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Jüdische Zeitung · 1910-06-10 · 23 (10.6.1910) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JU3EDE ZEJTLtC Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, haibjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige *«***#**-sfr****** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexempläre20 h. Postsparkassenkonto 104.067. «-**-»•*•»********* Np. 23. Wien, Freitag den 10. Juni 1910. IV. Jahrgang. Einem Teile der heutigen Postauflage liegen Post-Erlagscheine bei, welche unsere geehrten Abonnenten zur gef. Ueberweisung der rückständigen Abonnementbeträge benützen wollen. AUS DEM INHALTE: Eine gute Lehre. Redlich. Kuranda lebt! Bayrische Kultur. Die ungarischen Reichratswahlen und diejuden. Nationalfonds und Kolonialfonds. Jüdischer Geist im modernen Wirtschaftsleben. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. Sport. Ueberläufer. Rundschau. Eine gute Lehre. Den österreichischen Italienern widerfährt schreiendstes Unrecht. Es ist eine hübsche Reihe von Jahren vergangen; seitbetrunkene deutschnationale „Akademiker“ die italienische Rechtsfakultät in Innsbruck demolierten und vom Kulturinstitute einer alten großen Nation vier kahle Wände stehen ließen. Die österreichische Regierung hat sich in der Angelegenheit einfach großartig benommen und ihre natürliche Rolle als „Beschützerin“ der nationalen Minoritäten in gewohnter Weise gespielt. Sie hat sich dem Kommando, das von Innsbrucks Kneipen ausging, willig gefügt. Trunkene Buben haben dekretiert: „Die italienische Hochschule muß verschwinden!“ und sie ist verschwunden. Wer nicht die Winkelzüge unserer heimischen Regierungsweisheit kennt, muß das alles für ein tolles Märchen halten. Die Italiener haben damals mit einem entschlossenen Kampf um ihr Recht eingesetzt. Sie haben im Parlament, auf den Universitäten uhd der Straße erbittert und rücksichtslos demonstriert. Es ist ihnen auch gelungen, alle Vernünftigen und Gerechten für ihre gute Sache zu gewinnen und die Regierung, der die Entrüstung über diesen Kulturskandal über den Kopf wuchs, in die Enge zu treiben. Eine Lösung der Frage schien unmittelbar bevorstehend. Da haben die Italiener, von ihren sauberen politischen Führern irregeleitet, ihren Erfolg selbst vereitelt. Gegen das Versprechen, die italienische Universitätsfrage werde eine „baldige“ und hwohlwollende“ Regelung erfahren, haben sie sich mit Haut und Haaren der Regierung verschrieben und wacker entgegengeholfen, die Opposition im Parlamente niederzustimmen. Die Früchte dieser politischen Tölpelei zeigen sich nun. Die italienische Fakultät ist noch immer nicht geschaffen und wird auch in absehbarer Zeit nicht geschaffen werden, denn die deutsche Regierung- unddie-< deutschen Parteien sind nicht gewillt, ihr Versprechen einzulösen. Die Italiener haben zum Schaden noch den Spott. Die Regierung erklärt, die Universität dürfe nicht in Triest sein, und die Regierungsparteien hinwiederum sagen, diese Universität dürfe nur in Triest gegründet werden. So bleibt’s beim Zustande, wie ihn die Innsbrucker Studenten gestaltet. Vor der scharfen italienischen Oppostion hatte man Angst, aber um die Wünsche des zahmen italienischen Bundesgenossen kümmert man sich nicht sonderlich. Die Italiener stehen heute vor dem Nichts. Die günstige Erregung in der Oeffentlichkeit für ihre gerechte Sache ist verflaut, sie müssen wieder von vorne beginnen und unter erschwerten Bedingungen. — Wir Nationaljuden können aus diesen Vorgängen eine gute Lehre ziehen. Auch bei uns werden hie und da Stimmen für ein Zusammengehen mit der Regierung, für eine ausgesprochene Politik der Konzessionen laut. Wir brauchen diesen Stimmen nur zu folgen, der Vernunft ins Gesicht zu schlagen, als junge Partei, deren einziges Machtmittel die Opposition ist, Konzessionspolitik zu treiben, so steht uns das Schicksal der österreichischen Italiener bevor. Eine Regierung, die den brutalen Welschen brutal beiseite wirft, wird mit dem zahmen Juden gewiß nicht liebevoller verfahren. ♦ * * Redlich, wo bist du? Geßmann, der edle Judenfresser und allzeit getreue Knecht Roms, ist in Gefahr! Von allen Seiten wird er angegriffen. Man rechnet ihm böswillig die paar Milliönchen, die er sich im ehrlichen politischen Kampfe im Schweiße seines feisten Antlitzes ergattert hat, vor, die