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Jüdische Zeitung · 1910-06-17 · 24 (17.6.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
24 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 24 Der Römer vom Salzgries. Der Abg Kuranda, der die jüdische Wählerschaft bisher nur durch Unterstützung getaufter Gemeinderatskandidaten vertreten hat, deklarierte sich in der Sitzung vom 12. Juni 1910 als warmer italienerfreund*. (Gelächter bei den Italienern) Von Venedig bis Sizilien Jauchzen sämtliche Familien, Schmackhafter wird die Polenta, Friedlicher die Irredenta Und im hohen Petersdom Danket Gott das gläub’ge Rom! Denn dem Reiche der Caesaren Ist ein Gaudium widerfahren, Wie seit Garibaldis Tagen Sich’s noch niemals zugetragen; Damals ward das Volk geeint — Jetzt, jetzt hat es einen Freund. Einen Freund und was für einen! Alles, was da macht in Leinen, Wolle, Gradl (letzte Neuheit!) Deutschtum, Hosen, Socken, Freiheit, Kennt ihn! Stolze Römer, Euch Ruf ich drum ein kräftig: Schkojch! Wie der Grieche den Lord Byron Wird jetzt Rom Kuranda feiern, An der Tiber hellen Wellen Wird man ihm ein Denkmal stellen, Mit dem Spruch am Marmorblock: Roma seinem größten Schmock! Beda. Budgetrede des Abg. Dr. Mahler, Mitglied des „Jüdischen Klub“. (Gehalten in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 13. Mai 1910.) Irrwege der österreichischen Politik. Meine sehr geehrten Herren! Wer es einmal versucht hat, einen Ausländer in die Mysterien-und Irrgänge der österreichischen Politik einzuführen, wird mit Schrecken wahrgenommen haben, wie alle die Begriffe und Vorstellungen, mit denen wir als fast selbstverständlichen zu operieren gewohnt sind, diesem vollkommen unzugänglich und unbegreiflich erscheinen. Die Verwirrung beginnt bereits beim Namen Zisleithanien, westliche Reichshälfte, die im Reichsrate vertretenen Länder, alle diese Umschreibungen täuschen niemand, denn höchstens uns selbst über die Tatsache, daß wir, ein Peter Schlemihl, zwar nicht unseren Schatten — denn Schatten haben wir genug und sind sogar ganz schwarz — aber unseren guten alten historischen Namen verloren haben und daß wir namenlos sind wie der Jammer, der bei uns herrscht. Beim Dualismus wird sein Verständnis schon vollkommen versagen, höchstens könnte man noch versuchen, ihn als eine societas leonina klar zu machen, bei der wir aber nicht der Löwe sind, und als ein kunstvolles, aber teueres Mittel, allen modernen Fortschritt zu hemmen und das Mittelalter — vide Militärstrafprozeßordnung — zu konservieren. Nun aber gar die rein innerpolitischen Verhältnisse! „Los von Rom!“ und „Hin zu Rom!“ reichen sich brüderlich die Hand, dann wieder sitzen Klerikalismus und radikaler Freisinn friedlich beisammen. Das Budget weist ein offenes und verhülltes Defizit von einer kaum dagewesenen Höhe auf und daher zerbricht' sich das Haus den Kopf über die Seitengewehre der Veteranen. (Zwischenrufe.) Es wird eine drakonische Geschäftsordnung beschlossen, die den Präsidenten mit einer unerhörten Machtfülle ausstattet und schon den Schein einer Obstruktion unmöglich macht, und dabei befinden wir uns zwar heimlich, aber doch zweifellos - geben wir uns keinen Täuschungen hin — in statu obstructionis. Man darf keinen Verstand haben oder muß verzeihen Sie den harten Ausdruck - österreichischer Parlamentarier sein (Heiterkeit), um über so viele Widersprüche und Unmöglichkeiten nicht den Verstand zu verlieren. Vielleicht liegt aber bei genauerem Zusehen auch Methode in diesem Wahnsinn, vielleicht eine