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Jüdische Zeitung · 1910-06-24 · 25 (24.6.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 25 brrcht werden. Ich verweise da auf eine Frage, welche in diesem Jahre Galizien, insbesondere die dortigen Juden beschäftigt, nämlich die Frage der Aufhebung der Propination und die Einführung der konzessionierten Schenken. Meine Herren, wir Juden sind vorbehaltlos gegen die Trunksucht und deren Förderung, wir verabscheuen dieses Laster. Der beste Beweis dafür, daß bei den Juden eine Abneigung gegen das Trinken besteht, ist der Umstand, daß der Prozentsatz der geistigen Krankheiten, welche vom Alkoholismus herrühren, unter den luden minimal ist. Wenn man aber gegen die Trunksucht ankämpfen will, so muß man zur Quelle der Trunksucht Vordringen, muß man den Fabrikanten des Giftes, den Produzenten des Alkohols an den Leib rücken und Maßregeln treffen, diese Produktion einzuschränken oder gänzlish einzustellen. Wir wären gerne dabei, wenn die Produktion des Alkohols eingeschränkt oder aufgehoben, wenn sie durch Steuern einfach unmöglich gemacht werden würde. Wir sehen aber, daß sich gerade die Produzenten des Giftes der besonderen Gunst der Regierung erfreuen, daß gerade die Großgrundbesitzer, die größten Spiritusproduzenten, schon vor Jahren große Bonifikationen für den Wegfall der Propinationsrechte erhielten. So wurde ihnen für das Propinationsrecht nicht weniger als 124,400.000 K in vierprozentigen Obligationen ausgezahlt. Außerdem erhielten jährlich die Landesfonds 300.000 K und die Bezirksfonds 100.000 K als jährliche Entschädigung für das Propinationsrecht. Diese Entschädigungen machen schon jetzt zusammen 15 Millionen Kronen aus. Die Großfabrikanten bekommen Exportprämien, tarifarische Erleichterungen; alles, was ihnen die Produktion dieses Giftes ermöglicht und erleichtert, wird getan und hierdurch wird die Quelle des Uebels noch genährt. Hier sollten die Hebel angesetzt werden, nicht aber bei den kleinen Verschleißern, welche nur Werkzeuge in den Händen der Großproduzenten sind, welche selbst in Not leben, dem Fabrikanten die Abgaben leisten und außerdem dem Staate ungeheure Steuern entrichten. Die Not der jüdischen Schenker. Man braucht nur in eine Dorfschenke zu treten und sieht in welcher Not dort die Familie des Inhabers lebt, wie kümmerlich sie sich erhält. Man braucht nur die Protokolle der Gerichtsverhandlungen lesen, um zu sehen, wie oft ein kleiner Dorfschenker sein Leben aufs Spiel setzt, wie oft er von den betrunkenen Burschen geschlagen oder zu Tode gemartert wird. Die Zahl dieser kleinen Dorfschenken ist nicht gering. Es bandelt sich hier um 17.000 Schenker. Wenn wir jede Familie durchschnittlich mit fünf Personen annehmen, so sind es 85.000 Personen, welche von diesem kümmerlichen Gewerbe leben. Diese Leute will man jetzt insgesamt an den Bettelstab bringen; eine unselige Agitation im Lande führt dazu, daß unberufene Elemente Schankkonzessionen erhalten und die alten jüdischen Schenker bei der Verteilung der Konzessionen unberücksichtigt bleiben sollen, daß Krämer, Gemischtwarenhändler oder Organisationen, die sich mit der Krämerei oder dem Gemischtwarenhandel beschäftigen, sich um diese Konzessionen leider mit Erfolg bewerben. Die Statistik zeigt jedoch, daß gerade im Krämerladen die Trunksucht am meisten gefördert wird, weil dort jede Kontrolle der Behörden entfällt. So finden wir in der Statistik des Handelsministeriums, daß in den letzten 25 Jahren die Anzahl