Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NRTIDNRt ■JUDI5CHE5 \ p.R.™ m Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. —_Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte wetden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjahr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.-. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.-, halbjähr. Mk. 5.-, Vierteljahr. Mk. 3.-. Für das übrige ******* ******** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 25. Wien, Freitag dön 24. Juni 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Budgetrede des Abg. Dr. Gabel. Sieg der Zionisten bei den Kultuswahlen in Bielitz. Budgetrede des Abg. Mahler. (Schluß.) Perei Bibring. Von W. O. Strisovver. Aus dem jüdischen Leben. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Rede des Abg. Dr. Gabel in der Budgetdebatte am 15. Juni 1909. Neoslawismus und Judenverfolgung. Meine Herren! Der heftige Streit, welcher sich in diesem Hause um den Neoslawismus und seine Betätigung in Oesterreich entwickelt hat. zwingt auch uns Juden zur Stellungnahme, und zwar nicht nur deshalb, weil die Juden als dritte Nation in Galizien, dem Lande, wo der Neoslawismus seine praktische Betätigung finden soll, wohnen, sondern auch deshalb, weil die Juden in Rußland die Folgen dieser Idee am eigenen Leibe verspürt haben. Es unterliegt für mich ja gar keinem Zweifel, daß die Vertreter der neoslawistischen Idee in diesem Hause keine Hochverräter sind und daß sie nicht-darnach -streben; unter -das Zepter des weißen Zaren zu kommen. Aber gegen die Vertreter dieser Idee in Rußland hegen wir starkes Mißtrauen und die Beziehungen, welche diese Leute zu den offiziellen Kreisen unterhalten, erfüllen uns mit Abscheu. In Rußland sind gerade die Juden das Objekt, an welchem die russische Regierung und ihre Helfershelfer ihre blutrünstigen Instinkte am schrecklichsten auslassen. Die Geschichte der Juden in Rußland ist eine Kette der qualvollsten Martyrien. Schon in den achtziger Jahren sehen wir, daß in 224 Städten und Märkten Pogrome gegen die Juden veranstaltet wurden. Im Jahre 1905 wurden vom 18. bis 29. Oktober, das ist in zehn Tagen, nicht weniger als 690 Pogrome veranstaltet, in welchen es — nach amtlicher Statistik — 876 Tote und 1770 Verletzte gab. 325 jüdische Witwen, 166 ganze und 1197 halbe Waisen sind zurückgeblieben. Im ganzen sind anläßlich dieser Pogrome 200.000 Juden zu Schaden Perei Bibring. Von Wilhelm Oskar Strisower (Wien). Im Hafenviertel von Odessa, dort, wo alte, verfallene Häuser ihre Dächer tief zur Erde neigen und Unrat in den Gassen umherliegt, drang einmal aus einer ebenerdigen Wohnung lautes Jammern an mein Ohr. Bestürzt blieb ich stehen und warf den Blick durch das halboffene Fenster in’s Innere der Stube. Das sonderbare Bild, welches sich mir bot, fesselte meine Blicke. An ein Bett gelehnt, die Hände vor dem Gesichte, saß ein alter Mann. Zerfetzte Kleider hingen an seiner mageren Gestalt und hoben sich und sanken beim Schluchzen, das seine Brust erschütterte. Sein monotones Weinen erfüllte die Stube, in deren dunklen Ecke eine Greisin im Lehnstuhle saß. Ihre Hände waren auf einem Buch gefaltet; friedlich, fast heiter blickten die grauen Augen in die Ferne und der Mund flüsterte leise, mir unverständliche Worte. Als ihre Blicke meine Gestalt streiften, erhob sie sich und eilte mit kleinen, raschen Schritten auf das Fenster zu; plötzlich lehnte sie sich hinaus und erfaßte meine Schulter, bevor ich mich dessen versehen konnte. „Chaskel“, rief sie dem alten Mann zu, — „ Jakob ist da, er ist gekommen, ich wußte es ja, Jakob ,..