Methode, die nicht ganz ungefährlich ist. Meine Herren! Als Mitglied der kleinsten Gruppe dieses hohen Hauses habe ich, da wir ja nichts an diesem Stande der Dinge, ändern können, wenigstens den Vorteil, offen sprechen zu dürfen; wir brauchen noch nicht Meister des Stils zu sein und weise zu verschweigen. Wir als Juden sind auch — und das möchte ich besonders nachdrücklichst betonen und scharf hervorheben — weder Partikularisten noch stehen wir auf dem Isolierschemel. Unser Blick ist nicht sc eng, daß wir glauben würden, das Wohl und Wehe der von uns vertretenen Massen sei ein Ding an sich, das losgelöst von den Problemen dieser Monarchie behandelt werden könnte, und anderseits fühlen wir uns völlig und ganz als Kinder des Landes, als Söhne Angehörige dieses Reiches, die, da es sich auch um ihr Schicksal handelt, verlangen, daß auch ihre Stimme gehört werde und dies als einen wesentlichen Teil der Gleichberechtigung betrachten. Urteil über die Juden. Wir müssen umso mehr Gewicht darauf legen, daß unsere wirklichen Intentionen hierdurch erkannt werden, da es keine Form der Verleumdung gibt, die nicht gegen uns Juden erhoben und speziell gegen unsere Partei geschleudert würde. Nach der Behauptung der russischen Machthaber wären wir Anarchisten, nach der eines Teiles der hiesigen Presse klerikal — beide behaupten, recht zu haben; wäre dem so, dann müßten wir klerikale Anarchisten sein — eine liebliche Zusammenstellung, die leider hur den Nachteil hat, daß man sich sie nicht vorstellen kann. Die einen werfen uns vor, national zu sein, die anderen mit eben so viel Emphase die Intemationalität und so könnte ich noch eine ganze Reihe von Antithesen anführen, die wir entgegen aller Logik in uns vereinen sollen. So sei es mir denn gestattet, meine Herren, durch die Darstellung der Auffassung, die wir von den Verhältnissen haben, darzutun, daß wir weder klerikal noch anarchistisch, weder landfremd noch volksfeindlich sind, sondern im Gegenteil das Wohl der Völker sowie unseres Volkes einzig - und allein in bedingungsloser Entwicklung erblickend, bereit sind, jeder ehrlichen Arbeit des Fortschrittes unsere Kräfte zu weihen, vom Glauben durchdrungen, dem Wohle unseres Volkes am besten zu dienen, wenn wir zum Wohle der großen Allgemeinheit beitragen. Das kranke Parlament. Meine Herren! Der große Künstler und Denker Leonardo da Vinci hat einmal gesagt, daß nur jener arm sei, der viel wünsche. An diesem Maßstab gemessen, sind die Völker Oesterreichs wohl das ärmste, was es gibt. Sie brauchen nur die Desilm Betraum selbst würde für sie ein besonderes Gebet gesprochen. Sonntags fuhr das Ehepaar Montefiore zu dem Bankett beim Generalgouverneur. Es schien, als ob es nicht dieselben Menschen wären, die gestern so bescheiden in der Synagoge gekleidet waren. Sir Montefiore saß stolz aufgerichtet in der roten, reich mit Gold gestickten Sheriffsuniform, an der Seite einen großen, mit Brillanten besetzten Degen, auf dem Kopfe einen mit Straußfedern geschmückten Hut, neben ihm Lady Judith in der prächtigsten Kleidung einer englischen Hofdame. Der hohe polnische Adel war in den Empfangszimmern des Generalgouvemeurs bereits versammelt, als die englischen Gäste eintrafen. Der Hausherr empfing sie in der Vorhalle. Ein polnischer Graf, her an diesem Bankett teilnahm, behauptete, daß die Ohrringe der Lady Judith den Wert aller Güter der anwesenden Magnaten überstiegen. Ein anderer wieder konnte die höhnische Bemerkung nicht unterdrücken, warum man denn so vitJl Wesen von einer Jüdin