Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 23 daß dieses Beispiel nicht allgemeine Nachahmung findet. Eine große Anzahl jüdischer Finanziers, an der Spitze Lord Rothschild, habe das jüdische „Noblesse oblige“ begriffen und gesagt: Der russischen Regierung keinen Groschen mehr! (Stürmischer Beifall.) Ein christlicher Bekannter sagte mir, Deutschland sollte mit Rußland einen Bundesvertrag schließen. Nein, mit einem in Verwesung übergegangenen Leichnam schließt man keinen Bundesvertrag, ebenso wenig wie man mit einem Zuchthäusler ein gemeinschaftliches Geschäft übernehmen kann. Das russische Reich ist auf Lug und Trug und Unterdrückung aufgebaut. Ein solches Land ist nicht als Kulturland anzusehen, es ist der Zersetzung anheimgefallen. Die gegenwärtigen Judenverfolgungen in Rußland erinnern stark an das Mittelalter. Eine Anzahl deutscher Professoren,- zu denen auch Dr. Ludwig Geiger gehört, haben einen Protest gegen die Unterdrückung der Finländer erlassen. Die Juden werden aber in viel ärgerer Weise in Rußland unterdrückt als die Finländer. Ich bin neugierig, ob Herr Professor Geiger sich auch dem Protest gegen die Unterdrückung der russischen Juden anschließen wird. Wir wissen, daß wir angesichts der großen Zahl der russischen Juden auf die Dauer nicht helfen können, wenn wir nicht etwas Durchgreifendes unternehmen. (Stürmischer Beifall.) Herr L. Barth, der zweite Referent, schilderte in überzeugender Weise den Zionismus als die einzige Möglichkeit, der unheilvollen Zersplitterung des jüdischen Volkes ein Ziel zu setzen. Als letzter Redner sprach Herr Dr. Löwe, der unter dem begeisterten Beifall der imposanten Versammlung auf die Kulturleistungen der russischen uden hinwies. Zum Schlüsse nahm die Versammlung einstimmig folgende Resolution an: „Dieim Tiergartenhof in Berlin tagende, von etwa 2000 Männern und Frauen besuchte Versammlung nimmt mit Abscheu Kenntnis von den gegen die Juden von der russischen Regierung verübten Greueln, ln der Erkenntnis, daß moralische Vorstellungen diesem Lande gegenüber versagen, fordert sie die hiesige Großfinanz, deren Stamm im Judentum wurzelt, und endlich alle gerecht und moralisch denkenden Menschen auf, der -russischen Regierung jede finanzielle Unterstützung zu versagen, solange nicht den Juden die Menschenrechte gewährt werden.“ (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Das Hebräische Gymnasium fn Jaffa im Winter 5670. Dieser Winter bedeutet in der Entwicklung des Gymnasiums einen großen Schritt nach vorwärts. Schülerzahl. Die Zahl der Schüler am Schlüsse des vergangenen Schuljahres betrug 139. Von diesen mußten 15 aus verschiedenen Gründen Schule und Land verlassen. Neu hinzugetreten sind 68 Schüler, so daß die Schülerzahl bis heute auf 192 gestiegen ist, außer den Kindern, die sich außerhalb der Schule zur Aufnahmsprüfung vorbereiten. Diese Zahl entspricht einer Einnahme von 20.000 Francs Schulgeld im Laufe dieses Jahres. Wäre nicht der Mangel an Raum gewesen, der uns zwang, manche Schüler in der II. und in der neueröffneten V. Kl. zurückzuweisen, so wäre die Zahl weit über 200 gestiegen. * Neues Gebäude „Herzlia“. Unsere Uebersiedlung in das neue eigene Haus wird ein wichtiges Ereignis in der Entwicklungsgeschichte des Gymnasiums sein. Wir wollen in kurzen Worten daran erinnern, daß uns am VIII. Kongreß der bekannte zionistische Philantrop, Herr Alderman Jacob Moser aus Bradford, 80.000 Francs für den Bau eines Gebäudes gespendet hat, das den Namen G y m n a s i a Ibrith Herzlia tragen wird. Der JNF. hat dafür ein Terrain im Werte von 30.000 Francs, an der Grenze der neu entstandenen jüdischen Kolonie „Achusath Baith“ in Jaffa, zur Verfügung gestellt und unser edler Freund Herr Moser hat nach Einsichtnahme in den Plan des Architekten Josef Barsky seine Spende auf 99.500 Francs erhöht Der Bau wurde im August 1909 begonnen, ausschließlich von jüdischen