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Jüdische Zeitung · 1910-06-17 · 24 (17.6.1910) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
24 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 24 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5. Agrarier, den Fortschrittlichen und Rückschrittlichen wahllos zusammen. Außerdem aber findet dieses Prinzip eine unüberschrcitbare Grenze an der Nationalität; jeder weitere Zusammenschluß muß immer etwas Willkürliches an sich haben, zum Beispiel könnten die Italiener ebensogut mit den Ruthenen wie mit den Polen in einem Bündnis sich zusammenfinden, da ihnen eben gar nichts gemeinsam ist. Und so kommt man denn zu so — ich will mich höfu'ch ausdrücken — absurden Anschauungen, die Wirtschaftspolitik oder die Stellung zu den großen Kulturfragen von der Nationalität abhängig machen zu wollen. Aber die Logik der Tatsachen ist immer stärker als der Unverstand der Politiker. Trotz allem Deklamieren wird es nie gelingen, die Pellagra in Südtirol zu einer italienischen, den Hungertyphus in Ostgalizien zu einer polnisch-ruthcnischen und das Massenelend der Juden zu einer rein jüdischen Frage zu machen. Aber auch die Zahlen der Volkswirtschaft werden sieh stets der rein nationalen Beeinflussung entziehen. Wenn der galizische Bauer durch die Not zur Auswanderung getrieben wird, wenn die Industrie darnieder.iegt und Tausende von Arbeitern brotlos werden, dann hört die Kunst einer deutschen, tschechischen, polnischen odar einer Wirtschaftspolitik welcher Art immer auf, dann gibt es nur eine Volkspolitik, dann gilt es einen gemeinsamen Boden suchen, auf dem sich alle finden können, die ehrlich streben und ehrlich wollen, dann heißt es, einer höheren Parole folgen, um die sich die Mannen scharen können, und die kann nur sein: Fortschritt und Entwicklung in voller Freiheit. Es ist auch selbstverständlich, daß in der Stellung zu allen anderen von mir erwähnten Beziehungen einzig und allein das Moment der Weltanschauung das maßgebende sein kann. Wer da etwa sagi: Ich bin mir national, die Kultur, Entwicklung und Freiheit kommen gegenüber den nationalen Forderungen nicht in Betracht, der wird dadurch aus einem Nationalen zum Barbar. Die Nationalität scheint mir eines der höchsten Güter der Menschheit, mir dünkt das Volkstum als Ausentwicklung der Familie ebenso heilig wie diese. Wer aber die fremde Nationalität nicht achtet, der aus der eigenen Nationalität sich nur das Recht ableitet, die des anderen rücksichtslos zu bekämpfen und zu schädigen, dem bei dem skrupellosen Durchsetzen derselben Kultur und Kulturwerte zur Wertlosigkeit werden, der gleicht jenen Barbaren des Mittelalters, die die herrlichsten griechischen Statuen dazu benützten, sie als Wurfgeschosse zu schleudern und ihre Gegner unter ihnen zu begraben. Kultur und Freiheit sind viel zu kostbare Güter! Hüten Sie sich, die Kultur mit der Nation zu erschlagen, die Nationalität und das Volkstum sind etwas viel zu Erhabenes, als daß man aus ihnen Barrikaden gegen Freiheit und Entwicklung bauen dürfte. ■ Ich weiß leider sehr wohl,-daß all diese meine Ausführungen nutzlos sind und daß, wer also spricht, als unpraktischer Träumer gilt, seine Worte nur Lufterschütterungen sind, besonders wenn sich der Betreffende nicht auf eine stattliche Anzahl von Genossen zu stützen vermag. Aber gegenüber einem eventuellen Vorwurf eines unfruchtbaren Doktrinarismus will ich auf England verweisen, wo der Parlamentarismus nicht etwas künstlich Geschaffenes, auf die Bevölkerung Aufgepfropftes, sondern aus dem Volke Hervorgewachsenes ist und wo die Stellungnahme gegenüber allen großen, das Land bewegenden Fragen sich unter dem Gesichtswinkel von konservativ und liberal vollzieht und wo das, was die Ueberlegung als unbedingte Forderung für die Gesundung der österreichischen Verhältnisse uns zeigt, seit langem bereits als selbstverständlich gilt. Wenn wir auf eine Gesundung der österreichischen