Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1910-06-10 · 23 (10.6.1910) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438273-2438296--1917-2441545
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 23 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 durch Entgegennahme kleiner Spenden, geschalten worden, er wendet mit Recht diese Methode immer weiter an und ist doch kein philantropischer Fonds, keine „Wohltätigkeitsanstalt“, sondern seinem Charakter nach wohl befähigt, mit „mehr oder minderbemittelten Personen“ ernsthafte Geschäfte abzuschließen. Es kommt nicht auf die Sammelmethode, sondern auf die Verwendung der Gelder an. Man kann in großzügiger Weise Gelder sammeln und sie im Sinne der kleinen Philantropie verwenden, und kann anderseits, wie beim NF. und KF., kleine Spenden einsammeln und sie im Sinne der großzügigsten Kolonisationstätigkeit werwenden. Was aber den Punkt IV anlangt, so stimme ich darin mit Herrn Ussischkin völlig überein. Auch ich vermag nicht einzusehen, weshalb der NF. nicht der Parzellierungsgesellschaft einen Kredit von 200.000 Mark gewähren sollte. Ich habe meinen Vorschlag nicht deshalb gemacht, weil ich etwa glaubte, der NF. dürfe diesen Kredit nicht gewähren. Im Gegenteil, ich wünschte das durchaus; da sich aber die Herren von NF. weigerten, diesen Kredit zu bewilligen, und der Verkauf von Aktien der PLDC. keine Aussicht auf Beschaffung des notwendigen Kapitals bot, eben deshalb machte ich deu Vorschlag, einen neuen Fonds zu begründen; so läßt sich das Kapital leichter aufbringen, und ist außerdem die Möglichkeit geboten, an Nichtzionisten werbend heranzutreten. Inzwischen hat sich nun dieSituation geändert. Erstens wird nun doch der PLDC. von Seiten des NF. ein Kredit bewilligt werden, und zweitens tritt Herr Ussischkin mit dem Vorschläge hervor, die russische Gesellschaft „Geulah“ mit der PLDC. zum Zwecke gemeinsamen Ankaufes uud Verkaufes von Terrain zu vereinigen. Was den letzteren Vorschlag anlangt, so hat ja zunächst Herr Professor Warburg das Wort. Es geht aus dem Schreiben nicht klar hervor, ob Herr Ussischkin nur eine Beteiligung der PLDC. an den erwähnten Geschäften wünscht, oder ob er als Voraussetzung für diese „Vereinigung“ 'ansieht, daß die PLDC. ihr bisheriges Programm ändert und einige ihrer bisherigen Bestrebungen aufgibt, ln letzterem Falle wird sich eine Einigung schwer erzielen lassen. Es sei hier nur kurz darauf hingewiesen, daß, wenn die vereinigte Gesellschaft auch die Parzellierung, Ameliorierung und Bepflanzung der Terrains übernehmen soll, sie eines größeren Arbeiterstammes, einer Baumschule usw. bedarf, so daß die Fortführung einer eigenen Wirtschaft der PLDC. ja doch notwendig ist. Jedenfalls würde sicherlich die Vereinigung der beiden Gesellschaften von allen Zionisten mit Freude begrüßt werden. Warten wir ab! Was den in Aussicht stehenden Kredit von Seiten des NF. anlangt, so ist es höchst erfreulich zu sehen, daß in den Anschauungen einzelner Direktoren des NF. ein jäher Umschwung eingetreten ist. Das Verhalten der Herren war in der Tat bisher kaum verständlich, soweit sie Bedenken bezüglich der Statuten des NF. geltend machten. Herr Ussischkin hebt mit Recht hervor, daß bei der Bewilligung von Kredit an eine Agrargesellschaft, selbst wenn diese ihre Terrains weiter verkauft, von einem Verstoß gegen die Statuten des NF. nicht gesprochen werden sollte, nachdem vorher sogar an eine Häuserbaugesellschaft ein Kredit bewilligt worden ist. Die Vertröstung auf die Ansetzung von Pächtern durch den NF. war denjenigen gegenüber, die eine sofortige Inangriffnahme der Kolonisation wünschten, umso weniger angebracht, als unter den jetzigen türkischen Gesetzen die Erbpacht in dem vom NF. geplanten Sinne praktisch nicht durchführbar ist, da jeder Bearbeiter eines Stück Bodens nach spätestens 10 Jahren das Ersitzerrecht erwirbt. Die Bedeuken gegen einen Wechsel der Ländereien unter den einzelne:! Pächtern in vier- bis fünfjährigem Turnus liegen ja auf der Hand. Es blieb also nur die Möglichkeit, die Parzellen weiter zu verkaufen bei Abzahlung der gesamten Kaufsumme vor Ablauf von 10 Jahren. — In