Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite o JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 24 Die Schwestern Kluger. Eine Interpellation des Abgeordneten Dr. Diamant im österreichischen Parlamente, welche die unerhörte Vergewaltigung zweier jüdischer Mädchen durch die chassidischen Eltern zum Gegenstände hatte, erregte in der Oeffentlichkeit ungeheures Aufsehen. Wir veröffentlichen nunmehr im Auszuge den Rekurs, welchen die sich ihrem Begehren nach Befreiung aus der elterlichen Gewalt abgewiesenen Mädchen durch den Advokaten Dr. Marek (Krakau) an den Obersten Gerichtshof richten. Eine Aufklärung dieser Angelegenheit, d. h. eine ungeschminkte Besprechung ist unbedingt notwendig. Schon hat sich die antisemitische Presse aller Schattierungen des Falles bemächtigt und schreibt ihn auf das Konto aller Juden. Aus dem Berichte geht aber, und die Klägerinnen selbst betonen es, hervor, daß sogar die orthodoxen Juden in Galizien die entmenschten fanatischen Eltern verurteilen. Anderseits ist notwendig, daß in die Nester des Fanatismus, in die Brutstätten des finstersten Aberglaubens, welcher durch die profitgierigen Wunderrabbis gewerbsmäßig gezüchtet wird, gründlich hineingeleuchtet werde. Wir werden auch über den Ausgang des Prozesses berichten. 1. Unsere Verhältnisse im Elternhause. Bezüglich der Unterzeichneten Anna Kluger. Ich wurde am 24. Juni 1890 geboren. Die Volkschule besuchte ich vom Jahre 1896 bis 1902. Hierauf genoß ich Unterricht in der Pension der Frau Tschapek, wo ich im Jahre 1904 die vierklassige Bürgerschule absolvierte. Damit war auch die Fürsorge meiner Eltern um meine Bildung zu Ende. Seit dieser Zeit lernte ich durch mehr als zwei Jahre ausschließlich ohne jede Hilfe. Als ich 15 Jahre alt war, beschlossen meine Eltern mich zu verloben; so wurde ich im Dezember oder November d. J. 1905 wider meinen Willen mit einem an Alter jüngeren, kaum 14jährigen chassidischen Knaben, Zacharias Arak verlobt. Ich war damals noch ein unwissendes Kind, wehrte mich jedoch instinktmäßig dagegen; die Eltern aber wußten bald diesen kindlichen Widerstand zu brechen und durch meine Verlobung ihren Willen geltend zu machen. Von diesem Augenblick an begannen die Eltern meiner Lebensführung eine rege Aufmerksamkeit zuzuwenden, indem sie den Standpunkt vertraten, daß ein cbassidisches Mädchen, welches bald heiraten soll, sich überhaupt mit keiner wissenschaftlichen Arbeit beschäftigen dürfe und sich ausschließlich für ihre zukünftige Rolle als Mutter vorbereiten müsse. Seit dieser Zeit war ich fortwährenden Verfolgungen ausgesetzt, weil ich lernen wollte. Meine Schulbücher mußte ich bei meinen Kameradinnen verbergen, weil sie meine Eltern, sobald sie welche zu Hause trafen, vernichteten und verbrannten. Monteflore in Rußland*). Es war im Jahre 1846. Ein kaiserlicher Ukas war erschienen, nach dem alle im Bereiche von fünfzig Werst von der russischen Reichsgrenze wohnenden Juden vertrieben werden sollten. Das war für viele Tausende Familien der Ruin. Hier setzte die Arbeit Montefiores ein. Sie ging zum Siege. Die Ausführung der drakonischen Bestimmungen wurde zunächst wenigstens verhindert. Es geschah nicht zum ersten Male, daß Montefiore sich seiner. Glaubensgenossen annahm. Bei allen Juden Europas war die Erinnerung an jene denkwürdige Reise nach Egypten noch lebendig, wo Montefiore das entsetzliche Blutmärchen zerstört, die