der Hauptausschankstätten sich nicht vermehrt, sondern um 24c8 Stellen vermindert hat und die Anzahl der Kramläden, wo Branntwein in Flaschen neigung und fanatischer Treue am Vaterland. Darunter verstand sie nur Eines: Das Judentum in seinen weitesten Schichten und jenes fern liegende Land mit schmalen, zypressenbewachsenen Ufern, von Wellen und Sehnsucht umspielt: Palästina. Jakob ließ sich vom Glauben der Mutter umfangen und hörte mit andächtigem Lauschen ihre Erzählungen an; stolz blickte Perei auf ihn, der ihren Träumen und Sorgen entwachsen, ein Gründer und Bürger und Mehrer des Ahnenlandes werden sollte. Mit fortschreitendem Alter wurde aber das Denken des jungen Menschen selbstständiger, hatte andere Bahnen eingeschlagen und sich vom Ideenkreise der Mutter immer mehr abgewandt In der Werkstätte begegnete Jakob Arbeitern, die radikalen Strömungen ergeben, ihr und des ganzen Rußland Heil im Ankämpfen gegen das geltende Regime zu finden glaubten. Mit jugendlichem Eifer und heißen Köpfen pilgerten sie täglich in das weitentlegene Vereinslokal, um Reden von Agitatoren zu horchen, die den baldigen Anbruch der Vergeltung verkündeten. Umsonst bemühte sich Perei ihren Sohn von diesem Treiben fernzuhalten; vergebens erinnerte sie ihn an seine heiligeren Pflichten gegenüber Stammesbrüdern und Eltern. Immer häufiger gab es Klagen nnd Streit bei der Familie Bibring; Jakob blieb dem Hause fern und verbrachte Abende und Nächte in Versammlungen, welche mit Taten der Freiheit den Sieg erkämpfen wollten. Und mit jedem verkauft wird, jedoch vom Jahre 1881 bis 19C6 von 7273 auf 46.789, also um 39.516 gestiegen ist. (Hört! Hört!) Die Zahl solcher Verkaufsstellen sollte man eher cinschränken, nicht aber daran gehen, sie zu vermehren. Nun aber verlautet, daß die Landesregierung beabsichtigt, das Schankrecht den Gemischtwarenhändlern und Krämern, sei es den organisierten oder den einzelnen zu verleihen, wogegen wir Stellung nehmen müssen. Wir verlangen, daß eher die Leute, welche sich bis jetzt mit dem Schankgewerbc befaßt haben, das Vorrecht erhalten, die Konzessionen zu bekommen und daß sie dabei in erster Linie berücksichtigt werden. Es ist dies eine Forderung der Humanität und der Gerechtigkeit. Man soll nicht denjenigen, der bisher sein Gewerbe gehörig ausgeübt hat, plötzlich vor die Türe setzen und zum Bettler machen. Wir haben auch nichts dagen, daß die Konzessionen, die durch Todesfall oder aus anderen Ursachen frei werden, nicht weiter vergeben werden und auf diese Weise die Zahl der Schänken nach und nach eingeschränkt wird, aber wir müssen verlangen, daß denjenigen, die jetzt ihr Leben aus diesem Gewerbe fristen, nicht plötzlich der Boden unter den Füßen entzogen wird. Der galizische Statthalter hat aber erklärt und auch die Bezirkshauptmannschaften angewiesen, die Konzessionen entsprechend der Bevölkerungszahl zu verteilen. Das ist meiner Ansicht nach vollständig ungerechtfertigt und illegal. Es besteht zwar diesbezüglich eine Resolution des galizischen Landtages, diese Resoluition kann jedoch nicht als zu Recht bestehend gelten, weil die Einschränkungen auf dem Gebiete des Gewerberechtes nur vom Reichsrate beschlossen werden können, Erst die Vorlage des volkswirtschaftlichen Ausschusses zur Eindämmung der Trunksucht setzt das Prinzip fest, daß in verschiedenen Ländern nach Anhörung der Gewerbebehörden, nach Anhörung der Handelskammern und aller interessierten Faktoren die Zahl der Schänken in einem prozentuellen Verhältnisse zur