mache. Im Laufe des Abends lud der Generalgouverneur Str und Lady Montefiore zu einer Vorstellung im Theater ein, die ihnen zu Ehren gegeben wurde, um dem aus allen vier Gouvernements zu den Wahlen versammelten polnischen Adel Gelegenheit zu geben, das würdige Greisenpaar kennen zu lernen. Während der folgenden Tage sprachen viele angesehene Leute bei Sir Montefiore vor, um mit ihm über die Angelegenheit der Juden in Rußland zu beraten, hauptsächlich über den im nächsten Jahre bevorstehenden Zusammentritt einer jüdischen Kommission in St. Petersburg. Viele Juden waren aus der Provinz nach Wilna gekommen um an diesen Beratungen teilzunehmen. Und bis zur letzten Stunde ihres Aufenthaltes in Wilna herrschte diese freudige, gehobene Stimmung. Die Juden verlebten jene Woche in dem erhebenden Bewußtsein, daß diese beiden von Gott gesegneten Menschen in ihrer Mitte verweilten. Unter Tränen und Bezeugungen der Dankbarkeit nahmen die Juden Abschied von dem Greisenpaar. Noch unterwegs an der Landesgrenze feierten Montefiores mit einer Truppe jüdischer Soldaten das Osterfest. Die Verehrung für das Greisenpaar stieg bis zur Vergötterung. Tausende von ihren Bildern wurden hergestellt, und jeder Jude sah es für eine Ehre an, sich auch ein solches Bild anzuschaffen. Noch' jetzt, nach mehr als fünfzigjahren, findet man dieses Bild in guten jüdischen Häusern an der großen Wand über dem Sofa angebracht, und in den jüdischen Herzen haben sich jene Tage unvergeßlich eingeprägt. deratenliste der Budget- und sonstigen Debatten der letzteren drei Jahre durchzusehen und Sie werden Wünsche, Wünsche und nichts als Wünsche finden, aber auch, daß ein großer Teil dieser Wünsche. durchaus gerechtfertigt ist. Vergleichen wir hingegen hiermit, was drei Jahre Volksparlament geliefert haben und sehen wir Budget und Rekruten nicht als produktive Leistungen an, dann kommen wir allerdings zu beschämenden Konklusionen. Wo liegen nun die Gründe dieses Mißverhältnisses? Das Parlament ist nichts wert, sagen die politischen Kannegießer, die mit der Antwort sehr schnell bei der Hand sind, es ist unfähig durch die Unfähigkeit der Erwählten, die jeder Realarbeit gegenüber völlig versagen. Diese Anschauung herrscht seit etwa einem Jahr — ich weiß nicht ob dies bloßer Zufall ist — in der Presse vor. Andere kommen wieder und behaupten: Die Regierung ist an allem schuld, sie, die die Macht hätte gutes zu tun, hindert mit Absicht, aus purer Bosheit, alles Gute, das entstehen könnte. Weder die Regierung noch das Parlament, sondern „die Hofkamarilla ist das Karnickel“ meinen mit schlauem Augenzwinkern die Dritten, die Superklugen. Solche Phrasen sind natürlich völlig wertlos, erklären nichts und bessern nichts; bei den Germanen bestand der Brauch, bei andauernden Unglücksfällen, wenn kein Zauber nützen wollte, den König wegen „magischer Unfähigkeit“ zu töten. Auch bei uns wird bald das Haus, bald die Regierung solch magischer Unfähigkeit geziehen. Es liegt mir nichts ferner als eine Apologie dieser letzteren hier zu liefern, aber gleichwie in der Medizin eine sinngemäße Therapie erst möglich ist, wenn man den Krankheitserreger kennt, so können auch wir erst auf eine Gesundung der Verhältnisse hoffen, wenn wir wissen, woran wir kranken. (Abgeordneter Dr. Sommer: Der Fresl und der Burival sind die Krankheitserreger!) Herr Kollege, ich werde mir erlauben, eine andere Antwort darauf zu geben. Bei der Kompliziertheit der Lebensformen steht der heutige Mensch viel mehr als früher nicht bloß in einem