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Jüdische Zeitung · 1910-06-24 · 25 (24.6.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 25 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 wickelt wurde. In den letzten Tagen nahmen die Anstrengungen beider Parteien immer mehr zu. Die Agitation. Besonders intensiv wurde in der ländlichen Umgebung gearbeitet. Die Offiziellen, die diese Wählergruppe bisher in jeder Hinsicht vernachlässigt hatten, sandten auch nach Dzieditz, Ernsdorf, Karnitz und andere Orte ihre Agitatoren. Am Wahltage sollte es sich zeigen, daß unsere jüdische Landbevölkerung vollzählig stramm zionistisch gesinnt ist. In der Stadt selbst war leichte Arbeit, die aber gründlich getan wurde. Der Unwille der Wählermassen über die langjährige Cliquenwirtschaft, die Unzufriedenheit mit der miserabeln Finanzgebahrung, die Erbitterung über die politische Korruptheit der Kultusvertretung, die den „Deutschen Schulverein“ subventioniert, für denjüdischenNationalfonds aber keinen roten Heller übrig hat, waren unsere besten Agitatoren. Das unlautere Vorgehen des offiziellen Wahlkomitees tat in wirksamer Weise das Uebrige. Der Wahltag. Als der 19. Juni, ein Sonntag, heranbrach, war es zwar^bereits als sicher anzunehmen, daß die Führer der oppositionellen Partei — durchwegs'; Zionisten — gewählt werden würden. Aber man wußte, daß auch die herrschende Partei fieberhaft agitierte. Und in der Tat sah man Herren zur Urne schreiten, von denen man bis nun nur gehört hatte, wenn sie wieder einen Sohn zur Taufe geführt, wieder „ deutsch völkisch en Zwecken “ eine größere Spende zugeführt, wieder in Sachen versagt hatten, wo es galt den jüdischen Namen und jüdische Interessen zu schützen. Die Wahlbeteiligung war enorm. Von 42 Perzent bei den letzten Wahlen war sie auf etwa 80 Perzent gestiegen. Um 8 Uhr früh begann der Wahlakt. Bereits drei Stunden vorher war ein Teil unserer braven Jungmannschaft in die Dörfer der Umgebung gewandert, um unsere Anhänger an ihre Wahlpflicht zu erinnern. Schon um 10 Uhr vormittags merkte die Kahalpartei das Bedenkliche ihrer Situation. Denn die unermüdliche Arbeit unserer Agitatoren hatte bereits das erste Hundert der Wähler an die Urne gebracht. Jetzt erschien auch mit der Eisenbahn aus Dzieditz der erste Trupp unserer werden sich unsere Väter freuen, wenn das Land in mühsamer Arbeit erobert, aufblühen und gedeihen wird . . . .“ Sie glaubte, Jakob wäre nach Palätina, um sich dort anzusiedeln. Das Kriegsgericht verurteilte den Träger ihrer Träume zum Tode und milderte diese Strafe, seines jugendlichen Alters wegen, zur zwanzigjährigen Deportation nach Sibirien. Neugierige, sensationslüsterne Menschen drängten sich vor den Toren der Zitadelle, um den Unglücklichen, welche Jakob in die Verbannung folgten, noch einmal die Hand zu drücken; Frauen weinten, alle Männer begleiteten mit brechenden Auge den im Schlitten fortgeführten Transport und Kinder standen mit zersausten Haaren auf den Gassen umher, Furchtbares, dem ihre Seele noch verschlossen blieb, ahnend. Der Schmerz, welcher in Chaskels Brust beim Scheiden gewütet hatte, blieb Perei erspart; sie saß mit lächelnden Lippen in ihrem Winkel, zufrieden und der Gedanken froh, welche sich in ihrem kranken Gehirn festgesetzt hatten. * Jahre vergingen. Chaskel konnte diesen Schicksalschlag nicht verwinden. Mechanisch ging er seinem Geschäfte nach, verschleuderte Waren und sah mit Gleichgiltigkeit dem Ruin