Bevölkerungszahl festgesetzt werden kann. Bevor aber dieser Entwurf nicht Gesetz wird, kann und darf der galizische Statthalter nicht solche Weisungen erlassen, wenn auch die Resolution des Landtages vorhanden ist. Er ist nicht berechtigt, die Bezirkshauptmannschaft anzuweisen, daß sie den Prozentsatz, den er eigenmächtig festsetzt, anwende. Jedenfalls appellieren wir an die Einsicht des Statthalters und des Ministers des Innern, sie mögen die jüdischen Existenzen nicht ruinieren 1 und so viele Familien zu Bettlern machen. Mittel zur Abhilfe der Not. f V ' ‘ Meine Herren! Ich habe Ihnen nun bewiesen, daß die Lage der Juden außerhalb und innerhalb Oesterreichs eine solche ist, welche uns zwingt, Vorsorge zu treffen, um der Judennot zu steuern. Unserem Programme gemäß haben wir nur zwei Wege, welche zu diesem Ziele führen; der eine Weg ist die Kolonisierung unseres Heimatlandes, des palästinäischen Bodens durch Juden. Wir wollen sie dort zu Ackerbautreibenden, zu Handwerkern und Gewerbetreibenden machen und ihnen gleichzeitig die Freiheit bieten, unsere Muttersprache, das heißt die hebräische Sprache, zu pflegen und jüdische Kultur zu entwickeln. Dieses Programm nehmen wir sehr ernst und die Verhältnisse in ganz Europa, die trostlose Lage der aus Rußland und Rumänien vertriebenen Juden, die nicht minder trostlose Lage der Juden in Galizien, welche sich Tage vergrößerte sich die Kluft zwischen Jakob und seiner Mutter. Einem Brande gleich, der Häuser und Paläste an allen Ecken ergreift, sie zerstört und dann zischend erlischt, sobald er Wasserstrahlen begegnet, flammte die Revolution in Südrußland auf, breitete sich über Land und Stadt aus und zerschellte endlich an kalten Gewehrläufen und kühl besonnener Uebermacht. Als Barrikaden die Gassen Odessas versperrten und die vernichtete und aufgeriebene Schar der Verteidiger die Stadt nicht mehr zu schützen vermochte, betete Perei in kindlich fester Zuversicht, daß ihr Sohn von Unheil bewahrt werde. Und als Genossen Jakob heimlich ins Haus brachten und er fiebernd, aus einer Kopfwunde blutend im Bette lag, da sprach ihr Mund zum ersten Male sinnlose Worte, die Niemand begriff, Niemand zu deuten wußte: Jakob, bleib’ ruhig liegen.Gottes Prüfung währt nicht mehr lange,-weit erstrecken sich sonnige Ebenen und Juden, glückliche, frohe Menschen wandern umher.“ Manchmal schien sie aus tiefem Schlaf zu erwachen, betrachtete mit erstaunten Augen Jakob, streichelte seine Stirn und bat ihn mit zärtlichen Zureden: „Versprich mir Kind, daß Du nie Anderen folgen wirst, jenen Anderen, die dich verführt und in einer wirtschaftlichen Dekadenz befinden, zwingen uns, diesem Punkte unseres Programms intensive Aufmerksamkeit zu widmen und dafür ernst und mit Aufopferung aller Kräfte zu arbeiten. Die Schaffung' eines Kultusgemeindebundes. Der zweite Weg ist der Weg der Selbsorganisation und der Selbsthilfe. Diese Selbsthilfe kann vornehmlich in den Kultusgemeinden durchgeführt werden, aber nur dann, wenn Schichten des jüdischen Volkes zur Betätigung in denselben zugelassen werden. Wir verlangen daher von der Regierung, daß sie eine solche Zusammensetzung der Kultusgemeinden ermögliche, welche alle Schichten der jüdischen Bevölkerung zur Verwaltung der Kultusgemeinden zulasse. Leider sind die Kultusgemeinden von der größten bis zu der kleinsten, von der in Wien und Lemberg bis zu der kleinsten in Galizien, infolge eines reaktionären Wahlrechtes wenigen Cliquen ausgeliefert, welche diese Mandate nur als Ehrenstellen