Bedrängten geschützt hatte und die Ehre des jüdischen Namens vor der Welt hatte wiederherstellen können. Fast mehr noch als über den Erfolg seiner Arbeit in Rußland waren die Juden erfreut über die ehrenvolle Behandlung, die das würdige Greisenpaar erfuhr. In jeder größeren Stadt wurde Montefiore von einem hohen Beamten empfangen, der ihn bis zur nächsten Station begleitete. Die Herren mußten so handeln. Auf Geheiß der Regierung! Mochten sie auch ihren Ingrimm schlecht verhehlen. Aus den ausgezeichneten „Memoiren einer Großmutter“ von Pauline Wengeroff. Verlag M. Popelauer, Berlin 1910. Unter solchen Umständen verlebte ich zwei Jahre, als mich die Eltern im August 1907 mit Zacharias Arak zu verheiraten beschlossen. Weil ich damals schon älter war — ich zählte bereits 17 Jahre — widersetzte ich mich mit allen Kräften, ich bat und flehte und suchte die Eltern aufzuklären, daß ich keine Maschine sei, daß sie mich nicht für das ganze Leben mit einem Manne verbinden sollten, der mir vollständig fremd und überdies schwer lungenkrank sei. Alle meine Bitten blieben erfolglos und fanden kein Gehör bei meinen Eltern, so mußte ich dann, ratlos und unter Zwang, meinen Widerstand gegen diese Verbindung aufgeben, indem ich dadurch eine größere Freiheit zu erlangen gedachte, welche mir meine Mutter stets versprach, wenn ich heiraten werde. Nach der Trauung nach dem jüdischen Ritus änderte sich meine Lebensweise nicht; ich arbeitete wie zuvor an meiner Bildung, indem ich heimlich vor meinen Eltern lernte, welche trotz ihres Versprechens, mir nach der Trauung die volle Freiheit zu lassen,.mir wie vorher zu lernen verboten, die zu Hause Vorgefundenen Schulbücher vernichteten, mich selbst dafür schlugen und fluchten. Mit meinem Manne lebte ich durch anderthalb Jahre im Hause meiner Eltern,' jedoch nicht als Ehefrau. Bald nach der Trauung begannen die Eltern mein Verhältnis zu meinem Manne zu beaufsichtigen und erfuhren mit „Entsetzen“, daß ich mit meinem Manne nicht in ehelicher Gemeinschaft lebe. Als nämlich mein Mann sofort nach der Trauung von mir die Vollziehung des ehelichen Verkehres verlangte, erklärte ich ihm, daß er mir vollständig fremd sei, daß ich ihn nicht kenne und nicht cinzuwilligen vermöge, seine Frau zu werden, jede Gewalttätigkeit seinerseits aber zwischen uns auf immer eine durch nichts ausfüllbare Kluft schaffen würde. Mein Mann, ein braver Junge, billigte meinen Standpunkt und bestürmte mich nicht mehr mit Forderungen. Meine Eltern jedoch beschlossen, als sie von unserer Uebereinkunft vernahmen, daß ich mich unbedingt meinem Manne hingeben müsse und zu diesem Zwecke kamen mein Großvater, der Rabbiner, aus Chrzanow Moses Halberstam, sowie der Großvater meines Mannejs Bergmann in Podgorze zusammen und begannen mich zu quälen und geradezu moralisch zu foltern, als ich aber ganz unumwunden erklärte, nie in den ehelichen Verkehr mit meinem Manne einwilligen zu wollen, entschieden sie, daß mein Mann sich meiner mit Gewalt bemächtigen solle und bestimmten auch den Tag, einen Dienstag, für diesen Zweck. In dieser Zeit hatte ich fürchterliche Qualen auszustehen, indem ich als Mensch und Weib zum Gegenstand von solchen Beratungen, Ueberredungen und Ueberweisungen dienen mußte, welche gegen die menschliche Würde gerichtet waren, meine Eltern aber betrachteten' dies ' als eine Kleinigkeit oder sogar als Ungehorsam eines Kindes gegen die elterliche