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Jüdische Zeitung · 1910-06-10 · 23 (10.6.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 23 gehen des von Juden gewählten Judenstämmlings zu kritisieren, votierten sie ihm unter temperamentvollen Beschimpfungen der nationalen „Stänkerer“ ihr vollstes Vertrauen. Nun ist wieder ein Augenblick da: Geßmanns Karren steckt im Dreck! Redlich, wo bist du? Tu’ deine Pflicht und hilf! Der Dank Geßmanns, der Dank der Gödinger und Nikolsburger Juden wird’s dir reichlich lohnen und deine Gegner — die „grünen Stänkerer“ — mag der Teufel holen! * * * Ein „Goj“ wird gesucht. Der Zufall, dieser nichtsnutzige Lausbub, hat ein Dokument, das entschieden nicht für uns bestimmt war, auf unseren Schreibtisch gelegt. Nachstehend der Bericht, die grammatischen Fehler sind beibehalten: „Protokoll der Vertrauensmännerversammlung vom 4. Mai 1910 im Hotel „Oesterreichischer Hof“. Beschloßen wurde: die drei Herren Gemeinderäte Frank, Herold und Stein schließen sich vorläufig einem Verbände der anderen fortschrittlichen Gemeinderäte nicht an und geben auch diesen Herren eine derartige Erklärung schriftlich ab. An die Gründung eines neuen politischen Vereines wird geschritten. Der Obmann desselben wird von einer demnächst einzuberufenen Vertrauensmännerversammlung gewählt A11 g e m e i n (!!) wird der Wunsch ausgesprochen, daß der Obmann christlicher Konfession sein muß(!ü). — Die Vertrauensmännerversammlung erklärt es als erste und oberste Richtschnur, daß den Mitbürgern christlicher Konfession, welche in der Zeit des Antisemitismus treu zum Fortschritte gehalten haben, immer und überall die Dankbarkeit ihrer Mitbürger erwiesen werden muß.“ Na also, da hätten wir’s — die Herren Max Frank und Rudolf Stein wurden bekanntlich als getreue Juden den Täuflingen entgegengestellt, als Sinnbilder jüdischen Selbstbewußtseins gegen getaufte Charakterlosigkeit. Viel jüdisches Selbstbewußtsein beweist nun obiges Schriftstück gerade nicht. Hinzuzufügen wäre noch, daß die Herren hätten Geschäftsleute von Ansehen es für gemein und schimpflich erachtet, sich mittelst einer öffentlichen Anzeige an das Publikum zu wenden; jetzt sei es anders geworden; jetzt hielten selbst sehr kreditwürdige Personen die Zeitungsannonce für die einfachste und die billigste Methode, dem ganzen Lande zur Kenntnis zu bringen, was sie etwa anzubieten hätten. — Für durchaus verwerflich galt aber noch lange Zeit, als die Geschäftsanzeige schon bestand, die Geschäftsreklam e, das heißt die Anpreisung, der Hinweis auf besondere Vorzüge, die ein Geschäft etwa vor anderen aufzuweisen sich anmaßte. Als den höchsten Grad kaufmännischer Unanständigkeit aber betrachtet man die Ankündigung, daß man billigere Preise nehme als die Konkurrenz. Das alles belegt Sombart durch eine Reihe interessanter Dokumente. Er sagt: Jene ganze Zeit stand wirtschaftlich noch in der Anschauung der handwerksmäßigen Produktion, die hauptsächlich auf den Gebrauchswert und nicht auf den Tauschwert abzielte, auf die Befriedigung der Personen, auf die Herstellung guter Ware und nicht auf unablässige Steigerung des Gewinns: Güter werden erzeugt und gehandelt, damit die Konsumenten gut und reichlich ihren Bedarf decken können, aber auch die Produzenten und Händler ihr gutes und reichliches Auskommen finden. Das schrankenlose Streben nach Gewinn galt noch während dieser ganzen Zeit als unstatthaft, als „unchristlich“. dem deutsch-fortschrittlichen Verbände (oder wie er sonst heißt) natürlich