Verhältnisse rechnen, werden auch wir uns zuidiccon Forderungen, die bei uns heute noch parodox erscheinen, bekennen müssen. Unsere Universitäten. Meine Herren! Wir stehen mitten in der Budgetberatung, wir sollen den Staatsvoranschlag prüfen und begutachten. Von diesem aber ist in den meisten Reden nicht viel die Rede. Wünsche, Vorwürfe und Anklagen, das hören wir. Gewiß wäre es zu viel verlangt, daß jeder einzelne das komplizierte und vielfach noch komplizierter gemachte Gewebe, des B.udgets kunstgerecht zerfasere, jenes Gewebe mit dem wir die Blöße unserer wirschaftlichen und kulturellen Armut nur sehr notdürftig verhüllen. Was man aber ruhig verlangen kann, ist, daß jeder einzelne das Budget daraufhin anschaue, was es für die Entwicklung und den Fortschritt unseres wirtschaftlichen und kulturellen Lebens bietet. Dazu braucht man kein hervorragender Nationalökonom zu sein, dazu genügt es, diese Frage als vitale anzuerkennen und sich für sie zu interessieren. Es ist in diesem hohen Hause von sehr autoritativer Seite das Wort gefallen: Unsere Universitäten verdorren! Ich kann mir nicht leicht etwas Furchtbareres denken: Unsere Universitäten verdorren! Heißt das nicht, daß der Gipfel des Baumes abstirbt, daß das Wachstum aufhört, die Kräfte nicht mehr zirkulieren? Dabei aber kämpfen die einen Völker mit Einsetzung ihres ganzen Wesens um die Erlangung einer Hochschule, die Italiener um den Standplatz ihrer Fakultät. Ich fürchte beinahe, daß es bei diesem Zwist um die Städte Wien, Triest, Mödling, Görz, Graz so gehen wird, wie es die berühmten indischen Yoghis machen. Die pflegen den europäischen Wanderern das Kunststück vorzuzeigen, daß sie sich zuerst Bälle zuwerfen, dieselben dann in die Höhe schleudern, wo sie verschwinden. Ich fürchte, man wird dasselbe Kunststück mit der italienischen Fakultät auiftihren wollen. Diese italienische Fakultät ist ein Schulbeispiel für die Schädlichkeit, kulturelle Fragen als politisch anzusehen. Bei entsprechend hochentwickelter Kultur ist die Hochschule die logische Konsequenz der Entwicklung und niemand wird der italienischen Kultur die Höhe absprechen. Waren es doch die Hochschulen von Padua, Salerno, die für ganz Europa vorbildlich gewesen sind und es ist zumindest eine Dankespflicht, für diese Lehrmeisterrolle nun auch die entsprechende Gastfreundschaft in Oesterreich zu gewähren. Wer da glaubt, daß eine Hochschule ein Ding an sich ist, das von seinem natürlichen Boden losgelöst werden könne, der kennt das Wesen der Hochschule nicht. Die Hochschule gleicht einem Baume, der nur im heimatlichen Boden existieren und gedeihen kann. Aus diesem Boden saugt sie die Kraft; wenn man ihr diesen Boden entzieht, wenn man sie in einen fremden transplantiert, kümmeit sie und geht ein. Was für die italienische Hochschule gilt, gilt j auch für die anderen. Meine Herren! Einem Volke seine Hochschule verweigern, heißt nichts anderes, als einem jugendlichen Organismus die Nahrung entziehen, derer er zu seiner Entwicklung zu einem lebensfähigen Organismus bedarF, heißt ihn künstlich verkrüppeln wollen und vergessen Sie nicht, daß der Krüppe!, der Zwer., heimtückisch und bösartig, sich immer für das ihm angetane Unrecht zu rächen sucht. (Zustimmung.) Unsere Universitäten verdorren, so sagte Baron Chiari und in der vor kurzem abgeführten Debatte über den Dringlichkeitsantrag wegen Ausgestaltung der Hochschulinstitute wurde viel von den Mängeln nach dieser Richtung gesprochen. Aber täuschen wir uns nicht, diese Einrichtungen sind noch lange nicht alles und die schönsten Institute, die prächtigsten allein vermögen noch nicht die Blüte des geistigen Lebens zu gewährleisten. Pasteur hat seine grundlegenden Forschungen und heute noch nachwirkenden Entdeckungen in einem schmalen Zimmer mit den primitivsten Apparaten gemacht und aus manchen mit einem Miüionenaufwand erbauten amerikanischen Instituten sind bisher noch keine großen Leistungen hervorgegangen. Ich