Autorität! Während dieser einigen Wochen, welche der Bestimmung der Frist, vorangingen in der mich mein Mann vergewaltigen sollte, mußte ich mich auf verschiedene Weise gegen die Ueberfälle seitens meiner Eltern schützen, indem ich ihnen gegenüber mich so verhielt, als ob ich tatsächlich im ehelichen Verkehr mit meinem Manne lebte; ich wollte nämlich den fürchterlichen moralischen Peinigungen aus dem Wege gehen, denen ich ausgesetzt war, indem ich jeden Augenblick von Seiten der Eltern die Frage gewärtigen mußte, ob ich mich schon Arak hingegeben habe oder nicht. In dieser Zeit eben beschloß ich, vor der Schande, welche mir meine Eltern bereiten wollten, Selbst am kaiserlichen Hofe wurde das Ehepaar wohlwollend empfangen, und die Höflinge behandelten Sir Montefiore, den englischen Sheriff, mit Ehrerbietung. Kaiser Nikolaus I. war bei der letzten Audienz sehr huldvoll und versprach Montefiore, seinen Glaubensgenossen gegenüber nachsichtiger zu handeln, bemerkte aber zum Schluß: „Wenn doch viele Juden in meinem Lande Ihnen, mein Herr, ähnlich wären!“ und riet Sir Moses Montefiore, die Juden von Litauen und Polen auf seiner Rückreise genauer kennen zu lernen. Auf der Rückfahrt wurden Sir Moses Montefiore und seiner Gemahlin seitens der Juden die größten Ehren erwiesen. Jede größere Stadt bereitete ihnen einen feierlichen Empfang. Der Rabbiner und die vornehmen Juden, denen sich angesehene Männer, Delegierte anderer Städte, anschlossen, gingen den Gästen eine große Strecke Weges zu Fuß entgegen, um sie zu bewillkommen. Leider konnten sie sich nicht unmittelbar mit dem Ehepaare verständigen, denn Sir Moses Montefiore und Lady Judith sprachen nur englisch. Als Dolmetscher diente ihr Begleiter Dr. Loewe. Ihr Hauptaugenmerk wandten sie überall dem Leben der Juden zu, das sie durch viele wohlerwogene Fragen bis in alle Einzelheiten zu ergründen suchten. Wirtschafts- und Kulturstand reizten sie in glieicher Weise. Dabei verhehlten sowohl das Ehepaar Montefiore wie Dr. Loewe nicht, daß sie das Aussehen aus der Heimat zu fliehen, aber die Versuche wurden frühzeitig von der Mutter entdeckt und vereitelt. ' Nun begann die Mutter zugleich mit dem Vater mich zu beruhigen und zu versichern, daß sie mir die volle Freiheit überlassen, sich in meine ehelichen Angelegenheiten nicht einmischen, sowie mich in meinen wissenschaftlichen Studien nicht stören würden. Diese Versprechungen wurden jedoch nie eingehalten, denn die häuslichen Verhältnisse blieben, was meine Studien betrifft, vollständig unverändert: die Eltern störten mich wie zuvor, im Lernen, überhäuften mich mit Schlägen und Flüchen, so oft sie bei mir ein Buch sahen. Meine Eltern gingen so weit, daß sie zugleich mit dem Advokaten H. Dr. Aronsohn beim Direktor der Jagellonischen Bibliothek intervenierten, damit man mir daselbst Bücher zu lesen und zu beziehen verbieten sollte; besonders meine Mutter begab sich in dieser Angelegenheit im Verein mit Dr. Aronsohn zum Direktor der genannten Bibliothek. Weil ich zur Maturitätsprüfung zu Hause allein ohne Mithilfe lernte, wobei mir Aufschlüsse über den Lehrplan sowie die einschlägigen Lehrbücher vonnöten waren, so mußte ich, um Mittel hiefür zu erlangen, dreimal Privatlektionen der deutschen Sprache erteilen, um für das Honorar Bücher kaufen zu können. Was das Einmengen der Eltern in meine ehelichen Verhältnisse betrifft, so änderte sich die Situation nur