Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Knaben, einem gewissen Freilich zu verloben. Ich widerstrebte mit allen Kräften, fiel auf die Knie vor der Mütter, indem ich sie um Mitleid und Erbarmen flehte; die Mutter jedoch stieß mich mit dem Fuße zurück und mißhandelte mich hierauf für meinen Widerstand, indem sie mich bei den Haaren faßte und mit dem Kopfe an die Wand schlug. Die Verlobung mit Freilich kam aus mir unbekannten Gründen nicht zu Stande. Eine gewisse Zeit hernach beschlossen die Eltern mich mit einem weitläufigen Cousin, dem 15jährigen Halberstam, dem zukünftigen Rabbiner von Rzeszöw, zu verloben. Berücksichtigend, wie sehr ich mißhandelt und geprügelt wurde, da ich auf die Verlobung mit Freilich nicht einwilligen wollte, gab ich unbewußt und resigniert dem Willen meiner Eltern nach, denn ich fühlte, daß jeder Widerstand nichts fruchten würde, umsomehr da die vorher nicht zustande gekommene Verlobung mich geradezu unerhörten Peinigungen seitens meiner Eltern aussetzte. Meine Einwilligung in dieVerlobung war also erzwungen und ich gab nach, um Ruhe zu haben und die Gesundheit zu retten. Die schwere Lage, unter der meine Schwester Anna litt, war auch mein Anteil, so beschlossen wir beide aus dem Hause zu entfliehen, welchen Entschluß wir nach einem langen, fast zweijährigem Bedenken ins Werk setzten. Ich erkläre hiemit, daß ich alle diese Tatsachen, welche ich in den Gerichtsakten angeführt habe, jederzeit eidlich zu beschwören bereit bin, daß ich aber bisher zur persönlichen Einvernahme vor Gericht nicht erschienen bin, gebe ich als Ursache an, daß ich die Rache meiner Eltern fürchte, weil ich zugleich mit der Schwester aus dem Hause entflohen bin. * * ♦ Das Gericht a quo meint dagegen, daß trotz alledem „man nicht behaupten kann, daß die Eltern das Wohl des Kindes zu beeinträchtigen gesucht hätten“ und diese seine Meinung entspringt wahrscheinlich daraus, daß diese Sphäre, aus der unsere Eltern stammen, eben einer solchen Anschauung huldigt: die Töchter selbst gegen ihren Willen zu verheiraten, denn als junge Mädchen sind sie noch dumm und unerfahren und ihr Widerstand läßt sich leicht besiegen; mit der Zeit aber wird sich die Sache machen lassen. Gemäß dieser Anschauung müßte man die Eltern bei Menschenfressern exkulpieren, welche ihren Sohn, der sich Menschenfleisch mit ihnen zu genießen weigert, mit Schlägen und Mißhandlungen ihrem Willen gefügig zu machen suchen. Denn zu einem solchen Schlüße gelangt man, wenn, man die Ansicht des Gerichtes a quo -billigt, daß den Eltern das Recht zustehe, das zarteste der menschlichen Gefühle — die Liebe des Weibes zum Manne — im Herzen ihrer Kinder mit Knüttel wecken zu dürfen. Endlich fügen wir als das wichtigste Moment hinzu; Das Gericht a quo meint vielleicht, daß solche Verhältnisse unter orthodoxenjuden gang und gäbe seien und man Anschauungen und Vorstellungen berücksichtigen müsse, die zwar wohl von den Anschauungen unseres Jahrhunderts abweichend sind, aber von einer großen Masse von Juden geteilt werden. Eine solche Vermutung widerspricht jedoch dem tatsächlichen Sachverhalte, denn das, was man sich an uns zu Schulden kommen ließ, kommt selbst in dem am meisten zurückgeschrittenen orthodoxen Judenhause nicht vor. _ Von der fünften Poststation vor Wilna erhielt auch die jüdische Gemeinde durch eine Estafette Nachrichten vom Nahen „der göttlichen Gesandten“, wie die russischen Juden damals das Ehepaar Montefiore nannten. Eine freudige Bewegung ergriff die jüdische Bevölkerung Wilnas. Die Gemeinde bereitete den vornehmen Gästen in dem reichen Hause des bekannten Reb Michel Kotzen eine bequeme Wohnung und sorgte für eine reichhaltige, streng koschere Verpflegung. Die angesehensten Bürger der Stadt, mit dem Rabbiner und Stadtprediger an der Spitze, fuhren den Gästen bis zur nächsten Poststation entgegen. Tausende Juden versammelten sich in der Wilnaer Vorstadt Schnippeschock, um schon hier die Erwarteten mit Jubel zu empfangen. Und als der Wagen endlich in Sicht kam, da erscholl aus tausend Kehlen zugleich ein begeisterter Ruf; „B’ruchim haboim b’schem Adaunoj!“ („Gesegnet seien die Nahenden im Namen Gottes!