Pensionen, Diäten etc. Alles steht wider ihn aufl Undlsein Schildhalter Redlich, der getaufte Jude aus dem koscheren Wahlkreis Göding-Nikolsburg tut nicht den Mund auf. Merkwürdig! Wie herrlich wußte er doch Geßmanns Lob zu singen! Als sich die oppositionellen Parteien zusammentaten, um Geßmanns Ernennung zum Minister zu hintertreiben, auf seine ultrareaktionäre Gesinnung hinwiesen, auf seine brutale Parteilichkeit, da fand Redlich goldene Worte des Lobes und wurde sein eifriger und erfolgreicher Verteidiger. Seine charaktervollen jüdischen Wähler waren von der Glanzleistung entzückt. Als sich einige „unreife jüdischnationale Buben erfrechten“, dieses Vor- Jüdischer Geist im modernen Wirtschaftsleben. Ueber jüdischen Geist im modernen Wirtschaftsleben hat Professor Sombart diesen Winter einige Vorträge gehalten, die demnächst als Buch erscheinen sollen. Wir haben den Inhalt dieser Vorträge seinerzeit kurz wiedergegeben. Inzwischen veröffentlicht Sombart in der „Neuen Rundschau“ einige Artikel über dieses Thema. Im Februarheft der genannten Zeitschrift macht er auf folgende Dinge aufmerksam: Bis zum 16. Jahrhundert waren die Italiener, Spanier, Portugiesen in der Weltwirtschaft vorherrschend. Dann ging diese Vorherrschaft ziemlich plötzlich auf Holland über, später auf England, Frankreich und Deutschland. Eine ausreichende Erklärung hierfür ist — nach Sombart — bisher nicht gegeben worden. Nun erinnert er daran, daß diese Verschiebung des Schwergewichts der Weltwirtschaft zeitlich zusammenfällt mit der Vertreibung der Juden aus den südlichen Ländern und ihrer Uebersiedlung in die genannten nördlichen. „Es sollte niemals vergessen werden,“ schreibt Sombart, „daß am Tage, ehe Kolumbus aus Palos absegelte, um Amerika zu entdecken (3. August 1492), wie man sagt, 300.000 Juden aus Spanien nach Navarra, Frankreich, Portugal und nach Osten auswanderten; und daß in den Jahren, in denen Vasco de Gama den Seeweg nach Ostindien fand, andere Teile der Pyrenäenhalbinsel ihre Juden vertrieben.“ —- Zur gleichen Zeit trat der Niedergang der spanisch-portugiesischen Volkswirtschaft ein. %Aehnliche Dinge berichtet Sombart aus Deutschland. Die Juden wurden vertrieben aus Augsburg 1439,.Straßburg 1438, Erfurt 1458, Nürnberg 1498, Regensburg 1519. In den folgenden Jahrzehnten trifft sie dasselbe Schicksal in Italien: 1540 Neapel, 1550 Genua und Venedig. „Auch hier fällt wirtschaftlicher Rückgang und Abwanderung der Juden zeitlich, zusammen.“ Umgekehrt kamen die Orte und Länder in die Höhe, die die Juden aufnahmen. In Deutschland sind es vor allem Frankfurt a. M. und Hamburg, die zahlreiche Juden während des 16. und 17. Jahrhunderts aufnahmen. Und seltsam: wenn einer mit offenem Blick im 18. Jahrhundert Deutschland bereiste, so fand er alle ehemaligen (Reichs-) Handelsstädte im Verfall: Ulm, Nürnberg, Augsburg, Mainz, Köln, und konnte nur von zwei Reichsstädten sagen, daß sie ihren alten Glanz bewahrten und täglich steigerten: Frankfurt a. M. und Hamburg.“ Desgleichen ist an Frankreich, Holland und England zu beobachten, daß mit der Ansiedelung der Juden der wirtschaftliche Aufschwung begann. Sombart bringt eine Reihe Aeußerungen von Zeitgenossen bei, deren Urteil ebenfalls dahin geht, daß die Anwesenheit der Juden einen wirtschaftlichen Aufschwung des Gemeinwesens bedeute. Weit interessanter ist der zweite Aufsatz im M a i h e f t der genannten Zeitschrift, Hier erzählt Sombart aus dem 16. und 18. Jahrhundert u. a.; Die Geschäftsmoral gebot mit aller Entschiedenheit, ruhig in seinem Laden der Kundschaft zu harren. Auf das strengste verpönt war aller Kundenfang; es galt als „unchristlich“, als unsittlich, seinem Käufer die Kunden abspenstig zu machen. Ganz folgerichtig waren dann aber auch alle Praktiken im einzelnen verpönt, die darauf hinausliefen, seine Kundschaft zu vergrößern. Noch während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts galt es selbst in London als unschicklich, wenn ein Kaufmann seinen Laden prächtig ausstattete und durch geschmackvolle oder sonstwie reizvollle Auslagen Käufer anzulocken trachtete. Zu den unerlaubten Dingen gehört auf lange Zeit bis tief ins 18. Jahrhundert hinein die Geschäftsanzeige. Ums Jahr 1750 läßt sich ein englischer Schriftsteller wie folgt vernehmen: Noch vor wenigen Jahren

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