insofern, als mein Mann für einige Zeit zu seiner Familie verreiste, so daß die Gelegenheit ausblieb, die bewußte Frage zu berühren. Diese Umstände brachten mich zur Einsicht, daß mein weiteres Verbleiben im Elternhause unmöglich sei und so beschloß ich, unbedingt das Haus zu verlassen, vorher aber mich für das weitere Leben durch Ablegen der Maturitätsprüfung vorzubereiten, um einen Halt, zu haben. Die Flucht selbst hing jetzt nur von der Zeit ab und so wurde sie wirklich im August 1909 ins Werk gesetzt. Außer den oben angegebenen sowie in den Gerichtsakten angeführten Tatsachen möge der folgende Vorfall meine Lage in dieser Zeit anschaulich machen: weil ich mir die Haare nicht abschneiden ließ — und bei den muß sich Chassidim jede verheiratete Frau die Haare bis an die Haut abrasieren — wollte mir die Mutter durch zwei Tage nichts zu essen geben und als ich endlich von Hunger erschöpft die Gelegenheit fand, aus dem Hause zu entschlüpfen und mir Nahrungsmitteln zu kaufen, wollte mir die Mutter alles wegnehmen und erst als ich einwilligte mir das Haar bis an die Haut abstutzen zu lassen, ließ sie mir die gekauften Eßwaren und gab mir später selbst zu essen.; Ich erkläre hiemit, .daß alle. hier, angegebenen sowie auch andere von mir in allen Gerichtsakten angeführten Tatsachen aufrichtig und wahrheitsgetreu seien und daß ich in jedem Augenblick bereit bin, sie durch einen Schwur zu bekräftigen. Bezüglich der Leonore Kluger. Ich wurde am 19. Juli 1892 geboren. Ich absolvierte die Bürgerschule von Podgorze, hierauf besuchte ich durch ein halbes Jahr die Pension der Frau Tschapek, endlich lernte ich privat zu Hause mit Hilfe meiner Schwester Anna. Als meine Eltern bemerkten, daß ich in die Fußtapfen meiner älteren Schwester trete und mit den bisherigen Kenntnissen nicht zufrieden, höhere Bildung anstrebe, begannen für mich die gleichen Peinigungen. So beschlossen mich die Eltern, als ich kaum 16 Jahre erreicht hatte, mit einem an Alter jüngeren und das ganze Gebahren der Juden peinlich berührte- Dr. Loewe sprach es immer wieder aus, daß die Annahme westeuropäischer Bildung für die russischen Juden ein absolutes Erfordernis sei. „Wenn der Messias kommt und das jüdische Reich wiederhergestellt wird, dann dürfen die Juden nicht hinter anderen Völkern zurückstehen. Die jüdische Jugend muß sich bilden, um für die bürgerliche Freiheit vorbereitet zu sein.“ Unsere Stadt hat das hohe Paar auf dieser Reise freilich nicht berührt. Eine'Deputation wurde aber abgesandt unter der Leitung des Rabbiners Jankew Meir Padower, um Montefiore die Wünsche und den Dank auch unserer Gemeinde zu. überbringen.''Mein Vater wäre der erste gewesen, welcher zu dieser Deputation hätte gehören müssen. Leider hielt ihn eine Krankheit zu Hause fest. Aber im Geiste folgte er jedem Schritt des hohen Reisenden; demTfast jeden Tag erhielt er eingehende Berichte. Es waren festliche Stunden in unserem Hause, wenn diese Berichte einliefen. Ich sehe noch den wunderbaren Glanz der Seligkeit in seinen Augen, wenn er mit den Tischgenossen, mit uns Kindern, die einzelnen Ereignisse besprechen konnte. Besonders lebhaft stehen noch in meiner Erinnerung jene denkwürdigen acht Tage, welche die hohen Gäste in Wilna verlebten. Von Petersburg her war dem Generalgouverneur Mirkowitsch eine Mitteilung zugegangen, wodurch schon nach außen hin dieser Reise eine ganz besondere Bedeutung gegeben war.