entgegen, welcher umsoweniger aufzuhalten war, als Pereis lichte Modortigen Freunde, geführt von unserem Kandidaten Wolf. Von da an konnte der Vorsprung der Opposition nicht mehr eingeholt werden. Vergebens brachten die offiziellen Wahlschlepper im letzten Moment noch diesen oder jenen reichen Juden zur Wahl. Als um 11 Uhr vormittags — nach Ladenschluß — der jüdische Mittelstand fast einmütig sein Votum für die nationalbewußte Opposition abgegeben hatte, war die Wahlschlacht entschieden. Die Leute aus Ernsdorf und die zweite Gruppe unserer wackeren Dzieditzer halfen den Sieg vervollständigen. Das Wahlresultat. Die Opposition hatte 17 Kandidaten aufgestellt. Im ganzen gab es 30 Mandate zu besetzen. Gewählt wurden folgende 11 Oppositionelle: Eugen Kellner (198 Stimmen), Wilhelm Löwenberg (389 Stimmen), Julius Nichtenhauser (374 Stimmen), Leopold Popper (199 Stimmen), F. Rabinowitz (202 Stimmen), Hermann Reich ('^Stimmen), Salo Rittermann (269 Stimmen), Dr. Oskar Schanzer (214 Stimmen), Emanuel Tisch (254 Stimmen), Professor Dr. Julius Werner (260 Stimmen), Jakob Werber (241 Stimmen). Da von 5 Mandaten, die wir außerdem im Ersatz gewannen 4 ungiltig sind, weil die Kandidaten zugleich in den Ausschuß gewählt wurden, so bleibt von den Oppositionellen nur Gg. Adolf Wolf, Dzieditz, im Ersatz. Die Minoritäten, die wir errangen, betragen 150 bis 190 Stimmen, während die durchgefallenen Gegner es nur auf 120 bis 140 Stimmen brachten. Der Eindruck. Der Eindruck, den dieses Ergebnis auf die Bevölkerung machte und noch heute macht, ist geradezu unbeschreiblich. Da nämlich von den neugewählten Offiziellen ein großer Teil streng demokratisch gesinnt ist, so ist in den allermeisten Fragen eine jüdisch-demokratische Majorität gesichert. Zu den 11 Oppositionellen dürften übrigens 2 bis 3 Offizielle offen hinzutreten, die auch während des Wahlkampfes von uns nicht bekämpft wurden. In Voraussicht des Sieges der verhaßten Zionisten hat der bisherige Vizepräses der Kultusgemeinde, Herr Tugendhat, schon vor der Wahl öffentlich resigniert und wird sein Mandat nicht annehmen. Für den jüdisch-nationalen Gedanken in Bielitz hat die Wahl das Feld vollkom- ——————PM1I mente immer seltener wurden. Es währte nicht lange und die Eheleute Bibring zählten zu den Aermsten in diesem Viertel des Elends und der Verzweiflung. Tagelang saßen sie beschäftigungslos in ihrer Kammer, Chaskel in sein trauriges Sinnen vertieft, resigniert und verschlossen, Perei bald teilnahmslos, dann wieder grundlos freudig oder wehmütig murmelnd: „Ein schönes Weib hat er. Goldgelockte Kinder klettern auf seine Knien und er ruft sie bei Namen: Chaskel und Perei. Dann geht er aufs Feld, faßt den Pflug und pflügt den heiligen Boden. Abends ruht er im Cypressenhain, von seiner Stirne rinnt der Schweiß der Arbeit Oder ist es Blut? . . . . Jakob, ist es Blut?.“ Die eisigen Winde Sibiriens brachten Jakob den frühen Tod. Eine kurze Nachricht meldete es Chaskel, vermochte aber seinen Gleichmut nicht mehr in Schmerz zu wandeln. Nur hie und da kam ihm seine trostlose Verlassenheit zum Bewußtsein; dann lehnte er wie ein Kind am Bette, und schluchzte lange und hilflos. Perei aber saß im Lehnstuhl, die Hände auf eine Hagada gefaltet, die ihr Sohn einst besessen, die altersschwachen Augen auf die Gasse gerichtet. Jeden Unbekannten hielt sie an und glaubte in ihm Jenen zu erkennen, denn sie stündlich erwartete, Jakob, den Gründer, Bürger und Mehrer Judäas. men frei gemacht. Die