der Tat haben nun die Herren ihre ablehnende Stellung gegen die Gewährung von Kredit an die PLDC. aufgegeben. So lange all diese Frage noch nicht völlig geklärt sind, ziehe ich meinen Vorschlag nicht zurück. Kommt die Vereinigung von Geulah und PLDC. sowie der Kredit von Seiten des NF. zustande, so ist die Schaffung eines besonderen Koloniaifonds überflüssig. Kommt die Vereinigung nicht, wohl aber der Kredit zustande, so ist das Bedürfnis nach einem KF. auch nicht mehrdringend. Es wird aber dann zu erwägen sein, ob man auf diese Möglichkeit, von den großen Massen, die Aktien der Agrarbank nicht zeichnen werden, Gelder für unsere Kolonialtätigkeit zu erhalten, verzichten soll. Ich möchte nicht verfehlen, nochmals darauf hinzuweisen, daß — abgesehen von den Chancen, auch aus nichtzionistischen Kreisen Spenden zu erhalten — wir hier die Möglichkeit haben, eine Blamage, wie sie uns bei der Aufbringung des Aktienkapitales der Agrarbank beschieden sein könnte, rechtzeitig abzuwenden. Die Abneigung gegen die Zeichnung größerer Summen für Aktien ist in unseren Reihen so groß, daß voraussichtlich durch Absetzung von Aktien ä 10 türk. Pfund, wenigstens nach allen bisherigen Erfahrungen in Deutschland, nur eine lächerlich geringe Snmme eingehen wird. Wenn wir dann vor dem blamablen Resultat stehen werden, so werden wir zu spät erkennen, daß es richtiger gewesen wäre, die beim NF. bewährte Sammelmethode auch für die Zwecke des Agrarkredits nutzbar zu machen, ehe man an die geschäftsmäßige Begründung und Kapitalwerbung für die Agrarbank herantrat. Ich sehe keine andere Möglichkeit, die Zehntausende von Zionisten, die 10 Pfund für eine Aktie nicht geben können oder' wollen, zur Beisteuer für den Agrarfonds heranzuziehen. Dieser praktische Gesichtspunkt ist in dem Schreiben des Herrn Ussischkin viel zu wenig gewürdigt, wird aber von niemand unterschätzt werden, der die Verhältnisse in Deutschland kennt und darnach die Chancen der Zeichnungen für die Agrarbank ermißt. Ich behalte mir weitere Entschließungen bezüglich meines Voi Schlages vor, wiederhole aber, daß seine Durchführung nach Gewährung _ eines | Kredites von Seiten des NF. nicht mehr so dringlich erscheint als noch vor 4 Wochen. Mit Zionsgruß Ihr sehr ergebener Dr. Sandler. Die ungarischen Reichstagswahlen und die Juden. Die pseudoliberale Presse aller Schattierungen stimmt förmliche Hymnen über den Ausfall der letzten ungarischen Wahlen an, die weder vom österreichischen, noch vom freiheitlichen, am allerwenigsten aber vom jüdischen Standpunkte aus berechtigt sind. Wir sind wohl gewiß nicht irgendwelcher Sympathien für* die magyarische Koalition — unseligen Angedenkens — verdächtig, wir haben sie von allem Anfänge an in diesem Blatte aufs heftigste bekämpft und die ungarischen Juden wegen der Unterstützung, die sie der Koalition bei den vorletzten Wahlen zuteil werden ließen, bitter getadelt. Die Niederlage dieser reaktionären, chauvinistisch-antisemitischen Koalition freut uns also herzlich; sie ist nur die logische Konsequenz ihrer 4 Jahre währenden Mißwirtschaft und der auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens in Ungarn herrschenden trostlosen Zustände, die zu den seinerzeit geleisteten Versprechungen der magyarischen Koalitionsparteien in einem drastischen Widerspruche stehen. Diesen Umständen, sowie einem ultrareaktionären Wahlgesetze und den in Ungarn ja immer beliebten „reinen Wahlen“ hat die neue magyarische Regierungspartei, die nationale Arbeitspartei, ihren glänzenden Sieg zu verdanken. Aber zu einem Jubel ist kein Grund vorhanden, denn es hat, nur ein Personenwechsel, aber kein Systemwechsel stattgefunden, alle die mandatslüsternen antisemitischen, chauvinistischen und pseudoliberalen Elemente haben sich der „nationalen Arbeitspartei angeschlossen. 