einfachen, sondern in einem vielfachen Verhältnis zur Gesellschaft. Er ist Angehöriger einer Nation, einer Konfession, einer Klasse, einer Berufsschichte und hat eine Weltanschauung. All dies ergibt eine Reihe von Interessen, die für das Einzelindividuum scharf umrissen sind, die aber mit denen eines anderen verglichen, sich mit diesen nur zum Teil decken, zum Teil von ihnen abweichen. Leitende Momente im politischen Leben Oesterreichs. Nehmen wir etwa als Beispiel einen Deutschen. Damit ist schon eine Differenz gegenüber allen anderen Nationen festgelegt. Dieser Deutsche kann aber wieder katholisch oder evangelisch, Bürger oder Proletarier, Städter oder Landbewohner, fortschrittlich oder reaktionär sein. Da wir nun in Oesterreich zehn Nationen haben;: jede -der angeführten Interessensphären in eine ganze Reihe von Unterabteilungen zerfällt, die um die Anerkennung ringen, so ergibt sich bei rücksichtsloser Betonung naturgemäß eineAtomisierung-;des politischen Lebens, ein Zerfall, der innerhalb der Parteien zur Bildung von Interessengruppen führt, so zwar, daß an Stelle der festgefügten Partei der nur lose gefügte Verband treten muß. Nun wird mir aber jeder zugestehen, daß unter den angeführten parteibildenden Elementen nicht alle gleichwertig nebeneinander stehen und daß nur jenes Moment verbandbildend wirken kann, das von der Gesamtheit der Teilnehmer als an Wichtigkeit die anderen Momente überragend anerkannt wird. Bei uns in Oesterreich sehen wir faktisch drei Gesichtspunkte als verbandbildend kebeneinander wirken: Das nationale, das das Klassenmoment und von Fall zu Fall das berufliche. Wir' sehen, wie die Abgeordneten aller Nationen auf Grund des nationalen Gedankens sich zusammenschließen, wir sehen sogar eine Weiterentwicklung dieses Prinzips bei der Unio latina und der Slawischen Union und schon diese Tatsachen beweisen, daß dem nationalen Element der Vorrang vor allen anderen zuerkannt wird. Dagegen ist für die Sozialdemokratie die Klasse die Basis für die Gruppierung und schließlich sehen wir noch, wie gegebenenfalls die Agrarier auf allen Seiten des Hauses sich verstehen und zusammenfinden, also die Berufszugehörigkeit gruppierend wirkt. Doch im wesentlichen wird man das österreichische Parlament als national organisiert betrachten müssen. Es erscheint nun beinahe als Sakrileg, wenn man an die Berechtigung des nationalen Momentes für die Verbandsbildung die kritische Sonde anlegt; es ist dem österreichischen Denken so selbstverständlich geworden, daß einfach nur unter diesem Gesichtswinkel, betrachtet werden dürfe, daß diese Anschauung bereits den Charakter des Dogmas annimmt, Und doch liegt hier eine unzulässige Verallgemeinerung vor, die Uebertragung der für die Partei gültigen Momente auf die nächsthöheren Ordnung, den Verband. Daß die Partei sich national organisieren müsse, ist wohl selbstverständlich, es besagt dies nur, daß jeder im eigenen.Hause Herr sein will und muß. Wenn man aber über die Partei hinaus am nationalen Prinzip festhält, dann kommt man eben zum Widersinn. Ich habe gesagt, daß der moderne Mensch in vielfachen Beziehungen .zur Gesellschaft steht, daß er außerdem, daß er Deutscher, Tscheche, Pole, Italiener oder Ruthene auch noch Bürger oder Proletarier ist, daß er städtische oder ländliche Interressen hat und besonders auch fortschrittlich-freiheitlich oder rückschrittlichklerikal ist. Auf all dies nimmt das rein nationale Element keine Rücksicht, es spannt den Städter und

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