Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 25 Präsident P a 11 a i Heß trotz Aufforderung des Abg. Stand, den exzedierenden Myslivec zur Ordnung zu rufen, gewähren. Nachstehend der Sitzungsbericht über diesen Zwischenfall: Abg. Myslivec: Als in Ungarn die Volkspartei auf den politischen Plan trat, ging Jubel durch das ganze Land, weil in dem verpesteten Lande, wo keine Moral mehr existiert, das Morgenrot einer besseren Zeit anzubrechen schien. Die Herrschaft habe die Volkspartei verführt, sie habe sich mit Apponyi und Kossuth an einen Tisch gesetzt Abg. v. Stransky: -Und mit Pollak-Polonyi! Abg. Dr. Mahler: Polonyi war nie ein Jude, er ist Arier, der gehört Ihnen voll und ganz! Der Präsident ersucht, den Redner nicht zu unterbrechen. Abg. Stand: Warum unterbrechen Sie nicht, wenn mit Pogroms gedroht wird? Hier wurde mit Pogroms gedroht. (Zahlreiche Zwischenrufe.) Abg. Myslivec: Es ist nicht ausgeschlossen, daß es auch in Oesterreich zu einem Pogrom kommt, wenn sich die Juden hier so benehmen wie in Rußland. Abg. Dr. Mahler: Es wird hier zu keinem Pogrom kommen, weil hier keine Barbaren, sondern zivilisierte Menschen wohnen. Abg. Stand: Wir sind eineinviertel Millionen Menschen und lassen uns mit Pogroms nicht drohen! Herr Präsident, warum lassen Sie das zu? Präsident: Wenn der Herr Redner etwas gesagt hat, was einen Ordnungsruf erheischt, kann ich das erst aus dem Protokoll entnehmen. Abg. Stand: Er hat mit Pogroms gedroht. (Zahlreiche, anhaltende Zwischenrufe. — Lärm.) Abg. V. Myslivec: Als sich die Volkspartei mit den Judäomagyaren, mit Apponyi und Kossuth an einen Tisch setzte, war das der Anfang vom Ende. Abg. Stand: Waren das auch Juden? Abg. V. Myslivec: Sie stehen jedenfalls mit den Juden auf gutem Fuße. Für alles, was in Ungarn geschieht, sind die Juden in erster Linie verantwortlich. (Neuerliche anhaltende Zwischenrufe. — Lärm.) Das Los der Volkspartei in Ungarn ist jedenfalls eine Mahnung für die verwandten Parteien in Oesterreich, daß sie sich nicht in die Gesellschaft eines Hock, Kuranda und Ofner und anderer Juden begeben und dadurch ihre schöne Vergangenheit umbringen. (Beifall bei den Parteigenossen.) Budgetrede des Abg. Dr. Mahler, Mitglied des „Jüdischen Klub“. (Gehalten in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 13. Mai 1910.) (Schluß.) Die Anerkennung der jüdischen Nation. Leider muß man feststellen, daß bei uns in Oesterreich es vielfach nicht einmal möglich ist, die freie wahre Anschauung zum Ausdruck zu bringen. Von jeher hat man es abgelehnt, den Forderungen der Entwicklung der Zeit nachzukommen, hat an alten Formen festgehalten, die dadurch zu Fiktionen werden und zum nicht geringen Teil gerade dadurch das Chaos geschaffen, das heute heirscht. Es ist vielfach und von sehr autoritativer Seite darauf hingewiesen worden, daß, während die Nationalität tatsächlich unser ganzes politisches Leben beherrscht, unsere Gesetzgebung den Begriff der Nation überhaupt nicht kennt, ihm überall ausweicht, und eine ähnliche Unaufrichtigkeit ist man eben wieder im Begriffe bei der Volkszählung zu begehen. Während das Reich vom Nationalitätenkampf durchtobt ist, schaltet man aus dem Volkszählungsbogen die Nation ängstlich aus. Nun, in der Statistik geht das ja ganz leicht, da ist es höchst einfach mit einem Erlaß das nationale Prinzip aus der Welt zu schaffen, das reale Leben aber hat die unangenehme Eigenschaft, sich um Ministerialerlässe nicht zu kümmern. Die Nationalität besteht ruhig weiter, auch wenn Sie sie nicht registrieren. Und die eventuell durch die vikariierende Rubrik „Umgangssprache“ herbeigeführte Täuschung wird nur das eine erzielen, daß jeder nach dieser Richtung die Ergebnisse der Volkszählung als unbrauchbar stigmatisieren wird. Ich will mich gewiß nicht auf eine theoretische Erörterung des Begriffes „Nationalität“ hier einlassen, daß aber Nationalität und Umgangssprache nicht den gleichen Kreis von Menschen decken, wird mir, wie ich 1 glaube, jeder