“) Es klang so mächtig stark, daß die Luft weithin erzitterte. Der Rabbiner segnete die Angekommenen in deutscher Sprache und der Stadtprediger in hebräischer. Die Aeltesten der Gemeinde überreichten ihnen ein Gelegenheitsgedicht, das den Titel „Hakarmel“ führte. Das Greisenpaar war von diesem Empfang zu Tränen gerührt und dankte der Gemeinde herzlich. Das Volk drängte sich so dicht an den Wagen, daß er nur ganz langsam vorwärts kommen konnte. — Die Die Meinung dieser orthodoxen Juden, alter J und angesehener Personen in Podgörze und Krakau, steht gänzlich auf unserer Seite, sie alle mißbilligen das Verhalten unserer Eltern und verdammen mit schärfsten Worten die physischen und moralischen Peinigungen, mit denen uns die Eltern zur Verlobung und rituellen Trauung zu zwingen suchten und im höchsten Grade empört sie der Umstand, daß die Eltern ihre Tochter, welche mit dem ihr fremden aufgedrungenen Manne im geschlechtlichen Verkehr zu leben sich weigerte, gewaltsam dazu zwingen wollten und zu diesem Zwecke Familiengerichte veranstalteten. Alle diese orthodoxen Juden behaupten, daß die jüdische Religion im Wohltun bestehe, desto mehr gebiete sie den eigenen Kindern wohl zu tun. Unsere Schlußanträge. Wir ersuchen: Ein Hochlöblicher k. k. Oberster Gerichtshof in Wien möge den Beschluß des k. k. Landesgerichtes als Rekursgerichtes in Krakau von 4. April 1910 R. IV. 161/10 gnädig als ungültig aufheben, eventuell ändern wollen und mit gnädiger Berücksichtigung unserer Anträge die väterliche Gewalt an uns entziehen, eventuell uns aus der väterlichen Gewalt entlassen oder eventuell mit Beschränkung der väterlichen Gewalt uns einen Vormund bestellen, uns außerhalb des elterlichen Hauses zu wohnen und bezüglich der Unterzeichneten, Anna Kluger eine inländische Universität zu besuchen, bezüglich der Unterzeichneten Eleonora Kluger die Maturitätsprüfung in einem Staatsgymnasium des Inlandes abzulegen und in der Folge an einer Landesuniversität inskribieren zu gestatten, in jedem Falle aber unsere Eitern Wolf und Simche Kluger zu verpflichten, für unseren Unterhalt Monatsraten im Betrage von je 200 Kronen für jede von uns beiden, eventuell in dem von einem Hochlöblichen k. k. Obersten Gerichtshöfe zu bestimmenden Betrage zu zahlen. Falls der Oberste Gerichtshof die Angelegenheit zu einer endgiltigen Entscheidung im Sinne der eben gestellten Anträge , für unreif halten sollte, besonders aber wenn der Oberste Gerichtshof es für angemessen fände, unsvorGerichteinzuvemehmen, so stellen wir die Bitte: Ein hochlöblicher Oberster Gerichtshof möge gnädig, indem er sowohl den Beschluß des k. k. Landesgerichtes als Rekursgerichtes in Krakau von 4. April 1910, als auch den Beschluß des k. k. Bezirksgerichtes Podgörze von 24. Februar 1910 Nr. 1. 647 9 ändert, uns außerhalb des elterlichen Hauses u. z. nicht in Krakau oder Podgörze, sondern in einer anderen Stadt des Reiches z. B. in Wien zu wohnen, im Wege einer provisorischen Verfügung erlauben, weiter' auf unsere Fortbildung an der Universität in Wien einwilligen und unsere Eltern verpflichten zu unseren Gunsten Alimentierungskosten im oben angeführten Betrage zu zahlen, vor allem aber anordnen, daß unsere etwaige Einvernahme nicht in Podgörze oder Krakau, sondern vor dem k. k. Bezirksgerichte in Wien erfolgen solle und dem k. k. Bezirksgerichte in Pogörze, nach unserer eventuellen Einvernahme und nach der Einleitung der eventuell vom Obersten Gerichtshof angeordneten Erhebungen, die meritorische Erledigung unserer ursprünglichen Anträge auftragen wollen. Anna Kluger m. p. Leonore Kluger m. p. Polizei war nicht mehr imstande, die Ordnung aufrecht zu erhalten, denn auch sie wurde von der großen Menschenmenge fortgerissen. So, von vielen Zehntausenden begleitet, kam der Zug in Wilna an. Die Straßen waren überfüllt, sogar auf den Dächern sah man viele Leute. Die Kaufleute verließen ihre Geschäfte. Die Handwerker ihre Werkstatt. In der ganzen Stadt war eine festtägliche Stimmung. Das war Mittwoch, der 14. April 1846! Am nächsten Tage stattete Sir Montefiore in Begleitung von Dr. Loewe dem Generalgouverneur einen offiziellen Besuch ab. Hier wurde er mit den größten Ehren empfangen. Er verhandelte mit dem Generalgouverneur mehr als zwei Stunden über jüdische Angelegenheiten und