamteindiuck faßt der Redner dahin zusammen,, daß die letzten fünfzig Jahre einen hervorragenden Ausbau des jüdischen Gedankens wie des jüdischen religiösen Lebens gebracht hätten. Bukowinaer Schänkertag. Montag den 20. d. traten die Schänker der Bukowina im großen Saale des jüdischen Nationalhauses zu einer Versammlung zusammen, um über die durch die Aufhebung der Propinationen in der Bukowina geschaffene Lage der Schänker zu beraten. Nach Eröffnung der Versammlung durch kais. Rat Berl T e r n e r (Radautz) ergriff Abg. Dr. Straucher das Wort, schilderte die Folgen der Propinationsaufhebung und unterbreitete schließlich der Versammlung Anträge, welche dahingehen, die Schänker mögen zwecks Wahrung ihrer Interessen bei Verleihung der Schankkonzessionen eine Deputation an den Landespräsidenten entsenden und demselben ihre Wünsche vortragen. Außerdem mögen in allen Orten der Bukowina, wo Schänker wohnen, Lokalkomitees gegründet werden, welche die Aufgabe hätten, die Interessen der Schänker zu wahren. Nachdem noch eine Reihe von Rednern gesprochen hatte, wurden diese Anträge einhellig zum Beschluß erhoben. Die Juden auf Jamaika. Die jüdische Gemeinde Kingston ist die älteste Judenansiedlung in Jamaica. Auf dem alten jüdischen Friedhofe der Stadt finden sich Grabsteine, die die Geschichte der ersten Flüchtlinge aus Spanien in erschütternden Worten erzählen. Auch in anderen Städten der Insel gibt es uralte jüdische Friedhöfe mit Märtyrergräbern. Der Rabbiner H. Pereira M e n d e s in London, dessen Vater A. P. M e n d e s vor sechzig Jahren Rabbiner in Kingston war, ist nun bemüht, diese historisch wichtigen alten Gräber der ersten spanisch-jüdischen Flüchtlinge vor dem sicherlichen Verfall zu retten, indem er die Mittel zu ihrer Restaurierung aufzubringen trachtet. Aus einem Briefe, den Rabbiner Mendes aus Kingston erhielt, geht hervor, daß das Klima daselbst ein sehr gesundes ist, daß die luden dort sich körperlich und geistig sehr gut entwickelt haben und daß sie im Allgemeinen auch materiell nicht schlecht stehen. Jüdische Auswanderung im Monate März. Im Monate März d. J. war die Einwanderung nach Newyork, wie die offizielle Statistik nachweist, besonders groß. Es kamen in diesem Monate insgesamt 108.286 Einwanderer in Ellis Island an. Von denen waren 5417 Juden. Es kamen aus: Rußland 4011, Oesterreich 778, Ungarn 220, Rumänien 11, Türkei 56, England 41 usw. Von den eingewanderten Juden blieben 4160 im Staate Newyok, während die übrigen in die verschiedenen Staaten der vereinigten amerikanischen Republik weiterfuhren. Im März 1909 kamen 4095 jüdische Einwanderer nach Newyork. Die Judenverfolgungen in Rußland. Hetzjagd auf wohnrechtlose Juden. Aus Smolensk wird gemeldet: Die Judenvertreibungen nehmen von Tag zu Tag immer größere Dimensionen an, und die Hüter der öffentlichen Ordnung ergreifen die Gelegenheit, um ihren Diensteifer in einer Weise zu bekunden, die den Häschern der spanischen Inquisition zur Ehre gereicht haben würde. Den Höhe Hinkt raffinierter Grausamkeit hat der derzeitige Hexensabbat russisch-polizeilicher Bestialität im Landflecken Potschinok, Gouvernement Smolensk. Diese durch ihren bedeutenden Getreidehandel bekannte Knotenstation bildet während der Handelssaison einen Anziehungspunkt für viele Juden aus den benachbarten Gouvernements. Vor kurzem ging nun die Smolensker Polizei nuf die Suche nach wohnrechtlosen Juden aus. Eines schönen Tages wurde nun der gasamte Flecken von Smolensker berittenen Polizisten umzingelten. In sämtlichen Häusern wurden strenge