beigetreten sind. — Uns jüdischnationalen war I es nicht möglich, im I. Stadtbezirke Kandidaten aufzustellen, weil wir unter den Privilegierten wenige Anhänger zählen. Wir haben jedoch den: Kampf gegen die Täuflinge freudig begrüßt und kräftig unterstützt. Wir haben uns aber entschieden verwahrt, für die aufgestellten Herren einzutreten und erklärt, daß wir für diese Persönlichkeiten absolut keine Verantwortung übernehmen wollen, ln der Hitze des Gefechtes wurde uns das, auch von den Nahestehenden, übelgenommen. Die Entwicklung zeigt, wie klug unser Verhalten war. Leute, die .nach einem „Ehrengoj“ fahnden, werden wir uns immer vom Leibe halten. Kuranda lebt! Mindestens vier Wochen Pause! Nicht das kleinste heitere Intermezzo, nicht die winzigste Blamage! Seine Verehrer gerieten schon in Angst. Lebt er noch, der Gute? Ist ihm nicht — Gott behüte — etwas zugestoßen? Die fürchterliche Spannung ist glücklich gewichen,'Die Blamage, die man als das untrügliche Zeichen seiner unverminderten körperlichen und politischen Frische so sehnlich erwartete, ist eingetroffen, groß, dick, voll und saftig liegt sie vor uns. Die „Närodm Listy“ schreibt: Der Abg. Fink beantragte, daß das Subkomitee des Budgetausschusses noch ein Mitglied in den Finanzausschuß wählen soll. Dieser Antrag wurde mit 17 gegen 16 Stimmen abgelehnt. Kooptiert hätte Hofrat Kuranda werden sollen. Sein mährischer „Kollege“ Dr. Groß hat aber die Kooptierung vereitelt, indem er sich der Abstimmung enthielt. Er wollte nicht, daß Kuranda, der Jude ist, Mitglied des Subkomitees werde, und ließ es lieber zu, daß die Zahl der deutschen Mitglieder im Subkomitee um 1 verringert werde, als daß ein Jude hineinkomme. — Wieder ein gut deutscher, gesinnungsgenössischer Fußtritt. Wie der Mann das nur aushält! Seine rückwärtige Front muß schon schwarz-rotgelb sein wie seine Seele. Es geht halt nichts über ein solid gebautes Hinterteil. So war der Wettbewerb grundsätzlich ausgeschlossen. Wie der Bauer sollte auch der Produzent und der Händler seinen umfriedeten Bezirk haben, innerhalb dessen er zu walten hatte. Die Kundschaft sollte den einzelnen gesichert bleiben damit er stets sein Auskommen habe: auf dieses Ziel waren eine Menge wirtschaftspolitische Maßregeln gerichtet. Daher auch die strenge Trennung der Branchen. Wie im Handwerk die Zunft genau vorschrieb, was der eine und was der andere machen durfte, so galt es auch im Handel für anständig, nur ^ine Branche zu betreiben und nicht die Nase in mehrere zu stecken. An diese „christliche“ Anschauungsweise nun sollen sich die Juden von Anfang an nicht gekehrt haben- Sie konnten es wohl auch nicht. Wo wären sie geblieben, wenn sie geduldig auf die Kundschaft hätten warten wollen, die etwa zu ihnen gekommen wäre, öder wenn sie sich auf den Handel in einer Branche hätten beschränken wollen!? Die Neigung, sich in alle Branchen zu mischen, hatten die Juden frühzeitig schon deshalb, weil sich in ihren Läden allerhand verfallene Pfänder verschiedenartigster Natur zum Verkauf anhäuften: Pfänder, die ohne jeden inneren Zuhammenhang rein durch den Zufall hier zusammengeführt waren. Diese Trödelläden — das Urbild des modernen Warenhauses nennt sie Sombart — spotteten jeder zunftmäßigen Gliederung und bedeuteten durch ihr bloßes Dasein eine beständige Auflehnung Bayrische Kultur. Die „Frankfurter Zeitung“ meldet folgenden Vorfall aus dem bayrischen Landtag. Der freisinnige Abgeordnete Bultmann interpellierte den Unterrichtsminister, warum den jüdischen Kandidaten bei ihrer