begab sich dann zu den höheren Militärbeamten. In den nächsten Stunden erwiderten die Exzellenzen den Besuch der jüdischen Gäste. Der Generalgouverneur lud das ehrwürdige Paar Montefiore zu einem ihnen zu Ehren veranstalteten Bankett ein. Höflich dankend lehnte Montefiore die Einladung ab, weil er als Jude nichts bei ihnen genießen dürfe. Der Generalgouverneur bat ihn, mit Früchten, Konfitüren und Tee vorlieb zu nehmen und ließ nicht ab, bis Sir Moses Montefiore ihm entgegenkam. Am Freitag waren schon am frühen Morgen die Straße und das Haus, wo Montefiores wohnten, von einer großen Menschenmenge umlagert, denn es hieß: Sir Moses Montefiore werde alle Wohl- Kultuswahlen. Der Kultuswahlkampf in Bielitz. Aus Bielitz wird uns geschrieben: In den nächsten Tagen finden hier die Wahlen in den Kultusvorstand statt. Die national-demokratische Opposition, die bei den letzten Kultuswahlen vor drei Jahren zwei ihrer Kandidaten, die Gg. Gg. Julius Nichtenhauser und Prof. Dr. Werner, durchgebracht, hat auch diesmal den Kampf gegen die herrschende Partei aufgenommen. Die Erbitterung über die deutsch-liberale Kahalsclique, welche fast alle Mandate des Kultusvorstandes inne hat, ist eine große. Die von der Opposition abgehafteire Wähterversammlung war massenhaft besucht. Die Reden der oppositionellen Kandidaten wurden mit großem Beifalle aufgenommen. Die vorgeschlagene Liste der Opposition, welche 16 Kandidaten aufstellt, wurde unter großer Begeisterung aufgenommen. Trotz der maßlosen Agitation, welche die. offizielle Partei in berüchtigter Weise führt, sind die Aussichten der Opposition ausgezeichnete. Die oppositionellen Kandidaten sind: Meyer Fröhlich, Ing. M. Klipper, Eugen Kellner, Wilhelm Löwenberg, Julius Nichtenhauser, Leopold Popper, Fabrikant F. Rabinowitsch, Hermann Reich, Salo Rittermann, Berthold Simachowitz (Ernsdorf), Wilhelm So bei, Advokat Dr. Oskar Schanzer, Emanuel Tisch, Prof. Dr. Julius Werner, Jakob Werber, Bahnbeamter Wolf (Dzieditz). Wir werden über den Ausgang der Wahl berichten. Die Wahlen in Lemberg. Aus Lemberg wird uns berichtet: ln Lemberg sollen in den nächsten Tagen die Wahlen in den Kultusvorstand stattfinden. Es ist selbstverständlich, daß sich die Zionisten getreu ihrem Prinzipe der Kultusgemeindeeroberung am Wahlkampfe beteiligen. Ihre Aussichten scheinen jetzt viel günstiger zu sein als vor zwei Jahren. Von den Gegnern, an deren Spitze der bekannte und berüchtigte Obermoschko S. Edler v. Horowitz steht, werden die verzweifeltsten Anstrengungen gemacht, um sich an der Macht zu erhalten. Wahlhyänen sind aufgetaucht, der Stimmzettelhandel blüht, die ärgsten Pressionen werden ausgeübt, kurz es geht ganz nach bewährten bewährten Mustern zu. Es ist klar, daß die Zionisten den schwindelnden Kahalsherren auf die Finger sehen und eine lebhafte Agitationstätigkeit für die jüdisch-nationalen Kandidaten entfalten. tätigkeitsanstalten ohne Unterschied der Nationalität aufsuchen. Der Polizei kostete es große Mühe, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, hauptsächlich in den Straßen, wo die Anstalten sich befanden. Ein Schwarm von Armen verschiedenen Alters und Glaubens folgte dem Gast, der unterwegs große Summen Geldes verteilte. Als Sir Montefiore in seine Wohnung zurückkehrte, erwartete ihn eine Ueberraschung: Die angesehensten Bürger der Stadt hatten, der damaligen Sitte entsprechend, den Gästen zum Sabbath die feinsten Weine und Kuchen gesandt. Am Vorabend wollte das fromme Ehepaar zum Gebet in die Synagoge, konnte aber im Gedränge nicht vorwärtskommen und war gezwungen umzukehren. Am Sonnabend morgen war das Gedränge in den Straßen Wilnas nicht geringer. Man mußte daher Sir Montefiore und Lady Judith auf einem Seitenwege in die Synagoge führen, aber auch hier wurden sie von der, Menge fast auf Händen getragen, ln der Synagoge fanden sie ein auserwähltes, aus Juden und Christen bestehendes Publikum vor, das sich hier auf besondere Einladung eingefunden hatte, ln der Vorhalle der Synagoge wurden sie vom Synagogenvorstand begrüßt. Zehn junge, schöne, weiß gekleidete Mädchen streuten vor ihnen Blumen. Eines von ihnen trat hervor und bewillkommnete sie mit einem Gedicht, das die Reise des wohltätigen Paares besang.