“ gekommen. Der Wert dessen, was den Juden gestohlen und geraubt wurde, wird auf 62 Millionen Rubel fixiert. Die damäls an den Juden verübten Greueltaten spotten jeder Beschreibung. Ein kleines Beispiel sei aus dem von der zionistischen Organisaton herausgegebenen Werke „Die Judenpogrome in Rußland“ zitiert (liest): „Die Mördereien nähmen in Odessa gleich von vornherein die schrecklichsten Formen an. An eine Passantin lief man hferan und zwang sie, den Mund zu öffnen, steckte den Revolver hinein und feuerte los... Augenzeugetierzählen von Schändungen kleiner Mädchen und Vergewaltigungen verheirateter Frauen, denen die Täter die Brüste abschnitten, um sie zu zerstückeln und aits den Fenstern hinauszuwerfen. Kinder wuJden Von den oberen Stockwerken hinabgeschleudert; es gab Fälle, da Säuglinge in Teile zerrissen wurden . . . Auf den jüdischen Friedhöfen liegen Leichname und im Krankenhause Verwundete mit abgeschnittenen Körperteilen; auch Kastrierungen kamen vor. Im Vorort Moldawanka stürmte ein Kosak in eine Wohnung und erklärte den Frauen, daß er sie durch die Bank niederzuschießen beabsichtige; sie möchten ihm selber angeben, mit wem er den Anfang machen solle. Zwischen dem Vater und der Mutter entspann sich ein Streit: ein jeder wollte das erste Opfer sein . . . ln der Synagoge „Matlas El“ im Vororte Peressyp schlitzten die Hooligans dem Sohne des Bethausdieners den Bauch auf und zwangen den Vater, das religiöse Gewand umzulegen und über dem Sohne ein Gebet zu lesen . . .' Einen Jüngling ergriffen Soldaten und befahlen ihnt> die Hände, hochzuheben geradezustehen. Dann begann die Abteilung zu zielen. Ein vorübergehender Offizierhielt diese blutige Aktion auf, aber der Jüngling war im Nu ergraut. Auch ganze Familien (Dawidowitsch, Weitzmann und andere) wurden vernichtet. Auf der Moldawanka töteten die Hooligans Vater und Multer vor den Augen ihres einzige zehnjährigen Sohnes. Der Knabe verlor den Verstand.“ Diese und ähnliche Szenen ereigneten sich fast bei jedem Pogrom und sie liefern den besten Beweis, was für Früchte die panslawistische Strömung gezeitigt hat, welche Roheitsexzesse des Volkes gegen die friedliche jüdische Bevölkerung sie zur Folge hatte. Zu Zeiten, in welchen die Bevölkerung für Pogrome nicht zu haben war, hat die Regierung Rechtsverfolgungen der Juden auf eigene Faust betrieben. Wir sehen, daß in den pogromfreien Jahren 1882 bis 1902 von der Regierung in jedem Jahre Gesetz auf Gesetz erlassen wurde, welches die Rechte der Juden immer mehr beschränkte. So j Der Schluß entging mir, weil der Alte die Greisin mit zarter Gewalt am Arm ergriff und sie in den Lehnstuhl zurückführte. Dort blieb sie in derselben Stellung sitzen, in der ich sie angetroffen, die Augen unruhig und forschend auf mich gerichtet. Ich aber entfernte mich bald, mit der Ahnung, daß hinter dem sonderbaren Gebahren eine Tragödie verborgen sein müsse. Die Szene, die sich vor mir abgespielt, wurde mir erst von Nachbarn, armen gedrückten Lastträgern und Arbeitern des Viertels, erklärt, als ich ihnen am Heimwege das seltsame Abenteuer erzählte. Die Bibrings gehörten vor etlichen Jahren zu den angesehensten Familien dieser winkeligen, finsteren Gassen, in denen die Not täglich ihr Lied singt. Chaskel besaß einst einen Juwelierladen und zählte zu seinen Kunden wohlhabende Bürger, ja sogar den Stadthauptmann von Odessa selbst. Mit kleinem Profit zufrieden, prellte er nie die Käufer, die gerne jeden Preis, welchen Chaskel verlangte, zahlten. Seine Frau, Perei, die aus guter bürgerlicher Familie stammte und in Zucht und alter ehrbarer jüdischer Tradition erzogen war, holte er sich aus Russisch-Polen. Unter ihrer Hände stiller Arbeit hatte sich ein Sonnenschein ruhigen Glückes über das Heim ihres Gatten entfaltet und Wohlstand ins Haus gebracht. Gottes Segen schenkte den Eheleuten ein Kind, Jakob, das sie mit abgöttischer Liebe und wurde den jüdischen Handwerkern verboten, Ma