Ernennung zu Mittelschullehrern Schwierigkeiten bereitet werden. Diese Interpellation wurde durch eine Aeußerung des Rates im Kultusministerium Schätz verursacht, der dem Professor Sickenberger erklärte, daß die Gleichberechtigung nur in der Theorie bestehe, daß die Juden wohl nach dem Gesetze das Recht haben, zu Mittelschullehrern ernannt zu werden, daß sie jedoch nicht ernannt werden. Kultusminister Wehner vervollständigte diese Aufklärungen seines Rates, indem er im Landtage erklärte: „Wir haben 23 israelitische Mittelschullehrer, diese allerdings ausschließlich an den realistischen Gymnasien. Für das Lehramt der klassischen Philologie sind anstellungsfähige Kandidaten israelitischer Konfession nicht vorhanden. Nach der Seite der Lehrbefähigung und Handhabung der Schuldisziplin haben wir mit den Israeliten im Verhältnis zu ihrer Zahl nicht viel günstige Erfahrungen gemacht. Diese Ausführungen des Ministers wurden von der klerikalen Landtagsmehrheit mit Beifall aufgenommen. Das Ganze aber ist eine charakteristische Illustration bayrischer Kultur. Nationalu. Kolonialfonds. Gg. Dr. S a nd 1 e r ersucht uns um Veröffentlichung nachfolgender Replik auf den Gegenvorschlag des Gg. Ussischkin (s. Nr. 19). Zunächst möchte ich zur Verteidigung meines Vorschlages bemerken, daß nach Begründung des neuen Fonds insofern eine Vereinfachung unserer Sammeltätigkeit erfolgen würde, als der Vertrieb von Aktien der PLDC. eingestellt werden würde. Ehe ernsthaft mit der Geldbeschaffung für die Agrarbank begonnen werden wird, könnte schon eine beträchtliche Summe beisammen sein. Eine Kollision mit den Interessen der Agrarbank ist auch schon deshalb nicht zu befürchten, weil die große Masse der Zionisten, die kleine Spenden für den NF. und KF. geben, wohl zu 95°/» die hochwertigen Aktien der Agrarbank nicht zeichnen werden. Dadurch, daß es sich beim KF. um Spenden handelt, erhält das Institut, das durch den KF. unterstützt werden soll, durchaus noch nicht den Charakter „einer Wohltätigkeitsanstalt“. Auch der Nationalfonds ist ja auf demselben Wege, nämlich gegen die bestehende Ordnung von Handel und Gewerbe. Ebenso waren die Juden von jeher darauf angewiesen, sich Kundschaft zu suchen. Schon im Jahre 1647 klagt eine Petition in Frankfurt a. M. darüber, „daß die Juden die Freiheit hätten, fremden Personen höheren und niederen Standes, sobald sie nach Frankfurt kämen, auf allen Straßen mit allerhand Waren, Tüchern, wie die Kameele und Esel beladen, entgegen zu laufen.“ — Später tritt an die Stelle dieses Entgegenlaufens das Aufsuchen der Fremden in den Gasthöfen, der Konsumenten in ihrer Wohnung usw. Diese Findigkeit im Aufsuchen immer neuer Kunden, in der unaufhörlichen Ausdehnung des Umsatzes sieht Sombart als den wichtigsten Grund an, weshalb die Juden billiger verkaufen konnten. Sie sind die Väter des Grundsatzes: Großer Umsatz, kleiner Nutzen. Auf diese Weise haben die Juden nnser ganzes Wirtschaftsleben umgewälzt. Denn in all dem, was sie taten, liegt ja nichts anders, als was der moderne Geschäftsmann als das Selbverständliche erachtet. „Was sich hiermit siegreich durchgesetzt hat, sind nichts anderes als die Ideen des Freihandels, der freien Konkurrenz, ist eben die moderne Wirthschaftsgesinnung, bei deren Ausbildung die Juden eine große, wenn nicht die entscheidende Rolle gespieltt haben. Denn sie sind es gewesen, die von außen her in einen anders, gearteten Ideenkreis hinein diese Anschauungen trugen.“

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