zugestehen, denn dann müßte jeder Deutsche, Engländer, Pole etc., der etwa nach Japan auswandert und die japanische Umgangssprache annimmt, damit zum Japaner werden, was wohl niemand im Ernst behaupten wird. Das Wesentliche ist: In der Nationalität spielt der Wille zum Volkstum die Hauptrolle. Am deutlichsten sieht man das in Ungarn, wo alle Zwangsmaßregeln einer Regierung und alle fiktiven Gesetze nicht-imstande sind, aus den 55 Prozent Slowaken, Deutschen, Serben, Ruthenen und Rumänen Angehörige der magyarischen Nation zu machen. Warum scheut man sich nun bei uns in Oesterreich die Statistik aus dem Dunkel der Verlogenheit in das helle Licht der Wahrheit zu rücken? Vielleicht weil manche im Trüben besser zu fischen glauben. Für uns Juden ist diese Frage nicht bloß eine rein aka- 1 demische, sie ist auch mit unserem Wirtschaftsleben aufs engste verbunden. Dabei aber ist sie nicht minder eine Frage des nationalen Stolzes. Man predigt überall den Boykott gegen uns, man schließt uns überall aus, man will uns wirtschaftlich und womöglich auch geistig zugrunde richten, aber man will unsere Steuerkraft sich zurechnen, man pocht auf uns in der Statistik, wenn es gilt, die eigenen Aspirationen gegenüber einer anderen Nation zu vertreten, man will von unseren Stimmzetteln Gebrauch machen, 'besonders dort, wo man sich den Luxus des offenen Antisemitismus nicht gestatten darf — das alles macht die Rubrik „Umgangssprache“ ja möglich. Man wirft uns Absonderungsgelüste vor, wir wollten ein „Wahlghetto“ schaffen. Seien wir aufrichtig! Die Absonderung ist ja bereits tatsächlich durchgeführt. Es wird sich niemand darüber täuschen, daß heute diese Absonderung nicht vorhanden ist und was das Schlagwort;vom Wahlghetto anbelangt, verweise ich darauf: Als man die Judenschaft der Bukowina bei der Landtagswahlordnung sehr gegen ihren Willen ebenso wie gegen den der Deutschen mit diesen in eine Kurie zusammenspannte, da hat man erst ein Wahlghetto geschaffen, denn zum Begriff des Ghetto gehört eben der Zwang, wo Menschen freiwillig sich zusammenfinden,: ob Deutsche, Polen¬ oder Juden, gibt es kein Ghetto, sondern eine Vereinigung freier Männer. Wo Leute gezwungen beisammen leben, dort ist es ein Ghetto. So hat man durch das angebliche Schlagwort, ein Wahlghetto verhindern zu wollen, erst tatsächlich ein Wahlghetto geschaffen, Ich meine, meine Herren, wenn es erst dem Juden möglich ist, sich frei und offen als das zu-bekennen, als was er sich wirklich fühlt, wenn er nicht mehr dort Unterschlupf sucht, wo man ihm einen solchen verweigert, dann hat man erst dem Juden die Möglichkeit gegeben, als freier Staatsbürger dazustehan, dann kann er vollwertiger Bürger, aber auch vollwertiger Bundesgenosse sein. Dann ist er ein aufrechter Mann, der, seiner eigenen Kraft bewußt, stolz und offen dasteht, der vor niemand seinen Blick beugt, der als Bundesgenosse zu brauchen ist und dem: man gerne die Hand gibt. Aber, meine Herren, wer sich eine fremde Maske vorbindet, wer sich für etwas ausgibt, was er nicht ist, wer etwas vortäuscht, was weder er noch ein anderer glaubt, der degradiert sich dadurch selbst. Ich betone, meine Herren, und ich möchte hier besonders unterstreichen: das Bekennen zum jüdischen Volkstum bedeutet keinerlei Haß gegen irgendeine Nation. Nur wer eine fremde Nation wirklich hochachtet, kann die eigene Nation schätzen und wir, die wir uns bewußt sind der historischen Werte, die in unserem Volke liegen, unser Volkstum hochhalten und schätzen, wir schätzen jedes ehrliche und aufrechte Volkstum. Wir verlangen aber auch, daß die gleiche Achtung, die wir jedem entgegenbringen, unserer ehrlichen und aufrichtigen Meinung entgegengebracht wird; wir verlangen, daß man, wenn wir uns als das bekennen, was wir sind, uns nicht fremde Motive unterschiebe, daß man unser ehrliches Bekennen zum jüdischen Volke nicht als Klerikalismus und Anarchismus bezeichne. Uns liegt beides vollkommen fern. Wir wollen als ehrliche Mitbürger