Arbeitern ausgeführt und soll in kurzem zum Einzuge fertig sein. Die zahlreichen Gäste die uns diesen Winter und besonders jetzt im Frühling besuchten, äußerten ihr Erstaunen darüber, daß mit solchen Mitteln in dieser kurzen Zeit ein so prächtiges Gebäude errichtet werden konnte, das dem jungen Palästina zur Zierde gereicht. s *; * * Gymnasialfonds. Während in Jaffa Lehrer und Freunde des Gymnasiums mit unermüdlichem Eifer für seine innere und äußere Entwicklung arbeiteten, waren unsere Freunde Dr. Mossinsohn und Scheinkin mit der finanziellen Sicherstellung unseres jungen Instituts beschäftigt Sie stellten sich zur Aufgabe einen großen Gymnasialfonds zu schaffen und machten zu diesem “Zwecke eine Reise nach Europa. Der Fonds soll ein unantastbares Kapital sein, dessen Zinsen das Gymnasium in den Stand setzen sollen, unter Zuhilfenahme des Schulgeldes alle Ausgaben zu bestreiten. Die Existenz eines solchen Fonds ist für die Sicherstellung und die Selbständigkeit unserer Lehranstalt von höchster Bedeutung. ' Wir hoffen im Laufe der nächsten Jahre für diesen unantastbaren Fonds mit einer solchen Summe unterstützt zu werden, deren Zinsen für die Deckung des jährlichen Budgets genügen werden. Unser jetziger Aufruf bezweckt, die nötigsten Mittel für die folgenden unentbehrlichen Bedürfnisse zu schaffen; deshalb erlauben wir uns klarzulegen: Was wir haben — was wir brauchen. In seiner vierjährigen Existenz hat das Gymnasium hinreichend Beweise gegeben, daß es einem wirklichen Bedürfnis der jüdischen Jugend und des jüdischen Volkes entspricht. Vor vier Jahren wurde die Schule mit 17 Kindern eröffnet, ohne genügende Lehrkräfte und Lehrmittel. Heute wirken an der Schule 14 Lehrer, von denen die meisten höhere Bildung besitzen und in ihrem Fache Spezialisten sind, 192 Kinder ausJ Palästina und. sämtlichen Diasporaländem, ein prächtiges Gebäude zum Einzüge beinahe fertig, und Möbel uud Lehrmittel für den kommerziellen Kursus, den die in diesem Jahre eröffnete V. Klasse abschließt. Wir haben uns überdies zahlreiche Freunde und Mitgliederaktionäre in allen Ländern erworben und die Sympathie aller Juden, die sich für die Erziehungsfrage in Palästina interessieren, ist uns sicher. Noch aber sind wichtige Bedürfnisse der Schule ungedeckt und wir werden"erst dann unser Institut' als vollständig ausgebaut ansehen können, wenn auch diese Bedürfnisse befriedigt sind. Viele Institute und Einzelpersonen haben uns bisher schon geholfen: Den ersten Plat^ unter den unterstützenden Instituten nimmt das Zentralkomitee der „Chowewe- Zion“ in Odessa ein,1' welches für unser Budget garantiert und sich mit einer jährlichen Unterstützung von 5000 Francs beteiligt. Ferner hat uns der „Hilfsverein der Deutschen Juden“ die erste Hilfe geleistet, als wir die Lehrmittel für den unteren Kursus brauchten. Für Herausgabe der nötigen Unterrichtsbücber bekamen wir von Herrn Jakob Schiff 5000 Francs und Herr Zeitlin hat auch jüngst 5000 Francs zugesichert und weitere 5000Francs in Aussicht gestellt. Auch hat uns Herr Isac Goldberg aus Wilna 5000 Duma Land, in der Nähe der Kolonie Artuf, zum Sommerheim für Lehrer und Schüler gegeben. Was uns jetzt noch not tut, ist folgendes: 1) In kurzer Zeit wird die letzte Arbeit am Baue des Gymnasiums beendet sein. Wir bemerken aber zu unserm Bedauern, daß der von Herrn Moser so großmütig gespendete Betrag von 99.500 Francs alle Kosten nicht decken wird. Unsere Baukomntission, die die große Verantwortung ihres Amtes genau kannte, hat so manche nötige Maßregel treffen müssen zur Sicherung, Verschönerung und Verstärkung des Gebäudes. So hat sie den Architekten Barsky zum ständigen Aufseher bestellt, hat eine große Anzahl teuerer Steine aus der Ferne gebracht und schließlich, da die jüdischen Arbeiter im Durchschnitt teuerer bezahlt werden mußten, dafür dem Unternehmer eine Vergütung gewährt. Für sämtliche Extra-Unkosten sind noch zirka 25.000 Franks erforderlich. 