schinen zu verwenden. Es wurde den Juden ver boten, Landwirtschaft zu betreiben. Viele Gewerbe wurden den Juden direkt untersagt; selbst den Kaufleuten der ersten Gilde wurde verboten, Handlungsgehilfen und Hauspersonal außerhalb des Ansiedlungsrayon' zu halten. In der letzten Zeit hat man die Juden sogar aus den Bädern vertrieben; man gestattet nicht einmal den Kranken, Heilung zu suchen. Wir lesen fortwährend von Austreibungen der Juden sogar aus den Städten und Orten, wo sie jahrzehntelang wohnten und einem ehrlichen Berufe nachgegangen sind. Die Juden werden gegenwärtig aus den Gouvernements Pakow, Berdiczow, Libau. Taschkent, Kiew in Massen vertrieben und wo man nicht die Eltern selbst austreiben kann, trennt man sie von ihren im zartesten Alter stehenden Kindern, indem man diese über die Grenzen bringt. Die Zeitungen melden, daß, als diese Vertriebenen sich auf eine gewisse Zeit in die umliegenden Wälder geflüchtet hatten, das Militär diese Wälder umzingelte und die Juden wie wilde Tiere aus diesen Wäldern verjagte. Angesichts dieser Tatsachen müssen wir vor der ganzen zivilisierten Welt einen scharfen Protest gegen dieses erbarmungslose Vorgehen der russischen Regierung erheben. (Zustimmung.) Wir appellieren an die Kulturwelt, daß sie, wie im Falle der Finnländer, der unterdrückten Polen und Ruthenen in Rußland, sich auch der Juden annehme und in Publikationen und Manifestationen kundgeben möge, daß.das offizielle Rußland alle Pflichten der Menschlichkeit mit Füßen tritt. (So ist es!) Wir aber werden, so lange diese Zustände anhalten, den Vertretern der panrussischen Idee, ebenso den Vertretern des Neoslawismus, insoweit sie in Verbindung mit den offiziellen Kreisen Rußlands stehen, nur mit Mißtrauen entgegentreten und sie aus tiefster Seele verabscheuen. (Sehr richtig!) Das Judenelend in Oesterreich. Ich gehe nun an die Besprechung der Verhältnisse der Juden in Oesterreich, insbesondere in Galizien und in der Bukowina. Es ist ja wahr, daß in Oesterreich von Pogrom und ähnlichen Verfolgungen nicht die Rede sein kann, nichtsdestoweniger wird die wirtschaftliche Lage der Juden von Tag zu Tag schlechter, nichts geschieht zur Besserung ihrer Lage, nichts seitens der berufenen Organe, was eine Linderung der Judennot herbeiführen könnte; im Gegenteil, es werden von dieser Seite Maßregeln getroffen, durch welche große Reihen jüdischer Familien an den Bettelstab ge- Zärtüchkeit umgaben. Das alles währte lange, lange Jahre. Bis die revolutionäre Bewegung mit ihren lärmenden, die Jugend irreführenden Idealen, dem Waffengeklirr und Barrikadekämpfen, ihren Opfern an Leben und Vermögen hereinbrach. Jakob, der dank seiner Mutter bis zum fünfzehnten Lebensjahre in einer Atmosphäre jüdischen Glaubens und hoffnungsvoller Zuversicht gelebt hatte, wandte sich dem Tischlerhandwerk zu und kam in Berührung mit sozialistisch-radikalen Gruppen des Arbeiterverbandes. Mit ängstlichen Augen hatte Perei die Schritte ihres Sohnes bewacht, ihn monatelang von seiner Werkstätte abgeholt, um zu verhindern, daß er diesen Idealen, welche sie in ihrem naiven Gemüte für verderblich hielt, nähertrete. Aus östlichen Bezirken Polens gebürtig, war Perei in jenem Glauben an das zum neuen Leben erwachte jüdische Volk aufgewachsen, welcher aus Westeuropa langsam durchsickerte. Fast unbewußt vermengte sich ihr Hoffen auf eine lichte Zukunft mit dem tief religiösen Empfinden und als sie Jakob zur Welt brachte, festigte und wuchs mit jedem Tage der Wille in ihr, ihr Sohn möge denjenigen Pionnieren jüdischer Tat folgen, welche in Palästina der Wiedergeburt den Boden geebnet haben. Ihre Seele stand dem Leiden Rußlands nicht gleichgültig gegenüber, sympatisierte sogar mit sozialistischen Tendenzen, hing aber mit ungleich größerer Zu“