möchte nicht mißverstanden werden, ich 'will beileibe nicht ein Wort gegen die Ausgestaltung und ausgiebige Dotierung unserer Institute sagen, im Gegenteil, ich anerkenne voll und ganz den Wert dieser Einrichtungen für Forschungs- und Lehrzwecke, aber ich möchte vor der Täuschung warnen, daß damit bereits alles getan sei. Maßgebend ist ia nur der Geist, das Können, das in diesem Institute lebt und wirkt, hier ist nur das Beste gerade gut genug, dies Beste aber nur dann erreichbar, wenn die Kräfte frei sich messen können; nicht wer er ist, dürfte man beim Hochschullehrer fragen, sondern wie er ist und was er kann; aber man hat das nationale und konfessionelle Moment hineingetragen in den freien Wettbewerb der Geister und damit die Wissenschaft herabgewürdigt. Es genügt im allgemeinen, daß einer ein Jude ist, um ihn von allen Lehrstellen von vornherein auszuschließen. (Abgeordneter Tomola: „Versuchen Sie doch, eine nationale Universität zu erlangen!) Ich möchte dem gegenüber, Herr Kollege, feststellen, daß die Wissenschaft und ihre höchsten Errungenschaften weder national sind noch Eigentum des einzelnen bleiben. Das wird international und wer die Wissenschaft mit nationalen Grenzpfählcn zu umgeben sucht, schließt sich selbst mit einer chinesichen Mauer ein. Gewiß. Sehen Sie nach Deutschland, meine Herren! Schaut die Berliner Universität darauf, welcher Nationalität einer angehört? Sucht sie nicht die besten Leute aller Nationen heranzuziehen? Tauscht man dort nicht die Professoren aus? Seien Sie in allem national. Sie werden dadurch schon selbst ad absurdum geführt werden, aber die Wissenschaft ist das Allgemeingut der Menschheit, sie entzieht sich nationalen Grenzpfählen, bei ihr kommt das Höchste, was es für den Menschen gibt, in Betracht; wer da die kleinen nationalen Fragen hineinträgt, versündigt sich an den höchsten Gütern der Menschheit. (Abgeordneter Tomola: Sie mißverstehen das Ganze! Ich will nur. Sie sollten für sich dasselbe verlangen, wie für die Italiener, Slowener usw.) Vorläufig verlange ich, daß man bei Besetzung von Hochschullehrstellen nicht danach fragt, wer einer ist, sondern wie er ist. Wenn Sie das tun werden, werden die Universitäten auch blühen. Wenn Sie aber zuerst danach fragen, was für einen Stammbaum jemand hat, welcher Parteirichtung er angehört, werden Sie vielleicht ausgezeichnete Parteileute mit einem einwandfreien Stammbaum auf den Hochschulen haben, aber keine ernsten Forscher mehr, dann lehren Sie die Leute nicht mehr der Natur, sondern den Couloirs ihre Geheimnisse ablauschen, damit entehren Sie aber die Wissenschaft und drücken sie herab. (Abgeordneter Anderle: Hie und da ist es gut, wenn man den Stammbaum anschaut!) Wenn man eben nichts anderes studiert hat dann studiert man den Stammbaum, wenn man zu allem anderen zu schlecht oder zu dumm ist. Wenn man aber bei den Juden auch ’anfängt, täuschen Sie sich nicht, man hört bei den Juden nicht auf, dann schließt man die anderen Minoritäten vom Wettbewerb aus, dann verdorren die Hochschulen, und so fällt jedes den Juden angetane Unrecht auf die Täter zurück und die Protektion hat die Zivilisation erschlagen. Die Juden in Galizien. Ich sage, daß jedes den Juden angetane Unrecht auf die Täter selbst zurücklallt. So ist es auch in Galizien. Jahrhunderte lang hat man dort wie überall die Juden vom Grundbesitz ausgeschlossen und in uen Zwischenhandel hineingedrängt. Da dieser nun immer mehr zurück, respektive in nichtjüdische Hände übergeht, so entwickelt sich ein Massenelend, das schlimmer ist als alles, was sich die Phantasie des Westens vorstellen kann und dies Massenelend ist heute nicht mehr eine rein jüdische Angelegenheit, sondern eine Katastrophe für ganz Galizien, es ist derart, daß jede Privatiiirsorge, mag sie noch so weitgehend sein, versagen muß. Und als ob man diesen Pauporisinus noch künstlich verschärfen wollte, hat man ein Sonntngsruhegesetz geschaffen, das überhaupt jede