und aufrichtige Arbeiter kämpfen und streben, wir sind aber von dem Glauben durchdrungen, daß in einem so vielgestaltigen Staate wie esOesterreich ist, das Heil des einzelnen nur in dem Heile der Gesamtheit liegen kann. Darum empiehlt es sich, meine Herren, eine Höhe zu erstreben, auf die man aus der Fläche — wenn Sie besser wollen — aus der Flachheit des alltäglichen Kampfes emporkommen kann, wo der Blick sich weitet, wo man hinwegsehen kann über imaginäre Grenzpfähle, wo man jedes anderen ehrliche Ueberzeugung achtet, ihm die Hand reicht im Kampfe um die Entwicklung, im Kampfe um ehrliches Volkstum und im Kampfe um den Fortschritt. Dazu werden wir stets bereit sein. Glauben Sie nicht, daß wir irgendwelche Fehler, die Sie uns andichten, die bei unserem Volke angeblich sein sollen, beschönigen und loben. Wir sind -uns darüber vollkommen klar, daß, ebensowenig . wie andere Völker, unser Volk fehlerfrei ist. Wir wollen ehrlich mitarbeiten. Geben Sie uns die Möglichkeit dazu, schätzen Sie in dem Juden den aufrechten Mann, schätzen Sie in ihm den ehrlich Strebenden und dann werden wir in gemeinsamer Arbeit zum Wohle der Gesamtheit beitragen. Ich habe gesprochen. (Lebhafter Beifall.) Parteinachrichten. Zionistisches Zentralbureau Wien. III. Ausweis des Jugendschriftenkomitees. Joh. Kremenetzky K 100.—; Zion. Frauen- Verein. Wien, K 20. . Zusammen K 120.—. Mit den K 178.—, die in Nr. 16 und den K 50.—, die in Nr. 18 ausgewiesen insgesamt K 348.—. * * * An die P. T. Vereine. Das Zentralkomitee für Wersösterreich hat in seiner letzten Sitzung die Eintragung seines früheren Präsidenten des Gg. Dr. Isidor M a r g u 1 i e s ins Goldene Buch des JNF. beschlossen. Die Vereine werden ersucht, die für diesen Zweck gesammelten Beträge an die Sammelstelle des JNF. abzuführen. Zionistisches Zentralbureau. Aus dem jüdischen Leben. Ein Protestrabbiner. Aus Bielitz wird uns geschrieben: Am ersten , Schewuothtage, im Anschluß an die Erklärung des Festes der Gesetzgebung, fand es der hiesige Rabbiner Dr. Steiner für passend und angemessen, seinen Zuhörern das Märchen von der „Mission“ der Juden wiederum einmal aufzutischen und in seinem edlen Zorne auf jene „Materialisten“ loszudonnern, die nicht von dem Missionsjudentum sprechen, die nicht am religiös-idealen Zion, sondern an der realen Scholle hängen und denen vor allem das fehlt, was der „Deutsche“ so treffend mit Bildung bezeichnet! Man wird erstaunt fragen, was denn eigentlich den würdigen Herrn so aufgebracht hat, ihn, der einst bei einer Todesfeier Herzls der Jugend voll Begeisterung zugerufen: „ . . . Ihm eifert nach, dem großen Freiheitshelden, ihm . . . usw.“ Die Antwort ist leicht gegeben: Die Kultuswahlen standen bevor und da galt es gegen die demokratische Opposition (das heißt die Zionisten), die mit dem schauderhaften Bureaukratismus aufräumen will und wird, loszuziehen. Und gegen diese zu kämpfen sind alle Mittel geheiligt, selbst von der Kanzel herab verblümte Agitationsreden gegen diese „Materialisten“ zu halten . . . Karaitenkongreß. Der oberste Rabbiner der Karaiten wird im Sommer in Eupatoria, dem geistlichen Mittelpunkt der Karäer einen Kongreß der Karaiten zusammenberufen. Der Kongreß -wird sich J in erster Reihe mit der rechtlichen Lage der Ka- .raitäer in Rußland beschäftigen. Seitens der russischen Regierung liegt die Zusicherung vor, die Rechte dieser jüdischen Sekte zu erweitern. Der Jüdische Nationalfonds. Das Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds in Köln veröffentlicht eine Tabelle der im Monate Mai 1910 eingegangenen Spenden. Darnach sind im Mai 39.388-89 Mark eingegangen. Diese Summe ist das höchste Monatsergebnis in diesem Jahre. (Aus Oesterreich sind davon 16.163X6 Mark, aus Rußland 8231-32 Mark, Deutschland 4596'55 Mark eingegangen.) I Diese Steigerung ist in erster Linie auf die außerordeniliche Spende B. K., Wien, von 8100 Mark zurückzuführen. Immerhin weist das Gesamtergebnis vom 31. Mai auch ohne diese Spende