48 und 67 sind heute abgetane Schlagworte, nachdem die Unabhängigkeitspartei auch während ihrer vierjährigen Herrschaft ihrem utopischen Ziele der Personalunion nicht näher kam und sich mit dem Dualismus abfinden mußte und andererseits die Dualisten — wenn auch mit diplomatischeren Mitteln — derselben Utopre des einheitlichen magyarischen Nationalstaates nachjagen. Das zeigt ja auch deutlich der Umstand, daß in den nichtmagyarischen Nationalitätengebieten mit denselben schmutzigen Waffen bei den diesmaligen | Wahlen gekämpft wurde wie bei allen früheren. Der Rückgang der Mandate der Nationalitätenpartei rührt daher. Die Verluste der klerikalen Volkspartei sind aber dadurch zu erklären, daß ein Teil ihrer Anhänger ins Lager der Regierung überging, nachdem ja der frühere Chef der Volkspartei, Graf Johann Zichy, heute ungarischer Unterrichtsminister ist. Die ungarischen Juden haben also keine besondere Ursache „ihren“ Sieg zu feiern. Parteinachrichten. Zionistisches Landeskomitee in Czernowitz. Einem langgehegten Wunsche der jüdischen Bevölkerung Rechnung tragend, geht das „Zionistische Landeskomitee“ daran, in Czemowitz ein Informationsbureau zu errichten. Dasselbe hat den Zweck, in allen jüdischen, speziell zionistischen Fragen, sowohl privater als öffentlicher Natur, mit Rat und — soweit als möglich — mit Tat helfend zur Seite zu stehen. Für all diejenigen, denen die Möglichkeit einer anderweitigen Information nicht gegeben ist, soll dieses Institut ein unentgeltlicher Wegweiser werden. Die diesbezüglichen Auskünfte werden von Montag den 6. d. M. angefangen von 3—4 Uhr nachmittags im Bureau des „Zionistischen Landeskomitees“, Hormuzakigase 4, 1. Stock, von Dr. Philipp Fleischer erteilt. Der Sozialist! Ich lernte jüngst einen Herrn kennen Der blutrot sozialistisch gesinnt ist Und gegen dessen Radikalismus Der alte Bebel ein reines Kind ist. Er schreibt sehr oft für die Arbeiterzeitung Denn er versteht die tiefsten Probleme; Der Konfession nach konfessionslos, Der Nation nach ein deutscher Böhme. Er sprach vom ehernen Lohngesetze, Vom Mehrwert, und von den reichen Hyänen, Die gierig den hagem Leib des Proleten, Zerfleischen mit goldplombierten Zähnen. „Und wissen Sie“, schloß er, „durch wen entfacht wird Der leidige Antisemitismus? Nur durch die J u d e n! Denn sie sind die Träger Des gottverfluchten Kapitalismus“. Und speichelsprühend dozierte er weiter; Der Magen drehte sich mir unterdessen. „Pardon, mein Herr, Sie müssen verzeihen, Ich gehe in dieses Wirtshaus essen.“ Da rümpfte er mokant die Nase, „Herr Doktor, ich kann Sie nicht verstehen; Sie sind doch ein besserer Mensch, sozusagen, Wie kann man in solche Beiseln gehen?“ Beda. Die Judenausweisungen in Rußland. Die Berliner Zionistische Vereinigung veranstaltete am 30. Mai eine außerordentlish zahlreich besuchte Protestversammlung gegen die Judenausweisungen in Rußland. Gg. Dr. Alfred Klee führte aus: Noch sind wir mit Entsetzen erfüllt über die Greuel in Kischinew und Hornel und schon wieder erhalten wir geradezu grauenvolle Nachrichten über die Bedrängnisse, die gegen die Juden in Rußland unternommen werden. In Kiew hat man 6000 Juden ausgewiesen und sie somit vollständig existenzlos gemacht. In Moskau und anderen Orten gestattet man kranken Juden nicht, Kurorte aufzusuchen. In Moskau hat man außerdem einen fünfjährigen Knaben und ein zweijähriges Mädchen ausgewiesen, weil der Vater nicht anwesend ist und das Wohnrecht der Mutter auf die Kinder Anwendung findet. (Rufe: Pfui!) Die russische Regierung unternimmt derartige Dinge und veranlaßt Pogrome, um den revolutionären Sinn der Bevölkerung abzulenken. Es nicht nur Pflicht der Juden, sondern der ganzen Kulturwelt, gegen diese mittelalterliche Schmach feierlichst Protest zu erheben.' (Stürmischer Beifall.) Aber was geschieht? Große jüdische Bankiers in Berlin und vielen anderen Orten unterstützen diese Regierung durch Ankauf russischer Papiere. Der Name Mendelssohn ist ein Ehrenname in Israel gewesen. (Stürmischer Beifall.) Ein Nachkomme von Moses Mendelssohn, der einer Einladung des Vorsitzenden der Berliner jüdischen Gemeinde zur Enthüllung eines Denkmals für seinen großen Ahnen Folge leistet, nimmt keinen Anstand, der russischen Regierung die Mittel zur Fortexistenz zu verschaffen. (Rufe: Pfui!) Ich hätte in Gegenwart eines solchen Mannes keine Festrede gehalten. (Stürmischer Beifall.) Zu Ehren der Haute Finance sei es gesagt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.