Haussuchungen vorgenommen. Zehn Juden wurden am folgenden Tage festgenommen und nach Smolensk in Polizeihaft gebracht. Während der Untersuchung teilte jemand mit, daß viele Juden sich im benachbarten Walde versteckt hätten. Sofort wurde der Wald von den Polizisten umzingelt, und eine förmliche Hetzjagd begann. Jagdhörner ertönten, Signalrufe wurden gewechselt und Flintenschüsse wurden abgefeuert, die das „Wild“ aus seinem Versteck aufschrecken sollten. Die Polizisten zerstreuten sich über den Wald, und bald begann die Ablieferung ergriffener Juden an den Hauptmann Tkatschew. Die „Jagd“ dauerte bis tief in die Nacht hinein. Es wurden zirka 60 Juden ergriffen, vornehmlich jüngere Handelsangestellte. Von Potschinok aus begaben sich die Detektive und Polizisten nach einem anderen Handelsflecken Stadolischtsche an der gleichen Eisenbahnlinie. Hier wiederholte sich die ganze Geschichte nach vorangegangenem Muster. Indes hatte hier die Polizei weniger Glück; es wurden nur 8 Juden ergriffen. Die anderen hatten es in Erwartung der Hetzjagd vorgezogen, mit dem ersten Zuge abzureisen und ihr Hab und Gut der „Willkür des Geschicks“ zu überlassen. Von den Kiewer Ausweisungen. Aus Kiew wird der „N. J. K.“ berichtet: Auf der dieser Tage stattgefundenen Sitzung der Kommission für Rechtsbeistand an die Ausgewiesenen wurde festgestellt, daß von 1150 Familien, über die die Ausweisung verfügt worden war, (abgesehen von den 238 Familien des Vorortes Demiewka) nur 170 in Kiew bleiben dürfen. Daneben wurde noch festgestellt, daß in letzter Zeit immer neue Kreise in den Bann der Ausweisung gezogen werden. Die Zahl der Ausgewiesenen, die in der ursprünglichen Proskriptionsliste fehlten, wächst mit jedem Tag. In großem Schwange sind zurzeit die berüchtigten „Nachthetzen“ (Haussuchungen in Privatwohnungen) auf wohnrechtslose Juden. Aus Warschau wird über einen enormen Zuzug ausgewiesener Kiewer Juden berichtet. Aufenthalt erholungsbedürftiger Juden im Kaukasus. Die Zeitungen brachten vor kurzem die Nachricht, daß der Statthalter vom Kaukasus sich beim Zaren dafür verwendet hat, daß es den Juden gestattet sein dürfte, die kaukasischen Kurorte krankheitshalber aufzusuchen. Einige Zeit darauf waren sogar in vielen Zeitungen die telegraphischen Mitteilungen der Kurortverwaltungen zu lesen, daß den Juden die Erlaubnis erteilt worden ist, sich kurhalber in den kaukasischen Warmbadeorten zwei Monate aufzuhalten. Dieser Tage erhielt nun Reichsdumaabgeordneter Friedmann aus Pjatigorsk vom Abgeordneten Eltekow folgendes Telegramm: „Viele Juden lassen sich teils von der vorjährigen Erlaubnis, teils von den Zeitungsberichten über die Bemühungen des Statthalters bestimmen, um die kaukasischen Mineralbäder aufzusuchen. Sie werden aber sofort durch die lokale Behörde ausgewiesen. Eine unverzügliche Lösung dieser Frage nach dieser oder jener Richtung tut not, damit den Kranken die zwecklosen Plackereien erspart bleiben. Neuestes von Tolmatschew. Der Odessaer Stadthauptmann war mit dem Ergebnis der öffentlichen Lizitation der Pacht der Koscherfleischsteuer nicht zufrieden. Er bestätigte daher die Verpachtung der Steuer an den Meistbietenden nicht und übergab die Erhebung und Verwaltung der Steuer der aus ausgesprochenen Judenfressern und „Verbändlern“ bestehenden Odessaer Stadtduma. Zur Wahrung des Dekorums wurde eine „wirtschaftliche Kommission“ eingesetzt, bestehend aus einigen Parvenüs aus dem Abschaum der jüdischen Gesellschaft, die sich bereits als Kreaturen Tolmatschews eine traurige Popularität erworben haben.