Möglichkeit einer wirtschaftlichen Erhebung den Juden benimmt. ich möchte wieder nicht mißverstanden werden; ich glaube durch das, was ich einleitend gesagt habe, mich vor dem Verdachte des Kierikalismus geschützt zu haben, aber, meine Herren, es ist eine Tatsache, an der alle Tiraden nichts zu ändern vermögen, daß die weitaus überwiegende Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung Galiziens mit unendlicher Zähigkeit an der Sabbatheiligung festhält und lieber hungert als nach ihrer Ansicht den Sabbat entweiht. Man hat leicht sagen: gehet hin und kläret die Leute auf. Wenn Sie sich die religiöse Enge und formalistische Zähigkeit vor Augen i halten, wie sie so entsetzlich kraß sich in dem von Herrn Diamand geschilderten Falle zeigt, dann wird mir jeder zugestehen, daß mit Aufklären, mit Reden und Broschüren nicht zu helfen ist. Dann kann nur eines helfen: Schulen und immer mehr Schulen und da ist es noch nicht leicht, diese im dunkeisten Vorurteil befangene Bevölkerung zum Schulbesuch zu erziehen. Diese einzig mögliche Art der Aufklärungsarbeit braucht aber die Zeit einer vollen Generation; solange diese Generation nicht herangewachsen ist, kann man die heutige nicht verhungern lassen, solange hat man mit den gege benen Fakten zu rechnen. Außerdem wissen diejenigen, die die gaüzischen Verhältnisse kennen, welche unendliche Schwierigkeiten sich dort der Ausbreitung der Schulbildung entgegensteüen. Da nun angesichts des Landhungers der bäuerlichen Bevölkerung und der zu beschaffenden ungeheuren Kapitalien an eine Agrisierung der Judenschaft im großen nicht zu denken ist, so bleibt der einzige Ausweg: Die Industrialisierung. Mit viereinhalb Tagen Arbeitszeit kann aber heute keine Industrie existieren. Die Sonnlagsarbeit verbietet das Gesetz, am Samstag kann die Masse der in Betracht kommenden Juden infolge ihres Glaubens nicht arbeiten, im Winter sogar kaum mehr am Freitag nachmittags. Was bleibt also diesen Hunderttausenden übrig als auszuwandern oder elend zu verhungern? Nach dieser Richtung ist sogar das barbarische Rußland menschlicher als unsere angeblich so humane Gesetzgebung, denn wenn dort in einem Betrieb mit nur jüdischen Arbeitern die Samstagruhe streng gehalten wird, so ist die Arbeit am Sonntag zulässig und tatsächlich gibt es eine ganze Anzahl von Unternehmungen, wie die Dnejosprovskaia, die nur mit jüdischen Arbeitern in dieser Form den Betrieb führen. Man wende mir nicht ein, eine solche Forderung sei klerikal, ich kann nämlich nicht verstehen, warum die Samstagruhe klerikaler sein soll als die am Sonntag. (Abgeordneter Höger: Man soll das eben Zusammenlegen!) Dazu haben wir keine Gewalt. (Schluß in der nächsten Nummer.) Parteinachrichten. Die Jahreskonferenz in Berlin. Die jahreskonferenz findet Montag den 27. und Dienstag den 28. Juni d. J. in Berlin, im Hotel Esplanade, Bellevuestraße 17-18, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Wahl eines Ausschusses des Großen Aktionskomitees, Antrag des Engeren Aktionskomitees: Die Jahreskonferenz wählt ein Komitee von 6 Mitgliedern, bestehend aus dem Vorsitzenden des Direktoriums des JCT., dem Vorsitzenden des Direktoriums des JNF. und vier weiteren Mitgliedern des AC. als einen ständigen Ausschuß des Aktionskomitees. Dieses Komitee beschließt gemeinschaftlich mit dem EAC. über alle erforderlichen Maßnahmen der Organisation und tritt mindestens alle 3 Monate regelmäßig zusammen. 2. Presseangelegenheiten. 3. Organisation. a) Kongreßbeschluß: Es wird dem Großen Aktionskomitee überlassen, bis zum nächsten Kongreß ein Statut auszuarbeiten, dessen Beratung den ersten Punkt der sachlichen lagesordnung des nächsten Kongresses bilden soll. (Das EAC. legt der Jahreskonferenz einen Entwurf vor.) b) Federationsangelegenheiten. 1. Order Knights of Zion. 2. Order of Ancient Maecabeans. c) Antrag Dr. Bernstein-Kohan. (Vom Kongreß dem AC. überwiesen.)

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