und nicht als Beruf zur Erfüllung sozialer Arbeit betrachten. Diese Cliquen werden von der Regierung in ihren Bestrebungen geschützt und trotz wiederholter Aufforderung unternimmt sie nichts, um die Wahlordnung in den Kultusgemeinden abzuändern und das Volk zur Selbstverwaltung gelangen zu lassen. Auch reichen die Kräfte der einzelnen Kultusgemeinden nicht aus, um die allgemeinen jüdischen sozialen Aufgaben zu erfüllen. Zu diesem Zwecke müssen Verbände der Kultusgemeinden geschaffen werden, und zwar Landesverbände und ein Reichsverband, welche alle jene Aufgaben auf sich nehmen würden. Die Schaffung dieser Landesverbände und des Reichsverbandes wurde schon im Gesetze von 1890 angekündigt. Wir haben wiederholt an die Regierung appelliert, sie möge eine diesbezügliche Vorlage dem Hause unterbreiten, wir haben ihr Musterstatuten und Musterprojekte vorgelegt. Leider hat die Regierung bisher nichts unternommen, um ernstlich die Erfüllung dieser Forderung zu veranlassen. Wir sehen also, daß die Regierung nicht nur ihrerseits keine Maßnahmen zur Linderung der Judennot ergreift, sondern nicht einmal unseren eigenen Bestrebungen hierzu ihre Unterstützung angedeihen läßt. Insolange aber die Regierung iu ihrer Passivität gegen unsere prinzipiellsten Forderungen verharrt und nicht gewillt ist, wenigstens auf einem Gebiete Wandel zu schaffen, wo keine fremden Rechte tangiert werden, wo auf fremde Interessen nicht übergegriffen wird, solange sie nicht eine ersprießliche Grundlage für die Behebung der Notlage und für die Förderung der sozialen Entwicklung der Juden schaffen will, erklären wir, daß auch wir uns dieser Regierung gegenüber negativ verhalten und darum gegen das Budget stimmen werden. (Bravo!) Kultuswahlen. Großer Sieg der zionistisch-demokratischen Opposition in Bielitz. (Von unserem Berichterstatter.) Bielitz, 21. Juni 1910. Die Losung der Krakauer Tagung war der Kampfruf für die Bielitzer Zionisten: „Stürmt die Kultusstuben!“ Wir haben gestürmt. Schon in der vorigen Nummer dieses Blattes wurde über die lebhafte Agitation berichtet, die von den Oppositionellen entverleitet haben und in meine Arme so blutend zurückgebracht . . . .“ Wenn der Junge sie hastig abgewehrt und im Fieber wieder von Parteiplänen zu sprechen begonnen hatte, verdüsterte sich das Gemüt Pereis und sie verfiel in das alte, monotone Stammeln. Trotzdem teilte sie sich tapfer in die Pflege des Sohnes mit Chaskel. Nächte lang stand sie am Lager des Kranken, den Blick seinem Antlitz zugewandt und betrachtete besorgt die kleinste Verschlimmerung in seinem Befinden. Vielleicht waren es mehr unbewußte, mechanische Funktionen, der Mutterliebe entsprungen, denn Pereis Geist'unmachtete sich stündlich mehr und brach völlig zusammen, als Kosaken ins Haus drangen, um Jakob vor das Kriegsgericht zu schleppen. Chaskel jammerte, fluchte Gott und dem Schicksal und lag gebrochen am Boden, gleichgültig gegen die ganze Umgebung und den Spruch des Gerichtes, welcher ihm seine ganze Habe raubte. Während sich seine Gedanken mit seinem Sohne beschäftigten, verbarg sich Perei in einer Zimmerecke und verriet keine Anteilnahme; der Vorfall rührte nicht an ihren Gefühlen, welche sich in den dunklen Irrgängen des Wahnsinnes verloren hatten. Die Abwesenheit Jakobs deutete sie auf eigene Weise: „Ich ahnte es ja,“ wiederholte sie Leuten, die ihr Mut zusprechen wollten, — „er war immer ein gehorsamer Sohn und nun hat er es getan; wie

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