Juden haben aufgehört das stumme Werkzeug des sich nach Bedarf liberal gebärdenden Deutsch- Antisemitismus zu sein. Wer heute die Bielitzer Juden führen will, muß ein Jude sein und sich als Jude bekennen. Es ist gelungen, die erste Hochburg des Kahaltums zu nehmen. Das schöne Gemeindehaus, das heute noch verschämt „Israelitsches“ heißt, werden wir zum „Jüdischen Volkshaus“ machen. * . * Die Kultuswahlen in Lemberg. Montag den 20. d. M. fanden in Lemberg die Kultuswahlen in der dritten Wahlkurie statt. Zur Besetzung gelangten fünf Mandate. Im Wahlkampfe standen einander die Kahalsklique angeführt von Schmelke Horowitz und die Zionisten gegenüber. Die Klique ließ alle bewährten Künste spielen: sie terrorisierte, schwindelte und trieb Stimmenkauf. Kein Wunder also, daß sie „siegte“. Immerhin ist die auf die Zionisten entfallene Stimmenzahl gewachsen. Die Lemberger Juden sind über die Schwindeleien der assimilatorischen Kahalleute erbittert. Von der Woche. Ein „Goj“ wird gesucht. Zu der in der Nummer 22 vom 10. d. M. unter obiger Spitzmarke veröffentlichten Notiz sendet uns Herr Josef Stein, Gemeinderat der Stadt Wien, folgendes Schreiben, dem wir hier Raum geben: 16. Juni 1910. Geehrte Redaktion! Im Vertrauen auf Ihre Loyalität ersuche ich Sie, die meine Person betreffende Notiz in der Nummer Ihres geehrten Organes vom 10. d. AL dahin richtigzustellen, daß die Ihnen vorgelegene Protokollsabschrift insofern apokryph ist, als ich mich expressis verbis weigerte, an einem derartigen Beschlüsse teilzunehmen, und meine Unterschrift hierzu verweigerte. Das Protokoll ist infolgedessen nicht zustandegekommen und als bloßes Bouillon, dem kein materieller Wert innewohnt, zu betrachten. Ich habe als Obmann-Kandidaten für den projektierten neuen Wählerverein der inneren Stadt, den Herrn Dr. Gustav Stransky, Advokaten, I. Neutorgasse 4, der unserem Wahlkomitee in erfolgreicher Weise präsidierte, präsentiert. Die von Ihnen aus der Lektüre des bewußten Schriftstückes abgeleiteten Schlüsse sind daher, was meine Person anbetrifft, unzutreffend. Allerdings schließe ich freiheitliche Christen von der Leitung unserer Partei nicht aus und partizipiere auch heute noch, wenn auch in wesentlich vermindertem Maße, an der naiven Hoffnung, daß sich die Majorität der Wiener Bevölkerung wieder zu den Grundsätzen der Gleichheit und Freiheit wird zurückbekehren lassen! Hochachtungsvoll Josef Stein, Gemeinderat der Stadt Wien. Der Brief des Herrn Stein beweist, wie unangenehm den Herren die Veröffentlichung des Protokolles ist. Wir konstatieren mit Genugtuung, daß Herr Stein nicht wünscht, mit den anderen Teilnehmern an der famosen Leitung in einem Atemzuge genannt zu werden. Unser Urteil über die anderen wird durch dieses Schreiben nicht erschüttert. * * * Pogromdrohungen im österreichischen Abgeordnetenhause. So weit wären wir also in Oesterreich gekommen! Ein österreichischer Reichsratsabgeordneter droht in öffentlicher Parlamentssitzung mit Judenpogromen. Wie sehr müssen die Sitten in Oesterreich durch die jahrelange Hetze der Antisemiten verroht worden sein, wenn derartige Rede-Exzesse überhaupt möglich sind. Der berüchtigte klerikale Abgeordnete M y s 1 i v e c nahm die ungarischen Wahlen zum Anlaß, um eine Brandrede gegen die Juden vom Stapel zu lassen. Unsere Abgeordneten Mahler und Stand wiesen die Bübereien des frechen Hetzapostels energisch zurück. Der antisemitische

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