2) Vor Einzug in das neue Haus müssen wir für Möbel in den geräumigen Klassenzimmern, in der Aula und in der Kanzlei sorgen, und besonders für Turngeräte, die nicht nur unseren Kindern, sondern überhaupt der ganzen Jugend Jaffa’s von großem Nutzen sein werden. Alles laut Anschlag zirka 15.000 Francs. 3) Wir stehen vor Beginn des höheren Kursus, und müssen uns vor allem im Laufe dieses Sommers ein Kabinet für Physik, Chemie und Naturgeschichte anschaffen, damit das Gymnasium seinem Zweck entspricht. Laut Aufstellung betragen die Kosten dafür 15.000 Franks. 4) Dann brauchen wir eine Turnhalle, deren Notwendigkeit übrigens in Westeuropa anerkannt wurde, wie wir in der „Jüd. Turnzeitung“ gelesen haben. Wir hoffen, daß es unseren Freunden gelingt, uns den nötigen Betrag von 10.000 Francs aufzutreiben. 5) Und schließlich entbehren wir noch hauptsächlich eines botanischen Gartens. Dieser existiert in der ganzen Gegend, ja im ganzen Lande nicht und ist von großer Wichtigkeit für unsere Kinder, wie auch für die Lehrer des ganzen Landes, welche auf diese Weise bei uns ihre Kenntnisse in der Bonatik ergänzen können. — Zahlreiche Freunde aus Palästina versprachen uns den Garten reich zu beschenken; was wir aber an exotischen Pflanzen brauchen, wie auch die Bearbeitung und Nivellierung des Terrains, wird sich wohl auf zirka 10.000 Francs belaufen. — Total 75.000 Franks. Dieses sind im Großen und Ganzen die unentbehrlichsten Bedürfnisse des Gymnasiums, und wir erwarten von unseren Freunden und Gönnern, daß sie uns in dieser wichtigen Uebergangszeit ihre hilfreiche Hand nicht versagen. Unser edler Freund Herr Moser, der jüngst hier war, hat sich persönlich vom großen Fortschritte wie auch von der Wichtigkeit dieser Bedürfnisse überzeugt, und uns wieder in praktischer Weise sein Interesse bewiesen durch Zusage von 25.000 Francs, unter der Bedingung, daß von unseren gemeinsamen Freunden und Gesinnungsgenossen die restlichen 50.000 Francs beigetragen werden, zum Zeichen ihrer Teilnahme an unserer Arbeit für die Hebungderjüdischen Kultur-im Lande unserer Vorfahren. Jaffa, April 1910. An die Adresse der Ito. Von Dr. Felix Teilhaber. Im Verlauf eines interessanten Briefwechsels mit dem offiziellen Blatte der Itobewegung, der Zeitschrift „Ito“, schrieben mir die Herren (gezeichnet Ginzburg),'- nachdem sie ihren allgemein territorialistischen Standpunkt gegen den politischen Zionismus ausdrücklich betont hatten, u. a. folgendes: „Gegen die Kleinarbeit in Palästina haben wir absolut nichts und begrüßen sie sogar, insofern dadurch das nationale Gefühl und die Liebe zur Erdscholle gehoben werden. Ersteres ist von den Zionisten besonders gefördert worden und wir haben dies immer als einen gewaltigen Verdienst dieser Bewegung anerkannt.“ Ich hoffe, Herr Ginzburg, der verdienstvolle Führer der Itobewegung, der dies an mich als den Standpunkt der Seinen präzisiert, wird nachträglich nicht von seinen eigenen Freunden desavouiert. Aber selbst dann wäre diese Stimme als ein erfreuliches Zeichen sehr zu begrüßen. Denn diese Erklärung darf von Männern, die stets die praktische Frage in den Vordergrund stellten, nicht nur als eine fein platonische, betrachtet werden. Sie verpflichtet! Die einzelnen Itoisten und ihre Vereine haben heute keine Lebensaufgabe, wenn wir davon absehen von Diskussionen, ob die Potemkinschen Länder für die Juden in Südamerika, Marokko, Galveston, Uganda oder auf dem Halleyschen Kometen sein sollen. Sonst geht’es den Herren, die gegen die Kleinarbeit in Palästina nichts haben und sie sogar begrüßen, wie den Protestrabbinern, die auch dafür sind und nur vergessen (?), die Kolonisation auch zu fördern. Und noch eines ist nicht zu vergessen! Der Internationalrat, der nebenbei bemerkt viel weniger Interesse für das nationale Gefühl zeigte (die Schweizer Itoisten wissen das doch selbst am besten),